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Wenn die Kraniche über das Weserbergland ziehen

Die Rückkehr der Vögel des Glücks

Es ist ein unvergleichliches Naturschauspiel: Im Herbst ziehen die Kraniche über den Himmel des Weserberglandes. Auf dem Weg in ihre Winterquartiere legen die Flugkünstler viele Tausend Kilometer zurück und machen dabei auch im Weserbergland Rast. Ein Blick nach oben.

veröffentlicht am 09.10.2018 um 17:20 Uhr

Die zentralen Rastplätze der Kraniche in Niedersachsen liegen nicht weit vom Weserbergland entfernt.

Autor:

Andreas Barkow
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Ein klarer, kühler Herbsttag. Die Luft ist frisch, der Wind kaum spürbar. Die Sonne lässt die Landschaft in bunten Farben erstrahlen. Von der sommerlichen Wärme und Kraft ist allerdings nichts mehr zu spüren. Von den Laubbäumen fallen leise die Blätter. Die ruhige Herbststimmung wird durch laute, trompetende Rufe zerrissen. Sie klingen wie ein Jubelgruß. Das kann nur eines bedeuten: Kraniche sind am Himmel zu sehen.

Im V-förmigen Formationsflug, Kopf und Beine weit ausgestreckt, fliegen sie mit ruhigem Flügelschlag oder gleitend über Felder und Dörfer hinweg. Was für ein Schauspiel. Es sind Vögel, die jetzt im Herbst in Gruppen von 20, 30 oder mit über 100 Tieren in südwestlicher Richtung ziehen. Die wichtigsten Überwinterungsgebiete liegen in Südfrankreich und Spanien. Manche Vögel ziehen sogar bis nach Nordafrika, während wieder andere auch zunehmend in Deutschland überwintern.

In Niedersachsen ist der Brutbestand von sechs oder acht auf über 1500 Brutpaare angewachsen. Das ergab eine landesweite Erfassung 2016.

Kerrin Obracay, Vorsitzende der Landesarbeitsgruppe Kranichschutz

An guten Zugtagen, wenn wenig Wind und Hochdruckwetterlagen herrschen oder die Kraniche sogar leichten Rückenwind aus Nordost haben, kann man im Weserbergland viele solcher Gruppen ziehen sehen. Meist sind es erst die weit hörbaren trompetenden Rufe, die auf die majestätischen Vögel am Himmel aufmerksam machen.

Die Tiere am Schaumburger Himmel kommen vor allem aus den skandinavischen, aber auch aus den vielen nordostdeutschen Brutgebieten. Kraniche legen dabei Zugstrecken von bis zu 3500 Kilometern zurück.

Anders als ziehende Gänse oder Singvögel fliegen sie sehr energiesparend. Zum einen nutzen sie in der typischen V-Formation den Windschatten des vorausfliegenden Vogels aus. Und zum anderen legen Kraniche weite Strecken im Gleitflug zurück. Sie segeln, verlieren dabei aber an Flughöhe. Um wieder Höhe zu gewinnen, nutzen sie genau wie Segelflieger die Thermik. Das ist aufsteigende Wärme, also quasi eine nach oben drückende Luftsäule. Aufsteigende Wärme bildet sich beispielsweise über menschlichen Siedlungen. Deshalb sind an guten Zugtagen über Städten wie Bückeburg oder Dörfern wie Diedersen und Hastenbeck oft viele Gruppen von Kranichen zu beobachten.

Dabei löst sich die Keilformation der ziehenden Kraniche auf und die Vögel schrauben sich in spiralförmigem Flug in die Höhe, ehe sie in südwestlicher Richtung weiterziehen. Zum Weiterflug über offenes Land bildet sich schnell wieder die Formation heraus. Vorne an der Spitze fliegen immer erfahrene und kräftige Tiere. Neben den Alttieren sind aber auch die Jungvögel mit in der Gruppe. Beim Kranich bleiben die Familienverbände bis zur nächsten Brutzeit zusammen. So lernen die Jungvögel die Zugrouten und die Überwinterungsgebiete kennen.

Und sie merken sich die Rastgebiete. Neben der Beobachtung einer ziehenden Kranichgruppe ist der abendliche Einflug der Kraniche an den Schlafplatz, wo sich viele tausend Tiere versammeln können – wohl eines der beeindruckendsten Naturschauspiele in Deutschland.

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Der Kranich als Glücksbote

Der wissenschaftliche Name des Kranichs lautet „Grus grus“. Er ist ein Allesfresser, der seine Nahrung beim Umherschreiten vom Boden oder aus dem flachen Wasser aufsammelt und zu den Schreitvögeln zählt. Dabei ist er größer als ein Weißstorch. Sein Flug kann am besten im Oktober beobachtet werden. Aus den Winterquartieren kehren die Kraniche zwischen Februar und März in die nördlichen Brutquartiere statt. Einmal jährlich brütet der Kranich, legt aber meist nur zwei Eier. Sein Nest baut er auf dem Boden in nasser Umgebung. Jungvögel bleiben fast ein Jahr bei den Eltern, ziehen dann umher und brüten selbst erst nach zwei bis vier Jahren. Der Brutbestand in Deutschland ist nach Angben von Ornithologen stetig ansteigend. In der Mythologie gilt der Kranich als Glücksbringer. So gilt er beispielsweise in China als göttlicher Himmelsbote und als Symbol für ein langes Leben. In Japan werden Kraniche aus Papier als Glücksbringer gefaltet. Die Bezeichnung „Vogel des Glücks“ leitet sich in Schweden von der Ankunft des Vogels als Vorzeichen für den Frühling her.

Die zentralen Rastplätze der Kraniche in Niedersachsen liegen nicht weit vom Weserbergland entfernt: In der Diepholzer Moorniederung rasten bis zu 100 000 Kraniche. Das war nicht immer so. Kerrin Obracay ist Vorsitzende der Landesarbeitsgruppe Kranichschutz in Niedersachsen und beobachtet die Bestandsentwicklung des Kranichs schon seit vielen Jahren. Sie berichtet, dass der Kranich in den 70er Jahren beinahe ausgestorben wäre. „In ganz Niedersachsen gab es weniger als zehn Brutpaare. Die Gelege wurden bewacht, um sie vor Eierdieben zu schützen“, berichtet die Naturschützerin.

„Entscheidend waren aber die Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensräume. Kraniche brauchen es nass. Sie brüten auf kleinen Inselchen in knietiefem Wasser. Dort kommt der Fuchs nicht an die Eier“, schildert Obracay. Nasse Erlenbruchwälder, durch den Aufstau von Wasser wieder nass gehaltene Feuchtgebiete oder Hochmoore sind heute wichtige Lebensräume für die Vögel. Wie erfolgreich diese Naturschutzmaßnahmen sind, das zeigt die Bestandsentwicklung. Obracay: „In Niedersachsen ist der Brutbestand von sechs oder acht auf über 1500 Brutpaare angewachsen. Das ergab eine landesweite Erfassung 2016.“

Die Brutvorkommen breiten sich von Nordosten in westlicher Richtung aus. Der Kranich ist ein Brutvogel der norddeutschen Tiefebene. „Es gibt aber auch schon erste Revierpaare im Harz,“ erzählt Obracay. Und im Kreis Schaumburg, ausgehend von den Brutvorkommen am Steinhuder Meer, ist der Kranich als Brutvogel auch schon angekommen.

Eine wunderbare Entwicklung. Und es tut gut, auch über positive Entwicklungen im Naturschutz berichten zu können. So steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an kühlen ruhigen Herbsttagen die kräftigen Trompetenrufe der Kraniche über Hameln oder Bodenwerder oder bei einem entspannten Sonntagsspaziergang in der Bückeburger Niederung zu hören. Die günstige Zeit dafür liegt zwischen Anfang Oktober und Anfang November.




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