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Die Brieftaubenzüchter des Bad Pyrmonter Vereins „Heimatstolz“ schicken ihre Tiere Woche für Woche auf Reisen

Der Wettflug der „Kröpper“

Brieftauben werden schon seit mehr als 130 Jahren auf die Reise geschickt. Und im Kohlenpott bereits früh als „Rennpferde des kleinen Mannes“ bezeichnet. Denn mit einem kleinen Wetteinsatz für seine schnellsten Tauben auf dem Dach war durchaus auch mal eine schmale Mark zu gewinnen. In Bad Pyrmont begann die Zeit der Brieftaubenzüchter deutlich später. Mit den Vereinen „Heimatliebe“ und „Heimatstolz“. Seit vielen Jahren hält „Heimatstolz“ die Fahne der Taubenfreunde im Tal der Emmer alleine hoch.

veröffentlicht am 10.07.2018 um 12:04 Uhr

Massenstart der Brieftauben. Ein wirres Geflatter nach dem Öffnen der Reiseboxen, doch die Orientierung haben sie in dem Gewusel keinesfalls verloren. Foto: Verband Deutscher Brieftaubenzüchter
Klaus Frye

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Klaus Frye Sportreporter zur Autorenseite
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Jedes Jahr im Mai startet sie, die Reisezeit der Brieftauben. Und der Tourenplan sieht bis Ende Juli nicht ein freies Wochenende vor. Da ist für die Züchter der Sommerurlaub schon im Vorfeld gestrichen. „Der findet eben erst Ende September oder im Oktober statt“, verriet Erwin Tegtmeyer, mit 83 Jahren der Senior im Kreise der Heimatstolz-Züchter. Denn von Mitte Juli bis Mitte September schließen sich die ersten Flüge der Jungtiere nahtlos an. Als Tegtmeyer in Rente ging, startete er mit den Brieftauben neu durch. „Wenn, dann richtig“, hieß sein Motto. Und er baute für seine Tiere, die Schar ist in den Jahren auf mehr als 80 angewachsen, einen Schlag in 1a-Bauweise. Hier werden inzwischen die Anflüge seiner Tauben längst elektronisch registriert. Die neue Technik war zunächst für die Züchter ein eher teures Geschäft, hat sich im Laufe der Jahre aber problemlos und als durchaus erschwinglich durchgesetzt. „Elektronische Uhr, elektronischer Chip in einem speziellen Fußring sorgten für eine bahnbrechende Entwicklung“, erinnert sich Züchter Michael Rausch.

Die Zeit der guten, alten Holzkasten-Uhr gehört der Vergangenheit an. Doch in Erinnerung ist sie geblieben. Mit einem Ring am Fuß machten sich die Tauben aus allen Himmelsrichtungen auf den Heimflug. Und dort begann so manches Drama, wenn der „Kröpper“, wie die Brieftaube im Ruhrpott oft genannt wird, nicht auf den Schlag kam. Sondern sich erst einmal auf dem Hausdach, dem Apfelbaum oder – noch schlimmer – einfach auf dem Abflugbrett von der langen Tour ein wenig zu erholen gedachte. Denn an den begehrten Ring kam der Züchter schließlich erst, wenn sich sein „Täubchen“ endlich bequemte auf seinen Heimatschlag zu kommen. Erst da konnte der Ring abgezogen und in die Uhr gedreht werden. Nur diese Zeit zählte ...

Über die Geschichte des längst verstorbenen Taubenfreundes Fiebelkorn wird in Züchterkreisen gern gelacht. „Der rannte mit der Flinte durch den Garten, wenn seine Tauben nicht schnell genug auf den Schlag gingen“, schmunzelt Heiner Schröder heute noch. „Wenn du nicht auf den Schlag gehst, schieße ich dich ab.“ Natürlich hat der alte Fiebelkorn nicht geschossen, denn die Liebe zu seinen Tieren war einfach viel zu groß. Und auf seine Lockrufe haben die Tauben ohnehin nie reagiert. Doch ein unnötiger Halt direkt vor dem heimatlichen Schlag kostete den oft sicher geglaubten Wettgewinn. Geld, das schon mal im Vorfeld für den Futtereinkauf – Brieftauben sind wählerisch und bevorzugen gerne Kohlenhydrate und vitaminreiche Kost – fest eingeplant war.

Das Verladen der Tauben in den Reiseboxen ist für Heiner Schröder (li.) und Manfred Kallabis längst Routine. Foto: KF
  • Das Verladen der Tauben in den Reiseboxen ist für Heiner Schröder (li.) und Manfred Kallabis längst Routine. Foto: KF
Rosemarie Garbe und ihr Ehemann Gerd bringen die „Kröpper“ mit dem Tauben-Express Woche für Woche zu den Auflassorten. Foto: KF
  • Rosemarie Garbe und ihr Ehemann Gerd bringen die „Kröpper“ mit dem Tauben-Express Woche für Woche zu den Auflassorten. Foto: KF
Die Tauben von Erwin Tegt- meyer sind in dieser Saison die Schnellsten, die bislang auf die Reise geschickt wurden. Foto: KF
  • Die Tauben von Erwin Tegt- meyer sind in dieser Saison die Schnellsten, die bislang auf die Reise geschickt wurden. Foto: KF

Heute fährt der Tauben-Express der Reisevereinigungen Rattenfänger von Hameln und Deister-Süntel bereits am Freitag über Flegessen, Böbber und Grupenhagen nach Bad Pyrmont. Fast 1000 Tiere werden dann über Nacht zum samstäglichen Auflassort gebracht. Mit dem einen oder anderen Zwischenstopp, bei denen die „schnellen Flitzer“ vor ihren großen Auftritten mit frischem Wasser bestens versorgt werden müssen. Alles ist optimal vorbereitet, im LKW dafür extra ein Tank eingebaut. Im Pyrmonter Stadtteil Holzhausen werden fast jede Woche immer noch bis zu 230 Brieftauben eingesetzt. Doch die Zahlen sind seit Jahren rückläufig.

„Weil die Zahl der Züchter auch deutlich kleiner geworden ist“, stellt Gerd Garbe, der im Wochenrhythmus gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosemarie den Tauben-Transporter mit den hochkarätig besetzten Reiseboxen stets Richtung Südwesten und sogar bis nach Frankreich fährt, Jahr für Jahr aufs Neue fest. In Chalon sur Saône werden die Tauben Mitte Juli zum Marathonflug über fast 650 Kilometer aufgelassen. Lange Zeit schickte der verantwortliche Flugleiter der Region, der je nach Wetterlage auch die genauen Auflasszeiten bestimmt, die Tauben erst am frühen Sonntagmorgen auf die Reise. Das waren Zeiten, in denen Mutter auch schon mal um elf Uhr das Mittagessen auf dem Tisch zu stellen hatte. Das dann aber trotzdem hastig heruntergeschlungen wurde. Schließlich durfte man die Heimkehr seiner Langstrecken-Spezialisten keinesfalls verpassen.

Tierschützer sehen die Brieftaubenflüge eher als unfaires Hobby. Auch weil den Tieren eine Höchstleistung abverlangt werde, die deutlich ihre Kräfte übersteigen würde. Und so viele Tiere nicht mehr auf ihren Schlag zurückkehrten. Für die Züchter unverständlich. „Die Tauben bestimmen das Tempo selbst und teilen sich ihre Kräfte ein. Die kann man nicht antreiben“, klärt Oldie Erwin Tegtmeyer auf, der bei den bislang elf Einsätzen seiner Tiere noch keinen Ausfall beklagen musste. „Und ich setze immer zwischen 40 und 50 Tauben ein. Alle sind bisher auf den Schlag zurückgekehrt.“ Eine positive Zwischenbilanz, die aber sicher nicht jeder seiner Kollegen nachweisen kann.

Denn Brieftauben werden beim Heimflug, aber auch in der Nähe des heimischen Schlags oft attackiert. Wanderfalke, Habicht und Sperber sind die ärgsten Feinde. Dazu endet ihr Leben oft durch den Kontakt mit einer Hochspannungsleitung tödlich. „Für Windräder scheinen die Tauben hingegen so etwas wie den 7. Sinn zu haben, die werden von ihnen umflogen“, wissen die Züchter genau.

Die besten Tiere werden übrigens im weltweiten Vergleich immer bei der Brieftauben-Olympia vorgestellt. So auch 2003 im französischen Lièvin. Damals zählte der berühmte Täuberich mit der Nummer 0730-99-1907 des Holzhäuser Züchters Helmar Ostwald zur deutschen Auswahl, die der Verband der Deutschen Brieftaubenzüchter zur internationalen Ausstellung ausgewählt hatte. Dort wurde die Pyrmonter Taube glänzend bewertet. Am Ende gehörte sie zum deutschen Goldteam der Olympiade.




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