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Wie der Hochstapler Arthur Wilhelm Haan 1884 für Verwirrung sorgte – ein Blick ins Zeitungsarchiv

Eine Rintelner Köpenickiade

Die Autoritätsgläubigkeit des Wilhelminischen Zeitalters nahm nicht nur in Berlin mit dem berühmten Hauptmann von Köpenick erheiternde Formen an. Auch in der beschaulichen Beamtenstadt Rinteln stiftete ein Hochstapler in Uniform einige Verwirrung – und dies schon mehr als 20 Jahre vor dem Berliner Possenspiel.

veröffentlicht am 26.01.2019 um 10:37 Uhr

Das beschauliche Rinteln – hier der Marktplatz in einer Darstellung um 1890 – erlebte turbulente Wochen. Foto: Museum

Autor:

Dr. Stefan Meyer
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Von Rinteln hätte man lernen können! Selbst die damals strikt konservative Schaumburger Zeitung konnte angesichts der Ereignisse sich in ihrer Berichterstattung einen gewissen süffisanten Unterton nicht ganz verkneifen. Ein Blick in alte Zeitungsbände mit den Nachrichten über Arthur Wilhelm Haan.

19. August 1884
Unsere Mitbürger werden sich oft über die bunte Uniform eines angeblichen Offiziers gewundert haben, welcher hier sich in letzterer Zeit aufgehalten hat. Derselbe ist plötzlich wieder abgereist und wird steckbrieflich verfolgt werden, da er weder ein Officier sei, noch das Eiserne Kreuz I. Klasse, welches er trug, besitzen soll. Diese rätselhafte Persönlichkeit gibt mit Recht viel Stoff zur Unterhaltung und zur Ueberlegung, was den Herrn, der hier, soviel man hört, alles richtig bezahlt hat, veranlaßt haben kann, in der Uniform eines sächsischen Officiers einherzustolzieren.

23. August 1884
Es wird uns von verschiedenen Seiten mitgetheilt, daß der Pseudo-Leutnant, von dem wir kürzlich berichteten, doch verschiedentliche Schulden am hiesigen Orte noch hat. Wir wollen hoffen, daß sich die Angelegenheit bald aufklären wird.

Ein sächsischer Offizier um 1890 in einer zeitgenössischen Darstellung: Als Leutnant trat ein Hochstapler im 19. Jahrhundert in Rinteln auf – und lieferte Stoff für Unterhaltung. Foto: Museum

26. August 1884
Vor dem Richter stand einmal ein Vagabund, der sich wegen Diebstahls verantworten sollte. Im Verhöre richtete der Vertreter des Gesetzes auch die Frage an Ihn: „Was sind Sie? Darauf der Vagabund mit dreist erhobenem Haupte erwiderte: „Ein Zeitgenosse!“ Es liegt eine bittere Wahrheit in diesem Worte. Ein „Zeitgenosse“, wenn auch „vornehmerer“ und anderer Art steht augenblicklich in Rinteln im Vordergrund des lokalen Interesses. Wir theilen daher noch Folgendes über den Pseudo-Lieutenant mit:

Die Uniform hat sich derselbe während seines hiesigen, fast fünfmonatlichen Aufenthalts in Hannover bei Mohr und Speier anfertigen lassen. – Er wollte aus Döbeln in Sachsen sein. Eine Anfrage eines hiesigen Bürgers ergab nun folgende Antwort: „Auf ihre Anfrage vom 15. d. Mts. theilen wir Ihnen mit, daß die Personalien und der Aufenthalt der dort als Lieutenant Hahn aufgetretenen Person hier nicht bekannt sind und derselbe möglicherweise mit einem unter dem Namen Hahn auch in Sachsen aufgetretenen Hochstapler identisch ist. Döbeln, am 21. August 1884. Der Stadtrath.

Also doch! Ein höchst gefährlicher Mensch!

30. August 1884
Der blaue Pseudolieutenant welcher einige Monate lang in hiesigen Gesellschaftskreisen sich bewegt und dann so plötzlich auf etwas ungewöhnliche Weise von unserm freundlichen Städtchen Abschied genommen hat, liefert noch immer Stoff zu Unterhaltung. Fast täglich laufen neue Nachrichten ein, welche besonders für diejenigen unserer Mitbürger von Interesse sind, welche, ohne den Vorzug näherer gesellschaftlicher Beziehungen zu der blauen Uniform und dem Eisernen Kreuz erster Klasse genossen zu haben, dennoch nicht ohne eine gewisse Theilnahme des Trägers dieser kriegerischen Embleme gedenken. Wenn man das höchst umfangreiche Material über die Personalien des theils als Oekonomiescholar, theils als Lieutnant oder Kavalier aufgetretenen Arthur Haan vollständig wird überblicken können, werden wir dasselbe unseren Lesern mittheilen, denn wir halten es für eine durch die Rücksicht auf die ganze menschliche Gesellschaft gebotene Pflicht der Presse, das „höchst gefährliche“ Treiben solcher Individuen gebührend zu beleuchten, welche in der raffiniertesten Weise ihre Mitmenschen hinters Licht führen. – Soeben erfahren wir, daß eine Person in blauer Uniform und weißer Mütze am vergangenen Montag auf dem Wege zwischen Rehburg und Loccum gesehen worden sei.

Möglicherweise der erste Flügelschlag des erwachenden großstädtischen Lebens.

Zeitung über die Bedeutung

4. September 1884
Ueber die merkwürdigerweise lange Zeit so völlig unbekannten Personalien des vielbesprochenen Leutnant Haan teilen wir auf Grund unserer Informationen folgendes mit:

Arthur Wilhelm Haan wurde im Jahre 1862 zu Eibenstock in Sachsen geboren. Sein Vater, dessen jetziger Aufenthaltsort unbekannt ist, ist Hochstapler von Profession und war 1879 Insasse eines Zuchthauses. Schon früh trat der Sohn in die Fußstapfen des Vaters. Bereits in seinem 15. Lebensjahre wurde Arthur wegen Urkundenfälschung, Diebstahl und dergl. steckbrieflich verfolgt und hat dann auch seitdem beständig mit den Gerichten und der Polizei Tuchfühlung behalten. Bei seiner unüberwindlichen Abneigung gegen ehrliche Berufsthätigkeit ist er wiederholt zur Selbsterkenntnis hinter Schloß und Riegel genöthigt worden. So hat er z. B. 2 Jahre seines Lebens in diskreter Zurückgezogenheit theils in Stralsund, theils in Halle a./S. zugebracht

Eine kurze Zeit goldener Freiheit muß unser Held in Leipzig verlebt haben.

Dort begegnen wir ihm als Kavalier, der für seinen Bedienten eine Livree zum Preise von 228 Mk. erstanden hat. Der Versuch dieses Kleidungsstück mit einem über 1800 Mk. lautenden Wechsel zu bezahlen, wird jedoch für Arthur verhängnisvoll durch den Umstand, daß der Wechsel gefälscht ist.

Von der Höhe seines geträumten Glücks herabgestürzt, verlebte er einen Theil des Jahres 1883 wiederum in völliger Abgeschlossenheit von der Welt. Als 22-jähriger sächsischer Ulanenlieutnant a. D. mit der seltenen Auszeichnung des Eisernen Kreuzes erster Klasse, welches der jugendliche Held demnach als 8-jähriger Knabe sich erworben haben müßte, kam Haan in unser freundliches Städtchen, welches ihm ca. sechs Monate lang den ungestörten Genuß des Laisser Faire gewährte. Ein begeisterter Lobredner der Freizügigkeit, deren letzte Konsequenz, die Vagabondage, in ihm einen geschickten Vertreter hatte, war Haan ein grimmiger Feind des ehrlichen Erwerbs und der Einführung eines Normalarbeitstages entschieden abgeneigt; die auf Abschaffung der Gefängnisarbeit gerichteten Bestrebungen dagegen hat er mit lebhaftem Interesse verfolgt. In wirtschaftlicher Beziehung bekundete er eine stark ausgeprägte Neigung zum Kommunismus. Erfüllt von dem unauslöschlichen Haß gegen den Polizeistaat huldigte er dem Humanitätsprincip in solchem Maße, daß er die Prügelstrafe nicht einmal ausnahmsweise als Erziehungsmittel gebilligt haben würde. Bei seinem Abschied von hier, der unter Verzichtleistung auf die Ausstellung eines Wanderbuches etwas überraschend und plötzlich erfolgte, hat die Lehre des „Laisser Aller“ einen ihrer glänzendsten Triumphe gefeiert. Soviel über den Mann, dessen vorübergehende Anwesenheit hierselbst möglicherweise den ersten Flügelschlag des erwachenden großstädtischen Lebens unserer Stadt bedeutet.

15. September 1884

Haan in Ruh! Die vielbesprochene Hochstaplergeschichte hat ihren Abschluß gefunden: Arthur Haan ist in Neumarkt in Schlesien verhaftet worden. Wie wir hören ist der Schwindler dort als Regierungsassessor von Haan aufgetreten. Es scheint demnach, daß er die hier erworbenen Kenntnisse hat verwerthen wollen. Bei seiner Vernehmung soll er Rinteln als Wohnort angegeben haben, was von einer gewissen Anhänglichkeit zeugt. Ob wir das Vergnügen haben werden unsern weiland Mitbürger Haan demnächst hier wieder zu begrüßen, ist allerdings sehr fraglich, da man in Neumarkt Bedenken tragen soll, ihn den unberechenbaren Eventualitäten einer langen Bahnreise mit häufigem Wagenwechsel auszusetzen. Wir nehmen daher von ihm Abschied in der Überzeugung, daß der Aufenthalt in Rinteln für ihn auch in seinem neuen Wirkungskreise stets eine angenehme Erinnerung bleiben wird.




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