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Jens Immanuel Baggesen über Bad Pyrmont, die Kurgäste und die Französische Revolution

„Der eine reitet, der andre badet“

Reisen war seine große Leidenschaft – ursprünglich waren es gesundheitliche Motive, die den Schriftsteller Jens Immanuel Baggesen in die Fremde zogen. Doch der dänische Dichter schnürte immer wieder seinen Ranzen, um die Welt zu erkunden. Vorige Woche gaben wir Baggesens Eindrücke von Hameln wieder, im zweiten Teil folgt seine Beschreibung Bad Pyrmonts. Die Stadt der sprudelnden Quellen besuchte der Dichter im Sommer 1789.

veröffentlicht am 25.05.2019 um 14:18 Uhr

Beliebter Treffpunkt zum Flanieren: die Hauptallee in Bad Pyrmont, festgehalten auf einer Lithografie aus dem 19. Jahrhundert. Archiv: Dewezet

Autor:

Peter Weber
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Nach beschwerlicher Anreise in Bad Pyrmont angekommen, verschafft sich der Autor einen ersten Eindruck vom Treiben auf der berühmten Allee des Kurortes. „Diese Ebbe und Fluth beyderley Geschlechts, die im Morgenanzug vor und rückwärts unter den majestätischen Lindenbäumen wogt, hat etwas sehr Angenehmes im Ganzen (...). Eine angenehme Instrumentalmusik unterhält während der Zeit das Ohr, und öffnet das Herz sympathetischer Theilnahme. Man begrüßt seine Bekannten; der Freund sucht seinen Freund; und das ganze Heer theilt sich allmählich in größere und kleinere Gruppen, die am Ende der Allee den Brunnen miteinander trinken, bis die Bewegung gegen neun Uhr in eben so vielen Frühstücksparthien gehemmt wird. Hier sitzt Einer mit seiner Pfeife Taback; dort Zwey, dort Drey; dort eine kleine Gesellschaft; und dort eine große unter dem Lindenschatten längst der Allee.

Wenn das Frühstück vorbey ist, wird ein paar mal auf und nieder spatziert, die Menge zerstreut sich; der eine reitet jetzt, der andre badet, der dritte spielt Billard, der vierte Karten, der fünfte fährt aus. Die Damen begeben sich größten- theils auf ihre Sopha’s, oder an den Nachttisch nach Hause. Nach der Mittagsmahlzeit versammelt sich die Gesellschaft wieder in der großen Allee (...).“ Der Dichter vertreibt sich die Zeit mit dem Studium der in reicher Zahl eingetroffenen Badegäste: „Dort schildkrötet mit unmerklichen Schritten ein übermäßiger Reichsmagen vorwärts; hier tanzt eine leichte und niedliche kleine Coquette hin; dort schleppt sich ein schwerer Podagrist (Gichtkranker); hier hüpft ein windleichter Kammerjunker.“

Doch auch ein solches Panoptikum will nicht zur Besserung der wohl eher psychosomatisch bedingten Leiden des Autors beitragen. „Ich spatziere nun schon den fünften Tag in einem beständigen Rausche, und befinde mich immer schlechter und schlechter. An dem letzten dieser Tage sind eine ganze Menge Gäste angekommen; aber der ewige Regen erlaubt kein ländliches Vergnügen, und Langeweile scheint sich über die Allee gelagert zu haben. Man schlenkert mechanisch auf und nieder darin, trinkt den Brunnen, schaudert vor Kälte, und gähnt.“

2 Bilder
Blick auf die heute dicht bewaldete Herlingsburg. Foto: Peter Weber

Alles wendet sich zum Guten, als Baggesen unverhofft auf einen Jugendfreund trifft, den Grafen Adam Gottlob Detlef von Moltke, einem deutsch-dänischen Gutsbesitzer mit dichterischen Ambitionen, mit dem Baggesen seine Gesinnungen teilt und mit dem es ihn hinaus in die Umgebung zieht. Etwa zum nahen Hermannsberg (heute Herlingsburg) mit seinen Spuren der Arminiusburg, eine der sagenhaften Stätten der Varusschlacht. „Der ganze Gipfel ist mit einem Dickigt umkränzt; rings um diesen aber hat man eine äußerst romantische, an die Vorzeit erinnernde Aussicht. Ein feyerliches Grausen begleitete jeden meiner Schritte auf diesem classischen Erdenflecke.

Das Gewölk zog finster, und immer finsterer über die dunkeln Wälder herauf, und der Donner tosete rings um die ferneren Berge her. Von Höhe zu Höhe, und von Forst zu Forst, hallte in meiner schaudernden Phantasie der Ausruf des untröstbaren Erdenbeherrschers: ‚Varus! Varus! Gib mir meine Legionen wieder!‘“ Doch schlagartig ändert sich der Eindruck: „Die Wolken zertheilten sich; sie schwanden zwischen den Bergen, und die Sonne brach hervor in Alles bestrahlendem Glanz. (…) Wie ist es möglich, rief ich, daß Menschen einander scheuen, verachten, hassen, verfolgen! Menschen wider Menschen! Nationen wider Nationen! Unbegreiflicher Zwist zwischen den Strahlen Einer und derselben Sonne! Deutsche! Franken! Engländer! Holänder! Dänen!, Normänner! und Schweden! Preussen! Polen! Ungarn! Italiener! Spanier! Portugiesen! Seyd Ihr denn nicht alle Menschen, und als Menschen, gleich?“ Baggesen, im damaligen, von ethnischen Spannungen gekennzeichneten „Vielvölkerstaat“ Dänemark wegen seiner Vorlieben für die deutsche Kultur zwischen den Stühlen sitzend und angefeindet, findet hier sein kosmopolitisches Erweckungserlebnis. Um diesem Ausdruck zu verleihen, unterfüttert er seine mit Inbrunst vorgetragene Deklamation mit Strophen aus Klopstocks Versepos „Hermanns Schlacht“. Dieses deutsche Heldenlied wird in Baggesens kühner Deutung zu einem Vereinigungshymnus europäischer Kulturen. In eigens eingeflochtenen Versen bekräftigt er: „Von Germaniens Wäldern ging die Freyheit aus! / Ging aus mit reinerem Glauben, mit tieferem Wissen / Mit Fackeln, die Himmel und Erden / Und die Gottheit im Menschen erleuchteten / die Aufklärung aus! (…) Der Bruder achte seinen Bruder im Staate! / Der Staat achte seinen Nachbarstaat! / Der Bruder liebe seinen Bruder im Lande! / Das Land liebe sein Nachbarland.“

Der Autor scheidet seine Sicht eines aufgeklärten, sich zum Weltbürgertum hin wandelnden Patriotismus von seiner negativen, vulgär-engstirnigen Verzerrung: „Nationalhass- und Nationalverachtung! sind eigentliche, – und zwar, unter allen, die frechste; elendeste, unverzeihlichste Blasphemie. Der Patriot liebt sein Land, achtet seine Nation, arbeitet für sein Volk; – jener ihn parodirende Carricaturschatten haßt, verspottet, verfolgt das Ausländische. (…) Es ist unmöglich, möcht‘ ich sagen, seine Nation zu lieben, und andre Nationen zu hassen.“

Überwältigt vom eigenen Pathos fallen sich die Freunde in die Arme. „So umarmen Dännemark und Deutschland – so umarmen Nationen einander.“ Und weiter heißt es: „Ich war nun auf einmal mit meiner Reise nach Pyrmont ausgesöhnt. Ich glaubte jetzt die Gefühle, die das Aufgehn der Sonne auf dem Hermannsberge in meinem Herzen erweckt hatte, durch alle die Langeweile, die mich im Thale unten durchdampft, nicht zu theuer erkauft zu haben. Nirgends hatt‘ ich mich bisher freyer, mehr als Bürger aus Norden, mehr als Bruder der großen Familie diesseits der Alpenkette gefühlt, als hier auf dem Gipfel des alten Cheruskerforstes.“

Nach diesem erhebenden Erlebnis beschließen Baggesen und Moltke, der seinen Adelstitel abgelegt hat und sich nun Adams nennt, gemeinsam in die Schweiz weiterzureisen. Unterwegs erfahren sie in einem Rasthaus vom Ausbruch der Französischen Revolution.

„Ja, in Frankreich sieht es schrecklich aus!“ sagte der Postmeister. – „Man hat die Bastille zerstört, und viele tausend Menschen ermordet!“ „Die Bastille zerstört?“ rief Adams. – „Die Bastille zerstört?“ rief ich – und vergaß auf einen Augenblick des blutigen Zusatzes. „Recht! Gerecht! Herrlich Mit angestoßen, Herr Postmeister! Herunter mit allen Bastillen! Auf die Gesundheit der Zerstörer!“ Der weitere Verlauf des Weltgeschehens erlangt allerdings für Baggesens auf dem Hermannsberg formulierte Überzeugungen tragisch zu nennende Züge. Aus dem erträumten Völkerfrühling und Weltbürgertum entwickeln sich spätestens mit dem imperialen Gebaren Napoleons nationale Aufwallungen, die sich unheilvoll über Europa ausbreiten werden.




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