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Wie die Anekdoten wirklich entstanden

Die wahren Abenteuer des „Lügenbarons“ Münchhausen

Wenn Otto von Blomberg über seine Vorfahren aus der Münchhausen-Familie erzählt, glaubt man ihm sofort, dass er mit dem großen Geschichtenerzähler Hieronymus Freiherr von Münchhausen verwandt ist. Seine Erzählungen sind so unterhaltsam, dass man ihn sich gut mit Punsch und langer Pfeife am Kamin vorstellen kann, ganz so, wie der Baron Münchhausen einst Freunde in der Münchhausen-Grotte, dem Lügenpavillon, auf seinem Anwesen in Bodenwerder unterhielt.

veröffentlicht am 28.11.2018 um 17:38 Uhr
aktualisiert am 28.11.2018 um 18:30 Uhr

Das Gemälde zeigt Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Das Porträt ist eine russische Kopie, die im Münchhausenmuseum in Bodenwerder hängt. Repro: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Hieronymus wird als wahrheitsliebender Mann beschrieben“, sagt von Blomberg. „Es hat ihn wirklich betrübt und verbittert, als das Buch mit seinen Anekdoten erschien und er unter dem Titel ‚Lügenbaron‘ weltbekannt wurde.“ Also hat er gar nicht behauptet, er sei auf einer Kanonenkugel geritten oder habe sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen oder sein Pferd an der Kirchturmspitze festgebunden? Wie die Münchhausen-Anekdoten wirklich entstanden und was es außerdem mit einem tragisch wirkenden Münchhausen-Familienbild in der Rintelner Nikolaikirche auf sich hat, davon berichtete der begabte Redner zur Freude seiner Zuhörer.

13 Kinder sind auf dem Münchhausen-Epitaph in der Nikolaikirche dargestellt, zusammen mit ihren Rintelner Eltern Friedrich Ulrich und Anna Dorothea von Münchhausen. Sieben Kinder aus dieser großen Schar sitzen winzig klein rechts und links am Bildrand. Das bedeutet, sie starben, noch bevor sie ein, zwei oder drei Jahre alt waren – kein ungewöhnliches Schicksal in der schweren Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die Mutter hatte die Gedenktafel im Jahr 1686 nach dem Tod ihres Mannes errichten lassen. „Sie selbst konnte diese Tafel also noch fast 40 Jahre wehmütig betrachten“, so Blomberg. Was ihn besonders berührt: Der gesamte Familienzweig ist ausgestorben, und das konnte bereits Anna von Münchhausen wissen. Keines der wenigen Enkelkinder hat selbst wieder Kinder zeugen können. Oder gibt es vielleicht Nachfahren eines unter dramatischen Umständen geborenen unehelichen Kindes?

Die dritte Tochter, Sophie Gertrud, war die Mutter dieses Kindes und konnte darüber gewiss nicht glücklich sein, denn sie lebte als Stiftsfräulein im Jungfrauenstift von Fischbeck, als sie mit 38 Jahren schwanger wurde. Der Vater, ihr 31 Jahre alter Cousin Johann Friedrich, hatte nicht vor, sie zu heiraten, und so musste sie als „Skandaltochter“ das Stift sofort verlassen. Immerhin kam sie bei ihrer jüngeren Schwester, der Äbtissin im Stift Obernkirchen, unter. Das Kindlein wird geboren, aber niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Wahrscheinlich ist es doch gestorben, ebenso wie alle anderen Kinder der weiteren Geschwister. Den Münchhausenhof in Rinteln erbte ausgerechnet der treulose Vater des unehelichen Kindes. Dass er sich mit seinem Verhalten keine Freunde gemacht hatte, beweist ein Dokument über seine Beerdigung im Erbbegräbnis von Exten. In der Aufzeichnung heißt es: „Dr. Rippermann und Landmesser Riepe haben allein die Leiche in einer Chaise fahrend dorthin begleitet und es ist keiner von den Verwandten dabei gewesen.“

Otto von Blomberg Foto: cok
  • Otto von Blomberg Foto: cok
Friedrich Ulrich und Anna Dorothea von Münchhausen sind zusammen mit 13 Kindern auf dem Münchhausen-Epitaph in der Nikolaikirche dargestellt. Sieben starben, noch bevor sie drei Jahre alt wurden. Repro: cok
  • Friedrich Ulrich und Anna Dorothea von Münchhausen sind zusammen mit 13 Kindern auf dem Münchhausen-Epitaph in der Nikolaikirche dargestellt. Sieben starben, noch bevor sie drei Jahre alt wurden. Repro: cok

Was nun Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen betrifft, so ist dieser bekanntermaßen nicht so sang- und klanglos untergegangen. In zwei Jahren wird man seinen 300. Geburtstag groß feiern, in Bodenwerder, wo er in der Klosterkirche Kemnade beerdigt wurde. Touristen, die sein Grab aufsuchen, haben allerdings meist ein falsches Bild von ihm im Kopf. „Es gibt ihn quasi in zwei Versionen“, so Otto von Blomberg. „Eine davon ist die literarische Figur des ‚Lügenbarons‘, die fast alle in der Gestalt des Schauspielers Hans Albers vor sich sehen, wie er auf der Kanonenkugel über das Schlachtfeld fliegt.“

Immerhin, auch der echte Münchhausen war in Russland gewesen, als Teenager schon und Page am Petersburger Hof. Die dreimonatige Winterreise dorthin und all die Geschichten, die er dort am Hofe hörte, bildeten die Basis für seine eigene Geschichtenerzählerei, als er schließlich mit seiner Frau nach Bodenwerder zurückkehrte, ein „kaiserlich-russischer Rittmeister“, der, so erzählt es Blomberg, dort nicht viel mehr zu tun hatte, als im kleinen Städtchen herumzustolzieren, auf die Jagd zu gehen und mit Freunden bei Punsch und langer Pfeife aus seinem abenteuerlichen Leben zu berichten. Wenn er dabei durchaus Jägerlatein auftischte, dann, um andere, die offensichtliche Lügengeschichten erzählten, auf komische Weise zu übertrumpfen und sie damit der bloßen Erfinderei zu bezichtigen. Münchhausen selbst soll wirklich nur wahre Abenteuer erzählt haben.

Dass nun gerade die unterhaltsamen Übertreibungen ihren Weg in die Weltliteratur fanden, lag am etwas zwielichtigen Universalgelehrten Rudolf Erich Raspe, der als Museumskurator in Kassel die von ihm verwaltete Münzsammlung ausplünderte und nach London floh. Dort veröffentlichte er eine Übersetzung seiner bereits in einer deutschen Anekdoten-Zeitschrift anonym veröffentlichten Geschichten erstmals und mit ungeheurem Erfolg unter dem Namen des „Barons Münchhausen“. Gottlieb August Bürger war es dann, der diese verrückten Geschichten ins Deutsche zurückübersetzte, schnell noch den „Ritt auf der Kanonenkugel“ dazuerfand, und so Münchhausens Ruhm in Deutschland und der ganzen Welt begründete.

Raspe habe die Münchhausengeschichten eigentlich als Satire auf gesellschaftliche Zustände verfasst, so Blomberg. Bestes Beispiel dafür sei die Geschichte, wie Münchhausen in der Nacht sein Pferd an einem im Schnee steckenden Pfahl zu binden meint, der in Wirklichkeit die Spitze eines verschneiten Kirchturms ist. Am Morgen ist der Schnee geschmolzen, und während Münchhausen pinkelt, blickt er nach oben, entdeckt das Tier an der Kirchturmspitze und schießt es mit seiner Pistole herunter. Auf dem Friedhof pinkeln, auf eine Kirche schießen – mit solchen skandalösen Anspielungen schrieb sich Raspe, das meint Blomberg, seinen Frust über die Gesellschaft von der Seele.

Frust erzeugte das vor allem beim Freiherrn von Münchhausen selbst. Er verstand gar keinen Spaß, als die Satiren in Deutschland und unter seinem Namen erschienen. Dabei hätte es noch schlimmer kommen können. In der Erzählung vom „halben Pferd“, das weitergaloppiert, obwohl ihm die hintere Hälfte abgetrennt wurde, macht sich das Hinterteil selbstständig und beglückt freudig die Stuten auf der Weide. Dieses anstößige Detail immerhin wurde in der deutschen Fassung unterschlagen.

Information

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 in Bodenwerder geboren. Nach Ausbildung und Karriere als Offizier im Dienste der russischen Zarin kehrte er 1750 nach Bodenwerder zurück und lenkte die Geschicke seines Gutes bis zu seinem Tode am 22. Februar 1797. Bereits zu Lebzeiten rühmte man ihn über die Landesgrenzen hinaus als brillanten, humorvollen Erzähler. Der ehemalige Adelshof der Familie ist im wesentlichen erhalten geblieben, das Herrenhaus dient heute als Rathaus. In der „Schulenburg“ befindet sich das Münchhausenmuseum. Anlässlich seines 200. Todestages stiftete die Stadt Bodenwerder im Jahre 1997 den „Münchhausen-Preis“. Der Freiherr von Münchhausen lebte als Gutsherr 47 Jahre in Bodenwerder.red




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