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Familienrichter a.D.: „Sie sind bei einer Trennung immer die Verlierer“ – Muss das so sein?

Das Recht haben die Kinder

Nachdem die Ehefrau gegangen war, das Kind mitgenommen hatte und jeden Kontakt verweigerte, genehmigte er sich abends gern ein Bier, erzählt der Mann. Dann waren es zwei, dann drei, und irgendwann fiel auch mal eine Flasche um und blieb liegen. Die wird morgen weggeräumt, nächste Woche, irgendwann – es war im Grunde egal, denn Besuch bekam er schon lange nicht mehr, keiner wollte mehr hören, wie er über die Ex schimpfte und auf den unmöglichen Kampf um das gemeinsame Sorgerecht, wie er über das Jugendamt und die Richter und die Gutachter herzog.

veröffentlicht am 19.03.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 11:17 Uhr

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Den Job hatte er mittlerweile auch verloren, weil er zu viel trank. Irgendwann hatte sich doch jemand Gedanken über ihn gemacht, denn ein vom Amt geschickter Mitarbeiter, Pädagoge oder Therapeut klingelte bei ihm, um mal nach dem Rechten zu sehen und Hilfe anzubieten. Als er öffnete, wies er jede Hilfe von sich: Mir geht es gut. Was der Mitarbeiter dann als „beratungsresistent“ einstufte; und als es Widerworte gab, kam noch „aggressiv“ dazu, die Einweisung in die Psychiatrie erschien die logische Konsequenz, und dass der Vater mit dieser Hintergrund-Geschichte keinerlei Chance im Kampf um das Sorgerecht hatte, das versteht sich wohl von selbst.

Mit Blick auf das fehlende Kind könnte jeder der knapp zehn Menschen an diesem Nachmittag in der Papiermühle Berlebeck eine ähnliche Geschichte erzählen, denn sie sind nicht ohne entsprechende Vorgeschichte Mitglied beim „Väteraufbruch für Kinder“.

Wenn ein Elternpaar sich trennt oder sich scheiden lässt, gehen Mann und Frau auseinander, aber als Vater und Mutter bleiben sie zusammen in der Verantwortung. Väter sind heute weit mehr in die Betreuung ihrer Kinder eingebunden.

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Hans-Christian Prestien

Kinder brauchen beide Eltern für eine förderliche Entwicklung, sagt Jürgen Kreth als Gründer, Vorsitzender und Sprecher der Kreisgruppe Lippe-Weserbergland vom „Väteraufbruch für Kinder e. V“ und plädiert für das Betreuungsmodell der „Paritätischen Doppelresidenz“. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine schlichte Forderung: die gleichwertige, abwechselnde Betreuung von Kindern durch ihre getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern. Das Kind lebt zwei Wochen bei der Mutter und zwei Wochen beim Vater. Oder Woche um Woche, auf jeden Fall wird so auch nach Trennung und Scheidung der Kontakt zu beiden Elternteilen erhalten. Dies, so Kreth, entspreche den Vorgaben des Grundgesetzes und der UN-Kinderrechtskonvention. Und: Dann würden auch die hässlichen Kämpfe um das Kind, die zumeist Kämpfe um das Geld sind, die Alimente, dann würden sie endlich enden.

Rund 3000 Männer (und Frauen) sind in Deutschland Mitglied bei „Väteraufbruch für Kinder e.V.“. Die Zahl steigt ebenso wie die Berichte über die Ungerechtigkeiten, die bei einer Trennung vor allem eben die Männer treffen. An diesem Nachmittag suchen einige Väter in der Papiermühle Berlebeck nach anderen Ansätzen, um aus einer zumeist verfahrenen Situation freizukommen: Sie lassen sich von Nicoline von Jordans-Moscher „aufstellen“. Die Vlothoerin ist zertifizierter Coach und bietet systemische Familien- und Organisationsaufstellungen für Menschen in Konfliktsituationen an. Ein anwesender Vater möchte wissen, was es braucht, damit sein anstehendes Gespräch mit der Mutter seines Kindes und einer Jugendamtsmitarbeiterin über sein Umgangsrecht gut verlaufen kann. Um das herauszufinden, wird also für den Vater ein „Stellvertreter“ aus der Runde der Anwesenden gewählt und ihm wird ein Platz im Raum zugewiesen. Dann wird ein zweiter Stellvertreter für den Ansprechpartner auf dem Jugendamt dazugestellt und eine Stellvertreterin für die Mutter. Auch für das Kind wird jemand dazugestellt. Aus den Entfernungen, die den Menschen bei dieser Aufstellung zugewiesen werden, und aus ihren Blickrichtungen und -achsen kann Expertin von Jordans-Moscher Informationen ablesen. Wer sieht sich wie? Wer ist auf wen böse? Wer hat Ängste? Wie stehen die Personen zueinander? Über entstehende Dialoge unter der Leitung von von Jordans-Moscher öffnet die Aufstellung Augen, weil sie neue Sichtweisen eröffnet. Und das sei auch so gewollt, erklärt Frau von Jordans-Moscher. Wenn eine Mutter beispielsweise große Ängste habe, dass sie allein gelassen werde, weil sich das Kind mit dem Vater besser verstehe, dann könne man als Vater mit diesem Wissen oder dieser Ahnung ganz anders in ein Gespräch hineingehen. Man gehe auch mit einer anderen inneren Haltung und Ausstrahlung in ein derartiges Gespräch: „Du bist nicht mein Gegner.“ Eine Haltung, die nicht bedeute, dass man sich selbst nicht völlig klar über seine Ziele sei.

Prof. Dr. Uwe Jopt vom Institut für lösungsorientierte Begutachtung im Familienrecht aus Lemgo plädiert auf seiner Internet-Seite dafür, dass psychologische Begutachtungen nicht nach dem Muster eines diagnostischen Suchauftrags (nach dem geeigneteren Elternteil) erfolgen sollten, sondern in Form eines Gestaltungsauftrags: Sachverständige sollten stets erst versuchen, Streitpotenzial zwischen Eltern abzubauen und eine einvernehmliche Lösung anzustreben, weil die seelischen Belastungsfolgen für Kinder dann am geringsten seien. Erst wenn dieser Versuch definitiv gescheitert sei, solle dem Gericht ein konkreter Entscheidungsvorschlag unterbreitet werden. Die Erwachsenen müssten erkennen, dass die eigentlichen Wurzeln ihrer Konflikte die Partnerschaft betreffen – und nicht die Elternschaft. Deshalb wird die Paarebene im Rahmen gemeinsamer Elterngespräche bei der lösungsorientierten Begutachtung ausdrücklich aufgegriffen und sogar vorrangig behandelt. Erst danach stehen die Kinder im Mittelpunkt. Der entscheidende Unterschied: Negativ gesehen wird somit nicht der Konflikt selbst, sondern sein Übergreifen auf das Kind, so Jopt.

Zurück zum Väteraufbruch, zurück nach Berlebeck und zu Jürgen Kreth: Trotz vorhandener Lösungsmodelle wie dem Doppelresidenzmodell (Kreth: „Kind 14 Tage beim Vater, 14 Tage bei der Mutter“), das in Belgien, Frankreich und Skandinaviern erfolgreich praktiziert werde, würden in Deutschland Väter immer noch ins „Sorgerechts-Fegefeuer“ geschickt. Zunehmend seien auch Frauen betroffen, sagt Kreth. „20 Prozent unserer Mitglieder sind weiblich, Tendenz steigend.“ Dabei, so sieht es Kreth mit seinem Väteraufbruch, beginnt die Verantwortung beider Eltern für das Kind mit der Zeugung. Vater und Mutter sind gleichermaßen verpflichtet und berechtigt, für ihr Kind zu sorgen und es zu erziehen. Dazu kommt: Die Bindung zu Vater und Mutter ist eine elementare Voraussetzung für die körperliche, geistige und seelische Entwicklung ihres Kindes. Und das Bestreben eines Elternteils, den anderen Elternteil aus der Verantwortung herauszudrängen, ist schädlich für die Entwicklung des Kindes und die Gesellschaft. In nackten Zahlen: Etwa eine Million Kinder in Deutschland haben keinen Umgang mit ihren Vätern oder Müttern, weil der andere Elternteil dies nicht zulässt. Und hinter dieser Zahl stehen unzählige Schicksale der Eltern, die nach der Trennung vom Partner die gemeinsamen Kinder gar nicht oder nur sehr selten sehen dürfen. Sie wurden von einem Tag auf den anderen aus dem Leben ihrer Kinder gestoßen – trotz eines gemeinsamen Sorgerechts.

Eigentlich ist es ganz einfach: „Es geht nicht darum, wer als Sieger oder Verlierer vom Platz geht oder der bessere Elternteil ist, sondern vielmehr darum, eine gesamtheitliche Lösung für alle zu finden.“ Hans-Christian Prestien hat diesen Satz einmal gesagt. Das gemeinsame Sorgerecht sieht der Bielefelder Familienrichter a. D. nicht als „Recht“, sondern als eine Sorgepflicht von Mutter und Vater. Das Recht haben die Kinder – ein Recht auf Pflege und Erziehung durch beide Elternteile.

Von 1977 bis 1983 urteilte Familienrichter Hans-Christian Prestien am Amtsgericht Bielefeld über Recht und Unrecht – und entschied sich schnell, bei Sorgerechtsprozessen das Kind in den Mittelpunkt zu stellen, es behutsam einzubeziehen, die Eltern zu beraten und zu verpflichten, ihren Streit nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Es waren völlig neue Wege, die Prestien und seine Kollegen vor 35 Jahren beschritten: Es wurde nicht mehr nach Aktenlage geurteilt, und danach, was überlastete Fürsorger vom Jugendamt zu Papier gebracht hatten, sondern danach, was den Kindern guttut – und was nicht. Prestien ging in die Familien. „Ich kann nicht Verantwortung über Menschen übernehmen, die ich nicht gesehen habe.“ Bis dahin war es gängige richterliche Praxis, Entscheidungen über Sorgerechte zu treffen, die in keinerlei Fällen die persönlichen Umstände der Kinder in Betracht zogen. Das erschien Prestien mit Blick auf die weitere Entwicklung der Betroffenen als grob fahrlässig. „Die Kinder bleiben doch immer als Verlierer auf der Strecke.“

Hans-Christian Prestien hat Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zusammen mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Psychologie und Pädagogik sowie Praktikern eine unabhängige „Anwaltschaft des Kindes“ konzipiert. Zu deren Realisierung hat er 1983 den Verband „Anwalt des Kindes“ mitgegründet, der sich ehrenamtlich um eine Deeskalation von Familienstreitigkeiten nach Trennung und Scheidung, im Sinne der Kinder kümmert. Denn, so erklärt es Prestien im Gespräch, die „Dauerhaftigkeit der Sozialbeziehung ist die entscheidende Grundlage für die Gesundheit des späteren Menschen.“ Soll heißen: Wer als Kind nicht erfahren hat, was Familie ist, welche Werte hier gelebt und weitergegeben werden – wie will dieser Mensch eine intakte Familie gründen? Manche Gutachten, sagt Prestien, folgen Vorgaben, die vor 200 Jahren aufgestellt wurden: „Sie sind heute eine Einladung zum Krieg.“

Hinzu komme, so Prestien, dass die Menschen, die die Entscheidungen treffen, wie Richter oder Mitarbeiter des Jugendamts, überlastet seien oder nicht über die entsprechenden Vorkenntnisse verfügten. „Es ist eine Gemengelage“, in der die Lösung aber keinesfalls darin bestehe, aufeinander einzudreschen.

Prestien und seine Mitstreiter versuchen weiterhin unentwegt in Seminaren, Ausbildungen und Vor-Ort-Besuchen Betroffene, aber auch Richter, Anwälte und Mitarbeiter verschiedenster Institutionen zu beraten, um den von ihnen neu gepflasterten Weg der Scheidungsverfahren für ein besseres Wohl der Kinder weiter auszubauen, auch wenn die Resonanz eher schwach ist, wie Prestien sagt.

Aber wenn der Blick nicht mehr auf den eigenen Sieg gerichtet sei, so formuliert es Uwe Jopt auf seiner Internet-Seite, dann steige „die Wahrscheinlichkeit für eine wirklich einvernehmliche, von beiden innerlich mitgetragene Lösung deutlich an“, da jetzt eine Gemeinsamkeit der Eltern zum Tragen komme: Beide lieben ihre Kinder.

Dann enden die Trennungen vielleicht nicht mehr so häufig wie die des Mannes, der in Berlebeck vom ersten und dann zweiten und dritten Bier erzählt, als die Frau mit dem Kind ausgezogen ist. Früher, so sagt er, hatte er einen gut bezahlten Job in einem Milliardenunternehmen, dazu eine Frau und ein Kind.

Heute hat er Hartz IV und eine Handvoll Rest-Erinnerungen an ein anderes Leben.

In Deutschland ist inzwischen jedes dritte Kind von der Trennung seiner Eltern betroffen. Etwa eine Million Kinder haben keinen Kontakt zur Mutter oder zum Vater, weil der andere Elternteil dies nicht will – und die Kinder sind die Leidtragenden. Eine Spurensuche nach anderen Strategien.




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