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Und doch sind Pressemitteilungen für die Redaktionen wichtig

Das meiste ist für den Papierkorb

„Tue Gutes und rede darüber.“ Unter diesem Motto spülen täglich Hunderte Botschaften von Politikern, Behördensprechern, Unternehmern und Verbandsvertretern in die Redaktion. Die Flut von Pressemitteilungen zu kanalisieren, gehört zur ureigenen Aufgabe der Journalisten. Es sind Informationen, die – wie alle anderen Nachrichten – kritisch gesichtet und gewichtet werden. Nicht willkürlich, sondern nach medientypischen Bedürfnissen und Gepflogenheiten – eine Serviceleistung für den Zeitungsleser mit seiner begrenzten Zeit.

veröffentlicht am 09.05.2017 um 17:40 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:33 Uhr

Marc Fisser

Autor

Reporter zur Autorenseite

Im Redaktionssekretariat kennt man noch die „alten Zeiten“. Sie liegen ja auch nur ein Jahrzehnt zurück. Damals kam die Briefpost morgens und nachmittags stapelweise ins Haus, das Telefax-Gerät spuckte rund um die Uhr Blätter aus. Alles wurde in die Schrankfächer der Ressorts sortiert, von den Redakteuren abgeholt, angelesen – und überwiegend in die „Rundablage“ unterm Schreibtisch entsorgt.

Zwar gab es auch damals schon E-Mails, doch ihre Bedeutung war noch nicht so groß wie heute. Inzwischen findet das Allermeiste auf elektronischem Wege seinen Adressaten. Für den Absender ist es ein schneller und kostengünstiger Weg. Er kann seine Botschaften zielgenau und auch häufiger schicken und zudem ohne Mehraufwand Material wie Fotos, Videos oder ganze Studien „anhängen“. Die Mitarbeiterinnen im Redaktionssekretariat müssen nun zwar keine Briefe mehr aufschlitzen, dafür aber alle Viertelstunde die E-Mail-Fächer kontrollieren, die Eingänge bearbeiten, weiterleiten oder löschen. Die Hälfte fällt schon bei der ersten Sichtung durch – weil der Verfasser nicht auf den Punkt kommt, es sich um Werbung handelt oder etwa um eine Veranstaltungsvorschau aus München, die im norddeutschen Lokalteil keinen Platz hat.

Rund 90 Prozent der Pressemitteilungen schaffen es nicht durch die Schleusen zum Zeitungsleser. Und das ist so gewollt: Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen, bewahrt den Überblick. Der Konsument einer Zeitung vertraut auf die Kompetenz der Redakteure, die sich täglich bemühen, ein für die breite Masse interessantes Produkt zusammenzustellen. Trotz aller subjektiven Einflussmöglichkeiten lässt sich objektiv feststellen: Im Großen und Ganzen klappt die Materialverwertung ganz unabhängig vom Geschmack der jeweils Diensthabenden. Wer als Journalist zum Beispiel der rechtspopulistischen Partei nichts abgewinnen kann, wird deren Terminankündigung, sofern nicht verfassungsfeindlich, dennoch nach den allgemeinen Grundsätzen behandeln – alles andere würde bei Lesern, Kollegen und Betroffenen auch Irritationen oder Proteste auslösen. Ebenso wie der Versuch, für das Geschäft der Ehefrau Schleichwerbung zu platzieren oder dem eigenen Sportverein großzügig Platz einzuräumen.

Die Papierkorb-Quote bei den Pressemitteilungen entspricht in etwa dem Aussortieren der Nachrichten, die von den Presseagenturen verbreitet werden. Auf den politischen Seiten der Zeitung sind ja gerade einmal zwei Dutzend Themen zu finden – und das ist noch deutlich mehr als etwa in der „Tagesschau“. Das meiste, was gerade auf der Welt geschehen ist, bleibt draußen. Und rettet den Nutzer vor dem informationellen Overkill. Wer einen Eindruck von der Nachrichtenflut bekommen möchte, müsste im Internet nicht nur die weltweit agierenden Presseagenturen besuchen, sondern auch all die Pressebereiche von Parteien, Staatsorganen, Verbänden, Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kultur- und Sportinstitutionen.

Eine Pressemitteilung dient zunächst einmal der Information des Journalisten. Es gibt keinen Rechtsanspruch auf Veröffentlichung – das ist mehr eine Frage von Seriosität und Fairness des Mediums. Ist der Inhalt von Belang, entscheidet der Redakteur über das weitere Vorgehen. Besonders bei politischen Themen ist es nötig, den Sachverhalt zu prüfen und Stimmen der Gegenseite einzuholen. Der eingegangene Text ist also der Anstoß zu weiteren Recherchen. Und oft entspricht das, was danach in der Zeitung steht, nicht der Intention des Absenders. Der wollte den Gegner in einem schlechten Licht dastehen lassen, spürt nun aber selbst den Schatten.

Staatliche Stellen versenden Pressemitteilungen, weil sie den Bürger über Straßenbauarbeiten oder Gebührenerhöhungen informieren müssen. Der öffentlichen Verwaltung steckt die Transparenz schon im Namen, sie ist zu Auskünften verpflichtet. Die Journalisten haben darauf zu achten, dass diese Informationen vollständig sind, also nicht nur die halbe Wahrheit abbilden. Wenn der Bürgermeister also vollmundig davon berichtet, dass die Neuverschuldung um fünf Prozent sinkt, dann muss das keinen Jubel auslösen. Denn die Stadt kann nach wie vor so tief in der Kreide stehen, dass sie keine finanziellen Spielräume besitzt.

Die Redakteure der gedruckten Zeitung stecken heute häufig in einem Dilemma. Konnten sie sich früher durchaus Zeit nehmen, eine Pressemitteilung auf den Wahrheitsgehalt und die tatsächliche Brisanz abzuklopfen, sitzen ihnen heute die Online-Kollegen im eigenen Hause im Nacken. Die wollen die Nachricht aus dem Rathaus schnellstmöglich veröffentlichen und die Informationsführerschaft nicht anderen überlassen. Schließlich nutzt die Stadtverwaltung ja auch selbst das schnelle Medium – meist parallel zum E-Mail-Versand ihrer Mitteilung. In solchen Fällen preschen die Onliner in der Regel mit der Übernahme der Pressesprecher-Informationen vor, ersetzen dessen Zeilen dann aber sobald wie möglich und immer wieder aktualisiert durch den redaktionellen Bericht. Bei offensichtlich problematischen Darstellungen wird auch länger abgewartet.

Die Lokalzeitungen können in der Internet-Ära ihr traditionelles Informationsmonopol vor Ort zwar als solches nicht verteidigen. Die Bedeutung unabhängiger Redaktionen, die kritisch hinschauen, ist aber gerade deshalb größer denn je. Sie sind das wirksamste Mittel gegen Propaganda aller Art und zur Verteidigung der Wahrheit.

Information

Die Pressemitteiler

1. Der Füllhorn-Ausschütter: Man hatte ihn schon fast vergessen, aber wenn es etwas zu verteilen gibt, ist er plötzlich zur Stelle – der Bundes- oder Landtagsabgeordnete der Region. Als Vertreter der jeweiligen Regierungspartei übernimmt er gerne die Aufgabe, es zu verkünden, wenn für Straßenbau- oder Sozialprojekte Geld in den Heimatwahlkreis fließt. Er weiß: Das kommt gut an – selbst dann, wenn er selbst keinen Cent dazubezahlt.

2. Der Polizeideutsch-Schreiber: Es ist ein dringender Verdacht – wer bei deutschen Sicherheitsbehörden anfängt, wird erst einmal zum Polizeideutschkurs geschickt. Dort lernen die Beamten, von „abgestellten Personenkraftwagen“ statt „geparkten Autos“ zu schreiben. Wenn Beobachter weiterhelfen, ist dies so zu beschreiben: „Auf Grund von Hinweisen aus der Bevölkerung konnten Zeugen und erste konkrete Hinweise auf bestimmte Tatverdächtige erlangt werden.“ Flieht ein Unfallfahrer, „verschwand der Beteiligte, ohne seinen Pflichten nachzukommen“. Hilfreich, wenn „das Fahrzeug im Rahmen der Fahndung unfallbeschädigt aufgefunden werden konnte“. Die Polizeisprecher wollen neutral und juristisch korrekt sein – das Stilbuch aus ganz, ganz alten Amtsstuben bietet da offensichtlich die gewünschte Sicherheit.

3. Der Statistik-Fetischist: Seit Jahrzehnten berichten die Arbeitsbehörden allmonatlich über den Stand der Erwerbslosigkeit, zusätzlich gibt es Jahresauswertungen und den Blick auf allerlei Teilaspekte. Der Monatsreport allein für den Agenturbezirk Hameln, der von Holzminden nach Stadthagen reicht, umfasst rund 35 Seiten; er erscheint parallel zu den Darstellungen für Niedersachsen und die ganze Bundesrepublik. Auch die vielen Wirtschaftsinstitute werfen in kurzer Folge Zahlenwerke auf den Informationsmarkt – und lassen die Journalisten 1 und 1 zusammenzählen. Dabei sind die doch Schreiberlinge geworden, weil sie mit Mathe nichts am Hut haben (wollen).

4. Der Abkürzungsfimmler: Die DLR informiert über den Betrieb von Kleinsatellitennetzwerken im Low Earth Orbit (LEO) und das Future Launchers Preparatory Programme (FLPP) der ESA. Wer hier nur Weltraumbahnhof versteht, sollte sich nicht entmutigen lassen. Oft verbergen sich in solchen PM Top-Themen für die Fowi. Die Pressemitteilung könnte also für die Seite „Forschung & Wissenschaft“ geeignet sein.

5. Der Gender-Korrekte: Nicht nur die/der Gleichstellungsbeauftragte, sondern die MitarbeiterInnen sozialer Institutionen ganz allgemein legen Wert darauf, dass sich die Gleichberechtigung von Frau und Mann in der Sprache widerspiegelt. Das wird besonders auch in den Schulen und Hochschulen gelehrt. So stehen Schülerinnen, Abiturientinnen, Studentinnen und Lehrerinnen nicht länger abseits, wenn etwas mitzuteilen ist. Weil die meisten Redakteure*innen irgendwie noch nicht soweit sind, übernehmen sie die weiblichen Formen nur, wenn das Geschlecht im jeweiligen Fall wirklich eine Rolle spielt.

6. Der Sichselbstgenügende: Es gibt Institutionen, meist staatlich gefördert, deren Auftrag zwar die Vergrößerung von Wohl und Bildung des Menschen ist, die aber keinen Ansturm heraufbeschwören möchten. Deshalb kündigen sie Veranstaltungen so an, dass nur ernsthafteste Interessenten sich durchbeißen und zusagen. Etwa beim „ganztägigen Workshop zum Thema ,Change-Prozesse begleiten und umsetzen‘“, während dem die „Referentin und Business Coach den Teilnehmenden einen Wechsel aus Best-Practice-Beispielen, Arbeitsgruppen und Diskussionen“ bietet.

7. Der Schleichwerber: Frühjahrsmüdigkeit – das hilft wirklich!“ Die Krankenkasse verbreitet dazu aufweckende Forschungsergebnisse und lässt einen örtlichen Mitarbeiter zu Wort kommen. Exakt den gleichen Satz sprechen seine Kollegen in den anderen Städten mit Filialen der Versicherung. Zwar bedienen sich Lokalreporter gerne örtlichen Sachverstands, doch sie bemühen sich um Ausgewogenheit, befragen neben den Krankenkassen auch Ärzte und Apotheker, neben der Sparkasse auch die Volksbank, neben der Taxizentrale auch den Mietwagenbetreiber. Besonders geschickte Werbeagenturen unterlassen im Text den Hinweis auf ihren Auftraggeber – und hoffen darauf, dass das mitgelieferte hübsche Foto mit der Produktabbildung und dem Urhebervermerk dem Kunden den Weg weist.

8. Der Superstar-Ankündiger: „Großartig“, „legendär“, „faszinierend“, „begeisternd“, „ein Live-Spektakel“ „für alle Altersgruppen“, „das Geschichte schreibt“ – vielen Kulturveranstaltern ist kein Superlativ zu klein für den bevorstehenden Auftritt. Sie hoffen auf eine großflächige Event-Ankündigung im redaktionellen Teil. Die Zeitung balanciert hier zwischen dem Anspruch des Lesers, über Bühnenereignisse vorab informiert zu werden, sowie den wirtschaftlichen Interessen des Veranstalters und auch des Mediums mit seinem Anzeigenteil. Ein wahres Kunststück!

9. Der Licht-unter-den-Scheffel-Steller: Während die Kulturbranche oft überlaut trommelt, kommen aus der heimischen Wirtschaft mitunter nur zaghafte Stimmen. Dabei werden hier durchaus wichtige Produkte für den europäischen oder sogar globalen Markt hergestellt. Die Presse wird dann zwar über die Anwerbung eines neuen Managers informiert, erfährt aber erst auf Nachfrage, welche Erzeugnisse denn so gut laufen.

10. Der Presseprofi: Er war selbst Journalist, kennt sich also im Kopf des Gegenübers bestens aus. Deshalb formuliert er spannend, kompakt, stilsicher und vollständig. Der Redakteur kann gar nicht anders, als den Text mit allenfalls kleinen Eingriffen zu übernehmen. Unangenehme Botschaften sendet der Presseprofi knapp vor Redaktionsschluss, damit keine Zeit für kritisches Nachhaken bleibt.



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