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Luthers Thesenanschlag veränderte die Welt / Kampf gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche

Der Urknall einer neuen Ära

Die Reformation brachte tief- greifende religiöse und kirchliche Veränderungen in den niedersächsischen Raum. Luthers Lehre von der bedingungslosen Liebe und Gnade Gottes sprach viele Menschen an. Da das Land in viele Fürstentümer, Bistümer und Einzelherrschaften zersplittert war, setzte sich die neue Konfession nur schrittweise und auch nicht vollständig durch.

veröffentlicht am 27.10.2018 um 10:13 Uhr
aktualisiert am 29.10.2018 um 15:50 Uhr

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ So lauten die berühmtesten Lutherworte. An prominenter Stelle auf dem Marktplatz der Lutherstadt Eisleben erinnert ein Denkmal an den großen Reformator. Foto: dpa

Autor:

Hans Siedler

Martin Luthers 95 Thesen veränderten die Welt und wiesen den Weg in die Moderne. Mit ihnen zog der Wittenberger Theologie-Professor (1483-1546) unter anderem gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche zu Felde. Denn aus Angst vor dem Fegefeuer kauften die Menschen damals Ablassbriefe, um sich von ihren Sünden zu befreien – für den Papst und seinen Kirchenapparat eine gute Einnahmequelle. Neben der Französischen Revolution und der Renaissance gehört die Reformation, also die Umgestaltung, zu den wichtigsten politischen und geistesgeschichtlichen Bewegungen Europas. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts beendete sie die Vorherrschaft des Papstes und markierte den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit.

In Ostfriesland verbreitete sich die Lehre unter Einfluss der benachbarten Niederlande bereits um 1519/20. Auch das Fürstentum Lüneburg wurde 1527 bereits recht früh evangelisch. Die übrigen welfischen Fürsten hielten länger am alten Glauben fest. In vielen größeren Städten wurden evangelische Prediger von den Stadträten daher zunächst ohne Zustimmung des Landesherren berufen: in Braunschweig im Jahr 1528, in Einbeck 1529, in Göttingen 1530, in Hannover 1533. Auch auf dem Land wählten adlige Patronatsherren zunehmend lutherische Geistliche für ihre Pfarrkirchen. In Hameln vollzieht sich der Wandel verstärkt ab 1540. Besonders spät begann der evangelische Einfluss in den geistlichen Herrschaften wie Hildesheim (1542), Osnabrück (1543) und Verden (1555).

Nach und nach öffneten sich auch die übrigen Landesherren der neuen Lehre und führten die Reformation in ihren Gebieten landesweit durch: 1527 im Fürstentum Lüneburg, 1540 im Fürstentum Calenberg-Göttingen, 1543 in Ostfriesland, im Emsland und im Bistum Osnabrück, 1558 in der Grafschaft Schaumburg, 1568 im Fürstentum Braunschweig- Wolfenbüttel.

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Steingewordene Geschichte: Die 1563 erbaute Schlosskapelle in Hämelschenburg gehört zu den ersten Kirchenbauten Norddeutschlands, die nach der Reformation errichtet wurden. Foto: WAL
  • Steingewordene Geschichte: Die 1563 erbaute Schlosskapelle in Hämelschenburg gehört zu den ersten Kirchenbauten Norddeutschlands, die nach der Reformation errichtet wurden. Foto: WAL

Spaltung und Gegenreformation


In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begannen erbitterte Auseinandersetzungen über den Umfang der Reform und das richtige Verständnis der evangelischen Lehre. Aus den Lehrunterschieden entwickelte sich die lutherische und die reformierte Kirche; in Teilen Ostfrieslands, in der Grafschaft Bentheim und der Herrschaft Plesse (Bovenden) wurde die reformierte Konfession vorherrschend. Daraus entstand im 19. Jahrhundert die Evangelisch-Reformierte Kirche, deren Verwaltungssitz heute in Leer ist.

Nach den Wirren der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges galten im niedersächsischen Protestantismus des 17. Jahrhunderts Frömmigkeit, Toleranz und Friedensgesinnung als zentrale christliche Tugenden. Sie wurden in der Erbauungsliteratur besonders gepflegt, zu deren Hauptvertretern der Celler Generalsuperintendent Johann Arndt (1555-1621) gehörte. Auch die Kirchenmusik blühte auf, viele heute noch bekannte Kirchenlieder entstanden, etwa „Macht hoch die Tür“ und „Dir, dir, o Höchster, will ich singen“.

Im 18. Jahrhundert versuchten viele evangelische Pastoren, die christliche Lehre mit den Prinzipien der Aufklärung zu verbinden. Sie warben für ein vernünftiges, praktisch ausgerichtetes Christentum. Rationalismus und Vernunftsdenken wandten sich gegen den „Aberglauben“ und stärkten die Toleranz unter den Religionen, ließen aber auch die emotionale und soziale Seite des kirchlichen Lebens verblassen. Nach dem Wiener Kongress 1815 existierten im heutigen Niedersachsen nur noch vier selbstständige Fürstentümer: das Herzogtum Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg, das Fürstentum Schaumburg-Lippe und das Königreich Hannover. Jedes Fürstentum hatte eine eigene Kirchenverwaltung, die dem jeweiligen Landesherrn als regionalem Kirchenoberhaupt unterstand. Aus ihnen entwickelten sich die heutigen vier niedersächsischen Landeskirchen. Zum Königreich Hannover gehörten die welfischen Fürstentümer Calenberg-Grubenhagen, Lüneburg und Bremen-Verden mit dem Land Hadeln, Ostfriesland, die ehemaligen Hochstifte Hildesheim und Osnabrück, das Emsland und einige kleinere Herrschaftsgebiete. Von kleinen Veränderungen abgesehen, umfasst die hannoversche Landeskirche noch heute dieses Gebiet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte im Königreich Hannover unter dem Einfluss von Liberalismus und bürgerlicher Revolution eine schrittweise Demokratisierung der Kirche ein. Es begann 1848 mit der Einführung von Kirchenvorständen, die einen Teil der Kirchengemeindeverwaltung übernahmen. Vorher war der Pastor alleiniges Oberhaupt seiner Gemeinde in allen geistlichen und finanziellen Fragen gewesen. Revolutionär an den Kirchenvorständen war, dass sie von den Gemeindegliedern demokratisch gewählt wurden und die Finanzen der Gemeinde überwachten. 1864 erhielt die hannoversche Landeskirche eine eigene, parlamentarische Verfassung: Das Kirchenparlament, heute „Landessynode“, damals „Landeskirchentag“ genannt, trat jedoch erstmals 1869 zusammen. 1866 wurde das Königreich Hannover von Preußen erobert. Preußen beseitigte die meisten Einrichtungen des Königreichs und machte es zu einer preußischen Provinz. Die hannoversche Kirche wurde jedoch nicht der preußischen Kirchenunion zugeschlagen, sondern blieb eigenständig. Man richtete in Hannover ein übergeordnetes Landeskonsistorium ein, das vom staatlichen Kultusministerium die Leitungsfunktion in den zentralen kirchlichen Angelegenheiten übernahm. So entstand erstmals eine einheitliche Verwaltung für die gesamte hannoversche Landeskirche in ihren heutigen Grenzen.


Buchtipp: Eine umfassende Darstellung der „Reformation in Niedersachsen“ hat Marion Müller vorgelegt. 224 Seiten, 62 Abbildungen. Erschienen bei CW Niemeyer (Edition Weserbergland). ISBN 978-3-8271-9312-4. Das Buch kostet 14,90 Euro.

Information

Stimmen zum Feiertag

Den Reformationstag am 31. Oktober hat der niedersächsische Landtag kürzlich zum dauerhaften gesetzlichen Feiertag erklärt. 100 Abgeordnete stimmten dafür, 20 dagegen, 17 enthielten sich. Zitate aus der Parlamentsdebatte:

Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident: „Der Reformationstag ist derjenige, der am breitesten in der Gesellschaft verankert ist.“

Jens Nacke (CDU): „Christliche Werte und Aufklärung: Eine große Mehrheit der Menschen fühlt sich diesen Werten auch ohne Religion verpflichtet.“

Ulrich Watermann (SPD): „Ich bin katholisch, aber ich bin stolz darauf, dass es die Reformation gegeben hat, weil sie auch meine Kirche geprägt hat.“

Anja Piel (Grüne): „Der Reformationstag ist schon lädiert, bevor er überhaupt Gesetz wird.“

Stefan Birkner (FDP):

„Sinn und Zweck des Feiertagsgesetzes ist es nicht, in den Bundesländern gleiche Verhältnisse bei der Anzahl der Feiertage zu bekommen.“
Klaus Wichmann (AfD):

„Das Beste an der Debatte heute ist, dass wir die Sache endlich abschließen.“ dpa




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