weather-image
Das seltsame Schicksal eines vergessenen Lustspiels

„Ein Stündchen in Pyrmont“

Es ist schon recht merkwürdig, dass ausgerechnet das Stück, das den Namen Pyrmonts im Titel führt, in der Kurstadt überhaupt nicht bekannt ist. „Ein Stündchen in Pyrmont“ – weder in dem umfangreichen lokalen Schrifttum noch in den Spezialwerken zur heimischen Theatergeschichte findet sich darüber ein einziges Wort. Es stand aber im 19. Jahrhundert auf dem Spielplan der großen deutschen Bühnen.

veröffentlicht am 01.09.2018 um 10:24 Uhr

Ein Theaterzettel aus Bremen wirbt für das Lustspiel Karl Töpfers. Aufgeführt wurde es am 19. September 1830. Repro: Malms

Autor:

Titus Malms
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Beim Autor des Stückes handelt es sich um den Dramatiker und Erzähler Karl Töpfer, der am 26. Dezember 1792 in Berlin geboren wurde. Der Vater, geheimer Archivar, hatte seinen Sohn auch für den Staatsdienst bestimmt. Mit 19 Jahren hatte dieser sich jedoch einer Schauspieltruppe angeschlossen. Nach drei Wochen kehrte er ins Elternhaus zurück, es gelang ihm, den Vater von seinem schauspielerischen Talent zu überzeugen und ein Engagement am Breslauer Theater anzutreten. Nach Brünn folgte Karl Töpfer später einem ehrenvollen Ruf an das Wiener Burgtheater und zählte dort bald zu den besten Kräften.

Doch nun entdeckte Töpfer sein schriftstellerisches Talent, schrieb kleine Stücke, feierte dann 1820 mit „Hermann und Dorothea“, nach dem gleich-namigen Epos von Goethe, einen glänzenden Erfolg in An-wesenheit des Kaiserpaares. Mit der Zustimmung Goethes gelangte die Dramatisierung auch in Weimar zur Auffüh-rung und eroberte sehr viele Bühnen. Berlin spielte es über 50-mal.

So entschloss sich Töpfer, der Schauspieler-Karriere zu entsagen und verfasste in der Folge insgesamt 32 dramatische Stücke. Er zog nach Hamburg und redigierte dort das Theaterblatt „Thalia“. Die Universität Göttingen er-nannte ihn 1822 zum Doktor der Philosophie. Aus der 1831 mit Friederike von Hafften eingegangenen Ehe ging ein Sohn hervor. Ein großes finanzielles Problem für Töpfer bestand aber darin, dass er seine Dramen alle vor dem Inkrafttreten des Tantiemen-Gesetzes (1857) geschrieben hatte und ihm infolgedessen keine Einnahmen zustanden. Er hatte gesät und konnte zusehen, wie andere ernteten.

Karl Töpfers. Repro: Malms
  • Karl Töpfers. Repro: Malms

Am Ende seines Lebens lebte er in großer Armut. Zur 50-jährigen Jubiläumsfeier von „Hermann und Dorothea“ feierte man ihn als „Nestor der deutschen Bühnendichter“ im Hamburger Thalia-Theater. Ein Jahr später starb er am 22. August 1871 in der Hansestadt. Seine Lustspiele erschienen in sieben Bänden von 1839 bis 1851 in einem Berliner Verlag. Nur der jetzt vom Verfasser dieses Textes aufgefundene vierte Band von 1841 enthält das vergessene Lustspiel „Ein Stündchen in Pyrmont“.

Es war bereits 1823 in den „Originalien aus dem Gebiete der Wahrheit, Kunst, Laune und Phantasie“ erschienen. Töpfer hatte sich dabei des neuen Stückes „Les Eaux du Mont-Dore“ des französischen Dramatikers Eugène Scribe bedient, der den Markt mit Hunderten von derartigen Possen am laufenden Band belieferte und auch am fürstlichen Pyrmonter Schauspielhaus zu den meistgespielten Autoren gehörte. Berühmt und bekannt ist heute noch seine elegante Gesellschaftskomödie „Ein Glas Wasser“ in der Verfilmung von Helmut Käutner, mit Liselotte Pulver und Gus-tav Gründgens.

Töpfers Stück über Pyrmont war auf vielen großen Bühnen zu sehen

Die Regieanweisung zum Pyrmonter Stück lautete: „Das Theater stellt das Innere des Badesalons zu Pyrmont vor. Einrichtung höchst elegant. Ein Fortepiano, Spiegel etc.“ Der Handlung liegt eine einfache Intrige zugrunde: Kauf-mann Berstein findet seine Frau nebst seinen Töchtern Leontine und Adele in Pyr-mont, wohin sie sich der Un-terhaltung wegen begaben, ihm gegenüber aber die Kranken spielten.

Ebenso trifft Doktor Gräber unvermutet auf seinen Sohn Adolf, der sich hier als Arzt ausgibt und als solcher Leontines Liebe gewinnt, die von ihrem Vater eigentlich dem reichen Seidenhändler Barren versprochen war. Adolf und Leontine werden natürlich ein Paar und mit einer allgemeinen Versöhnung schließt das Ganze: „Es ist ein wahres Glück, dass mich der Zufall nach Pyrmont geführt hat. Meinen Sie nicht auch?“

Dem Einakter liegt kein be-sonderes Lokalkolorit zugrunde. Karl Töpfer selbst wird Pyrmont kaum gekannt haben. Er wählte für seinen „Tatort“ aber klugerweise ein Bad aus, das in der Gesell-schaftspresse 1822 als Proto-typ eines Modebades auftauchte und das als solches beim Publikum auch allgemein in aller Munde war.

Dementsprechend traf dieser Schwank auf ein wünschenswertes Interesse, und es kam zu einer erstaunlichen Zahl von Aufführungen an Hoftheatern und großen Bühnen. Bereits 1822 lassen sich Aufführungen in Berlin und Leipzig nachweisen. Es folgten bis in die vierziger Jahre hinein unter anderem Wien, Weimar, Frankfurt, Bremen, Königsberg, Kassel, die so den Namen des Bades in die Welt trugen. Es wurde bisher ausgerechnet noch nicht dokumentiert, dass auch das Lippische Hoftheater mit dem Stündchen-Stück am 15. August 1829 erstmals in Pyrmont gastierte und es in den Jahren 1830/37/38/39/43 aufführte.

Einige Rezensenten in überregionalen Blättern beschrieben Dialog und Handlung als zu trivial, langweilig und die Charaktere als leider uninte-ressant. Zitieren wir beispiel-haft das „Österreichische Morgenblatt“ über die Auffüh-rung am „k.u.k.“-Theater in der Leopoldstadt zu Wien: „Mit den Krankheiten der Damen in den Badeörtern haben sich schon so viele Dichter in so verschiedenartigen Variationen beschäftigt, dass man fast eine Geschichte dieser Idee zu schreiben im Stande wäre. Es entstanden daraus große und kleine Lustspiele, große und kleine Novellen, große und kleine Reflexionsartikel und bei Scribe-Töpfer dieses sonst recht artige ,Stündchen zu Pyrmont‘. Neben dieser Idee findet man hier noch eine Persiflage auf Badeärzte und medizinischen Marodeure und eine recht possierliche Figur von einem Einbildungspinsel, die in dieser Gestalt jedoch nur auf der Bühne zu Hause sein mag. Was das theatralisch richtige Ineinandergreifen der Szenen, den Witz des Dialoges, die Frische und Lebendigkeit der Behandlung betrifft, so sind dieses schon so beglaubigte Eigenschaften Scribes, dass es bei einer solchen Bagatelle unnötig wäre, ein Wort darüber zu verlieren. Gespielt wurde recht lobenswert.“

Würdigen wir zum Schluss Dr. Töpfer, der zweifellos ein humorvolles Theatertalent gehabt haben muss, indem wir an seine Gabe erinnern, neben Komödien auch Anekdoten witzig in Szene zu setzen.

Das folgende Beispiel ist insofern bemerkenswert, weil es uns auch zeigt, in welch gänzlich anderem Umfeld seinerzeit zum Beispiel die Musik vom Konzertpublikum mitunter aufgenommen wurde: „Während eines Konzerts un-terhielt sich kaum die Hälfte des Publikums mit Anhören der Musik, die Mehrzahl war im eifrigen Gespräch begrif-fen(!). Besonders ältere Perso-nen des schönen Geschlechts schienen Dinge von großer Wichtigkeit abhandeln zu müssen, man sah sie mit den Nachbarinnen die Köpfe zu-sammenstecken und ihre Worte mit lebhaften Aktionen be-gleiten. Ein Musikstück, des-sen rauschender Charakter gewöhnliche Sprechlaute ganz zu übertönen geeignet war, gab den alten Damen Gelegenheit, von ihrer vollkommenen Redefreiheit Gebrauch zu machen. Aber das Musikstück hatte in seiner Mitte eine Ge-neralpause, die just auf ein Fortissimo eintrat und die da-mit die Hauptschwätzerin voll erwischte. Als dann plötzlich die Instrumente verstummten, hörte man in der stillen Ver-sammlung bloß ihre gellende Stimme rufen: ,Nee, ich koche sie immer mit Petersilie!‘ Das darauffolgende Gelächter übertönte noch den wiedereintretenden kräftigen musikalischen Akkord.“




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare