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Sehnsucht nach Harmonie in der Natur

FKK – zu Unrecht in der Schmuddelecke

Flaggen in den Farben Schwarz-Rot-Gold für Deutschland und eine eher unbekannte blau-weiße mit der Aufschrift „DFK“. Irgendeine Fahne ist ja auf fast jeder Parzelle aufgestellt. Während es zwar viele Flaggen gibt, sucht man weitere Textilien bei den Campern meist vergeblich. Ein Besuch auf dem FKK-Platz des Vereins Familiensport Naturistenbund Hameln.

veröffentlicht am 09.09.2018 um 12:00 Uhr

Es gibt keine Ränge, keine sozialen Schichten, niemand ist wichtiger als der andere. Foto: Amg
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Alda Maria Grüter Reporterin
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Bei den Holländern, die hier mit ihren Wohnwagen campieren, wird wohl die niederländische Fahne hängen. Mit der ausgefallensten kann aber der Vereinsportwart Klaus Block aufwarten. Der Hauch von Wind, der an diesem 30-Grad-heißen-Tag kaum für Abkühlung sorgt, entfaltet sie für kurze Augenblicke: Es ist die bunte Flagge vom Hochland Zentralasiens, die vor seinem Wohnwagen auf dem kleinen Hügel im weserbergländischen Aerzen weht!: „Free Tibet“, sagt Klaus schlagwortartig. Er trägt ein knall-orangefarbenes Handtuch um seine Hüfte. Da ist die Assoziation mit einem tibetischen Mönch nicht weit...

Ebenso die Frage, ob der Mann aus Springe mit dieser Flagge vom Dach der Welt ein politisches Statement ausdrücken will. Doch Klaus erzählt stattdessen munter von Bingo und Bogenschießen. Und trotzdem – die nackten Tatsachen können es nicht leugnen: nämlich, dass hier alle ganz offen Flagge zeigen für die Freiheit, genauer gesagt für die Textilfreiheit. Logisch, denn schließlich sind wir auf dem FKK-Platz des Vereins Familiensport Naturistenbund Hameln.

Das Handtuch, das jeder bei sich trägt dient übrigens nach dem Baden im Pool zum Abtrocknen und als obligatorische Sitzunterlage. Dass sonnengeschützte Sitzplätze bei der derzeitigen Hitze besonders begehrt sind, ist klar. Und reichlich Möglichkeiten zum Chillen im Schatten bietet das am Waldrand auf einer Anhöhe gelegene 1,8 Hektar große Areal mit den vielen Bäumen allemal. Von den insgesamt 30 Stellplätzen seien derzeit 26 belegt, sagt die Vereinsvorsitzende Simone Große, 49. Auf der überdachten Terrasse vor dem Wohnwagen ihrer Nachbarn hat sie sich mit Angelika Pohlmann, 61, und Verona Homuth, 67, zum Nachmittags-Kaffee verabredet. Ihre Männer üben sich derweil sportlich auf der Rasenfläche unterhalb des Campingplatzes im Bogenschießen.

Baden im Pool– mit Badesachen ist es nicht erlaubt Foto: Amg
  • Baden im Pool– mit Badesachen ist es nicht erlaubt Foto: Amg
Reichlich Möglichkeiten zum Chillen bietet das am Waldrand gelegene Areal Foto: Amg
  • Reichlich Möglichkeiten zum Chillen bietet das am Waldrand gelegene Areal Foto: Amg

Andere machen Siesta auf ihren Terrassenliegen, oder sind schon dabei, die ersten Vorbereitungen für den Grillabend zu treffen. „Regina grillt heute“, ruft jemand von irgendwo her. Am heutigen Abend steht dann Bingo auf dem Programm. Wobei, „Gruppenzwang“, so betonen es die FKK-Leute einstimmig, bestehe keinesfalls. Kein Problem, wer seine Ruhe will, der kann sie haben. Für drei Jugendliche aber, ist gerade Halligalli mit Arschbomben im Pool angesagt. Dann tauchen Erwachsene ins kühle Nass ein, manche machen Gymnastikübungen mit den bunten Schwimmnudeln oder nutzen sie als Nackenstütze, um sich entspannt auf dem Wasser treiben zu lassen. Ein Herr mit Strohhut und Hund an der Leine winkt den Badenden zum Gruß zu. Und spaziert vorbei über das Grundstück. Im Adamskostüm, versteht sich. Oder, wenn man so will, in „Vereinskleidung“. Und farblich gesehen, tragen sie alle „nude“. Ein „dresscode“ mit Vorteilen, wie wenig später der stellvertretende Vorsitzende Günter Hermann erläutert, wenn er von Gleichheit im sozialen Sinne spricht: „Es gibt keine Ränge, keine sozialen Schichten, niemand ist wichtiger als der andere.“ Und die „Bikini-Figur“ – absolut kein Thema unter FKKlern! Das unangenehme Gefühl klatschnasser Badesachen am Körper ohnehin nicht. Wer FKK-Urlaub mache, brauche auch viel weniger Klamotten in den Koffer zu packen, zählt Simone Große weiter auf. Und wo es keine Hüllen gebe, müsse man sich ja auch keine Gedanken machen, ob man mit seinem Outfit „up to date“ ist oder nicht.

Ob FKK an sich in Mode oder out ist, oder, ob es zwar beliebter wird, aber eben nicht als Freizeitgestaltung im Verein organisiert interessant ist – darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedoch: Laut DFK (Deutscher Verband für Freikörperkultur) werde allein die Zahl von Deutschen, die hüllenlos ihren Urlaub verbringen, auf etliche Millionen geschätzt. Das organisierte FKK-Sport-Geschehen in Deutschland zählt etwa 135 Vereine in sieben Landesverbänden.

Wie auch immer: Nacktbaden ist wohl so alt wie die Menschheit selber. Und ja, es gab immer Phasen der Prüderie und Zeiten, in denen nackte Körper aus den verschiedensten Gründen aus der Öffentlichkeit verbannt wurden. Aber, ob in der Antike, in der Hippiebewegung der 1960-er Jahre bis hin zur heutigen (organisierten) Freikörper Kultur – die Tradition ist lang. Deutschlands erster offizieller Nacktbade-Strand eröffnete übrigens 1920 auf Sylt. Immer populärer wurde FKK in den wilden Zwanzigerjahren unter alternativen Intellektuellen oder linksgerichteten Arbeitern. Und denkt man etwa an die Athleten des antiken Griechenlands, so ist die heutige Nacktheit bei Sport und Spiel ein alter Hut. Der kleine Verein im Flakenholz 2 jedenfalls erlebt eigenen Angaben zufolge seit etwa fünf Jahren einen Boom. Die Zahl der Mitglieder sei stetig gewachsen und zähle derzeit 68 Mitglieder. Die meisten seien sogenannte Best-Ager im Alter von 50-plus.

Aber auch Familien mit Kindern und Jugendliche sind dabei. Noch gezielter wolle man künftig die Jüngeren ansprechen, attraktive Freizeitaktivitäten schaffen, wie etwa Poolparty, Disco oder Ausflüge wie Cartfahren, um den Nachwuchs zu locken. Tatsächlich gebe es Familien, die auf dem Platz die ganzen sechs Wochen der Schulferien verbringen, sagt Simone Große. Gerne lädt der Verein Gäste und Interessierte zum unverbindlichen Kennenlernen ein. Zwei Gästewohnwagen können für den Aufenthalt gemietet werden. Besuch wird in „Vereinskleidung“ begrüßt.

Indes: Erwachsene Gäste und Kinder müssen sich nicht ausziehen, wenn sie nicht wollen. „Außer beim Baden im Pool – mit Badesachen ist es nicht erlaubt“, erläutert Simone Große eine der wenigen Regeln im Verein. Simone Große lachend: Ohne Bikini und Badehose schaue man den Menschen viel mehr und viel aufmerksamer in die Augen, als angezogen.

Leute anglotzen, lästern und dumme Sprüche klopfen – das käme weitaus öfter bei angezogenen Menschen vor. Früher, gibt Verona zu, sei Nacktheit für sie allerdings ein Tabu gewesen. So sei sie eben erzogen worden.

Bis 2008, als sie und ihr Mann für drei Jahre den Platzwart-Posten im Mindener Freikörperkultur-Verein FSB annahmen. Verona: „Nach und nach haben wir uns dann auch ausgezogen.“ An Wochenenden und oft auch in der Woche, direkt nach der Arbeit, lenken sie und ihr Mann Herman den Wagen von Porta, wo sie leben, Richtung FKK-Platz in Aerzen und erleben jedes Mal „Urlaubfeelings pur“. Bei Angelika Pohlmann und Ehemann Ronny ging es 2002 los. Sie erinnert sich noch genau an einen Strandurlaub vor 16 Jahren: „Um zur Toilette zu gehen, musste man über den FKK-Abschnitt laufen. Es ging nicht anders, ich musste mich ausziehen. Erst war es schon komisch, wenn ich da nackig und nur mit Sonnenbrille auf der Nase herlief...“.

Heute ist es für sie ein großartiges Gefühl von Freiheit, das sie nicht missen möchte. Und ja, sagt Simone Große, die in Bodenwerder lebt, greift das Stichwort auf: „Für uns im Osten war Nacktbaden die einzige Freiheit überhaupt. Und eine Möglichkeit des gesellschaftlichen und politischen Protests“. In der ehemaligen DDR geboren, sei sie mit FKK aufgewachsen. Vor drei Jahren kamen sie und Ehemann Mattias zu den „Flakis“. Von einer Protestbekundung kann aber heute bei ihnen wie auch im Allgemeinen bei FKK-Anhängern kaum noch die Rede sein. Der DFK formuliert sein Leitmotiv unter dem Motto „natürlich, sportlich, nackt“: Menschen, die sich in ihrer Freizeit textilfrei bewegen, verbinden damit die Sehnsucht nach Harmonie in der Natur.

Meist würde man die FKK-Anhänger zu Unrecht in die Schmuddelecke schieben“. „Wir sind alle ganz normale Leute“, sagt Simone Große. „Aber trotzdem ein bisschen verrückt.“ Und dafür halten sie gerne die DFK-Fahne hoch.

Weitere Informationen: www.naturisten-hameln.de




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