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Weil die Berechnung früherer Astronomen nicht ganz exakt ist, wird Ostern erst in dieser Woche gefeiert

Das Kreuz mit dem Mond

Heiligabend und die Weihnachtstage haben ihre festen Plätze im Kalender. Anders dagegen Ostern. Die Auferstehung von Jesus wird in der christlichen Welt als beweglicher Feiertag begangen, mal im März, mal im April. Vom 22. März bis zum 25. April ist jedes Datum für Ostersonntag möglich. Verständlich, dass von Jahr zu Jahr wieder die Frage auftaucht: Wann ist diesmal eigentlich Ostern?

veröffentlicht am 16.04.2019 um 12:51 Uhr
aktualisiert am 16.04.2019 um 17:30 Uhr

Der Mond und Ostern als höchsten Christenfest stehen in einer besonderen Beziehung. Foto: dpa

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
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Manchen Menschen ist die Regel vertraut, dass Ostern stets auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fällt. Tatsächlich: Im vergangenen Jahr war am 20. März Frühlingsbeginn und am 31., einem Samstag, schien der Vollmond – tags darauf war Ostersonntag. Aber in diesem Jahr scheint irgendwas nicht zu stimmen. Frühlingsbeginn war wie im Vorjahr der 20. März, am Tag darauf, einem Donnerstag, war Vollmond – aber keineswegs folgten unmittelbar danach Karfreitag und Ostersonntag! Erst am 21. April zeigt der Kalender in diesem Jahr Ostersonntag. Zwei Tage vorher, an Karfreitag, scheint – daran besteht kein Zweifel – bereits der zweite Vollmond in diesem Frühling.

Hat sich diesmal jemand geirrt? Ja und nein, lautet die Antwort. Denn in diesem Jahr ereignet sich eine seltene „Osterparadoxie“ beziehungsweise das „Osterparadoxon“. Zuletzt gab es so etwas 1962. Und im Jahr 2038 wird Ostersonntag auch erst wieder nach dem zweiten Vollmond im Frühling begangen. Warum ist das so? Weil – ganz nüchtern gesagt – sich Vorschläge, das Osterfest unabhängig vom Mondlauf zu machen, bisher nicht durchgesetzt haben. Gedacht hatte man an den zweiten Sonntag im April als festen Termin. Eine Sprecherin des Bistums Hildesheim sagt dazu jedoch, dass man „an der langen jüdisch-christlichen Tradition“ festhalte, „Ostern abhängig vom Frühlingsvollmond zu feiern“. Philipp Meyer, Superintendent des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont, betont ebenfalls diesen „Konsens unter den Christen“. Es gebe keine aktuelle Diskussion, von der jetzigen Osterregel abzuweichen.

Schon in der Antike versuchte man beim Osterfest, dem höchsten Fest der christlichen Kirche, Ordnung zu schaffen. Durchaus seit vielen Jahrhunderten sehr erfolgreich – wenn nicht diese gelegentlichen Osterparadoxien wären. Dreh- und Angelpunkt war das Konzil von Nicäa im Jahr 325. Das Christentum war 313 Staatsreligion im Römischen Reich geworden. Daraufhin debattierten 300 Bischöfe in der Stadt auf dem Gebiet der heutigen Türkei über grundlegende theologische Fragen. Die Würdenträger einigten sich darauf, dass alle Christen Ostern am Sonntag nach dem jüdischen Passah-Fest feiern sollten. Das bedeutet ganz ausdrücklich: nach dem ersten Vollmond im Frühling. Jesus war der Bibel zufolge am Freitag gekreuzigt worden und am Sonntag auferstanden, am dritten Tag, weil der Freitag mitgezählt wurde. Am Samstag findet das Passah-Fest statt.

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Überlebensgroße Darstellungen, die das Leiden und Sterben Jesu Christi symbolisieren, werden bei Palmsonntagsprozessionen – wie hier in Heiligenstadt im Eichsfeld – durch katholische Gläubige getragen. Die Leidensprozession ist eine der größten dieser Art und wird immer am Sonntag vor Ostern begangen. Doch wer legt eigentlich fest, wann Ostern ist? FOTO: DPA

Nach dem Konzil waren die Astronomen und Mathematiker gefordert. Sie sollten das Osterdatum weit vorausberechnen. Eine anspruchsvolle, aber nicht unlösbare Aufgabe, auch ohne moderne Computer. Seit babylonischen Zeiten weiß man, dass nach Ablauf von 19 Jahren die Vollmondtermine wieder auf dasselbe Datum fallen. Genau gesagt: Nach 235 Vollmonden sind fast auf die Stunde genau 19 Jahre vergangen. Diese Periode wird in der Osterberechnung „Mondzirkel“ genannt. Der mathematisch versierte Mönch Dionysius Exiguus – er führte die Jahreszählung ab Christi Geburt ein – verbesserte im 6. Jahrhundert die Berechnung der Osterdaten. Dieses Werk kennt man unter dem Namen „Computus“; das englische Wort „Computer“ ist nicht so modern, wie es sich anhört, sondern die Bezeichnung für Hilfskräfte von Mathematikern. Der Computus funktioniert seit dem „Neustart“ von Exiguus sehr zuverlässig. Tatsächlich folgt in fast jedem Jahr der Ostersonntag dem ersten beobachtbaren und astronomisch exakten Vollmond im Frühling. Und dennoch: Die Natur verhält sich eben keineswegs immer so, wie Menschen sie berechnen. Eine Schwachstelle ist, dass der Computus davon ausgeht, dass Frühlingsbeginn stets am 21. März ist. Und weiterhin berücksichtigt er keine Uhrzeit. Darum irrt sich die Osterberechnung in diesem Jahr in zweierlei Hinsicht. Frühlingsbeginn war nämlich nicht am 21. März, sondern ganz knapp vorher am 20. März um 22.58 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ). Und der erste Frühlingsvollmond ließ sich in den frühen Stunden des 21. März beobachten, um 2.53 Uhr MEZ. Laut Computus sollte dieser Vollmond bereits am 20. März eintreten, dem Datum des vorausberechneten zyklischen Vollmondes im Rahmen des 19-jährigen Mondzirkels. Lediglich ein Zeitunterschied von wenigen Stunden verhinderte, dass der Computus auch in diesem Jahr recht behalten hätte. Stattdessen erleben die Christen eine Osterparadoxie, weil der Computus blind ist für den beobachtbaren und somit wahren ersten Frühlingsvollmond und stattdessen ausschließlich den vorausberechneten zyklischen Vollmond für voll nimmt.

Tatsächlich passiert es immer wieder, dass der zyklische vom astronomisch exakten ersten Frühlingsvollmond um einen Tag abweicht, ohne dass es zur Osterparadoxie kommt. Er muss dann nur weit genug vom Frühlingsanfang entfernt sein. Zudem fällt im 21. Jahrhundert das Frühlingsäquinoktium fast immer auf den 19. oder 20. März und nicht auf den 21., wie im Computus vorausberechnet. Was in den meisten Jahren für die Osterberechnung allerdings verschmerzt werden kann.

Die Berechnung des Osterfestes ist ein fernes Echo aus einer vergangenen Welt, in der die Jahre entweder im März oder im April begannen, also zu Beginn der Vegetationsperiode. Und wo die Menschen der zumeist heißen Mittelmeerländer im milden Licht des weiblich gedachten Vollmondes die Wiedergeburt, das Wiedererwachen der Natur feierten.




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