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Im Berggarten der Herrenhäuser Gärten entsteht für rund fünf Millionen Euro ein neues Tropenschauhaus

Der gläserne Palast

Es ist noch gar nicht so lange her, da tanzten Blauer Morphofalter und Bananenfalter bei einer Sonderausstellung durch die feuchteschweren Lüfte des Tropenschauhauses im Berggarten der Herrenhäuser Gärten. Eine Expo mit Chilipflanzen – von sanfter Nuance bis zur schärfsten aller Gewürzpaprika – gab es ebenso. Und zahlreiche Bromelien und weitere „Urwaldpflanzen“ haben hier ihre ständige Heimat. Doch der Raum ist knapp geworden, und im Laufe von Jahrzehnten nagte der Zahn der Zeit am jetzigen Kanarenhaus. Deshalb soll anstelle dieses Kanarenhauses nun das Tropenschauhaus neu gebaut werden. Investitionssumme: rund fünf Millionen Euro.

veröffentlicht am 13.04.2019 um 10:28 Uhr

So könnte es aussehen, das dreiteilige neue Tropenschauhaus. Es wird dort gebaut, wo jetzt das Kanarenhaus in die Jahre gekommen ist. Grafik: SEP Architekturbüro

Autor:

Anja Kestennus und Jens F. Meyer
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Schauhäuser – die gehören zum Inventar großartiger Gartenanlagen. Mit Gewächshäusern im elisabethanischen Stil haben die Briten der Gattung Schauhaus gewissermaßen eine Krone aufgesetzt, die nicht mit der Königin verbunden ist, sondern mit den Wundern der Schöpfung. Gewächshäuser dienen dazu, nicht frostfesten Pflanzen das Überleben auch in mittel- und nordeuropäischen Gefilden zu ermöglichen. Tropenschauhäuser gehen da aber noch einen Schritt weiter: Hier wachsen Blumen und Gehölze, denen selbst das sogenannte „Kalthaus“ – obwohl gegen manche europäischen Wetterunbilden durchaus ein probates Mittel des Schutzes – einfach zu kalt wäre. Sie würden nicht überleben, ja, die Bromelien, Usambaraveilchen und so viele andere würden so sprichwörtlich eingehen wie Primeln. Obwohl. Primeln überleben’s…

Egal, jedenfalls spielten Schauhäuser schon im 19. Jahrhundert eine große Rolle in zahlreichen Gartenanlagen, auch im Berggarten in Hannover. So gab es mehr als 20 Häuser, zum Beispiel für die Kultur von Palmen, Eriken, Pelargonien, Kamelien und auch der tropischen Seerose Victoria – im Berggarten konnte man diese Seerosen 1851 erstmals auf dem europäischen Festland bestaunen. Auf alten Fotos sieht man kleine Kinder auf ihren erstaunlich stabilen Blättern sitzen. Noch heute sind die Sammlungen des Berggartens von internationalem Rang.

Der Berggarten wird von dem Neubau des Schauhauses profitieren.

Stefan Schostok, Oberbürgermeister

Auch die Kanaren-Sammlung hat bundesweit einen sehr hohen Stellenwert und ist in Norddeutschland einmalig. Ohne Schauhaus wäre das alles nicht möglich. Und nun, da es zu niedrig für Phönixpalmen, Kanarische Kiefern und stattliche Erdbeerbäume geworden ist, die buchstäblich „durch die Decke wachsen“, besteht akuter Handlungsbedarf, der in einem ersten Schritt mit einem Architekturwettbewerb begonnen hat. Den hatte die Landeshauptstadt im vergangenen Herbst ausgelobt. Ein Preisgericht befasste sich schließlich mit 17 ernstgemeinten Entwürfen. Zu der Jury gehörten unter anderem Oberbürgermeister Stefan Schostok, Regionspräsident Hauke Jagau sowie Vertreter des Rates der Stadt und der Herrenhäuser Gärten.

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Mit dem neuen Tropenschauhaus soll die Seerose Victoria Einzug halten. Die hält sogar das Gewicht von Kindern. Foto: Herrenhäuser Gärten

Der Neubau soll sich, wie es heißt, behutsam in den denkmalgeschützten Garten und das Gefüge der vorhandenen Gebäude eingliedern, aber auch den hohen Stellenwert des Berggartens innerhalb der Herrenhäuser Gärten unterstreichen. Und eben dieser Berggarten – Quereinsteigern und Menschen, die lieber bei Wasserspiel und Schlossfassade im Großen Garten auf der gegenüberliegenden Seite der Herrenhäuser Alle flanieren, sollte dies ruhig bewusst sein – ist botanisch betrachtet das Goldstück der Gärten. Seltene Stauden und Gehölze, jahrhundertealte Rhododendren, Teichlandschaft, Staudengrund und Präriegarten verschaffen dem Berggarten einen Sonderstatus zwischen Garten, Park und Biotop. Der Berggarten ist nicht die formal gestaltete Showlandschaft mit Putten und bunter Saisonalbepflanzung, sondern bietet eine Sammlung höchst unterschiedlicher Pflanzen und Lebensräume.

Die Pläne für das neue Schauhaus sind derweil gut vorangekommen. Das Preisgericht des Architekturwettbewerbs hatte drei Architekturbüros für ihre Entwürfe ausgezeichnet. Den ersten Preis gewann das Büro SEP Architekten Hannover. In der Begründung der Jury heißt es: Die Arbeit lehne sich an die klassische Gewächshausarchitektur an. Das heiter und leicht erscheinende Gebäude füge sich wie selbstverständlich in die Architektur des Berggartens ein. Zugleich stelle es sich durch seine Aus- und Einbuchtungen als Sonderbaustein mit kristallin erscheinender Formensprache dar. Oberbürgermeister Stefan Schostok sagt: „Der Berggarten wird von dem Neubau des Schauhauses sehr profitieren. Die Entwürfe lassen das deutlich erkennen. Wir können uns darauf heute schon freuen. Die Planung macht jetzt Riesenschritte in Richtung Baubeginn. Schon im kommenden Jahr könnte der Grundstein gelegt werden.“

Einen wichtigen Beitrag dazu leistet auch die Region Hannover. Regionspräsident Hauke Jagau betonte im Rahmen der Preisverleihung: „Der Berggarten ist als Sehenswürdigkeit von nationaler Bedeutung und wird mit dem neuen Schauhaus-Ensemble noch attraktiver. Deshalb stellt die Region Hannover Fördermittel in Höhe von einer Million Euro für den Bau des Hauses bereit.“ Insgesamt sind fünf Millionen Euro für das Bauprojekt veranschlagt.

Seit Jahren planen die Herrenhäuser Gärten ein neues Schauhaus für den Berggarten, angefangen von der Idee über einen groben Kostenrahmen und die Finanzierung bis zur Abstimmung des Standorts mit dem Denkmalschutz. Direktor Ronald Clark erläutert, warum das neue Haus so wichtig für den Garten ist: „Vor allem in den Wintermonaten können wir unseren Besuchern viel mehr bieten, unter anderem Zitruspflanzen oder Kamelien. Aus Platzmangel können wir diese wunderbaren Sammlungen bisher nicht in Blüte präsentieren. Hinzu kommt, dass das alte Kanarenschauhaus ersetzt werden muss. Es ist nach 40 Jahren abgängig und auch viel zu niedrig. Außerdem wollen wir die tropische Riesenseerose wieder in den Garten bringen. Im Winter sollen sich Schmetterlinge im Seerosenhaus tummeln – ein zusätzlicher Publikumsmagnet im Berggarten!“

Für das neue Schauhaus ist eine Fläche von rund 1000 Quadratmetern im Bereich des jetzigen Kanarenhauses vorgesehen. Mit einer Höhe von bis zu neun Metern bietet es auch für Gehölze und hoch aufragende Blütenstände Raum. Es ist in drei Bereiche gegliedert: In einem Teil sollen die Pflanzen der Kanarischen Inseln und des Mittelmeerraums endlich in die Höhe wachsen können. Ein zweiter Teil bietet zusätzliche Ausstellungsflächen für Pflanzenschätze des Berggartens sowie eine (endlich moderne) WC-Anlage. Zwischen den Sonderausstellungen lädt das Haus als Wintergarten mit großen Kübelpflanzen und Sitzgelegenheiten zum Besuch ein. Im dritten Bereich kann die tropische Riesenseerose in einem speziellen Warmwasserbecken erblühen.




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