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Sie leiden auch noch Jahre später

Drei Opfer häuslicher Gewalt erzählen, wie es ihnen geht

Pro Jahr werden laut niedersächsischem Justizministerium über 17 000 Fälle häuslicher Gewalt der Polizei bekannt – allein in unserem Bundesland. Häufig werden die Opfer dabei körperlich verletzt, immer aber psychisch. Wir haben mit drei Opfern gesprochen, ihre Namen sind allesamt geändert:

veröffentlicht am 14.11.2018 um 16:48 Uhr

„Ich musste meine Hose runterziehen, er zog sich den Gürtel aus seiner Hose und schlug zu. Immer wurde er wegen nichts rasend vor Wut.“ Sabine ist Opfer häuslicher Gewalt geworden. Hier erzählt sie davon. Symbolfoto: tol
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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Thomas (60)

Als mein Vater beerdigt wurde, war ich nicht dabei. Für mich war er schon viele Jahre vorher gestorben. Er war in jeder Beziehung ein Gewalttäter und hat die ganze Familie mit seinen Wutausbrüchen terrorisiert. Sobald er nach Hause kam, hatten wir Angst. Man wusste nie, ob man schon in der nächsten Minute seine Faust ins Gesicht bekam. Einmal hat er mich hochgehoben und gegen die Küchenwand geschleudert. Ich weiß nicht, wie oft ich geblutet habe.

Manchmal, nachts, wenn er betrunken war, kam er in mein Zimmer und bat mich heulend um Verzeihung. Aber auch das war Gewalt. Er heulte darüber, dass ich ein Kind bin, das man schlagen muss, auch wenn er das eigentlich nicht wolle, ich würde ihn eben immer so reizen. Mir war klar: Ich bin selber Schuld, ich bin nichts wert. Noch heute gehe ich ungern über Brücken, weil immer wieder dieser Impuls auftaucht, einfach runterzuspringen. Als kleiner Junge habe ich mich oft mit meinen jüngeren Schwestern geprügelt, sie gehauen und so. Aber als ich zehn war, schwor ich mir, nie wieder einen anderen Menschen zu schlagen, egal, welche Situation, nie wieder, um bloß nicht so zu werden wie mein Vater.

Insgesamt hat die Gewalt in meiner Kindheit dazu geführt, dass mein Selbstwertgefühl ziemlich angeschlagen ist. Es fällt mir schwer, sehr schwer, um etwas zu kämpfen, mich zu wehren, wenn man mich angreift, oder meine Rechte einzuklagen. Auch in meinen Liebesbeziehungen bin ich eigentlich immer der Schwache. Dass ich nie selbst Kinder haben wollte, hat auch mit meiner eigenen schweren Kindheit zu tun.

Sabine (52)

Vor ein paar Jahren habe ich mich sehr mit meiner besten Freundin gestritten. Wir kennen uns schon aus der Schulzeit, aber ich hatte nie erzählt, wie schrecklich ich von meinem Vater verprügelt worden bin, bis ich zwölf, 13 Jahre alt war. Es war mir fürchterlich peinlich, und ich hätte nicht gewusst, wie ich das in Worte fassen soll. Meine Freunde mochten meinen Vater. Er war lustig, kam auch manchmal in mein Zimmer wenn ich Besuch hatte und redete mit ihnen. Sie fanden das gut, ich fand es grauenhaft.

Als ich dann, viele Jahre später, meiner besten Freundin davon erzählte, war sie natürlich geschockt. Ich erzählte ihr, wie mein Vater sich mit mir im Bad einsperrte. Ich musste meine Hose runterziehen, er zog sich den Gürtel aus seiner Hose und schlug zu. Immer wurde er wegen nichts rasend vor Wut. Mein Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann, aber er kam aus einer Familie von Landarbeitern und konnte nicht mal fehlerfrei lesen und schreiben. Ich dagegen war früh schon ziemlich intellektuell, das machte ihn wahnsinnig.

Wenn er schlug, versuchte ich nicht zu weinen. Er aber setze alles daran, dass ich weinen und mich entschuldigen sollte. Ich biss aber die Zähne zusammen und blieb stumm, solange, bis er nicht mehr weiter zuschlagen konnte. Das war mein Sieg. Zum Streit mit meiner Freundin kam es, als sie mich fragte: Warum nur hast Du nicht geweint, warum hast Du nicht zum Schein um Verzeihung gebeten? Ich sagte: Spinnst Du? Nicht zu weinen, nicht zu flehen, das war doch die einzige Möglichkeit, einen Rest Ehre zu bewahren, einen Funken Überlegenheit, trotz allem. Sie sagte: Aber es wäre doch eine Art Trick gewesen, damit er endlich aufhört. Da hab ich nichts mehr gesagt und war lange sowas von enttäuscht, weil sie nicht kapierte, worum es ging.

Ich selbst schlage nie jemanden. Ich wehre mich nur selten. Wenn ich Ungerechtigkeit erlebe, dann denke ich: Ja, geschieht Dir recht, Du bist eben nichts wert. In Wirklichkeit weiß ich, dass das nicht stimmt. Aber mein Gefühl sagt mir: Es stimmt eben doch, sonst wäre das nicht passiert.

Bernd (25)

Ich habe so viel Zeit damit verschwendet, mich von einem Menschen abzugrenzen, mit dem ich nichts mehr zu tun habe – meinem Vater. Natürlich hatte ich Angst davor, so zu werden wie er, einer zu werden, der ohne Not alles kaputt macht. Als meine Stiefmutter in die Familie kam – da war ich drei Jahre alt – ging es los mit der Gewalt. Sie war eifersüchtig auf mich und meine Geschwister und sie hatte einen Putzfimmel. Sie schlug wegen jeder Kleinigkeit zu, ein Krümel auf dem Boden, ein Filzstiftstrich an der Wand. Und mein Vater machte mit. Er trank auch schrecklich viel. Meine richtige Mutter war abgehauen. Es ist so: Ich habe kein Konzept von „Mutter“, „Vater“, „Familie“. Gefühlt bin ich eine Waise.

Als Teenager war ich so unglücklich, dass ich ständig darüber nachdachte, mich umzubringen. Und manchmal war ich so voller Wut, unendlichem Hass, dass ich jemanden hätte umbringen können. Es fällt mir wirklich schwer, Gefühle zu zeigen, immer noch. Es ist zu eingebrannt: Sobald man Schwäche zeigt, kriegt man eins aufs Dach. Mein einziges Glück war, dass ich einen Hund hatte, er war mein einziger Verbündeter.

Jetzt habe ich eine tolle Freundin. Ich liebe sie über alles und will sie nicht verlieren, das wäre mein Ende. Manchmal wundere ich mich, dass ich insgesamt doch ganz wohlgeraten bin. Ich will durchaus Kinder haben, davor habe ich keine Angst. Ich will mir den Titel „Mensch“ verdienen.

Information

Frauen sollen besser vor Gewalt geschützt werden

Bedrohung, Körperverletzung, Vergewaltigung, Mord – Frauen werden in Deutschland oft Opfer von Gewalt. Aber nur wenige nehmen Hilfe in Anspruch. Und nicht überall gibt es ausreichend Hilfsangebote.

  • Angesichts Zehntausender gewalttätiger Übergriffe auf Frauen jedes Jahr wollen Bund, Länder und Kommunen Hilfs- und Schutzangebote ausbauen. „In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) im September anlässlich der ersten Sitzung eines Runden Tischs von Bund, Ländern und Kommunen gegen Gewalt an Frauen in Berlin. Ziel der Zusammenarbeit ist der Ausbau und die finanzielle Absicherung der Arbeit von Frauenhäusern und ambulanten Hilfs- und Betreuungseinrichtungen.
  • Im Jahr 2016 wurden laut Giffey fast 110 000 Frauen in Deutschland Opfer von versuchten oder vollendeten Delikten – darunter Mord, Totschlag, Körperverletzung, Bedrohung, sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung durch ihre Partner oder Ex-Partner. Das seien nur die bei der Polizei angezeigten Taten. „Diesen Frauen müssen wir helfen, der Gewalt zu entkommen“, sagt die Ministerin.
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte im Juli bei einem Besuch eines Hilfetelefons in Köln gesagt: „Gewalt gegen Frauen ist oft ein Tabuthema.“ Das Hilfetelefon mit der Nummer 08000 116 016 wurde vor fünf Jahren gegründet, weil Studien gezeigt hatten, dass sich viele Frauen ein niederschwelliges, vertrauliches Angebot wünschen, das rund um die Uhr erreichbar ist. Mehr als 143 000 telefonische Beratungen haben seither stattgefunden, 70 Beraterinnen sind für das Hilfetelefon tätig.
  • Etwa jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von Gewalt – das bestätigte zuletzt im Jahr 2014 eine EU-Untersuchung. Aber nur jede fünfte dieser Frauen nimmt daraufhin Hilfe in Anspruch.
  • Die Bremer Frauensenatorin Anja Stahmann (Grüne) sagte: „Für viel zu viele Frauen ist die häusliche Umgebung alles andere als ein sicherer Ort.“ Die Versorgung mit Frauenhäusern sei aber nicht in allen Regionen gesichert und die Finanzierung der Aufenthalte nicht für alle Frauen geklärt, so die Vorsitzende der Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und -minister. „Der Schutz von Frauen vor Gewalt muss also dringend weiter ausgebaut werden.“
  • Für die kommunalen Spitzenverbände sprach sich Bürgermeisterin Sonja Leidemann aus Witten dafür aus, die Zahl der Frauenhäuser und die zur Verfügung stehenden Plätze deutlich zu erhöhen. Für flächendeckende Hilfsangebote müssten Bund, Länder und Kommunen an einem Strang ziehen. Auch in Hameln gibt es das Problem, dass es im Frauenhaus einfach zu wenige Plätze gibt. Dies wird von offiziellen Seiten auch immer wieder beklagt – doch noch hat sich nichts Entscheidendes zum Positiven getan.
  • Derzeit bieten bundesweit fast 350 Frauenhäuser und mehr als 100 Schutzwohnungen Schutz vor Gewalt. Insgesamt gibt es dort über 6000 Plätze. Dazu kommen über 600 Beratungs- und Interventionsstellen.
  • Der Bund will mit einem Förderprogramm die Einrichtungen absichern. 2019 sind dafür 5,1 Millionen Euro eingeplant, im Jahr darauf sollen 30 Millionen Euro fließen. Auf den Runden Tisch gegen Gewalt an Frauen hatten sich Union und SPD im Koalitionsvertrag verständigt. Bund, Länder und Kommunen wollen sich auf die Weiterentwicklung der Unterstützungsangebote verpflichten.

dpa




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