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Unser Ferien-Vierteiler: Mit dem Renault 4 durch den Norden Frankreichs, Teil 4

Dem Himmel auf Erden entgegen

Bretagne / Normandie Im Uhrzeigersinn um Paris: Anke Steinemann und Jens F. Meyer haben die Zeit neu entdeckt. Im Renault 4 sind sie durch den Norden Frankreichs gefahren, nur auf Departement-Straßen, nicht auf Autobahnen. Eine langsame, sinnliche, poetische Erfahrung, an der sie uns zum Ferienbeginn teilhaben lassen in einem Vierteiler voller Entdeckungen in lieblichen Landschaften und hübschen Städtchen. Das macht Lust auf Urlaub. Teil 4: Tomatenpflanzen vom Kneipentisch, R4-Fans aus Pattensen und eine Oase mit Blick ins Paradies.

veröffentlicht am 30.06.2018 um 12:15 Uhr

Vollkommen begeistert: Tankstellen- und Werkstattbesitzer Bruno Bethembos (rechts) und Mechaniker Joél Retoux blicken mal schnell unter die Haube der Hamelner Quatrelle. „Merveilleux!“ Das bedeutet wunderbar. Foto: ey / sas
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Im Café du Port in Lomener, einen Möwenschrei vom Atlantik entfernt, das Rauschen der Brandung spürbar, tigert ein älterer Herr mit Baskenmütze zwischen Tischen und Theke umher. Er hat Tomatenpflanzen mitgebracht, rollt sie vorsichtig ins Zeitungspapier der Ouest France. „Die sind aus meinem Garten. Ich habe so viele in diesem Jahr, das wäre zu schade, wenn ich sie auf den Kompost werfen müsste“, sagt er. In einem Renault 4 sei genug Platz, er habe selber welche gefahren, heute nicht mehr, da habe er einen Modus, aber früher schwor er auf die Quatrelle. „Also nehmen Sie, s’il vous plaît!“

„Okay, merci, was bekommen Sie denn dafür?“

„Was ich dafür bekomme? Nichts natürlich, nehmen Sie nur, ich freue mich“, antwortet der Monsieur, schiebt seine Mütze in den Nacken, lächelt zwischen weise und schelmisch und nippt am Roten, der gleich leer ist. Mario, der Wirt im Café du Port, einer Kneipe noch ganz nach bretonischer Tradition, soll dem Tomatenmann dennoch ein Glas Wein spendieren. Auf die Freundschaft. Und die Tomaten.

Das Chambre d‘hôte „Domaine les Marronniers“. Foto: ey / sas
  • Das Chambre d‘hôte „Domaine les Marronniers“. Foto: ey / sas
Aparte Reiseeindrücke aus Normandie und Bretagne: Die imposante Burgruinie von Château Hunaudaye. Foto: ey / sas
  • Aparte Reiseeindrücke aus Normandie und Bretagne: Die imposante Burgruinie von Château Hunaudaye. Foto: ey / sas
Mag Chili-Saucen aus dem Weserbergland: Gastronom Monsieur Jérôme Carel. Foto: ey / sas
  • Mag Chili-Saucen aus dem Weserbergland: Gastronom Monsieur Jérôme Carel. Foto: ey / sas
Das Hotel Mairie in Bouquelon. Foto: ey / sas
  • Das Hotel Mairie in Bouquelon. Foto: ey / sas
Das Chambre d‘hôte „Domaine les Marronniers“. Foto: ey / sas
Aparte Reiseeindrücke aus Normandie und Bretagne: Die imposante Burgruinie von Château Hunaudaye. Foto: ey / sas
Mag Chili-Saucen aus dem Weserbergland: Gastronom Monsieur Jérôme Carel. Foto: ey / sas
Das Hotel Mairie in Bouquelon. Foto: ey / sas

Die Quatrelle darf sich drei Tage ausruhen. Zeit, um das defekte Blinkerlämpchen vorne links auszuwechseln. Dafür reicht ein Schraubenzieher; im Nu ist es repariert. Bei modernen Autos bricht man sich die Finger. Im Laufe dieser Reise ist der R4 vom Gefährt zum Gefährten geworden, und er wartet nur darauf, wieder Strecke machen zu dürfen.

Am Montag ist es soweit. Abreise. Das Klavierspiel der Takelage in den kleinen Häfen der bretonischen Atlantikdörfer wird leiser, das Leuchten der weißen Stadt am Meer wird matter, aber der Schimmer ihres Lichts wird uns weiter begleiten: Lorient muss man lieben, wie man die Bretonen lieben kann. Hier gilt ein Wort als Versprechen, hier wird ein Lächeln zur Umarmung. „Bonne route, mes amis“, sagt Jean-Marc, gute Reise, meine Freunde. Es ist das erste Mal in all den Jahren, die wir uns treffen, dass sein fröhlicher Blick einen Funken Wehmut in sich trägt. „Eure Savane ist einzigartig“, sagt er, macht Fotos und winkt uns hinterher. Au revoir, Jean-Marc, oder wie wir Bretonen sagen: Kenavo!

Das Blinkerlämpchen ist mit einem Dreh ganz schnell ausgetauscht

Öl hat die Quatrelle genug, die Kerzenstecker sind fest angedrückt und der Anlasser macht keine Zicken. An der Küstenstraße Richtung Guidel-Plages, wo die Dünung weiße Gischten hoch hinausschießt, als wenn sie sich mit den Wolken vereinen wollte, nimmt der kleine Racker Fahrt auf. An der Bäckerei in Guidel streichelt ein älterer Herr dem R4 sanft über die Motorhaube. „Madame, Monsieur, Sie haben da ein schönes Auto.“ Er ist gerührt. Dass die Deutschen aus dem Norden mit dieser französischen Ikone bis zum Ende der Welt fahren, sei etwas sehr Besonderes. So besonders wie die Departement-Straßen. Ab und zu breit ausgebaut, bisweilen aber nur fünf Handtücher schmal, führen sie ulkig mäandernd immerfort voran. Wildblumen und Gräser mit rot schimmernden Ähren säumen sie.

Fährt der R4 noch oder fliegt er schon? Die Zeit verschwimmt im Glanze seiner wachspolierten Kühlerhaube; die Zeiger der Kirchturmuhren drehen sich langsamer. Die Abbaye de Bon-Repos, beachtliche Klosterruine einer im 12. Jahrhundert gegründeten ehemaligen Zisterzienserabtei, ist ein himmlischer Ort am Rand des Nantes-Brest-Kanals. Die Auffahrt nutzt das Motörchen, um im Schatten der Linden frische Luft zu atmen. 70 Kilometer später, vor dem Antlitz der mächtigen Burgruine Hunaudaye, leuchtet die Kühlmittelkontrolllampe noch immer nicht, und wenn sie es täte, wüssten womöglich Doris und Hans Bläsig aus Hannover-Pattensen, woran es liegt. Sie stehen mit ihrem Wohnmobil neben der Quatrelle mit Hamelner Kennzeichen und fragen, wie es denn so wäre, damit durch Frankreich zu fahren. „Traumhaft, es ist einfach grandios.“

„Dann werden wir das wohl auch tun. Vor zwei Jahren haben wir uns einen R4 gekauft, nicht so schön wie Eurer, aber er läuft.“ Zufälle gibt‘s…

Abends im Hotel du Château in Combourg. Die Briten am Nebentisch verstehen kein Wort und sehen wie aus der Gruft entstiegen aus. Aber sie sind mit Porsche unterwegs, hübsch platziert vorm Restaurant, zum Angeben. Das belgische Ehepaar einen Tisch weiter, mit einem großen Mercedes vorgefahren, lässt das Essen zurückgehen und hat sich seit einer Stunde nichts zu sagen. Einsames Kauen zu zweit. Die gespannte Atmosphäre drumherum vermag die Eindrücke des Tags nicht trüben zu können. Am nächsten Morgen sehen die Briten immer noch seltsam derangiert aus, und die zerstrittenen Eheleute reden nach wie vor nicht miteinander. Da nützen auch Porsche und Mercedes wenig. Womöglich hätten sie alle im R4 mehr Spaß?

Die Landschaft fliegt nicht vorüber, sie schwebt wie Löwenzahnsamen. Die Bretagne ist gewichen, das heiße Herz der Normandie erreicht. Der Mont Saint-Michel, von der Dünung umschwärmte Abtei im Meer, präsentiert sich in ganzer Schönheit von ferne und steht später, an der D157 hinter Mortain-Bocage mitten im Land, als Modell neben dem Eiffelturm in einem Garten – ohne Touristenschwemme. Eine Expo am Straßenrand im Département Calvados. Das klingt hundertprozentig hochprozentig, und so wie der starke Apfelschnaps einen durchschnittlichen noch in einen guten Tag zu verwandeln in der Lage ist, und sei es am späten Abend kurz vor Toreschluss, so sehr wirkt die TL Savane in ihrem sandbeigefarbenen Lackfrack auf Monsieur Bruno Bethembos in Putanges. „Volltanken, bitte.“ Ja, hier bedient der Besitzer der Tankstelle noch selbst, quasi ein Maître des Kraftstoffs, und er ist außer sich vor Freude:

„Den haben Sie aber toll restauriert.“

„Den haben wir nicht restauriert, das ist alles original.“

„Was? Unglaublich! In Frankreich sind alle R4 rostig.“

„Ja, haben wir bemerkt…“

Der Tank ist voll. Monsieur Bethembos bekommt um die dreißig Euro, aber vorher holt er seinen Mechaniker Joél Retoux aus der Werkstatt, um mit ihm einen Blick unter die Motorhaube und auf die Karosserie zu werfen. Wenn in Frankreich das Wörtchen „merveilleux“ fällt, ist es Schwärmerei; im Gespräch zwischen den beiden fällt es mehrfach. Es heißt „wundervoll“.

Das Dorf Cambremer ist auch wundervoll, ein Juwel im Pays d’Auge, wo Cidre, Calva und Käse bis zum Gipfel der Köstlichkeit reifen. Hier, auf einem Höhenzug mit Ausblick in die liebliche Landschaft, haben Christine und Vincent Delannoy mit ihrem Chambre d‘hôte eine Oase des Friedens und der Ruhe geschaffen, in der die Hühner Puschen tragen und der Hahn zum Frühstück kräht. „Domaine les Marronniers“ haben sie ihren Himmel auf Erden genannt. „Das hier wollten wir immer tun“, sagt Christine. Fünf Zimmer, ein Ferienhaus und jeder Quadratzentimeter Gastfreundschaft. Für eine Nacht gut, für mehrere Nächte besser, aber Monsieur Carel wartet auf seine Saucen…

Verschlungene Wege in einer hingeklecksten, lieblichen Landschaft

Die D101 ist wie ein grüner Tunnel. Es sind verschlungene Wege, die von der „Domaine les Marronniers“ am nächsten Morgen fortführen durch das wie vom lieben Gott hingesprenkelte Pays d’Auge mit seiner lieblichen Landschaft und den niedlichen normannischen Fachwerkhäusern. Im Örtchen Bouquelon sieht die Mairie, das Bürgermeisteramt, zum Niederknien aus; die französische Flagge gehisst. Es dauert nicht lange, bis Jumièges erreicht ist, eine der bedeutendsten Abteiruinen Nordfrankreichs, direkt an der Seine, wo die Basse ganz bald in die Haut-Normandie mündet. Kaum noch ein Stein auf dem anderen. Das Schicksal, im Laufe der Geschichte nach Glaubenskriegen, Hauen und Stechen als Steinbruch gedient zu haben, musste nicht nur Jumièges über sich ergehen lassen. Guerre est merde.

Und dann bald kuschelt sich geradezu „deux fois merveilleux“ die Auberge du Val au Cesne in ihr Tal. Wenn morgen die Welt unterginge, könnte man die letzten Stunden ganz passabel hier verbringen. Aber sie geht morgen ja nicht unter, ist gut so. Ob wir der Savane ein Schlückchen Portwein einverleiben?

Der Himmel ist hier, hier an der Auberge, wo Dackel durch den Garten streunen, Vögel in großen Volieren piepmätzeln und Esel ohrendrehend auf saftigen Wiesen grasen. Im Restaurant werden schon die Herde angeheizt, und steht erst die Fois Gras sur Croûton à la Fleur de Sel auf dem Tisch, ist dies der Anfang einer lukullischen Offenbarung. Es gibt nicht achtzig, sondern acht Gerichte und als Dessert einen Berg Käse, der in etwa so hoch ist wie der Hügel, auf dem das Chambre d‘hôtre der Familie Delannoy sich befindet. „Sie haben es also wahrhaftig geschafft, mit Ihrer Quatrelle zu uns zurückzukehren. Enorm“, sagt Monsieur Carel, Jérôme Carel, Besitzer der Auberge. Sechs Gläser Chili-Sauce aus dem Weserbergland nimmt er freudestrahlend entgegen; er hatte sie sich im vergangenen Jahr gewünscht und im Gegenzug sechs Gläser Orangenmarmelade bereitgestellt. Tausch unter Genießern.

Der Châteauneuf-du-Pape „Clos du Roi“ schmeckt an diesem Abend besonders; sein Zauber beginnt mit den Kirchenfenstern im Glas und endet mit süßen Träumen einer sinnlichen Reise. Der R4 wird mit 95er Oktan zufrieden sein und den Rest der Strecke bewältigen. Und die Tomaten des Monsieur aus der Bretagne? Wenn sie fruchten, ist es nicht ausgeschlossen, dass ein Teil in neue Chili-Saucen verarbeitet wird, die wiederum den Weg zur Auberge du Val au Cesne finden. Entweder per Post oder höchstpersönlich mit dem R4 ausgeliefert.

Wahrscheinlich mit dem R4.




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