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Unser Ferien-Vierteiler: Mit dem Renault 4 durch den Norden Frankreichs, Teil 1

Die sanfte Poesie der D-Straße

Im Uhrzeigersinn um Paris: Anke Steinemann und Jens F. Meyer haben die Zeit neu entdeckt. Im Renault 4 sind sie durch den Norden Frankreichs gefahren, nur auf Departement-Straßen, nicht auf Autobahnen. Eine langsame, sinnliche, poetische Erfahrung, an der sie uns zum Ferienbeginn teilhaben lassen in einem Vierteiler voller Entdeckungen in lieblichen Landschaften und hübschen Städtchen. Das macht Lust auf Urlaub. Teil 1: Ein Ritt im Windschatten, die Kühlkontrollleuchte flackert und „guerre est merde

veröffentlicht am 26.06.2018 um 12:45 Uhr

Bilder einer Reise: Der R4 vor verschlossenem Tor in Cons-la-Grandville. Foto: sas / ey

Autor:

Anke Steinemann und Jens F. Meyer
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Maximum Warp: 108 Stundenkilometer bei Bitburg. Es ist, als wenn er fliegen würde, der kleine Renault. Den Rhombus, das Signet der Marke, forsch in den Wind gestellt, die Außenspiegel vibrieren und innen Rock’n’Roll. Für Laternenparker ist das ein Ritt auf der Rasierklinge; mit einem Renault 4 in den Urlaub zu fahren, verlangt einen ausgeprägten Sinn fürs Wesentliche und die Bereitschaft, Verzicht zu üben. En passant sprechen wir hier nicht von Klimaanlage, Schallisolierung, Regensensor, LED-Scheinwerfern, Einparkhilfe, Gott bewahre! Diese TL Savane hat – wie übrigens ganz und gar jeder der 8,4 Millionen jemals gebauten R4 – selbstverständlich nicht einmal Servolenkung, das Klima wird über Schiebefenster, Lüftungsklappen und die Laune der Reisenden geregelt, und unter der Fronthaube ist eine Art Nähmaschine mit 34 PS verbaut.

Es gibt keine schönere Möglichkeit, sich das Glück zu greifen.

In solchen Stunden und Momenten, wo das graue Band wie ein roter Teppich sich darbietet, ausgerollt, um „La Quatrelle“ zu huldigen, neben der „Ente“ die zweite französische Sonnenkönigin der Straße, fügt sich die Zeit in eine andere Dimension. Sie geht nicht verloren, weil das Auto langsam fährt, sondern sie vervielfacht sich, weil die Seele einen Platz zum Mitreisen gebucht hat. Unser Innerstes hält der Geschwindigkeit stand; die Eindrücke der Landschaften, der Städte und Dörfer und Flüsschen und Himmel sickern flüsternd durch unser Gemüt und nehmen Platz im Süden unseres Herzens. Die Poesie dieses sanften Abenteuers hält auch dem überholenden Lastkraftwagen auf der Autobahn in der Eifel stand. „Arla“ steht auf seiner Plane, „Monsieur Arla“ wird er fortan fast eine Stunde heißen. In seinem Windschatten fühlt sich der R4 wohl.

Oh, wie gemein: Ente in zwei Teilen bei Douaumont nahe Verdun. Foto: sas / ey
  • Oh, wie gemein: Ente in zwei Teilen bei Douaumont nahe Verdun. Foto: sas / ey
Gräberfeld des Ersten Weltkriegs an der D66 bei Verdun. Foto: sas / ey
  • Gräberfeld des Ersten Weltkriegs an der D66 bei Verdun. Foto: sas / ey
Tour durch die Weiten der Rebfelder in der Champagne. Foto: sas / ey
  • Tour durch die Weiten der Rebfelder in der Champagne. Foto: sas / ey
Spiegelungen im Grabenwasser: Im Garten des Château de Joinville könnte man Stunde um Stunde verbringen. Foto: sas / ey
  • Spiegelungen im Grabenwasser: Im Garten des Château de Joinville könnte man Stunde um Stunde verbringen. Foto: sas / ey
Oh, wie gemein: Ente in zwei Teilen bei Douaumont nahe Verdun. Foto: sas / ey
Gräberfeld des Ersten Weltkriegs an der D66 bei Verdun. Foto: sas / ey
Tour durch die Weiten der Rebfelder in der Champagne. Foto: sas / ey
Spiegelungen im Grabenwasser: Im Garten des Château de Joinville könnte man Stunde um Stunde verbringen. Foto: sas / ey

Läge die Tankstelle bei Meilbrück im Bitburger Land nicht in einer Senke, wäre die Auffahrt auf die ansteigende Bundesstraße 51 nicht so drollig. Man fährt eben erst, wenn wirklich keiner am Horizont zu sehen ist, aber ist die Quatrelle dann gestartet, breitet sie die Flügel aus und gerät mächtig in Wallung. Vier Zylinder voll Adrenalin, Gewitter, die durch die Straßen ziehen.

Ist die Quatrelle erst einmal gestartet, dann breitet sie die Flügel aus

Der kleine Renault macht seine Sache prima. Je näher er seinem Mutterland kommt, desto runder klingt das Motörchen. Bei Longwy, wo Belgien nur zwei Jeanshosen schmal ist, muss er furchtbar glücklich sein: Frankreich breitet sich vor seinem freundlichen Scheinwerferblick aus. Hier ist sein Revier, hier ist unseres: Runter von den Autobahnen und Schnellstraßen, hinauf zu den Höhen der Routes départementales, der D-Straßen, die wie ein Netz durch das Land gesponnen worden sind. Von Alleen gesäumt, von Feldern, auf denen Traktoren Pflüge ziehen und Kartoffeln roden und von Ackerrandstreifen und Brachland gesegnet, auf denen Wildblumen wachsen.

Sie führen von einem Dorf zum nächsten, die Namen zum Verlieben tragen: Arrancy-sur-Crusne, Bras-sur-Meuse, Cons-la-Grandville. Rapsfelder blühen, weiße Kühe grasen auf frischem Grün, und wo die Felder kahl sind, schimmert die Erde rötlich hervor, es ist, als wenn noch heute, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, das Blut Abertausender Soldaten als Mahnung an die Welt, die ganze Welt, zum Himmel hinaufzuleuchten ersucht. Es dauert nicht lange, bis die D66 das erste Gräberfeld dieses furchtbaren Wahnsinns preisgibt. Über 7000 deutsche Soldaten liegen hier begraben. Graue Kreuze, Leid für Leid. Hier war die Hölle auf Erden.

Wer mag Jakob Mose gewesen sein? Ein Name von vielen auf diesen Kreuzen, hinter denen furchtbare Schicksale stecken. Verdun und das mächtige Beinhaus von Douaumont sind nicht weit; das hier ist nur die Spitze des Eisbergs. „Guerre est merde“, hatte Jean-Marc zu uns schon vor Jahren gesagt, Jean-Marc, der Bretone mit dem großen Herzen, längst ein Freund geworden, den wir mit dem R4 erreichen wollen. Krieg ist Scheiße. Wie recht er hat, wenn man hier steht, mit einem Stein auf der Brust, und eine Träne tropft hinab auf das Grab von Jakob Mose.

Für die Männer und Frauen aus neun Dörfern, die in der „Roten Zone“ der Schlacht von Verdun lagen, war der Erste Weltkrieg, um im Jargon zu bleiben, besonders große Scheiße. Von Douaumont, Bezonvaux und den anderen sind nur Granatentrichter geblieben; sie wurden vollkommen ausradiert und nie wieder aufgebaut. Geisterdörfer, die uns erinnern lassen an das Leid, die Widerwärtigkeit des Hasses. Der Hund des Krieges hört nie auf zu bellen. Auch das gehört zum Reisen, denn wer den Himmel erfahren will, darf die Augen vor der Hölle nicht verschließen. Wir kratzen alle an der Oberfläche, erst recht unterwegs, wo wir doch Zeit hätten, mehr Zeit als im vie quotidienne, dem alltäglichen Leben.

Manchmal flackert die rote Kontrollleuchte für die Motorkühlung…

Vie quotidienne (gesprochen: wie kotidienn) klingt schöner als Alltagsleben, so wie marché hebdomadaire (gesprochen: marschée ebdomadärr) auch schöner klingt als Wochenmarkt. Die Magie der Sprache liegt in ihrer Melodie, und die Melodie der vier Pötte ist ein stetes Lied in Dur. Schnell noch das Öl geprüft, den Reifendruck. Vor dem Eisentor des Château de Thillombois – das prickelnde Herz der Champagne rückt immer näher – ist ein kurzer Stopp vonnöten, weil im zwölflampigen Mäusekino neben dem Tachometer die Kühlmittelkontrollleuchte flackert. Rechts ran, Motorhaube auf, nichts dampft, und der Kühlmittelstand ist perfekt zwischen „min“ und „max“ eingependelt. Kein Grund zur Sorge, da ist wohl höchstens ein kleiner Wackelkontakt in der Elektrik.

In diesem Wagen gibt’s wenigstens noch eine, woanders nur noch Elektronik.

Südwärts führt die Reise. Kirchturmspitzen ragen von ferne in den Himmel, kleine Dörfer, teils hübsch restauriert, teils mit der Patina des Untergangs versehen, leuchten wie Edelsteine, manchmal leuchtet auch die Kontrolllampe wieder. In Bar-le-Duc regnet es, in Brillon-sur-Barrois schon nicht mehr. Ein Ortsname wie himmlischer Geigenklang. Das Waschhaus in Haironville verführt zum Fotografieren, die Brücke über das Flüsschen Saulx ebenso. Wasser plätschert, kein Champagner, aber es klingt so, als wenn es welcher wäre. Und als einige Zeit später ein Schild auf Château Joinville am Wegesrand hinweist, wird schon wieder ein Tagesplan durchkreuzt, der keiner war. Merke: Wer morgens nicht weiß, wo er abends schlafen wird, muss keinen Plan haben. Der Morgen trägt ihn bis zum Abend, der immer irgendwann irgendwo ein Ziel für ihn bereithält.

„Bonjour Madame, bonjour Monsieur. Bienvenue au Château Joinville.“ – Es ist ein Juwel von mehreren in der Champagne. Alle Welt spricht von den weißen Schlössern der Loire, die wenigsten von den Châteaux de Champagne, und wenn, dann nur im Zusammenhang mit dem überbewerteten Blubberwasser. Dieses hier mag nicht die Strahlkraft eines Château Villandry haben, es ist kleiner, aber der Park mit seinem Flüsschen, den verschiedenen Gehölzen und den Kunstwerken wird in Erinnerung bleiben. Draußen vor dem Tore perlt der Regen auf dem sandfarbenen Lack des R4 und jedes Tröpfchen ist ein Diamant, es ist das einzige Auto, das hier gerade steht. Die Petites Cités de Caractère, die kleinen Städtchen, haben wahrhaftig Charakter. Ein Café ist Pflicht, und führe der Weg beim nächsten Mal wieder durch die Champagne, stünden auch Sézanne, Vignory und Châteauvillain auf der Reiseroute. Ach nein, lieber nicht, ohne Plan ist die Wahrscheinlichkeit größer, sie wirklich zu sehen…

Der R4 läuft. Sein Motor surrt und schnurrt, so als wenn er sich bedanken würde, bedanken dafür, dass er auf Mutterlandes Straßen in die Gewissheit des Abenteuers geschickt wird, ja, es hat den Anschein, dass er sich wirklich wohlfühlt, der R4, und nichts kann ihn davon abhalten, bis an die Atlantikküste zu rollen. Allez, allez! Sollen sie überholen, die großen, schönen, schicken Autos, die mächtigen Boliden, die nach zwei Jahren alle nur noch die Hälfte wert sind und von keinem ihrer Fahrer unterwegs repariert werden könnten. Hier liegen die Dinge anders. Ein Schraubenschlüsselsatz, ein paar Lampen und Sicherungen, dazu die Strumpfhose, falls der Keilriemen schlappmacht.

Es gibt keine schönere Möglichkeit, sich das Glück zu greifen. Und morgen führt es ins Burgund.


Teil 2: Das Prickeln der Champagnerroute, die magischen Wasser von Tonnerre und ein Koch für Michel Platini.




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