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Ludwig Boclo, ein Lehrer zwischen Wanderleidenschaft und pädagogischer Berufung

Der Wanderprediger

Nach der Niederlage Napoleons widmet Ludwig Boclo sich wieder seiner eigentlichen Profession und Wanderleidenschaft und er greift wieder zur Feder. 1837, inzwischen bereits lange Jahre Lehrer in Rinteln, veröffentlicht er ein weiteres Reisetagebuch im Sinne einer pädagogisch-programmatischen Schrift: „Das Fußreisen als sicherstes Beförderungs=Mittel des Unterrichts in der Erdkunde“, angeregt hierzu u.a. durch die „segensreichen Wirkungen auf Körper und Geist, welche die täglichen Spaziergänge in der schönen Gegend Rintelns“ ihm verschaffen.

veröffentlicht am 05.03.2018 um 18:15 Uhr

Einer spielt, einer liest, und mancher forscht oder grillt: zeitgenössische Darstellung einer Wanderung. Foto: pr

Autor:

Peter Weber
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Das Fach Erdkunde liegt dem Pädagogen besonders am Herzen, ist ihm doch die Geografie gleichsam „eingefrorene Geschichte“, die eine umfassende räumliche und zeitliche Orientierung in der Welt und somit eine vertiefende Weltanschauung vermittelt.

So dient dieses Reisebuch, das auf den Eindrücken einer Wanderung aus dem Jahre 1806 beruht, als Beleg für die Bedeutung, die er einer solchen gemeinsamen Unternehmung zumisst. Boclo legt Wert auf die Feststellung, dass diese jährliche Wanderung von seinen Schülern nicht als Zwang empfunden wird, sondern die Aussicht auf eine Teilnahme die „größte Belohnung“ darstellt, die sie zu vermehrten Anstrengungen im Unterricht anspornt. Er dokumentiert an immer neuen Beispielen, welcher Erkenntnisgewinn den Schülern aus den Reiseeindrücken und der eigenen Anschauung erwächst, welche bemerkenswerte Entwicklung gerade zurückhaltende Naturen nehmen, wie sie an Selbständigkeit in fremder Umgebung gewinnen und ein angemessenes Betragen im Umgang mit fremden Menschen erlernen, wie „Verstand, Beobachtungsgabe, Scharfsinn, Gedächtniß, besonders aber Schönheitssinn und Phantasie“ angeregt würden.

Dazu sind die Schüler gehalten, allabendlich, wenn die nächste Unterkunft erreicht ist, über das Erlebte Buch zu führen, beispielweise schriftlich festzuhalten, wie mithilfe der bemoosten Wetterseiten der Bäume erste Orientierung im Gelände gewonnen werden kann, wie vom Hohen Meißner herab mithilfe der Karte die Berge der näheren und ferneren Umgebung zu bestimmen sind, sie lernen am Zusammenfluss von Werra und Fulda die Zusammenhänge von Bergwelt und Flusslandschaften kennen sowie deren Bedeutung für Handelsströme und wirtschaftliche Entwicklung. Dabei zeigt sich das Erlebnis des in Münden überaus regen Hafenbetriebs als besonders eindrucksvoll. Der Besuch von Höhlen gibt Auskunft über die Entstehungsgeschichte der Erde, die Besichtigung von Burgen und Städten vermittelt Kenntnisse über den Gang der Geschichte und gewährt vielfältige kulturhistorische Einblicke.

Ein besonderes Anliegen ist dem Autor das Erwecken einer elementaren Naturfrömmigkeit, die den aus seiner Sicht oftmals für weltliche Zwecke instrumentalisierten Kirchenglauben weit überstrahlt: „Wohin hätte der Lehrer am andern Morgen seine geistigen Kinder eher führen dürfen als in die Frühkirche des Sonnenaufgangs? Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie diesem feierlich stillen, erhebenden Natur-Gottesdienst beiwohnten, und deshalb auch um so tiefer von demselben ergriffen wurden. … Als die Sonne nun hoch und höher stieg, und, geweckt von ihrem belebenden Strahle, die schlummernden Sänger des Waldes erwachten, und als die Nebel sich tiefer in die Schluchten senkten, die Morgenbetglocke in den am Fuße des Berges liegenden zahlreichen Dörfern ertönte, da zogen die Kinder ihre Mützen ab und thaten still, wozu die Glocke aufforderte.“

In solchen naturbeseelten Passagen seines Werks, in denen er sich nicht allzu sehr in pädagogische Überzeugungsarbeit verstrickt, zeigt Boclos Text durchaus literarische Qualitäten.

Der Autor wird nicht müde, das einfache Leben in der Natur von residenzstädtischer Genusssucht sowie vom Phlegma der Bewohner abzuheben und die Eltern zu geißeln, die ein solches elementares Naturerlebnis mit seinen Entbehrungen und Herausforderungen ihren verwöhnten Kindern vorenthielten. Der Verfasser ist der Überzeugung, dass nur aus geografischer und historischer Vertrautheit heraus Vaterlandsliebe erwachsen könne und er hofft, „die Zeit werde bald kommen, daß namentlich die vornehmen und reichen Leute keine Fremdlinge im deutschen Vaterlande mehr sind, und daß sie, statt in Eil- und Exraposten oder eigenen Equipagen nach der Schweiz oder Italien zu jagen, erst das herrliche Deutschland … besuchen werden.“

Dass er für sein Buch auf eine Wanderung zurückgreift, die inzwischen über 30 Jahre zurückliegt und in die Zeit der größten Machtentfaltung Napoleons fiel, ist offensichtlich kein Zufall. Sieht der ehemalige Freiheitskämpfer doch die Jugend der Biedermeier-Ära in einem beklagenswert phlegmatischen und verweichlichten Zustand und auch sein Zorn auf die Franzosen ist keineswegs verraucht. Er macht keinen Hehl aus der günstigen Wirkung des Wanderns auf eine militärische Ausbildung, unerlässlich für den Fall, dass der Feind im Westen einmal mehr sein „Medusenhaupt“ erheben sollte. Boclo gilt es nach wie vor, der „so tief misshandelten germanischen Mutter“ wieder auf die Beine zu helfen und schreibt sich geradezu darüber in Rage, wie sehr die Zeit eines durch „Askethic“ geformten, gesunden Körpers bedürfe, in den ein gesunder Geist Einzug halten könne. Als ein reitender Adliger, der der jungen Wandergruppe begegnet, sich nach Sinn und Zweck ihrer Unternehmung erkundigt und fragt, ob die Tornister denn nicht zu schwer seien, wird ihm versichert: „Ach nein, das ist Spaß, wenn wir einmal Soldaten werden, und die Franzosen helfen aus dem deutschen Vaterlande jagen; dann sind wir schon an das Marschiren und an den Tornister gewöhnt.“ Dass der Lehrer seine Schüler während ihrer Reise Zeugnisse der Römerzeit wie die Riesensäule am Odenwälder Melibokus aufsuchen lässt, reiht sich nahtlos in diese Vorstellungswelt, gilt es doch, mit den Franzosen zu verfahren, wie es einstmals die heldenhaften Germanen mit den Römern vermochten.

In diesen Kontext fügt sich zudem die Vermittlung des Erlebnisses der heimischen Natur und in Sonderheit die Feier des deutschen Waldes – dieser war in den Befreiungskriegen, an denen Boclo als reitender Jäger teilnahm, zu einem zentralen Topos des Widerstandes gegen die Franzosen gediehen. Nun gilt es, den Schülern in der Erhabenheit der Natur eine patriotische und religiöse Grundausrüstung zu verschaffen, um sie gegen die dekadente Zivilisation des Nachbarn zu immunisieren.

Und dazu sieht er die Fußreise als besonders geeignetes Mittel. In diesem Punkt ist der ansonsten mit dem Turnvater Jahn konform gehende Pädagoge deutlich eigener Meinung. Gegenüber dessen etwa auf der Berliner Hasenheide betriebenen Turnerei sieht er im Wandern eine viel komplexere, quasi ganzheitliche Form der körperlichen und geistig-moralischen Ausbildung.

Als ausgesprochen unkonventionell erweist sich Boclo, wenn er sein Wanderprogramm ausdrücklich auf die Erziehung von Mädchen ausgedehnt sehen will: „Da schmachten die armen bewegungslustigen, und noch mehr bewegungsbedürftigen, wie die Blumen nach frischer Luft und Sonnenlicht dürstenden Wesen, 7 bis 8 Stunden täglich unter den Bleidächern der Schulstube, schreiben sich schief, und schon als Kinder hysterisch, magenkrampfig, bleichsüchtig, sitzen zusammengekrümmt am Zeichentisch, am Strickrahmen und am Clavier, und behalten kaum Zeit zum Essen und zum Schlafen.“ Wenn nun besorgte Mütter meinen sollten, er wolle ihre Töchter wie etwa in den neu gegründeten Bremer „Turnanstalten für Mädchen“ einen spartanischen Drill angedeihen lassen, so entgegnet Boclo, dass dies nun gerade nicht sein Ansinnen sei, sondern vielmehr, sie in die freie Natur zu führen, „damit sie auch andere Blumen kennen lernen, als die im Garten hinter dem Hause, und als die durch Kunst nachgemachten, auch andere Farben, als die der Strickmuster; auch andere Musik, als die des Flügels, des Concerts und der Oper“. Das sind angesichts des traditionellen bürgerlichen Erziehungsprogramms durchaus „emanzipatorische“ Töne. Und er hört schon das Geraune, es sei eine „barocke Idee“, wenn er allen Ernstes empfiehlt, seine Fußwanderungen auch mit Schülerinnen zu bestreiten. Er indes sieht sie als Möglichkeit, Mädchen zu eigener Selbständigkeit zu führen, die ihnen von Haus aus nur zu häufig vorenthalten werde. Als Kronzeugin seiner Überzeugung fungiert dabei seine zehnjährige Tochter, die ihn bei widrigstem Wetter auf einer Fußreise von Rinteln nach Minden klag- und schadlos begleitet hat.

Allerdings, für Boclo „versteht es sich von selbst, daß solche Fußreisen nicht nur unter weiblicher Aufsicht und Pflege, sondern auch unter männlicher, ordnender und schützender Führung unternommen werden.“ Da ist er denn in seinem Rollenverständnis wieder ganz in seiner Zeit.

Eine Zeit übrigens, in der es gegen einen neuen Feind, gegen das „moderne Medusenhaupt“ des Dampfwagens, das „Jung und Alt bis zu den Hüften in Stein zu verwandeln droht“, anzukämpfen gilt. „O der schönen Zeit! Wenn man erst nach den Erholungsorten, öffentlichen Gärten vor dem Thore in Dampfwagen fährt. …Schade, Schade nur, daß man nicht auch auf die Berge in Dampfwagen fahren kann!“ Mit diesen futuristischen Unkenrufen endet denn sein pädagogisches Pamphlet.

Ein Rezensent des Buches zeigt sich von Boclos Schilderungen durchaus angetan, er unterstreicht, ein solcher Unterricht könne die Schüler „leiblich und geistig erfrischen, mit einer Fülle neuer Anschauungen bereichern und zu einem selbsthätigen Auftreten anleiten“, er mahnt allerdings angesichts der offensichtlichen Strapazen einer solchen Unternehmung an, dass auch die „in kontemplativer Ruhe zugebrachten Ferien (…) einen eigenthümlichen Reiz und (…) manchen sehr erfreulichen Gewinn“ brächten. Dem mag auch der heutige Leser durchaus zustimmen, zumal Boclos Extremwanderungen angesichts der heutzutage von einem halben Wandertag dahingerafften Schülerscharen sowieso ins Reich der Utopie zu verorten sind.

Boclos Schrift hinterlässt heute einen sehr zwiespältigen Eindruck. Einerseits enthält sein pädagogisches Wanderprogramm Elemente, die sich Jahrzehnte später in Konzepten der Reformpädagogik wiederfinden und durchaus aktuelle Alternativen zum herkömmlichen Unterricht aufzeigen, Elemente etwa der Erlebnispädagogik, des selbsttätigen, selbstentdeckenden Lernens, des projektorientierten Unterrichts, des Auflösens der starren Gliederung von Unterrichtsstunden und der Einbeziehung der Mädchen in solche Unterrichtsvorhaben - wäre da nicht sein offensichtliches Trauma der französischen Okkupation, dem der Verfasser solche Errungenschaften unterordnet und in einem geradezu militanten Chauvinismus münden lässt. Hier bahnt sich aus der Perspektive des „Fußvolkes“ an, mit welchen Geburtsfehlern die spätere Gründung des Deutschen Reiches belastet sein wird und in welchem Maße der Keim für die kommenden europäischen Tragödien bereits gelegt ist.

Die doppelbödige Instrumentalisierung des Wanderns wird sich erst Jahrzehnte später in vollem Umfang ausbilden, als die sozialromantische Wandervogel-Bewegung, die ihren Freiheitsdrang außerhalb der verkrusteten Verhältnisse des Wilhelminischen Reichs auszuleben sucht, auf völkisch-nationalistisch geprägte Verbände trifft , die die körperliche „Stählung“ zunehmend in den Dienst einer Herrenrasseideologie und einer Militarisierung der Gesellschaft stellt.

Lesen Sie morgen den dritten und letzten Teil.




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