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Exzentrisch, ehrgeizig und streitbar, verkannt und gekränkt

Ein Steinberger Original: Das Leben des Doktor Fauth

Der Steinberger Prof. Dr. Heinz-Erich Fauth Khan polarisiert bis heute. Vergangene Woche jährte sich zum 14. Mal der Todestag dieses Steinberger Originals. Der Nachruf in unserer Zeitung lautete schlicht: „In Memoriam“ – im Andenken. Ein Blick auf das Leben eines echten Exzentrikers.

veröffentlicht am 02.05.2018 um 18:13 Uhr
aktualisiert am 02.05.2018 um 18:54 Uhr

Das Grab des Dr. Fauth auf dem Steinberger Friedhof. Unter anderem ist auf dem Stein der Satz „In Kummer gestorben“ zu lesen. Das Bildnis wurde noch zu Lebzeiten gefertigt. Foto: Momo

Autor:

MAURICE MÜHLENMEIER

Im Jahr 2004 fand eine der seltsameren Beerdigungen in Steinbergen statt. Nicht nur, dass die Leiche entgegen der bisher üblichen Sitte zu Hause aufgebahrt worden ist – auch die Totenfeier fand dort statt. Limousinen fuhren vor, geschmückt mit Wimpeln des afghanischen Konsulats, schicke Herren in Anzug und Krawatte erschienen, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen. In einer Prozession wurde der Sarg durch das Dorf getragen, hinunter zur Grabstätte an den restaurierten Resten der alten Dorfkirche. Das Grab wurde von der Kirche gestiftet – für die Verdienste des Verstorbenen um Steinbergen.

Wie muss jemand gelebt haben, der eine solche Beerdigung bekommt? Die Rede ist von Professor Dr. Heinz-Erich Fauth Khan, gebürtiger Steinberger, dessen Spuren sich überall im 1700-Seelen-Bergdorf wiederfinden, ohne dass sie wahrgenommen werden. Wir haben uns auf die Suche begeben nach dem Wirken des Mannes, dessen Beschreibungen von „sonderbar“ über „streitbar“ bis hin zu „zwei, drei Nummern zu groß für das dörfliche Steinbergen“ reichen. Fauth wurde 1927 mitten in dem Rintelner Ortsteil geboren und wuchs dort auf. Er studierte Zahnheilkunde an der Universität Erlangen, wo er auch heiratete. Für die folgenden Jahre blieb Erlangen sein Lebensmittelpunkt, er eröffnete dort eine Praxis. Mit seiner Arbeit war er sehr erfolgreich, wie Anna Engel, eine enge Freundin Fauths, berichtet: „Er konnte sich vor Kundschaft kaum retten, behandelte nur Privatpatienten.“

Dennoch füllte ihn diese Tätigkeit nicht aus. Eine Aufforderung der Bundesregierung nach Freiwilligen für die Entwicklungshilfe in Afghanistan weckte sein Interesse. Er meldete sich freiwillig und ging mit seiner Familie nach Kabul. Diese weitreichende Entscheidung erklärte er Jahre später seiner Vertrauten Engel mit den Worten: „Was soll ich mir Reihenhäuser und Autos kaufen?“ 1970 wurde Kabul zu Fauths neuer Heimat. Dort baute er federführend eine zahnmedizinische Fakultät an das bestehende Krankenhaus in Kabul an – inklusive eines Neubaus und der Einrichtung eines Lehrstuhls. Er bildete selbst aus – eine Arbeit, die ihm viel Freude bereitete, den Fotos in seinem Haus nach zu urteilen, auf denen er und seine Studenten gleichermaßen in die Kamera strahlen.

Prof. Dr. Heinz-Erich Fauth Khan Foto: Momo
  • Prof. Dr. Heinz-Erich Fauth Khan Foto: Momo
Selbstgesetztes Denkmal: der Findling am Standort der Uffoburg, daneben Dr. Fauths Hauptwerk. Foto: Momo
  • Selbstgesetztes Denkmal: der Findling am Standort der Uffoburg, daneben Dr. Fauths Hauptwerk. Foto: Momo

Fauth beließ es jedoch nicht beim bloßen Lehren. Während seiner Zeit in Kabul verfasste er ein Lehrbuch der Zahnmedizin in afghanischer Sprache in zwei Bänden. Für seine Verdienste um Afghanistan verlieh ihm König Mohammed Zahir Schah den Ehrentitel „Khan“, der als Zusatz hinter den Namen gehangen wurde, ähnlich dem deutschen „Fürst“ oder „Freiherr von“. 1979 jedoch warfen die Ereignisse der Weltpolitik ihren Schatten auf das Leben des Dr. Fauth. Die Sowjets marschierten in Afghanistan ein, das Land versank im Bürgerkrieg zwischen sowjetisch unterstützter Regierung auf der einen und westlich finanzierter Mudschahedin auf der anderen Seite. Auch Fauth litt die nächsten Jahre zunehmend. Nachdem er zahlreiche Kriegsverbrechen miterleben musste, setzen ihm die Ereignisse auch gesundheitlich zu. Er verließ das Land, dem er so viel gegeben hatte. Unwissend, ob sein Lebenswerk die Wirren der Zeit überdauern würde. Sein Sohn und seine Frau, mit der er zeitlebens verheiratet blieb, wohnten weiterhin in Erlangen. Ihn selbst zog es in das ruhigere Steinbergen: „Da unten schau ich doch auch nur auf Häuserreihen an Häuserreihen“, erklärte er Engel. Ihn zog es ins Grüne seiner Heimat. Mit eben dieser Heimat beschäftigte er sich bis zu seinem Tod intensiv. Wenig bekannt ist die Ruine der Uffoburg, eine mittelalterliche Burganlage, die sich in der heutigen Landschaft zwar nur noch erahnen lässt, für ihn aber einen bedeutenden Teil der Steinberger Frühgeschichte darstellte. Fauth entdeckte und erforschte die Burg, eine offizielle Urkunde zu ihrer Entdeckung wurde ihm ausgestellt. Ebenfalls sein Verdienst sind seine Forschungen zur alten Steinberger Kirche, die er sogar skizzierte. Er beteiligte sich an lokalarchäologischen Grabungen zwischen Steinbergen und Engern. Dort fand er zahlreiche auf das Mittelalter datierte Exponate: über Zähne und Töpferwaren bis hin zu Erzklumpen. Wohl am bedeutendsten für die Heimatforschung sind seine Buchveröffentlichungen. Selten wurde die Geschichte Steinbergens so minutiös aufgearbeitet. Udo Schobeß war zu jener Zeit mit Fauth befreundet und half ihm bei der Recherche: „Ich arbeitete damals im Katasteramt“, berichtet der Vermessungsingenieur. „Er war ein sehr netter, gebildeter Mann. Sehr belesen,“ erinnert sich auch Ute Schobeß, die den Text für Fauths immerhin knapp 650 Seiten starken Wälzer „Steinbergen, der Wesergebirgs-Paß und das Amt Arensburg“ ins Reine tippte.

Was soll ich mir Reihenhäuser und Autos kaufen?

Prof. Dr. Heinz-Erich Fauth Khan, Entwicklungshelfer in Kabul

Doch während dieser Zeit trat auch Fauths „bisweilen anstrengender“ Charakter zutage. Er war ein genauer, präziser Mann. Sein unermüdlicher Eifer und sein Ehrgeiz übertrugen sich nicht in der Weise auf andere, wie er sich das wünschte. Auch Ludwig Schröder, langjähriger Vorsitzender des Verkehr- und Verschönerungsvereins Steinbergen und Nachbar Fauths, erinnerte sich: „Er war streitbar, so viel ist sicher.“ Beispielhaft erwähnt Schröder, wie Fauth gegen die Sparkasse ankämpfte, die an ihrem heutigen Standort in Steinbergen das Geburtshaus des bekannten Steinberger Heimatdichters Hermann Schütte abreißen ließ. Ein Verlust, den der geschichtsbegeisterte Fauth nur schwerlich verwunden hat. „Er löste alle seine Konten bei der Sparkasse auf“, verrät Schröder mit einem leichten Schmunzeln. Doch war das nicht die einzige Bemühung, die er unternahm, um das Alte, das Geschichtsträchtige im Ort nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Steinberger Backhaus ist auf Fauths Initiative hin vor dem Abriss gerettet worden, es ist seine Idee gewesen, es andernorts wieder aufzubauen.

Doch auch in dieser Geschichte zeigt sich die Zwiespältigkeit um die Person des Dr. Fauth: Da seine Vorschläge bei der Suche nach einem neuen Standort übergangen wurden, zog er sich aus der Initiative zurück und überließ sie sich selbst. Heute erinnert nichts daran, dass es Fauth war, der das Backhaus vor dem Abriss bewahrte.

Auch die Steinberger 1100-Jahr-Feier lief unter seiner Regie ab. Unter erheblichem zeitlichen wie materiellen Aufwand organisierte Fauth ein Rahmenprogramm, das sich sehen lassen konnte: Ein großer Umzug von Menschen, gekleidet in historischen Gewändern, zog durch das Dorf, er selbst als Bischof verkleidet, hoch zu Ross. Das Schauspiel diente der Inszenierung der Hildburgsage. Hildburg war die Gemahlin des Grafen Uffo, dessen Nebenburg Fauth am südlichen Dorfrand aufspürte. Sein Versuch, die Steinberger Bevölkerung für ihre Historie zu begeistern, erzeugte erneut nicht die Resonanz, die er erwartete. Doch die Spuren von Dr. Fauth finden sich noch immer im Dorf. Große Findlinge ließ er aufstellen, in die er die historischen Flurnamen gravieren ließ. „Aus eigener Tasche bezahlt“, wie Schröder verrät. Auch das Steinberger Wappen des Verkehr- und Verschönerungsvereins geht auf ihn zurück. Entgegen all dieser Entdeckungen und des Engagements des Dr. Fauth, war ihm die Steinberger Bevölkerung nie wirklich gewogen. Dem trägt auch Fauths Grabstein Rechnung, die folgende Inschrift trägt: „In der Welt hochgeschätzt und verehrt, in der geliebten Heimat verkannt und gekränkt. In Kummer gestorben.“

Was war vorgefallen? „Er war einfach ein paar Nummern zu groß für dieses Dorf“, so Engel, die bis zu seinem Tode in einem Haus mit ihm lebte. „Er schrieb und telefonierte viel nach Amerika.“

In der Tat war Fauth auch ein Kunstkenner, Sammler alter Teppiche und ein überdurchschnittlich fleißiger Autor, Historiker und Korrespondent mit Brieffreunden in aller Herren Länder. Ein Mann von Welt also, den die Steinberger vor den Kopf stießen, weil sie seine Leistungen nicht anerkannten? „Er fühlte sich nicht wirklich gewürdigt, für das, was er getan hat,“ so auch Steinbergens Ortsbürgermeister Heiner Bartling. Übereinstimmend wird vermutet, dass Fauth eine andere Behandlung gewöhnt war aus der Zeit, in der er in Afghanistan weilte. Im Gespräch mit zahlreichen Menschen, die ihn kannten, verdichtet sich das Bild eines Mannes, der klare Vorstellungen von der Dankbarkeit hatte, die man ihm entgegenbringen müsste. Der vielleicht ein wenig von sich eingenommen war, aber das nicht unbedingt zu Unrecht. Für seine Leistungen wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt, in der Heimat nahm kaum jemand Kenntnis. Den traurigen Höhepunkt um die Würdigung seines Erbes wurde 2001 erreicht. Das Neubaugebiet „Steinmeiers Hof“ in Steinbergen trug noch keinen Namen. Der in direkter Nachbarschaft wohnende Fauth, der mit dem letzten Steinmeier auf jenem Hof befreundet war, wurde in eine Diskussion über die Benennung der neuen Straße gezogen: Es wurde ins Gespräch gebracht, sie nach ihm zu benennen. Das Vorhaben scheiterte jedoch, da es unüblich sei, Straßen nach Menschen zu benennen, die noch am Leben waren.

Nach dieser letzten Kränkung baute Fauth auch gesundheitlich schnell ab. Am 16. April 2004 erlag er einer Herzattacke in der Dachgeschosswohnung seines Hauses, das er an der Stelle seines baufälligen Elternhauses neu errichten ließ, weitgehend aus der Dorfgemeinschaft zurückgezogen. Bis zum heutigen Tag erinnern lediglich sein Grabstein und die im Dorf verteilten Findlinge an den Mann, über den es so viel mehr zu sagen gäbe. Heute wird er nicht einmal als Sohn des Ortes „seiner geliebten Heimat“ in der deutschsprachigen Wikipedia erwähnt.




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