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Expertin fordert Erfassung der Angriffe

Ein Jahr nach der Beißattacke: Chico und die Folgen

Vor einem Jahr tötete ein Terriermischling in Hannover zwei Menschen. Die Staatsanwaltschaft beschäftigt sich immer noch mit möglichem Behördenversagen in dem Fall. Wie kann verhindert werden, dass Hunde ihre Besitzer oder Fremde angreifen?

veröffentlicht am 03.04.2019 um 15:58 Uhr
aktualisiert am 03.04.2019 um 16:50 Uhr

Ein Jahr nach der tödlichen Beißattacke des Hundes Chico auf seine beiden Besitzer ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover immer noch in dem Fall. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Autor:

Christina Sticht

Zwei Menschen werden im April 2018 von einem Hund in einem Mietshaus zu Tode gebissen, doch über die Opfer redet danach kaum einer. Im Mittelpunkt steht Chico, der Hund des getöteten 27-Jährigen und seiner 52 Jahre alten Mutter. Als Polizisten die Hochparterre-Wohnung betreten, finden sie die Leichen von Mutter und Sohn und bringen den sandfarbenen Staffordshire-Mischling mit dem zerknautschten Gesicht in ein Tierheim. Die Schwester des Mannes hatte durch das Balkonfenster ihren leblosen Bruder gesehen und bei der Alarmierung der Polizei vor dem Hund gewarnt.

Die Obduktion ergibt, dass die pflegebedürftige Frau, die im Rollstuhl saß, und ihr schwerkranker, kleinwüchsiger Sohn an Bissverletzungen starben. Wenige Tage nach der Attacke muss die Stadt Hannover einräumen, dass Chico den Behörden schon 2011 aufgefallen war. Es gab Hinweise auf eine gesteigerte Aggressivität des Terriermischlings sowie die mangelnde Eignung des unter Betreuung stehenden jungen Halters. Vielleicht auch wegen dieser Hinweise auf Behördenversagen wuchs das Mitleid mit Chico – das Tierheim ließ ihn zudem von Journalisten fotografieren und filmen. Fast 300 000 Unterschriften sammelte die Online-Petition „Lasst Chico leben!“

Die Staatsanwaltschaft Hannover beschäftigt sich noch heute mit dem Fall. Wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung wird gegen zwei städtische Angestellte ermittelt. Möglicherweise wussten sie schon sehr viel früher von der Gefährlichkeit des Hundes, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Klinge. Der junge Mann hatte ihn in einem Stahlkäfig in seinem Zimmer gehalten und Nachbarn zufolge zuletzt nur nachts ausgeführt. Chico litt zum Zeitpunkt der tödlichen Bisse an einer schmerzhaften Kieferverletzung – auch deshalb entschied die Veterinärbehörde, ihn am 16. April 2018 einzuschläfern. Daraufhin ging eine Strafanzeige wegen der ungerechtfertigten Tötung eines Tieres ein. Dieses Verfahren wurde eingestellt, genauso wie Ermittlungen wegen des Verdachts des Aufrufs zu einer Straftat. Im Internet war die Forderung nach einer Todesstrafe für den Tierarzt aufgetaucht, der Chico eingeschläfert hatte.

Trägt ein gefährlicher Hund einen Maulkorb, kann dieser Menschen und andere Tiere vor Beißattacken schützen. Foto: pixabay

Die Tierärztin Kathrin Roiner-Frenzel aus Mainz hat ihre Doktorarbeit über Beißattacken von Hunden geschrieben. Es sei wissenschaftlich belegt, dass als gefährlich gelistete Rassen wie American Staffordshire prozentual nicht häufiger zubeißen als andere, betont sie. Bisher hat jedes Bundesland sein eigenes Hundegesetz. „Notwendig wäre eine einheitliche Gesetzgebung und eine zentrale Erfassung der Beißvorfälle“, fordert die Fachfrau. Einige Länder wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Baden-Württemberg registrieren Beißattacken, Niedersachsen bisher nicht zentral.

Nach Schätzungen sterben jährlich drei bis vier Menschen nach Hundebissen oder durch Hundestöße. Studien zufolge werden meist dem Tier bekannte Menschen zu Opfern, häufig Kinder oder Senioren. Kurz nach Chicos Attacke wurde im hessischen Odenwald ein sieben Monate alter Junge durch einen Biss des Familienhundes getötet.

In Ganderkesee bei Bremen biss am 28. Februar dieses Jahres ein Jagdhund eine 89-Jährige in ihrer Wohnung tot. Das Tier gehörte dem Sohn der Seniorin – der Jäger erschoss seinen eigenen Hund daraufhin im Garten. Rätsel gibt den Ermittlern derzeit die Attacke eines noch unbekannten Hundes in Hameln auf. Ein Zweijähriger wurde mit einer tiefen, blutenden Bisswunde im Garten gefunden, er musste mit dem Hubschrauber in eine Klinik gebracht werden.

Vor der Anschaffung eines Hundes muss in Niedersachsen jeder künftige Tierbesitzer eine theoretische Prüfung – den Sachkundenachweis – ablegen. „Das Niedersächsische Hundegesetz gilt als bundesweit vorbildlich“, erklärt das Agrarministerium in Hannover. Deshalb sei eine Änderung der Regelungen nach dem Fall Chico nicht erforderlich gewesen. Auch der Deutsche Tierschutzbund ist gegen Rasselisten mit angeblich gefährlichen Hunden und plädiert für den Sachkundenachweis vor der Anschaffung. „Spontankäufe werden dadurch erschwert und Tierleid verhindert“, sagt Sprecherin Lea Schmitz.

Information

Sachkundenachweis und Sachkundeprüfung

Gemäß § 3 des Niedersächischen Gesetzes über das Halten von Hunden (NHundG) ist nach dem 1. Juli 2013 ein Sachkundenachweis für Erst-Hundehalterinnen und -halter erforderlich. Die theoretische Sachkundeprüfung ist vor der Aufnahme der Hundehaltung, die praktische Prüfung während des ersten Jahres der Hundehaltung abzulegen. Vorbereitende Kurse sind nicht verpflichtend und können auf freiwilliger Basis absolviert werden. Es steht jeder Hundehalterin und jedem Hundehalter frei, sich ohne Vorbereitungskurs zur jeweiligen Sachkundeprüfung anzumelden. Jeder Hundehalter muss die Sachkundeprüfung nur einmalig erfolgreich ablegen.

Was ist die Niedersächsische Sachkundeprüfung?

Sachkundeprüfung: Der Anforderungsrahmen für eine einheitliche theoretische und praktische

Sachkundeprüfung wurde von einer Facharbeitsgruppe (AG) erarbeitet. Hundehalter haben seit Juli 2013 die Möglichkeit, den theoretischen Test online oder in Papierform bei einem anerkannten Prüfer zu absolvieren. Die praktische Sachkundeprüfung wird ebenfalls seit Juli 2013 von anerkannten Prüfern abgenommen.

Theoretische Prüfung Hundehaltersachkunde: Die theoretische Prüfung muss vor der Aufnahme der Hundehaltung abgelegt werden.

Der theoretische Sachkundenachweis kann von den Hundehalterinnen und Hundehaltern als Online-Test wie auch als Papierfragebogen abgelegt werden. Es handelt sich um einen Single-Choice-Test bestehend aus 35 Fragen. Die

Themenbereiche umfassen: Erziehung, Ausbildung, Angst und Aggression, Haltung, Pflege, Gesundheit; Zucht, Fortpflanzung, Rasse, Kommunikation sowie einschlägiges Recht. Die Bereitstellung des Single-Choice-Tests erfolgt durch eine beauftragte zentrale Stelle.


Praktische Prüfung der Hundehaltersachkunde: Die praktische Prüfung ist während des ersten Jahres der Hundehaltung abzulegen. Sie muss nicht mit dem eigenen Hund abgelegt werden. Der Schwerpunkt der niedersächsischen Prüfung liegt nicht auf der Überprüfung des Ausbildungsstandes des Hundes oder auf der Bewertung des Hund-Haltergespannes, sondern auf der Überprüfung der Sachkunde des Halters. Sofern die Hundehalterin oder der Hundehalter einmal erfolgreich eine praktische Prüfung abgelegt hat, muss sie oder er diese Prüfung nicht bei Anschaffung eines weiteren Hundes wiederholen. Im Falle des Haltens eines als gefährlich eingestuften Hundes muss mit diesem Hund die praktische Sachkundeprüfung erneut abgelegt werden.




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