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Von dem Pyrmonter Riesenbett, der alten Schlosslinde und dem Türkenzelt

Geheimnisumwitterte Festung

Das Fürstliche Schloss am Rande des Kurparks, die Sommerresidenz der Fürsten zu Waldeck und Pyrmont, wird ab 1706 auf den Fundamenten einer Renaissance-Festung in eine moderne, barocke Form gebracht. Gleichwohl verschränken sich Elemente der Festungsbaukunst aus dem 16. Jahrhundert mit denen einer höfischen Lebensform. Noch heute sind diese beiden Elemente auf der Schlossinsel gut erkennbar.

veröffentlicht am 04.05.2019 um 11:00 Uhr

Dieses Motiv zeigt die historische alte Linde im Schlosshof von Bad Pyrmont. Foto: Dr. Dieter Alfter/Archiv

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Geheimnisvoll und mittelalterlich präsentiert sich die Pyrmonter Schlossanlage, das entspricht auch den Vorstellungen des Zeitgeistes der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine Epoche aber auch, die um die Jahrhundertwende mit der Idee des Jugendstils ein gänzlich neues Fenster zur Moderne aufschlagen wird. Im Pyrmonter Kreis- und Wochenblatt vom 25. Juni 1903 heißt es: „Auch die sonstigen Sehenswürdigkeiten: eine vierhundertjährige, mächtige Schloßlinde, die berühmte, mit reichen Schnitzereien versehene dreischläfrige Bettstelle des Grafen von Gleichen (welcher bekanntlich auf einem Kreuzzuge im Orient in Gefangenschaft geriet, von einer in Liebe zu ihm entbrannten Sultanstochter befreit, diese seiner rechtmäßigen Gemahlin zuführte), ein hierauf bezügliches von Tischbein gemaltes Bild sowie andere sehenswerte Gemälde werden sicher bei einem jeden Besucher einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Besichtigung ist während der Anwesenheit unserer Hochfürstlichen Herrschaften täglich vormittags von 9–12 Uhr und nachmittags von 2–7 Uhr unter Führung durch den Schlossverwalter gestattet. Die Meldung kann bei dem Portier am Hauptportale erfolgen.“

Erstmals wird in diesem Bericht des Pyrmonter Kreis- und Wochenblatts aus dem Jahr 1903 von der dreischläfrigen Bettstelle des Grafen von Gleichen geschrieben, das damals seinen Platz in dem sogenannten Lusthaus in der heutigen Eckbastion gefunden hat. Leider findet in den folgenden Jahrzehnten weder in der Pyrmonter Tageszeitung wie der „Fremden- und Kur-Zeitung“ eine erneute Beachtung. Bevor das aber hinterfragt werden soll, geht es nun zunächst um das legendäre „Türkenzelt“. Im „Wegweiser von Pyrmont“ von H. L. Curtze aus dem Jahr 1817 berichtet der Autor von dem auf dem Schlosswall befindlichen alten Pulverturm, der als schöner Salon eingerichtet wird und acht Jahrzehnte später als Kulisse für das Riesenbett dienen wird. Aber die Außenanlage des Schlosses kann in der Sommerzeit mit einer weiteren Attraktion aufwarten.

In den Jahrzehnten vor 1900 wird das

Historische Bettstelle des Grafen von Gleichen im Schloss Bad Pyrmont. Foto: Dr. Dieter Alfter/Archiv

Eintrittsgeld zugunsten des Krankenhauses

Bethesda oder zugunsten des Helenen-Kinderheims gestiftet.

Im sogenannten Schlossgarten ist neben der Schlosslinde und dem klassizistisch eingerichteten Lusthaus regelmäßig im Sommer zu festgelegten Zeiten das sogenannte Türkenzelt zu besichtigen. Auch dieses Zelt ist eine herausragende Attraktion für Kurgäste, die mit einer Einlasskarte von 50 Pfennig die Wallanlage des Schlosses besuchen können, um die Außenanlage der Festung zu erkunden. Übrigens wird in den Jahrzehnten vor 1900 das Eintrittsgeld zugunsten des Krankenhauses Bethesda oder zugunsten des Helenen-Kinderheims gestiftet. Eintrittskarten waren beim Hofagenten N. Bermann zu lösen. Das prachtvolle Türkenzelt gehört zu den wenigen Exemplaren dieser Art in Deutschland, das vermutlich 1683 in der Schlacht am Kahlenberg, bei der Verteidigung Wiens gegen die Türken, erobert worden ist. Damals war Georg Friedrich zu Waldeck und Pyrmont ein erfolgreicher Generalmarschall in niederländischen Diensten. Kaiser Leopold I. nahm seinen Einsatz im Dienste des Reichs zum Anlass, Georg Friedrich bereits 1682 in den persönlichen Reichsfürstenstand zu erheben. Schon dies war Grund genug, die hochbedeutende Rolle des Waldecker Regenten auf diese Weise vor dem vielschichtigen Kurgast-Publikum auf der Wallanlage zu inszenieren. Wie liest man doch so schön am 4. August des Jahres 1891 auf der Titelseite des Pyrmonter Wochen- und Kreisblatts: „Eine Sehenswürdigkeit auf dem Walle ist ein ganzes mit zwei Halbmonden geziertes Zelt, welches Se. Durchlaucht, der Fürst aus Arolsen kommen und hier aufschlagen ließ, und in welchem junge Damen in Kostümen Kaffee, Chocolade etc. aus der Fürstlichen Küche credenzen.“

Aber gleich, welchen Pyrmont-Führer aus dem 19. Jahrhundert man auch in die Hand nimmt, das „Riesenbett“ spielt eine nur untergeordnete Rolle. Theodor Menke schreibt in seinem 1840 veröffentlichten „Pyrmont und seine Umgebungen“ wie folgt: „Zu den Merkwürdigkeiten, welche noch im Schlosse gezeigt werden, gehören auch Theile der durch Schnitzwerk verzierten hölzernen Bettsponde, die von dem oben erwähnten Gleichenschen Ehebett abstammen sollen, und die noch auf dem Boden des Schlosses aufbewahrt werden“ (S.131). Adrian Schückings Bad Pyrmont-Führer mit dem Titel „Ein Führer für Curgäste und Freunde“, publiziert 1887, nimmt die Informationen von Resten eines Bettes auf dem Schlossboden zur Kenntnis, rückt aber die moralischen Grundlagen folgendermaßen zurecht.“ Es sei uns gestattet, ein Wort über die dreischläfrige Bettlade des Grafen von Gleichen einfließen zu lassen, die sich hier finden soll. Wir bedauern im lokalen Interesse das Vorhandensein des angegebenen, in mehreren historischen Romanen verewigten Verhältnisse beschreiben zu müssen; im Interesse der Moral ist es uns natürlich nur angenehm, diesen legalisierten Präzedenzfall aus der Welt zu schaffen. Der betr. Graf von Gleichen hatte nach den angestellten Forschungen allerdings zwei Frauen, aber nicht neben, sondern nacheinander, wie es auch jetzt erlaubt und vorkömmlich ist. Beide waren ehrbare Christinnen.“(S.13)

An das sagenumwobene Bett ranken sich bis zum Jahr 1903 weiter nur märchenhafte Geschichten, die sich nicht mit einem Erscheinungsbild verbinden. Robert Geisslers ungemein populäres Pyrmont-Heft in der Serie „Europäische Wanderbilder“ aus dem Jahr 1880 kann auch kein Bild in dieser so reich illustrierten Publikation beifügen. „Graf von Gleichen, dem die fälschliche Nachricht zugegangen war, seine Gemahlin sei todt, verheiratete sich im Morgenlande mit einer schönen Türkin und ward heimkehrend von seiner ersten Frau (mirabile dictu – kaum zu glauben) freundlich empfangen und durch ein für drei Personen eingerichtetes Bett überrascht. Auf dem Boden des Schlosses sind noch Überreste dieser Bettstelle zu sehen.“(S.13)

Heute bietet die

Kulturinsel „Festung und Schloss Pyrmont“

authentische kulturelle Veranstaltungen.

Tatsächlich wird auch in nachfolgenden Publikationen auf die Reste eines Bettes auf dem Schlossboden hingewiesen, aber definitiv wird 1903 erstmals das Bett als Exponat im Lusthaus vorgestellt. In den 1929er Jahren werden zwei oder drei Postkarten angeboten, aber weder in den Kurzeitungen noch im Pyrmonter Fremden- und Wochenblatt wird in dieser Zeit das Riesenbett als Attraktion für den Besuch der Schlossanlage vorgestellt. Der Heimatforscher C. F. Hauck hat unter dem Titel „Pyrmont und die Gleichenfrage“ 1939 eine Erklärung dazu veröffentlicht: „Doch zwei Jahre später (1784) gibt der Brunnenarzt Marcard kund: Auch werden Liebhabern von Altertümern noch Stücke geschnitzten Holzes von dem sehr großen Bette gewiesen, worin dieser Graf mit seinen beiden Gemahlinnen geschlafen.“ Hauck zählt dann ein Reihe von Bett-Erwähnungen im 18. und 19. Jahrhundert auf, um dann zum Schluss 1899 den Brunnenarzt Seebohm zu zitieren.

Um es zusammenzufassen: Das Riesenbett ist das Werk heimatliebender Handwerker gegen Ende des 19. Jahrhunderts oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts, es ist ein Fantasieprodukt des Historismus und verwendet kein Element der so häufig erwähnten Bettreste von dem Schlossboden, Das Wappen der von Gleichen findet keine Beachtung, wohl aber die Wappen des Grafen Hermann Simon von der Lippe und seiner Gemahlin Ursula von Pyrmont-Spiegelberg, die als steinerne Wappen links und rechts vom Eingang des Schlosses angebracht sind. Das Türkenzelt wird nach 1900 nicht mehr auf der Wallkrone aufgestellt, die alte Linde auf dem Schlosswall hatte einen Umfang von sieben Metern, die tief herunterhängenden Äste werden von sechs Zentner schweren Eisenketten zusammengehalten. Dieser dickstämmige und starkverzweigte Baum an der Nordwestseite der Wallanlage wird 1932 bei einem Sturm entwurzelt.

Was bleibt? Heute bietet die Kulturinsel „Festung und Schloss Pyrmont“ authentische kulturelle Veranstaltungen für Kurgäste, Touristen und Bürger unserer Region. Ob die ständige museale Einrichtung zur Pyrmonter Stadt- und Badgeschichte, ob anspruchsvolle Sonderausstellungen, ob in den Schlosshöfen die einzigartigen Open-Air-Veranstaltungen zu Musik und Theater realisiert werden, ob das – zur Zeit leider durch Baumaßnahmen unterbrochene – so reiche Bildungsangebot im Kommandantenhaus genutzt wird: Jedes einzelne Element bewegt sich auf hohem Niveau in einem historisch einzigartigen Ambiente. Seit 1986 verfügt Bad Pyrmont auf diese Weise über ein einzigartiges touristisches Alleinstellungsmerkmal und kann auf diese Weise den Kurort kulturell bestens vermarkten. Von 1986 bis zum heutigen Tag haben weit mehr als eine Million Besucher an den Veranstaltungen des Kuratoriums Schloss, das heißt der Stadt Bad Pyrmont, des Niedersächsischen Staatsbades und des Landkreises Hameln-Pyrmont teilgenommen. Gerade, weil jede Veranstaltung von ihrer Wahrhaftigkeit lebt.




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