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Zwischen Spagat und Grätsche

Das tägliche Abenteuer der Aktualität in den Medien

Die Presse, der Journalismus – was darf man 2017 darunter verstehen? In Zeiten, in denen Schlagwörter wie Fake News und Lügenpresse ein schlechtes Licht auf Medien werfen, macht unsere Zeitung ihr tägliches Tun in der Serie „Nichts als die Wahrheit“ öffentlich. Diesmal: Über die Tücken der Aktualität und den schwierigen Spagat zwischen Schnelligkeit und Sorgfalt.

veröffentlicht am 06.05.2017 um 14:00 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:34 Uhr

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Am 11. Januar 1793 verurteilt der Nationalkonvent in Paris König Ludwig XVI. zum Tode. Als Friedrich Schiller im 860 Kilometer entfernten Jena davon hört, will er sofort in die französische Hauptstadt reisen, um den Bürgern ins Gewissen zu reden und so den Monarchen vor dem Schafott zu bewahren. Schon mit einem Bein in der Reisekutsche, muss er erfahren, dass es für eine Rettung Ludwigs XVI. längst zu spät ist. Denn zehn Tage nach dem Urteil ist der Kopf des Königs bereits unter die Guillotine gefallen.

Als diese „aktuelle“ Nachricht Schiller auf dem Postwege und damit mit Pferdegeschwindigkeit erreicht, ist sie also schon so alt, dass er sich nicht mehr „danach richten“ kann – was ja die eigentliche Bedeutung von Nachricht ist und über ihren Wert oder Unwert entscheidet. Immerhin: Die Nachricht über die Enthauptung des Monarchen war seinerzeit, wenn auch nicht wirklich aktuell, so doch zumindest wahr.

Dass eine aktuelle Nachricht, wenn überstürzt verbreitet, auch völlig falsch sein kann, dafür gibt es prominente Beispiele. „Die Unfallursache Nummer eins ist – nach wie vor – zu hohe Geschwindigkeit.“ Dieser Satz taucht Jahr für Jahr in der Unfallstatistik auf. Zu hohes Tempo ist es auch, das zu einer der spektakulärsten Schiffskatastrophen der Geschichte führt und zu einem sich daran anschließenden Medien-Malheur ohnegleichen. Am 14. April 1912 fährt die Titanic im Nordatlantik mit voller Kraft mitten durch ein Treibeisfeld, touchiert einen eher unscheinbaren „Berg“ und sinkt in den Morgenstunden des 15. April 300 Seemeilen vor Neufundland; 1514 Menschen sterben.

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Doch die aktuelle Nachricht, die wenig später um die Welt geht, ist eine andere: Sowohl die englischen als auch die deutschen Zeitungen berichten ihren Lesern zunächst, dass man alle Passagiere in Sicherheit brachte. Der „Daily Mirror“ etwa schreibt: „Jeder an Bord des größten Dampfers der Welt ist gerettet nach Kollision mit einem Eisberg im Atlantischen Ozean.“

Wie es zu dieser Falschmeldung kommen konnte, ist ein Lehrstück über Aktualität, Geschwindigkeit – und Konkurrenzdruck in den Medien; denn aktuell sein heißt in erster Linie schneller als andere sein. In ihrem Buch „Tragödie der Technik, Triumph der Medien“ ist Barbara Driessen der Berichterstattung über den Untergang der Titanic in der zeitgenössischen Presse nachgegangen und hat dafür 1500 Artikel aus amerikanischen, britischen und deutschen Zeitungen ausgewertet. Sie zeigt, was damals berichtet wurde – und wie es dazu kam.

Ergebnis der Recherche im Fall Titanic: Ein Funkamateur hat zwei nicht zusammenhängende Funksprüche aufgegriffen und irrtümlich falsch zusammengesetzt. Laut Aussage des Kapitäns der Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic, hatte ein – unbekanntes – Schiff über Funk gefragt: „Ist die Titanic in Sicherheit?“ Gleichzeitig hatte der Dampfer Asian gefunkt: „Die Asian, 300 Meilen westlich der Titanic liegend, schleppt Öltanker Deutschland nach Hause.“ Aus diesen zwei Meldungen soll der Funkamateur eine völlig andere Nachricht gemacht haben, nämlich: „Titanic in Sicherheit, wird nach Halifax geschleppt.“ Die Nachrichtenagentur AP greift diesen Funkspruch auf und leitet ihn an die Presse weiter. Doch es gibt jenseits des verbastelten Funkspruchs noch eine zweite Möglichkeit, wie die Falschmeldung von der Rettung aller Menschen an Bord zustande gekommen sein kann. Demnach ist es die Titanic-Reederei selbst gewesen, die zu einem Zeitpunkt, als sie selbst noch gar keine belastbaren Informationen über das Schicksal des Schiffes hat, an die Öffentlichkeit geht. Sie tickert, „dass die Passagiere der Titanic in Rettungsbooten zu Wasser gelassen wurden und dass keine Lebensgefahr bestand“. Auch als die Rederei Stunden später die Wahrheit erfährt, beruhigt sie noch immer die Presse – und hält die Schreckensnachricht zurück. Die Titanic-Forscherin Diana Bristow vermutet als Leitmotiv dahinter, dass die Reederei um den Preis der Wahrheit willen verhindern möchte, dass die Hiobsbotschaft von Untergang und Tod noch zur Börsenzeit bekannt wird und der Aktienkurs ihrer Muttergesellschaft drastisch fällt, bevor Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.

Wie es auch immer wirklich gewesen ist: Das Problem ist offensichtlich, dass es zunächst nur eine einzige Quelle gibt, aus der die Redaktionen schöpfen können. Der Zwang in den Zeitungshäusern, aktuell zu berichten, gepaart mit mangelnder journalistischer Sorgfaltspflicht produziert dann die „Ente“. Denn dass das vorgeblich unsinkbare Schiff schlechterdings gar nicht sinken kann, ist in den Druckereien von vorneherein gleichsam „gesetzt“.

Eine Panne wie die bei der Berichterstattung über die Titanic-Katastrophe indes kann heute nicht mehr passieren – oder doch? Fakt ist: Würde eine Titanic heute sinken, würden die 3300 Menschen an Bord – just in time – vermutlich wenigstens 3300 Videoclips, Fotos, Facebook- oder Twitternachrichten absetzen; Selfies mit Crash-Eis inklusive. Diese Nachrichten wären tatsächlich aktuell, sie würden uns in Echtzeit zu Augenzeugen der Katastrophe machen. Wir hätten für die Berichterstattung nicht nur wie im Jahre 1912 eine, sondern Tausende Quellen. Eine Falschinformation wie „Alle Menschen an Bord gerettet“ würde es nicht geben, wenn man mit eigenen Augen sieht, wie Mensch um Mensch vom sinkenden Schiff in den eisigen Ozean springt.

Was jedoch wäre, würde die Titanic in einem Mobil-Funkloch sinken?

Dass die schnellste Nachricht nicht immer die beste und damit richtig sein muss, zeigt aber auch ein prominentes Beispiel aus der unmittelbaren Gegenwart. Am 17. Januar 2017 tickern zahlreiche Medien deutschlandweit, das Bundesverfassungsgericht habe die rechtsextreme Partei NPD verboten. Auch das ist eine Ente, und zwar eine von einem solchen Format, dass die Plattform meedia.de von einem „schwarzen Tag für die deutschen Medien im Allgemeinen und den Online-Journalismus im Besonderen“ schreibt. Was ist geschehen?

Als Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle davon spricht, dass die NPD und ihre Teilorganisationen verfassungswidrig seien, dass sie aufgelöst würden und Ersatzorganisationen verboten würden, ist das noch nicht das Urteil. Denn Voßkuhle referiert in den ersten 60 Sekunden seiner Urteilsverkündung nur, um welche Fragen es in dem Verfahren geht und gibt die Anträge (!) wieder. Als er damit zu Ende ist und zweieinhalb Minuten später das – tatsächliche – Urteil verkündet, ist das Malheur schon geschehen. Denn viele der anwesenden Journalisten haben mit der Verkündungspraxis des Bundesverfassungsgerichts keine Erfahrung und hören nur flüchtig zu. Mit den Fingern auf ihre Tastaturen einhackend und mit einem Auge immer auf die ebenso verfahrende Konkurrenz im Pressestuhl nebenan schielend, haben sie via Twitter und als Push-Nachricht auf Smartphones bereits die Falschmeldung vom NPD-Verbot verbreitet.

Tatsächlich ist das mediale Malheur von 1912 wie auch das von 2017 dem Zwang geschuldet, die Nachricht des Tages noch vor der Konkurrenz und am besten als Erster zu vermelden. Es geht ums schnelle Geld, mit Extrablättern damals, mit Mausklicks heute. Die alte Geschichte ist also in Wahrheit topaktuell. Das Problem – der Zwang zur Aktualität und als seine Folge der Zeitdruck und damit die Anfälligkeit für Fehlerquellen – hat sich nur verlagert; von den Print- hin zu den Onlinemedien, bei denen der Zwang zur Geschwindigkeit sogar noch weitaus größer ist.

Am Ende dieser zwei Geschichten hat also jeder Schiffbruch erlitten: Kapitän Edward Smith auf der Titanic im wörtlichen, die Titanic-Berichterstatter an ihren mechanischen Schreibmaschinen sowie die Gerichtsreporter an ihren Tablet-Tastaturen im übertragenen Sinne. Beim Spagat zwischen Schnelligkeit und Sorgfalt nicht die Grätsche zu machen – das ist täglich aufs Neue das Abenteuer des Journalisten.



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