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Michael Zimmermann erlebt den Wettbewerb live vor Ort

Ein echter Eurovisionär: Zum achten Mal beim ESC

Reiselust ist unter Journalisten vielleicht nicht gar so ungewöhnlich. Michael Zimmermann, bis 2017 Volontär der Dewezet, bringt es jedoch auf eine Reihe ganz besonderer Touren: Er reist regelmäßig im Zeichen des Eurovision Song Contests – so auch jetzt nach Tel Aviv. Schon zum achten Mal ist der 36-Jährige bei einem Finale der Glitterpop-Europameisterschaft live vor Ort. Für uns hat er in Fotos und Erinnerungen gekramt …

veröffentlicht am 17.05.2019 um 10:51 Uhr
aktualisiert am 17.05.2019 um 11:26 Uhr

Tel Aviv 2019: Das ESC-Raumschiff ist gelandet, die israelische Metropole feiert das Popfest – Michael Zimmermann ist ganz Ohr. Am Samstagabend läuft das Finale ab 20.15 Uhr im Ersten. Foto: mz
Michael Zimmermann

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Michael Zimmermann Gastautor zur Autorenseite
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Am Anfang stand eine Schnapsidee: Falls Norwegen den Eurovision Song Contest einmal gewinnen sollte, dann wollen wir uns das vor Ort anschauen. Aus dieser einmaligen Geschichte wurde eine kleine Tradition, die inzwischen in die achte Runde geht – dank des Sieges von Lena und einer Atmosphäre, die wahrscheinlich einmalig ist. Man stelle sich eine Fußball-EM mit mehr als 40 Mannschaften vor, die alle gleichzeitig im selben Stadion spielen und die so friedlich ist, dass die Fans auch die Gegner anfeuern. Im Laufe so einer Woche hört man sich die Musik schon irgendwie schön – wichtig sind ohnehin die jährlichen Wiedersehen mit alten Bekannten und die neuen Freundschaften, die vor Ort entstehen.

Oslo 2010:

Oslo 2010: „Wenn Norwegen gewinnt, fahren wir hin!“ So kam es zum ersten ESC-Abenteuer – samt Lena-Sieg.

Im Vergleich zu heute war die ganze Veranstaltung damals noch relativ überschaubar: Fans und Teilnehmer passten zusammen in einen kleinen Club, die Sicherheitsvorkehrungen hielten sich in Grenzen. Und Stefan Raab sendete eine Woche lang live aus Oslo. Dass ausgerechnet Deutschland das Ding nach Hause bringt, konnte ja keiner ahnen – auch wenn die lokalen Zeitungen nur darüber schrieben, ob Lena nun mit dem aktuellen Teilnehmer oder dem aus dem Vorjahr anbändelt.

Nach dem Finale, nachts um drei, war die deutsche Delegation bereit für die After-Show-Party. Der Fahrstuhl wartete abfahrbereit – nur Lena band sich zu meinen Füßen erst einmal in aller Ruhe die Schnürsenkel ihrer Chucks.


Düsseldorf 2011:

Düsseldorf 2011: Partyfoto mit Alexander Rybak, Sieger von 2009. Foto: mz

Keine Frage, ein ESC in Deutschland kann nur in Berlin oder Hamburg stattfinden. Denkste! Der NDR entschied sich für Düsseldorf, denn dort gab es eine Arena, die für mindestens sechs Wochen zur Verfügung stand. Im Gegensatz zu den Norwegern waren die Düsseldorfer keineswegs entspannt – was allerdings die russische Delegation nicht davon abhielt, eine wilde und chaotische Party zu feiern: Es gab tumultartige Szenen am Eingang, im Grunde musste man nur darauf warten, dass einen die Welle durch den Einlass spülte. Drinnen gab es Wodka für alle und Gesangseinlagen verschiedener Künstler, inklusive dem Sieger von 2009, Alexander Rybak, der dann später auch noch ein bisschen verstrahlt für ein Foto zu haben war.


Malmö 2013:

Malmö 2013: Aserbaidschan 2012 ausgelassen, dann in Schweden als Norwegen-Fan wieder Flagge gezeigt. Foto: mz

Der schwedische Fanclub hatte als Party-Location ein Gemeindezentrum angemietet, das aussah wie eine orthodoxe Kirche. Um von dort mit dem Taxi nach Hause zu kommen, waren jeden Abend Diskussionen mit den Taxifahrern nötig – der Preis schwankte zwischen zehn und 30 Euro. Neben der Eishockeyhalle, in der die Shows ausgetragen wurden, steht ein Einkaufszentrum, in dem sich auch die Künstler vor den Proben gestärkt haben. Mit wachen Augen konnte man ihnen dabei aufs Tablett schauen. In Malmö dann auch mein erster Radioauftritt: NDR Welle Nord interviewte mich im Pressezentrum als „Fan“.


Kopenhagen 2014:

Wien 2015: Österreichische Party mit Stil und Käse krainern. Am Ende gewinnen dann aber mal wieder Skandinavier. Foto: mz

Es gibt einen uralten Schlager, in dem es heißt „In Kopenhagen bei Nacht, da kommt man nicht zum Schlafen“ – und da ist was dran. Wenn eine Kneipe schließt, zieht ein immer größer werdender Tross einfach zur nächsten, die noch geöffnet ist.

Ich hatte vor der Reise einen kleinen Betrag darauf gewettet, dass Österreich in den Top 5 landet. Bei der Generalprobe für das erste Halbfinale habe ich mich geärgert: Mit der perfekten Show war Conchita Wurst definitiv eine Kandidatin für den Sieg – und in Dänemark war die App des Wettanbieters gesperrt. Einen Tag später lief die Show im Fernsehen – und die Wettquoten rauschten in den Keller …

Auf dem Rathausmarkt war für das Finale eine Leinwand aufgebaut. Es regnete in Strömen, doch ein paar Menschen fieberten trotzdem bei der Punktevergabe mit. Gleich nebenan stand eine Bühne. Dort wurde nach der Übertragung noch lange gefeiert – Regen hin oder her.


Wien 2015:

Kopenhagen 2014: Conchita Wurst macht früh klar: Das könnte für den österreichischen Sieg reichen … Foto: mz

Public Viewing zwischen Hofburg und Rathaus hat schon etwas sehr Erhabenes – fast so erhaben, wie mitten in der Nacht mit einer Gruppe Australier die fettigsten Käsekrainer Österreichs zu suchen. Mein Lieblingsmoment war die hartnäckige Frage des Moderators auf einer Party an einen früheren österreichischen Teilnehmer, wie schlimm es für ihn war, Letzter zu werden.


Stockholm 2016:

Stockholm 2016: Als Lokaljournalist beim Songcontest. Jamie Lee ging in Hameln zur Schule – und in Stockholm über den roten Teppich. Foto: mz

Für mich in mehrfacher Hinsicht speziell: Zum einen, weil ich die Stadt sehr gut kenne (und auch nicht nur mag) – zum anderen, weil ich nur halb zum Spaß dort war: Dank Jamie Lee konnte ich für die Dewezet und Radio Aktiv von dem Spektakel berichten. Also musste ich mittags die Proben und die Pressekonferenzen ansehen, nachmittags den Text für die Zeitung schreiben, Videos aufnehmen und auf Termine gehen – und abends neben den Shows auch die Stimmung auf den Partys mitnehmen. Viel Arbeit, extrem wenig Schlaf – und doch eine Menge Spaß. Das Finale habe ich im Pressezentrum geschaut.


Lissabon 2018:

Lissabon 2018: Große Show, großartige Stadt. Die portugiesische Metropole zeigte sich von ihrer besten Seite. Foto: mz

Dieses kleine Land am Atlantik schien sehr froh zu sein, endlich mal etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit vergleichsweise wenig Geld boten die Portugiesen alles auf, was Rang und Namen hat, blieben immer freundlich und bedankten sich – gefühlt – für alles. Bei unserem zweiten Besuch in einem Restaurant umarmte uns der Kellner zum Abschied. Das Finale schauten wir auf dem Praça do Comércio direkt am Fluss, zusammen mit Zehntausenden Menschen aus aller Welt – die nach der Show ein beeindruckendes Feuerwerk zu sehen bekamen.


Tel Aviv 2019:

Tel Aviv ist für sich genommen schon eine liberale Blase innerhalb Israels, das merkt man spätestens, wenn man ein paar Kilometer aus der Stadt herausfährt. Wenn dort das ESC-Raumschiff landet, sind die Kontraste noch deutlicher. Viele Cafés und Kneipen feiern die Eurovisionswoche mit eigenen Veranstaltungen, Galerien organisieren Ausstellungen mit Kunst zum Thema. Direkt am Meer ist ein riesiger Park zur Fanmeile erklärt worden, abseits der Liveübertragungen drängen sich dort täglich Hunderttausende zur großen Bühne, auf der neben den ESC-Teilnehmern auch israelische Stars auftreten. Den nächsten Lena-Moment werden wir hier wohl eher nicht erleben – für die S!sters wird es am Samstagabend sehr schwer …




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