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„Unvergessene Schreckenstat“

Fünf Jahre nach Butte-Attentat: Sicherheitsdenken „deutlich intensiviert“

Am 26. April 2013 wurde der Hameln-Pyrmonter Landrat Rüdiger Butte in seinem Büro erschossen. Das Attentat, das von einem Mann verübt wurde, der zuvor mit dem Landkreis im Streit gelegen hatte, sorgte bundesweit für Entsetzen und tiefe Betroffenheit. Fünf Jahre später ist der gewaltsame Tod Buttes nicht vergessen. Seither sind die Anforderungen an die Sicherheit in den Behörden vielerorts verschärft worden. Gleichzeitig gilt es dennoch in den Rat- und Kreishäusern im Weserbergland, auf keinen Fall den Eindruck des Abschottens gegenüber den Bürgern zu erwecken.

veröffentlicht am 26.04.2018 um 07:00 Uhr

Rüdiger Butte ist im 26. April 2013 in seinem Büro im Kreishaus erschossen worden. So berichtet die Dewezet vor fünf Jahren über das schreckliche Verbrechen. Foto: Archiv
Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite
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Rüdiger Butte galt als Mensch, der auf andere zuging. Sich ihre Sorgen anhörte und sie ernst nahm. Politische Weggefährten des SPD-Politikers kennzeichneten ihn als „bürgernah, weil er sich selbst als Bürger sah“, als kompetenten Partner über die Parteigrenzen hinweg. Großes Engagement und Offenheit in alle Richtungen wurden dem Hameln-Pyrmonter Landrat nicht nur aus eigenen Parteikreisen bescheinigt. Bekannte aus seinem Heimatort Negenborn im Landkreis Holzminden hatten mit Butte einen hilfsbereiten Nachbarn, wie sie berichteten, ein „offener und sehr umgänglicher Typ“ sei er gewesen. Butte selbst beschrieb seine Arbeitsweise einmal gegenüber der Dewezet mit drei Worten: Vertrauen, Transparenz und Geradlinigkeit.

Das politische Spitzenamt im Weserbergland erfüllte Butte, der frühere Polizeibeamte und spätere Chef des Landeskriminalamtes, seit 2005 – als erster hauptamtlicher Landrat des Kreises – mit Hingabe. „Wenn er noch mal geboren worden wäre, hat er immer gesagt, dann wäre er am liebsten gleich als Landrat auf die Welt gekommen“, sagte Buttes Tochter einige Wochen nach dem tödlichen Anschlag. Im Jahr 2011 – Butte war zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre alt – wurde er von den Bürgern des Landkreises Hameln-Pyrmont zum zweiten Mal zum Landrat gewählt – mit komfortablem Vorsprung gegenüber seinem Mitbewerber.

Dann kam der unfassbare Tag im April vor fünf Jahren: An diesem Freitagmorgen betrat der 74-jährige Rentner Hans B. das Kreishaus an der Süntelstraße, um persönlich mit dem Landrat zu sprechen. Gegen 10 Uhr tauchte Hans B. in Buttes Vorzimmer im zweiten Stock auf. Einen Termin hatte er nicht. Auf seinem Weg zu einem anderen Termin ging Rüdiger Butte zu Hans B. und bot ihm an, in etwa einer halben Stunde mit ihm zu sprechen. Hans B. wartete. Als der Landrat zurückkehrte, nahm er den 74-Jährigen mit in sein Büro. Wie Ermittlungen der Polizei ergaben, muss es dort unmittelbar zu einem Kampf gekommen sein. Dann fielen Schüsse. Mit einem Revolver, den Hans B. bei sich getragen haben muss, schoss er auf Rüdiger Butte, danach richtete B. die Waffe gegen sich selbst. Opfer und Täter waren tot.

Rüdiger Butte galt als offener und sehr umgänglicher Mensch. Eine Dewezet-Seite vom 27. April 2013. Foto: Archiv
  • Rüdiger Butte galt als offener und sehr umgänglicher Mensch. Eine Dewezet-Seite vom 27. April 2013. Foto: Archiv
Im Kreishaus an der Hamelner Süntelstraße zeigt ein Sicherheitsdienst Präsenz. Foto: dana
  • Im Kreishaus an der Hamelner Süntelstraße zeigt ein Sicherheitsdienst Präsenz. Foto: dana
Hameln-Pyrmonts Landrat Rüdiger Butte wurde am 26. April 2013 Opfer eines Attentats. Foto: Archiv/Wal
  • Hameln-Pyrmonts Landrat Rüdiger Butte wurde am 26. April 2013 Opfer eines Attentats. Foto: Archiv/Wal

Bei der späteren Trauerfeier für den Hameln-Pyrmonter Landrat sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil über Butte: „Er war stets offen und den Menschen zugewandt. Bitter, dass ihm gerade das zum Verhängnis geworden ist.“

Die Polizei sprach von „verwaltungsrechtlichen Auseinandersetzungen“, die es zwischen dem Mörder und der Landkreis-Behörde gegeben habe. Dabei ist es offenbar um die Rechtmäßigkeit eines Zauns gegangen, der das Grundstück des Täters in Nienstedt bei Bad Münder umschloss. Vermutung: Die Wut des Rentners habe sich gegen Rüdiger Butte gerichtet, weil der Landrat im Briefkopf aller förmlichen Schreiben des Landkreises stand.

Spätere Ermittlungen ergaben, der 74-Jährige war eine gescheiterte Existenz. Mehrere Beziehungen waren in die Brüche gegangen, er hatte Geldprobleme, eine Zwangsräumung und der Verlust des Führerscheins drohten. Dazu ergab ein psychiatrisches Gutachten, dass Hans B. an einem „ausgeprägten dementiellen Syndrom“ gelitten haben muss.

Die Mordkommission kam hinsichtlich des Tatmotivs zu dem Schluss, dass dies „in der Gesamtheit der Ereignisse und der zusehends verschlechterten Lebenssituation des Hans B. zu vermuten“ ist, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Staatsanwaltschaft Hannover und der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden.

Bei der Gedenkfeier für Rüdiger Butte im Hamelner Theater im Mai 2013 betonte der Vorsitzende des Landkreistags, Bernhard Reuter, dass auch angesichts der tödlichen Eskalation es der falsche Weg sei, die Sicherheit in Kommunalverwaltungen durch Maßnahmen der Abschottung erhöhen zu wollen. Das Attentat auf Rüdiger Butte hat dennoch den Blick auf das Konfliktpotenzial in Behörden geschärft.

„Uns wird diese Schreckenstat unvergessen bleiben“, sagt Tjark Bartels (SPD), der im Oktober 2013 zum Hameln-Pyrmonter Landrat gewählt wurde, in einer aktuellen Stellungnahme. Umso mehr sei es den Mitarbeitern im Kreishaus hoch anzuerkennen, dass damals schnell wieder Arbeits- und Handlungsfähigkeit hergestellt wurden. „Mit dem Unterschied, dass überall im Haus die Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit für den anderen, für die benachbarten Büros und auch für potenzielle Konfliktsituationen gestiegen ist“, so Bartels.

Im Hamelner Kreishaus habe man sich nicht erst mit dem Tod Buttes mit Sicherheitsfragen auseinandergesetzt. Doch der Anschlag habe das Sicherheitsdenken der Kreisverwaltung „deutlich intensiviert“, wie es Sprecherin Sandra Lummitsch beschreibt. Sie war bereits unter Buttes Führung für die Kommunikation der Verwaltung verantwortlich. Schon damals habe es Überlegungen zur Einführung eines Alarmierungssystems für alle Arbeitsplätze im Haus gegeben, sagt sie. Der gewaltsame Tod des Landrats sei schließlich Beweggrund gewesen, ein umfassendes Sicherheitskonzept zu erarbeiten. „Die darin enthaltenen Empfehlungen sind danach sukzessive näher untersucht und schrittweise umgesetzt worden.“

Wir wollten deutlich mehr Sicherheit, aber dennoch ein offenes Haus bleiben.

Tjark Bartels, Landrat

Inzwischen gibt es an allen Arbeitsplätzen im Kreishaus Alarmierungsmöglichkeiten in Bedrohungsfällen. Mitarbeiter werden speziell für den Umgang mit schwierigen Gesprächssituationen geschult. Es gibt Deeskalationstrainings, jährliche Unterweisungen zu Sicherheitsfragen und Regelungen zum Umgang mit Beschwerden, zählt die Kreissprecherin auf. Auch gebe es Schulungen im Hinblick auf den Kontakt zu „schwierigen Kunden“. Der Umbau des Eingangsbereichs mit einem Anlaufpunkt für Erstkontakte gehöre ebenso zu den Maßnahmen des Sicherheitskonzepts.

Gewiss ist die Hameln-Pyrmonter Kreisverwaltung nicht die einzige Behörde, die ihre Anforderungen an die Sicherheit verschärft hat: Im Juli 2013, knapp drei Monate nach dem Anschlag auf Rüdiger Butte, hat die Hamelner Arbeitsagentur verkündet, an allen Tagen der Woche einen Wachdienst, verstärkt auch im Eingangsbereich der Behörde, einzusetzen. Nicht unmittelbar als Folge des Attentats auf Butte, erst seit Anfang 2016, beschäftigt zum Beispiel der Landkreis Nienburg einen privaten Sicherheitsdienst. Der Wachmann begleitet unter anderem Menschen zu Terminen im Kreishaus, die dort eigentlich Hausverbot haben. Laut Niedersächsischem Städtetag komme es immer häufiger vor, dass Bürger aggressiv Behördenmitarbeitern gegenübertreten. Das Landeskriminalamt etwa gab dafür 2014 extra eine Broschüre mit Tipps zur Sicherheit am Arbeitsplatz mit Publikumsverkehr heraus.

Auch im Hamelner Rathaus gibt es seit Herbst 2015 einen Wachmann. Zunächst war dieser nur vier Stunden wöchentlich präsent, seit März 2016 während der gesamten Öffnungszeiten des Rathauses.

„Der Schritt ist keine unmittelbare Reaktion auf den Anschlag auf Rüdiger Butte, hat aber im Hintergrund eine Rolle gespielt“, sagt Stadtsprecher Thomas Wahmes, der darauf hinweist, dass es im Rathaus inzwischen eine Reihe weiterer Sicherheitsvorkehrungen gebe. „Aus Sicherheitsgründen“ äußert er sich dazu aber nicht im Einzelnen.

„In der Regel ruhig und geregelt“ verlaufen Gespräche zwischen Kreismitarbeitern und Bürgern in den „publikumsintensiven Bereichen“, sagt Sandra Lummitsch. Sie meint damit Abteilungen wie das Sozialamt oder das Amt für Zuwanderung. „Allerdings gibt es auch Bürger, die in der Vergangenheit bekanntermaßen auffällig waren und dies bis heute nicht verändert haben“, macht sie deutlich.

Dass heute auch ein Sicherheitsdienst im Foyer des Hamelner Kreishauses präsent ist, sei übrigens nicht auf das Attentat zurückzuführen, heißt es ebenso aus dem Kreishaus. Auslöser hierfür war ein späterer Konflikt mit einem Kunden, der allerdings rechtzeitig beendet werden konnte. „Wir sind froh, dass der Sicherheitsdienst in aller Regel freundlicher Wegweiser für unsere Bürger ist. Aber schon einige Male war es wichtig, einen Profi an der Seite zu haben, der Situationen deeskaliert hat“, sagt Tjark Bartels. „Wir wollten deutlich mehr Sicherheit, aber dennoch ein offenes Haus bleiben. Das ist recht gut gelungen“, meint Buttes Nachfolger.




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