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Hameln-Pyrmont verliert bis 2035 voraussichtlich mehr als 18 000 Einwohner – das hätte gravierende Folgen

Die Angst vor dem Einwohnerschwund

Man stelle sich – nur ganz kurz! – den Landkreis Hameln-Pyrmont ohne die Stadt Bad Pyrmont vor. Die Kurstadt von der Landkarte radiert, die Bewohner fortgezogen oder verstorben. Es wäre ein beklagenswerter Verlust für die Region und das Land. Die Dimension entspricht dem Aderlass, den Hameln-Pyrmont innerhalb von zwei Jahrzehnten zu verkraften haben dürfte – zwar nicht auf Bad Pyrmont zentriert, sondern auf die gesamte Fläche verteilt. Aber mit gravierenden Folgen für die einzelnen Kommunen und für alle hier lebenden Menschen.

veröffentlicht am 23.04.2018 um 12:57 Uhr
aktualisiert am 23.04.2018 um 15:42 Uhr

Verlassenes Haus in Hemmendorf. Der Flecken Salzhemmendorf wird laut Prognose viele weitere Einwohner verlieren. Foto: Dana
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Mit einem Bevölkerungsrückgang von 13 Prozent in der Periode von 2015 bis 2035 – das sind rund 18 200 Menschen – rechnet Hameln-Pyrmonts Kreisverwaltung. Und das ist nur die Hälfte des Problems. Denn gleichzeitig werde sich das Altersniveau deutlich anheben. Dass die Lebenserwartung steigt, ist natürlich erfreulich, doch wenn zugleich weniger Junge nachrücken und sich dadurch das mathematische Verhältnis der Senioren zur arbeitenden Bevölkerung erheblich verschiebt, bekommen Zukunftsplaner wie Jörg Heine – er ist im Kreishaus für die Regionalplanung zuständig – tiefe Sorgenfalten. Manche Orte im Landkreis werden stärker als andere von dieser Entwicklung betroffen sein, aber keiner bleibe von den Folgen dieser demografischen Entwicklung unberührt, heißt es in den Erläuterungen zu dem Entwurf für das neue Regionale Raumordnungsprogramm: „Vor allem die Versorgung der älteren Menschen in den mehr abgelegenen Ortsteilen wird zu einer besonderen Herausforderung.“


Das RROP ist ein auf zehn Jahre angelegtes Planungsinstrument der Kreisverwaltung; die Prognose zur Bevölkerung bildet die Basis der meisten regionalen Handlungsfelder, sei es zum Angebot von Kindertagesstätten und Schulen, zur Besetzung von Arbeitsplätzen, zum nötigen Wohnraum, zur Gestaltung des Bus- und Bahnverkehrs oder zur Gesundheitsversorgung. Auch die Finanzkraft ist von der Einwohnerstärke und den wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig. Die Bevölkerungszahl in Hameln-Pyrmont befindet sich bereits seit

den 1990er Jahren im Rückwärtsgang; sie ist außerdem deutlich schwächer als im Bundes- und Landestrend. Die Vorausberechnung auf Landkreis- und Gemeindeebene zeigt, dass sich die Altersstruktur drastisch verändern könnte. Heute sei jeder vierte Hameln-Pyrmonter 65 Jahre oder älter – 2035 werden es knapp vier von zehn sein. Für die Stadt Hameln wird ein Verlust von 5000 Einwohnern – das wären neun Prozent – vorhergesagt. Die Altersgruppen der 18- bis unter 30-Jährigen und der 50- bis unter 65-Jährigen nähmen dabei allerdings um je rund ein Viertel ab und die der über 65-Jährigen entsprechend zu. Die dramatischste Entwicklung mit einem Minus von 17 Prozent der Einwohner wird für den Flecken Salzhemmendorf befürchtet. Dort verlieren die Altersgruppen 18 bis unter 30 Jahre sowie 30 bis unter 50 Jahre ein Drittel ihrer Stärke. Ähnlich gravierend mit einem Bevölkerungsrückgang um 15 Prozent könnte es in Coppenbrügge aussehen.

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Weniger Einwohner – weniger Kunden: Die Orte drohen ihre Geschäftsgrundlage einzubüßen. Die Lange Straße in Hessisch Oldendorf zum Beispiel hat ihre Quirligkeit längst verloren. Foto: Wal
  • Weniger Einwohner – weniger Kunden: Die Orte drohen ihre Geschäftsgrundlage einzubüßen. Die Lange Straße in Hessisch Oldendorf zum Beispiel hat ihre Quirligkeit längst verloren. Foto: Wal

Laut Statistischem Bundesamt bleibt die Geburtenhäufigkeit – trotz der in jüngster Zeit leichten Zunahme – auf einem niedrigen Niveau. Sie liege aktuell bei 1,5 Kindern pro Frau – 2,1 müssten es sein, um die Bevölkerungszahl zumindest konstant zu halten. In Hameln-Pyrmont sind ausgerechnet die die Altersjahrgänge zwischen 23 und 38 Jahren extrem schwach vertreten, was auf die besonders starke Abwanderung junger Menschen nach dem Schulabschluss zurückzuführen sei. „Entsprechend den damit verbundenen geringeren Zahlen junger Frauen und Haushalte sinken auch die Kinderzahlen zunehmend“, betonen die Verfasser des RROP-Entwurfs. Die 2015 noch kopfstärkste Altersklasse der 45- bis 55-Jährigen verschiebe sich und werde im Jahr 2035 von den 65- bis 75-Jährigen gebildet. Das erhebliche Defizit bei der wirtschaftlich besonders interessanten Jahrgänge zwischen 20 und 40 Jahren werde die Entwicklung stark belasten: „Besonders die regionale Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen wird dadurch stark gedämpft. Die absehbar steigende Nachfrage der älteren Menschen wird die Rückgänge der mittleren Altersjahrgänge nicht in Ansätzen kompensieren können.“

Um den Rückgang der Bevölkerung in Deutschland auszugleichen, müssten nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes dauerhaft unter dem Strich pro Jahr mindestens 470 000 Menschen einwandern – eine Obergrenze von nur 200 000 propagiert die CSU. Nach Einschätzung der Statistiker wirkt sich die aktuelle Zuwanderung kaum auf die langfristige Bevölkerungszahl aus. Weil nicht klar ist, wie viele der seit 2015 eingetroffenen Migranten dauerhaft in Hameln-Pyrmont bleiben werden und ob es weitere größere Zuwanderungsbewegungen aus dem Ausland geben wird, sei dieser Effekt nicht in die Vorausberechnungen der Einwohnerzahlen eingeflossen, erklärt Heine. Die Statistik für die Raumplanung wäre sonst auf Sand gebaut. Im RROP-Entwurf heißt es hierzu: „Es ist festzustellen, dass die Wanderungsbewegungen in den nächsten zehn Jahren keine raumbedeutsamen Auswirkungen auf die demografische Entwicklung im Landkreis Hameln-Pyrmont haben werden.“ So biete etwa der Wohnungsmarkt ausreichende Reserven. „Langfristig ist aufgrund der hohen Bevölkerungsrückgänge mit einem deutlichen Wohnungsüberhang zu rechnen“, heißt es. In Hameln und Bad Pyrmont werde das Überangebot gering sein, in den übrigen Gemeinden hingegen „deutlich höher“, insbesondere bei Ein- und Zweifamilienhäusern. Einzig in der Stadt Bad Pyrmont sei bis 2035 bei Mehrfamilienhäusern ein geringer Neubaubedarf auszumachen. Angesichts der steigenden Zahl von Ein- und Zwei-Personenhaushalten älterer Menschen verschiebe sich die Nachfrage zu kleineren, seniorengerechten und barrierefreien Wohnungen.

Der Anteil der älteren Arbeitnehmer am Arbeitskräftepotenzial wird stark zunehmen. Maßnahmen, die den Verbleib im Erwerbsleben fördern – Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Gesundheitsvorsorge – könnten den Rückgang des Arbeitskräftepotenzials verlangsamen. Die aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Menschen werden nach Einschätzung der Fachleute schwerer als in Regionen mit einer ausgeglichenen Altersstruktur durch die nachrückenden Jahrgänge ersetzt werden können. Das werde den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt mit den wirtschaftsstarken Regionen erheblich anheizen.




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