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Der Gast aus dem hohen Norden

Nein, dieser Vogel bringt nicht die Pest – auch wenn er in den Niederlanden bis heute „Pestvogel“ genannt wird. Stattdessen gehört der Seidenschwanz wegen seines imposant gefärbten Gefieders zu den am schönsten anzusehenden Vögeln in den heimischen Gärten.

veröffentlicht am 22.01.2019 um 12:24 Uhr
aktualisiert am 23.01.2019 um 12:53 Uhr

Ein Blickfang im Garten: der bunte Seidenschwanz. Foto: Sergei Grits/AP/dpa

Autor:

Andreas Barkow und Frank Neitz
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Im Winter ist unsere Vogelwelt um viele Arten ärmer, weil die meisten Zugvögel in südlichen Gefilden überwintern. Für einige Arten, die in nordischen Lebensräumen brüten, ist das relativ wärmere Mitteleuropa als Überwinterungsgebiet jedoch gerade recht. So ziehen alljährlich Singschwäne, Zwergschwäne, Saat- und Blässgänse und einige Entenarten aus Skandinavien und der arktischen Tundra regelmäßig bis nach Nordeuropa.

Auch unter den Singvögeln gibt es einige Beispiele für Überwinterer aus dem hohen Norden, etwa den Bergfinken, einen nahen Verwandten des Buchfinken. Zudem verbringen eben viele skandinavische Buchfinken, Rotkehlchen, Wacholderdrosseln und weitere Arten bei uns die Wintermonate. Das fällt uns nur nicht so auf, weil sich diese Arten mit „unseren“ Standvögeln mischen.

Eine Besonderheit stellt der Seidenschwanz dar. Dieser etwa starengroße Singvogel erscheint nicht in jedem Jahr, sondern tritt in unregelmäßigen Abständen und dann oftmals in großer Anzahl auf. Solche Einflüge sind bereits seit dem Mittelalter dokumentiert. In den Niederlanden heißt der Seidenschwanz bis auf den heutigen Tag „Pestvogel“. Ein Hinweis darauf, dass die Menschen das Erscheinen der Vögel im Winter mit Ausbrüchen der Seuche in Zusammenhang gebracht haben.

Auslöser der unregelmäßigen Einflüge der Seidenschwänze ist jedoch Nahrungsmangel. Die Vögel brüten in den nördlichsten Wäldern in Schweden, Finnland und Russland in der Taiga. In Jahren mit gutem Bruterfolg kann es sein, dass das Winterfutter im Norden nicht ausreicht. Dann weichen die Vögel in größeren Trupps nach Süden aus und erscheinen hier als sogenannte Invasionsvögel.

Hierzulande hört man auch heute noch, dass das frühe Auftreten der Vögel im Oktober oder November auf einen kommenden kalten Winter hinweist. Das ist aber mit Daten nicht zu belegen und auf den eben erwähnten Nahrungsmangel zurückzuführen.

Seidenschwänze brüten in lockeren Gruppen, bilden keine Reviere, Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt und so sind auch die Vögel in den winterlichen Trupps oft sehr gesellig beisammen zu beobachten. Die Geselligkeit macht bei der Nahrungssuche im Winter auch Sinn. Auf der Suche nach fruchtenden Bäumen und Sträuchern wie Eberesche, Weißdorn oder Hagebutte ist eine Gruppe womöglich erfolgreicher als ein Einzelvogel. Ist dann beispielsweise eine Eberesche mit vielen Beeren gefunden, ist es sinnvoll, die vielen Früchte gemeinsam zu vertilgen.

Von der Misteldrossel, ihrer Mistel und den Seidenschwänzen


Im Landkreis Hameln-Pyrmont gibt es viele Misteln. Das sind Pflanzen, die als Schmarotzer auf anderen Bäumen wachsen. Im Winter sind die oft kugeligen Gewächse gut in den Pappeln, Apfelbäumen und anderen Gehölzen zu erkennen. Im Winter werden Misteln auch viel auf Märkten verkauft. Die Misteldrossel schätzt die für sie namensgebende Mistel auch sehr. Die weißen Früchte bieten ihr ein gutes Winterfutter. Und so verteidigen Misteldrosseln gerne „ihre“ Misteln gegen andere Vögel. Das klappt auch gut, wenn beispielsweise eine andere Misteldrossel oder eine Rot- oder Wacholderdrossel an den Früchten naschen will. Rasch sind die Nahrungskonkurrenten von der großen Misteldrossel vertrieben.

Ein Freund von mir beobachtete dieses Verhalten einmal sehr genau und sah dann, dass auf einmal ein Trupp von Seidenschwänzen in die Pappeln einflog und sich an den Misteln gütlich tat. Die Misteldrossel flog laut und aufgeregt scheckernd von einer Mistel zur anderen, vertrieb mal hier, mal dort einen Seidenschwanz, aber hatte schließlich doch keine Chance gegen die viel kleineren Vögel, einfach aufgrund ihrer schieren Anzahl. Zurück blieben stark befressene Misteln und eine etwas verzweifelt erscheinende Misteldrossel.

Für die Seidenschwänze heißt es aber weiterhin: mobil sein! Schnell ist eine gute Nahrungsquelle erschöpft und dann müssen die Vögel weiterziehen. Je nach Nahrungsangebot können die Invasionen dann auch weit in den Süden Deutschlands vordringen. In diesem Jahr traten die ersten Seidenschwänze ab Mitte Oktober auf. Zunächst gab es vor allem Beobachtungen von wenigen Individuen. Mittlerweile sind die Gruppen größer, konzentrieren sich aber vor allem an den Küsten. Insgesamt ist der Einflug in diesem Jahr (noch) nicht so stark, aber der Winter hat ja gerade erst angefangen.

Trotz der vielen Misteln scheinen die Seidenschwänze die Region an der Weser nicht häufig anzufliegen. Zuletzt hatte Armin Kreusel, Regionalkoordinator beim Onlineportal Ornitho des Dachverband Deutscher Avifaunisten, am 3. Januar 2017 einen der Vögel im Fokus seines Spektivs. Weitere gemeldete Beobachtungen datieren aus den Jahren 2010 und 2011. Lange her, also. „Es ist ein wunderschöner Vogel, schön gezeichnet“, beschreibt der Ornithologe den exotisch anmutenden Vogel. Kreusel muss es wissen. Der Vogelbeobachter ist einer von nur Wenigen, die Seidenschwänze in ihren Händen halten konnten. Der Hachmühler absolvierte ein Freiwilliges Ökologisches Jahr bei der Vogelwarte Helgoland. Und im Fanggarten der Inselstation gehen viele Seidenschwänze in die Falle, die dort beringt werden.

Information

Name: Seidenschwanz (Bombycilla garrulus)

Größe: 18 Zentimeter

Gewicht: 50 bis 60 Gramm

Vorkommen: Taigazone von Nordskandinavien bis zur Hudson Bay in Kanada

Nahrung: Im Winter sind es Beeren wie Hagebutten oder Mistel- und Ebereschenfüchte. Zur Brutzeit ernährt sich der Vogel von Insekten. Er vertilgt täglich etwa das Doppelte seines eigenen Körpergewichts.

Besondere Merkmale: Spitze Federhaube, schwarzer Augenstreif, Schwanzspitze mit schwarzer und dottergelber Binde




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