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Demokratie aus der Provinz – 100 Jahre Weimarer Nationalversammlung

Fünf Hamelner bei Gründung der Weimarer Republik dabei

Weimar, nicht Berlin: Vor 100 Jahren tagt die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung in der Stadt der deutschen Klassik. Die 197 Tage von Anfang Februar bis Ende Juli prägten den Namen Weimarer Republik. Fünf Männer mit Bezug zu Hameln waren dabei

veröffentlicht am 27.02.2019 um 14:33 Uhr
aktualisiert am 27.02.2019 um 20:50 Uhr

Am 6. Februar 1919 tritt die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung in Weimar erstmalig zusammen, die Eröffnungsrede hält der Volksbeauftragte Friedrich Ebert. In den Monaten danach entstand in Deutschland die erste Verfassung für eine Demokr

Autor:

Katrin Zeiß und Thomas Thimm
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6. Februar 1919 in Weimar: Das beschauliche Thüringer Städtchen gleicht einem Heerlager. Tausende Soldaten patrouillieren durch die Straßen, ein kilometerweiter Ring aus Geschützen und Maschinengewehrstellungen umzieht die Stadt. Militärs bewachen das Deutsche Nationaltheater, sie stehen sogar auf der Bühne. Hier in der Provinz, fernab von den politischen Unruhen in Berlin, wird vor 100 Jahren Geschichte geschrieben.

Mit Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution entsteht Deutschlands erste Demokratie: Der deutsche Kaiser sitzt vor gut 100 Jahren mittags im Zug in Spa. Im belgischen Kurort, wo die Oberste Heeresleitung ihr Hauptquartier eingerichtet hat, berät Wilhelm II. am 9. November 1918 über einen Waffenstillstand. Da erreicht ihn die Nachricht aus Berlin: Prinz Max von Baden, sein Neffe und Reichskanzler, habe gerade seine Abdankung bekanntgegeben. Wilhelm versteht die Welt nicht mehr. „Dass ein Prinz von Baden den König von Preußen gestürzt...“ Den Satz bringt er nicht zu Ende. „Verrat, schamloser, empörender Verrat“, erregt er sich.

An diesem Novembermorgen geht die deutsche Monarchie unter – ohne Guillotine, Schafott und Blutvergießen. Es ist ein regnerischer Samstag. Um 14 Uhr tritt in Berlin Philipp Scheidemann vor ein Fenster im Westflügel des Reichstags. „Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt, das Alte ist nicht mehr“, ruft der Sozialdemokrat den versammelten Menschen auf dem Platz zu und verkündet die Republik. Zwei Stunden später ruft im Hohenzollernschloss – quasi am anderen Ende der Straße Unter den Linden – der Spartakist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik“ aus. Noch am selben Tag überträgt Max von Baden dem Anführer der Mehrheits-SPD, Friedrich Ebert, die Kanzlerschaft und reist aus Berlin ab.

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Gustav Adolf Fischer saß für den Wahlkreis Hannover 9 (Hameln) im Reichstag.

Wenige Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) und dem Sturz der Monarchie tritt in Weimar erstmals die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung zusammen. Die Stadt Goethes und Schillers gibt der ersten deutschen parlamentarischen Demokratie ihren Namen: Weimarer Republik. Die am 31. Juli 1919 beschlossene Verfassung „ist die damals modernste Verfassung der Welt“, sagt der Politikwissenschaftler Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik an der Universität Jena.

„Sie hat weitreichende liberale und wirtschaftliche Grundrechte, die Regierungskontrolle durch das Parlament, eine starke Stellung des Reichspräsidenten und ein modernes Verhältniswahlrecht mit einer föderalen Grundordnung vereint“, so Dreyer. Vorbilder seien die Verfassungen westlicher Demokratien wie der USA, Frankreichs und Großbritanniens gewesen. Hinzu kamen Innovationen. „Zum Beispiel war die in der Verfassung verankerte betriebliche Mitbestimmung mit dem Recht zur Gründung von Betriebsräten damals international völlig neu.“

423 Abgeordnete saßen in der National- versammlung – darunter auch fünf aus Hameln

„Die Volkssouveränität, das Frauenwahlrecht, aber auch das nun in der Verfassung verbriefte Recht, gewerkschaftlich tätig zu werden, katapultierten das vormals reaktionäre Deutschland in eine moderne und progressive Verfassungsrealität“, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

Als Tagungsort der Nationalversammlung standen auch Jena, Bayreuth und Nürnberg zur Wahl, wie eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar dokumentiert. Gegen Berlin sprachen nicht nur Sicherheitsgründe, sondern auch Vorbehalte in Süddeutschland gegen einen Tagungsort in Preußen. Weimar punktete mit der zentralen Lage sowie ausreichend Raumkapazitäten und Unterkünften für die mehr als 2000 Gäste – 423 Abgeordnete, dazu Beamte, Diplomaten, Journalisten. Täglich pendelten Expresszüge zwischen Berlin und Weimar, die erste zivile Fluglinie in Deutschland transportierte Post zwischen den beiden Städten.

Die am 31. Juli 1919 beschlossene Verfassung ist die damals modernste Verfassung der Welt.

Michael Dreyer, Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik an der Universität Jena

Die Stadt sei anfänglich stolz gewesen auf ihre durch die Nationalversammlung gewonnene Bedeutung, erzählt Museumsdirektor Alf Rößner. „Doch die Stimmung kippte, je länger die Nationalversammlung in Weimar blieb.“ Die starken Sicherheitsvorkehrungen störten die Einheimischen, Kohlen und Lebensmittel wurden immer knapper.

Die Weimarer Verfassung sei keine schwache Verfassung gewesen, davon ist der Politikwissenschaftler Dreyer überzeugt. Dass die junge Demokratie mit rechtsextremen Putschversuchen durch Kapp und Hitler, kommunistischen Aufständen wie in Mitteldeutschland, Krisen nach politischen Morden oder der Ruhrbesetzung 1923 fertig wurde, spreche im Gegenteil für ihre Widerstandsfähigkeit. „Sonst hätte die Weimarer Republik das Jahr 1923 nicht überlebt.“

Später erstarkten allerdings die radikalen Kräfte, die Nazipartei NSDAP und die Kommunistische Partei – vor allem unter dem Eindruck der seit 1929/30 grassierenden Wirtschaftskrise, die Millionen Menschen ins Elend stürzte. Ausgerechnet in Weimar wurde 1930 Wilhelm Frick als erstes NSDAP-Mitglied Minister in einer Landesregierung, der vom damaligen Land Thüringen. In Berlin regierten die Reichskanzler Heinrich Brüning und Franz von Papen zunehmend mit Hilfe von Notverordnungen am Parlament vorbei. Straßenschlachten von Kommunisten und Nazis prägten neben immer fragileren Mehrheitsverhältnissen im Reichstag das Bild von den „Weimarer Verhältnissen“.

Information

Versammlung in Weimar

Nach den Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 in Deutschland traten die 423 gewählten Abgeordneten am 6. Februar 1919 in Weimar erstmals zusammen. Sie tagten 197 Tage in der kleinen thüringischen Stadt.

Weimar war nicht nur wegen der prekären Sicherheitslage in Berlin nach der Novemberrevolution 1918 als Tagungsort gewählt worden, sondern auch wegen der zentralen Lage, der guten Verkehrsanbindung mit Bahn und Flugzeug, und weil es dort ausreichend Tagungsräume und Unterkünfte in Hotels und Pensionen gab.

Das Plenum tagte im Deutschen Nationaltheater Weimar, im Stadtschloss arbeitete die Reichsregierung. Das Telegrafenamt der Nationalversammlung war in einem Schulgebäude gegenüber dem Theater eingerichtet.

Die Arbeit an der Weimarer Verfassung dauerte nicht einmal sechs Monate. Am 31. Juli 1919 wurde sie von der Nationalversammlung beschlossen. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) unterzeichnete sie am 11. August in seinem Urlaubsort im nahe gelegenen Schwarzburg. Am 14. August 1919 trat sie in Kraft.




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