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Nach Trennung verlieren Kinder oft Kontakt zu einem Elternteil / Väter haben meist das Nachsehen

Geschichten, die niemand hören will

Jürgen Kreth, Vorsitzender der Kreisgruppe „Lippe-Weserbergland“, ist frustriert, wenn er auf das zurückliegende Jahr schaut: „Die machen alle so weiter.“ Die, das sind Jugendamt und Gerichte und Gutachter, und wie sie es machen, sagt Kreth auch: von oben herab, arrogant, ohne Respekt.

veröffentlicht am 03.01.2014 um 00:00 Uhr

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Kreth ist Gründer, Vorsitzender und Sprecher der Kreisgruppe Lippe-Weserbergland des Vereins „Väteraufbruch für Kinder“. Hauptanliegen des Vereins ist die Aufrechterhaltung der Beziehung der Kinder zu beiden Eltern nach einer Trennung. Es gibt, sagt Kreth, ein Recht der Kinder auf Vater und Mutter, das sei ein unentziehbares und unverzichtbares Grund- und Menschenrecht. Der Verein will insbesondere die Not der Kinder wenden, die von Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffen sind. In diesem Falle sollen die Kinder die Beziehung zu Vater und Mutter aufrechterhalten können.

Denn zu Beginn ist es ja immer Liebe, dann folgt die Beziehung, die Ehe, es kommen die Kinder. Aber wehe, die Beziehung scheitert und die Eltern werden sich über den Umgang mit dem Kind nicht einig und streiten sich über den Unterhalt, dann, so formuliert es Kreth, „werden die Väter in das Sorgerechts-Fegefeuer geschickt.“ Und: „Wir definieren das Sorgerecht als Recht des Kindes auf Umsorgtwerden, woraus sich für beide Elternteile Verpflichtungen und Rechte ableiten.“

Nicht ins Fegefeuer, sondern gleichsam auf Tournee hat Kreth sich und seine Mitstreiter geschickt. Auf den öffentlichen Weihnachtsmärkten haben sie in blauen Weihnachtsmänteln geworben und dicke Bretter gebohrt – in Rinteln, in Hameln, in Stadthagen. Denn wenn sich Vater und Mutter nicht mehr lieben und der Kampf um das Kind beginnt, dann ist der Vater der Verlierer. Fast immer.

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Jürgen Kreth

„90 Prozent der Väter geben auf“, sagt Andreas Putz, der in Rinteln die Flyer für den Väteraufbruch verteilt hat, „man gibt körperlich und seelisch auf“, weiß der Hamelner. Und erzählt: Seine erste Ehe hielt fünf Jahre, drei Kinder waren da, als seine Frau ihm sagt, dass er ein guter Vater sei und auch ein guter Ehemann, aber die Ehe sei jetzt beendet. Ein paar Tage später kam er nach Hause, es war alles ruhig, die Schränke waren leer, seine Frau und die Kinder verschwunden. Es hat lange gedauert, bis er das Sorgerecht hatte, „aber damit ging es dann erst richtig derbe ab“.

Es ist eine lange Geschichte, die Putz erzählen kann, und es ist eine darüber, wie ein Mann, der Vater sein möchte, so stark an den Rand der Verzweiflung getrieben wird, dass er an Selbstmord denkt. Von der Ex werden alle Steine in den Weg gelegt, die sich nur finden lassen, bis hin zum Verdacht des Missbrauchs, beim Jugendamt findet er wenig Verständnis, er fällt unter die Pfändungsgrenze, „man wird arm und mittelos, alles ist dunkel, und man sieht nicht, dass es auch nur einen Schritt vorwärts geht“, sagt Putz und verteilt den nächsten Flyer.

Der Verein „Väteraufbruch für Kinder“ ist nur zu einem Teil eine Selbsthilfegruppe, zum anderen Teil versteht er sich als ein politischer Verein mit dem Ziel, die Rechte der Kinder zu stärken und den Wert des Vaters der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rufen. Denn leider, so formuliert es Vorsitzender Kreth, „ist die Bedeutung der Vaterrolle in unserer Gesellschaft immer noch von geringerem Stellenwert. Diese muss aber in der Gesellschaft durch politische und gesetzliche Veränderungen fest verankert werden.“ Das Sorgerecht, so könnte man sagen, ist mütterzentriert.

Denn das sogenannte Residenzmodell mit Lebensmittelpunkt bei der Mutter ist aus Sicht aller Beteiligten problematisch. Viele geschiedene oder getrennte Mütter fühlen sich wohl in der Rolle als Hauptbezugsperson. Die Väter dagegen verlieren den Kontakt zu ihren Kindern, denn sie spielen keine Rolle mehr in ihrem Alltagsleben. Sie fühlen sich zum Zahlvater degradiert. Dabei, so sagt es die Familienrechtsprofessorin Hildegund Sünderhauf-Kravets, habe die Scheidungsfolgenforschung seit Jahrzehnten nachgewiesen, dass es nicht die Trennung an sich ist, die Kinder belaste, sondern erstens der Verlust des Kontakts zu einem Elternteil, zweitens der häufige ökonomische Abstieg der Alleinerziehenden und drittens die aufbrechenden Konflikte.

Geht es nach Jürgen Kreth und seinen Mitstreitern, wird das Residenzmodell durch das Wechselmodell ersetzt. Hier teilen die Eltern die Verantwortung gleichberechtigt auf. Ob sie das Kind je 50 Prozent bei sich betreuen oder zum Beispiel 40 zu 60 Prozent, spielt weniger eine Rolle. Wichtig ist, dass das Kind wirklich bei beiden Eltern zu Hause ist - und nicht nur zu Besuch. Die Vorteile: Das Kind hat sichere Bindungen zu beiden Elternteilen, es wird durch bekannte und gewohnte Routinen unterstützt, die Eltern kommunizieren verlässlich über die kindliche Versorgung und tragen keine Konflikte vor dem Kind aus und die Eltern unterstützen sich gegenseitig in der Elternschaft, respektieren Regeln und Gewohnheiten des anderen und unterstützen das Kind, zum jeweils anderen eine positive Beziehung zu haben.

Beim Residenzmodell kommt der Vater im Rosenkrieg in eine gut geölte Maschinerie aus Jugendamt, Gutachtern und Gerichten, die noch immer dem Bild anhängen, dass vor allem eine Mutter wisse, was gut für ihr Kind sei. Kreth hat dies in einem Gespräch mit unserer Zeitung vor einem Jahr so formuliert: „Die Mutter kann machen, was sie will; jeder will, dass der Vater das nicht schafft.“ Denn: „Es ist ganz selten ein Kampf um das Kind, es ist meistens ein Kampf um die Kohle.“ Aber Kreth und seine Mitstreiter kämpfen auch gegen veraltete Strukturen. „PolitikerInnen, „Rechts“-Anwälte (einer bestimmten Sorte) und „Jugend“-Ämter (die eigentlich „Mütter“-Ämter heißen müssten), Beratungsstellen der Frauen-für-Frauen-Szene, Gutachter und weitere Institutionen und Personen der familialen Interventionsszene leisten aktiv Hilfe bei der psychischen Misshandlung von Kindern und Vätern“, heißt es auf der Homepage von „Väteraufbruch“: „Viele Mütter sind hemmungslose Täterinnen, wenn man ihnen suggeriert, dass sie bei allem, was sie wollen, unterstützt werden. Kreth zieht mit Blick auf die Mitwirkenden in diesen Rosenkriegen eine bittere Bilanz: „Es endet immer so, wie es enden soll.“

Das sieht auch Andreas Putz so, der auf den Weihnachtsmärkten Flyer verteilt. Der Hamelner hat eine neue Liebe gefunden, neuen Lebensmut, aber gut gelaufen ist es dennoch nicht. Ein Kind wurde geboren, als es drei Monate alt war, hat sich die Mutter von ihm getrennt. Auch hier ging es schnell um eins: um Geld, um den Unterhalt. „Finanziell fällt man in ein ganz tiefes Loch.“

Andreas Putz war auf sich allein gestellt, als er vor zehn Jahren um seine Kinder kämpfte, heute stehen ihm im „Väteraufbruch“ Mitstreiter zur Seite, die vor allem erst einmal zuhören. Denn wer in einem demokratischen Staat wie Deutschland davon erzählt, wie ungerecht es beim Streit um das gemeinsame Kind zugeht, der erntet erst einmal Kopfschütteln: Das kann doch nicht sein. Wer sich in Deutschland um das Kind streitet, der geht zum Jugendamt., Und dort wird ein Gutachten eingeholt und dann entscheidet ein Richter - und zwar zum Wohle des Kindes. „So ist es nicht“, sagt Putz, und hat durchaus Verständnis für die Mitarbeiter des Jugendamtes und die Richter: Sie sind in aller Regel überfordert, weil sich die Akten stapeln, und sie wollen nur eins, sagt Putz: Ein Verfahren beenden. „Aber die Kinder lieben ihre Väter - und das ist den Experten egal.“

Roland Berger, der eigentlich ganz anders heißt, ist relativ neu beim „Väteraufbruch.“ Er hat momentan keinen persönlichen Kontakt zu der Mutter seines Kindes, bestenfalls per SMS oder E-Mail, „meine Anfragen werden nur sporadisch beantwortet, wenn überhaupt.“ Die Folge: „Ich erfahre so über das Alltagsleben des Kindes nichts. Nur wenn ich alle zwei Wochen Umgang habe, dann erfahre ich etwas - wenn meine Tochter mir etwas erzählt.“ Er wünscht sich für die Zukunft, dass die Mutter lernt, „auf die Wünsche unserer Tochter einzugehen, dass ein Kind Vater und Mutter braucht und wir miteinander reden können oder zumindest ein vernünftiger Austausch stattfindet und die Kindsmutter ihre Gefühle mir gegenüber in den Griff bekommt und mich als Vater wahrnimmt.“

Denn die Verantwortung beider Eltern für das Kind beginnt mit der Zeugung. Vater und Mutter sind gleichermaßen verpflichtet und berechtigt, für ihr Kind zu sorgen und es zu erziehen. Die elterliche Verantwortung ist gleichwertig und unabhängig davon, ob die Eltern miteinander verheiratet sind oder nicht, heißt es beim „Väteraufbruch.“ Die Bindung zu Vater und Mutter ist eine elementare Voraussetzung für die körperliche, geistige und seelische Entwicklung ihres Kindes. Und: Das Verhindern oder Unterbrechen der Bindung zwischen dem Kind und seinen beiden Eltern verletzt das Menschenrecht des Kindes und des ausgegrenzten Elternteils. Daher ist das Bestreben eines Elternteils, den anderen Elternteil aus der Verantwortung herauszudrängen, schädlich für die Entwicklung des Kindes und unserer Gesellschaft: „Allen Kindern beide Eltern!“

Andreas Putz verteilt den letzten Flyer und erzählt noch einmal von seiner ältesten Tochter: Sie ist jetzt im Teeniealter und trifft ihre eigenen Entscheidungen. Wenn sie ihren Papa sehen will, dann fährt sie zu ihm. Mit dem Kampf zwischen ihm und seiner Exfrau, so hat sie es ihre Mutter erzählt, will sie nichts zu tun haben. Andreas Putz hebt seine inzwischen vierjährige Tochter aus der zweiten Beziehung auf den Arm, das Kind lebt bei ihm. Aber das kann sich ja ändern, sagt er: Was ist, wenn die Mutter in vier Jahren ihr Kind plötzlich wieder haben will? Wie ist dann die Rechtsprechung? Das weiß niemand, aber eines ist für Putz sonnenklar: „Dann geht es wieder los.“

Sie treten ein für das Aufbrechen der alten Rollenzuweisungen „Mutter fürs Emotionale“ und „Vater fürs Materielle“. Denn Kinder benötigen beide Elternteile für ihre emotionale Entwicklung. Deshalb der Name: „Väteraufbruch für Kinder“. Es sind Väter, die sich für die Rechte der Kinder einsetzen. Nach einer Trennung verliert jedes zweite Kind nach zwei Jahren den Kontakt zu einem Elternteil. Fast immer verlieren die Väter.

Unterwegs im blauen Weihnachtsmantel: Andreas Putz verteilt Flyer und wirbt für den „Väteraufbruch“.




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