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Emotionale Intelligenz kann man lernen

Mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Testverfahren wird seit vielen Jahren die Intelligenz gemessen, der sogenannte IQ. Unabhängig davon, dass diese IQ-Tests umstritten sind, hat sich in den letzten Jahren zunehmend ein neuer Intelligenzbegriff etabliert. Intelligenz – das ist eben nicht nur kognitives Wissen, sondern gleichermaßen soziale und vor allem emotionale Kompetenz.

veröffentlicht am 15.02.2011 um 11:54 Uhr

Ingryt Paterok

Autor:

Matthias Rohde

Bereits seit 1995 wird bei Personalentscheidungen in Unternehmen nicht mehr nur ausschließlich auf universitäre Abschlüsse und Berufserfahrung geachtet, sondern auch auf die emotionale Intelligenz eines Bewerbers. Als Ende der 1990er Jahre das Buch „EQ: Emotionale Intelligenz“ des amerikanischen Psychologen Daniel Goleman erschien, ging ein Raunen durch die Fachwelt und beflügelte Menschen in vielen Teilen der Gesellschaft, sich intensiver mit diesem Aspekt der Intelligenz zu beschäftigen. Heute gehört das Trainieren emotionaler Intelligenz zum Schulungsalltag von Unternehmen und Organisationen. Aber was ist das überhaupt, diese emotionale Intelligenz?

Ingryt Paterok, M.A., ist Sozialwissenschaftlerin und Kommunikationspsychologin sowie Mitglied im Arbeitgeberverband der Unternehmen im mittleren Wesergebiet (AdU). Sie erklärt: „Generell lässt sich sagen, dass sich emotionale Intelligenz aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt.“ Sowohl das Erkennen eigener Emotionen als auch das Erkennen der Emotionen anderer Menschen (Empathie) sowie das Verstehen und das Beeinflussen von Emotionen seien solche Faktoren. Wer heutzutage erfolgreich lernen, arbeiten und dabei gesund leben möchte, der müsse beispielsweise Zugang zu seinem Innenleben haben, müsse den Entstehungsprozess von Konflikten erkennen, aber auch verstehen, wie Motivation, Hoffnung, Begeisterung und Engagement entstünden.

Bei Kindern ließen sich klassischerweise typische Lernprozesse der emotionalen Intelligenz beobachten, so die Kommunikationspsychologin weiter. Ein Mädchen, das zum Beispiel gerne am Spiel einer Gruppe von Kindern in der Kindertagesstätte teilnehmen möchte, beobachtet zunächst, um erstens das Spiel zu verstehen und zweitens die spielenden Kinder einzuschätzen, während Jungen eher dazu neigen, „stürmischer“ in das Spiel einzusteigen. Durchaus gäbe es einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bei der Entwicklung von emotionaler Intelligenz, so Paterok.

Die Familie ist der Ort, an dem die Gefühle ausgedrückt und ausgelebt werden. Hier werden die Fundamente für emotionale Intelligenz gelegt. F.: Bilderbox

Bestätigt wird diese These durch eine Untersuchung der Universitäten Utrecht und Cambridge, die in einem Test zunächst die Empathie 16 junger Frauen testeten. Die Frauen mussten anhand von Bildern Emotionen erkennen. Dann verabreichte man ihnen das Hormon Testosteron und wiederholte den Test. Die Wissenschaftler konnten den Nachweis erbringen, dass das Hormon die Empathie beeinflusst. Zwar gehört Testosteron sowohl zum weiblichen als auch zum männlichen Organismus, allerdings bei Männern, abhängig vom Alter, in drei- bis zehnfacher Konzentration, so dass hier und da auch vom „Männlichkeitshormon“ gesprochen wird, wenn Testosteron gemeint ist.

„Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der emotionalen Intelligenz kommt aber den Eltern zu, denn von ihnen lernen die Kinder nicht nur kognitiv, sondern eben auch emotional.“ Eine Mutter, die aus einem nicht unmittelbar mit dem Kind zusammenhängenden Anlass traurig sei und diese Traurigkeit gegenüber dem Kind leugne, erwiese ihm einen Bärendienst: „Das Kind nimmt die Traurigkeit der Mutter intuitiv wahr. Darüber hinaus aber natürlich auch visuell durch die Tränen, die Mimik und die Körperhaltung.“ Wenn das Kind in solchen Situationen schließlich frage: „Bist du traurig, Mama?“ und dauerhaft als Antwort „Ach nein, mein Kind, ich bin doch nicht traurig“ erhalte, dann erfahre das Kind durch diese Doppelbotschaft vor allem eines: Traurigkeit darf man nicht zeigen. Und mit der Zeit entwickle das Kind eine zunehmende Verunsicherung im Wahrnehmen und Erleben seiner Außenwelt; Persönlichkeitsstörungen seien programmiert.

Dennoch sei die Familie der Ort, an dem die Gefühle ausgedrückt und ausgelebt würden, im Gegensatz zum Arbeitsplatz. Dort genau aber liegt der berufliche Schwerpunkt der Kommunikationspsychologin. Sie coacht und schult seit vielen Jahren Führungskräfte, hauptsächlich im Mittelstand. Dabei stellt sie zunehmend fest: „Das Patriarchat im Mittelstand ist ein Auslaufmodell.“ In immer weniger Unternehmen gebe es einen autoritären Chef. „Die meisten mittelständischen Betriebe haben längst erkannt, dass ein respektvoller und aufmerksamer Umgang miteinander nicht nur das Betriebsklima fördert, sondern auch die Zu-

friedenheit jedes einzelnen Mitarbeiters erhöht“, so Paterok.

Eine Standardaufgabe für die Seminarteilnehmer lautet: „Beschreiben Sie das Gefühl Traurigkeit.“ Die Antworten, die die Teilnehmer geben, sind häufig ein Indiz für eine unterrepräsentierte emotionale Intelligenz. Paterok: „Häufig bewerten die Teilnehmer die Traurigkeit, in dem sie zum Beispiel sagen, dass es sich ungut anfühlt, aber das Gefühl als solches gar nicht beschreiben können.“ Dann frage sie nach und begleite den Teilnehmer dabei, dem Gefühl auf die Spur zu kommen.

Und in der Regel gelingt es ihr, ihn zu motivieren, ein Gefühl zu beschreiben, anstatt es zu bewerten. „Die meisten Führungskräfte staunen schon nach kurzer Zeit über sich selbst, wenn sie sozusagen am eigenen Leib erleben, wie sie sich emotionale Intelligenz erarbeiten.“ Das Wesentliche an einer emotionalen Intelligenz sei, mit eigenen, aber auch mit fremden Gefühlen umzugehen. Der Rückschluss aber, dass zum Beispiel Manager, die ausschließlich von monetären Interessen getrieben seien, gefühllos seien, sei falsch. „Auch jemand, dessen emotionale Intelligenz noch ausbaufähig ist, hat natürlich Gefühle.“ So erfülle ihn ein äußerst lukrativer Geschäftsabschluss beispielweise mit Stolz und Freude.

Gerade, wenn es um den Erfolg im Beruf, um Gewinnmaximierung, Renditen und Optimierung von Arbeitsplatzstrukturen geht, hat sich die Arbeitswelt über viele Jahre hinweg fast ausschließlich auf die kognitive Intelligenz verlassen. Dass sich diese historisch gewachsenen Prozesse in der Wirtschaft derzeit in einem starken Wandel befinden, davon sind nicht nur Ingryt Paterok und zahlreiche Psychologen überzeugt, sondern auch Wirtschaftsexperten und ganze Unternehmen. Beispiel Lipton Tee: Der Hersteller Unilever hat sich selbst die Mission Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und das sowohl in ökologischer, ökonomischer und eben auch – das ist neu – in sozialer Hinsicht. Eines jedenfalls steht für die Psychologin fest: „Selbstverständlich kann man emotionale Intelligenz lernen.“ Und dass sie eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft habe, stehe darüber hinaus ebenfalls fest. Psychologen betonen, dass die Entwicklung der emotionalen Intelligenz von Kindern quasi das Fundament bilde, auf dem alle anderen Fähigkeiten, unter anderem die geistige Leistungsfähigkeit, also der IQ, basieren. In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ stellt die Wiener Psychologin und Pädagogin Dr. Elfriede Wegricht fest, dass Eltern aktiv mit ihren Kindern leben, sie beachten und auf sie eingehen sollten. Denn neben der Gesellschaft hätten vor allem die Eltern und Erzieher die Macht, das Universum im Kopf eines Kindes zu formen und so zu einer Persönlichkeit zu machen.




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