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Moderator und Deejay lässt andere an seiner Leidenschaft für Soul teilhaben

He‘s a Soul Man - Wie Markus Kater zur Musik kam

Soul? Ist doch Musik von gestern, Musik für Ältere, oder? Im Prinzip stimmt das, aber in einer Nische des Musikmarkts hat Soul nicht nur überlebt, in dieser Nische groovt Soul quicklebendig vor sich hin. Das Internet hält die weltweite Soul-Gemeinde zusammen. Auf den Knotenpunkten des deutschen Soul-Netzwerks sitzen ein paar Soulfreaks und Auskenner. Zu ihnen zählt Markus Kater, 56, aus dem Rintelner Ortsteil Schaumburg. In gewisser Hinsicht ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Soul für ihn (über)lebenswichtig ist.

veröffentlicht am 17.10.2018 um 11:15 Uhr
aktualisiert am 17.10.2018 um 14:40 Uhr

Markus Kater und Tom Hüge aus Würselen bespielen mit anderen Deejays sonntags eine Radioshow. Foto: ab
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Autor

Arne Boecker Reporter
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Der Begriff „Soul“ mäandert durch die Musikgeschichte wie der Mississippi durch den mittleren Westen der USA. Unumstritten ist: Die Quelle des Soul haben Afroamerikaner in den 1950er-Jahren entdeckt, als sie Blues und Gospel zusammenbrachten. Der neue Stil war heiß, und er brachte die Menschen auf die Tanzfläche. Soul war damals sehr politisch, vertonte den Kampf gegen Rassentrennung und für Bürgerrechte. Musikalisch zeichnet sich Soul dadurch aus, dass die Sängerinnen und Sänger eine Menge Herz und eine Menge Seele auf der Zunge tragen. Inbrünstiger Gesang, dramatische Soli: „When A Man Loves A Woman“ von Percy Sledge und „Respect“ geschrieben von Otis Redding und gesungen von Aretha Franklin, seien hier als Klassiker genannt, die auch Nicht-Soulbrüder und -schwestern kennen.

Mit den Jahren wurde Soul zu einem anderen Wort für schwarzen Pop. Traditionelle Soulmusik trat in den Hintergrund, inspirierte aber neue Generationen von Musikern. Michael Jackson und Beyoncé sind ohne Soul nicht denkbar, auch Disco-, Funk, Rap- und Hip-Hop-Stars wissen zu schätzen, dass vor einem halben Jahrhundert tolle Songs aufgenommen worden sind. Sie schneiden am Computer Teile dieser Tracks heraus und bauen neue Songs drum herum; „Samplen“ heißt diese Technik.

Die Soulkarriere des Helpser Jungen Markus Kater begann in einem legendären Plattenladen in Stadthagen, Krumme Straße. Offiziell hieß der Laden „BAM“, aber eigentlich traf man sich „beim Reiner“. Der Schüler Markus Kater hatte auf WDR 2, in der legendären Sendung „Diskothek im WDR“ von Mal Sondock, „Fantasy“ von Earth, Wind & Fire gehört – und war angefixt.

„‚Fantasy‘ lief damals sogar auf Kellerpartys, auf denen eigentlich die Rolling Stones gespielt wurden“, erinnert sich Markus Kater, „es war aber auch das perfekte Engtanz-Stück.“

Vor allem unter den amerikanischen Soldaten waren Musikverrückte, die meinen Horizont mächtig erweitert haben.

Markus Kater, Soulfreak aus Schaumburg

Zu Hause hörte er „Fantasy“ auf dem Plattenspieler hoch und runter. „Der Lautsprecher steckte im Deckel des Plattenspielers“, sagt Kater, „wenn es zu spät wurde, musste ich unter der Bettdecke weiterhören, damit die Eltern das nicht mitbekamen.“ Aus dem jungen Markus Kater wurde ein normaler Popmusik-Fan mit einem Faible für Soul: „Ich habe damals durchaus noch so was wie die Hollies oder Marius Müller-Westernhagen gehört.“

Ein Stück weiter Richtung Soul, diese afroamerikanische Unterhaltungsmusik, schubste ihn ausgerechnet die Bundeswehr, der sich Markus Kater für vier Jahre verpflichtet hatte. Unter anderem diente er in einer NATO-Einheit in Ramstein, mit Soldaten aus vielen Ländern.

„Vor allem unter den amerikanischen Soldaten waren Musikverrückte, die meinen Horizont mächtig erweitert haben“, sagt Markus Kater. Er lernte Klassiker wie Lou Rawls kennen, interessierte sich aber auch für moderne, soulnahe Musik wie die von Heaven 17 oder auch Frankie Goes To Hollywood. Das neue Wissen konnte er gleich in Plattenkäufe umsetzen, der Ramsteiner NAAFI-Shop war eine Art Paradies für Black-Music-Fans (NAAFI steht für „Navy, Army, Air Force Institutes“).

Die nächste Station auf Markus Katers Soul-Reise war wieder Stadthagen, wo er ab 1987 ein Volontariat beim „General-Anzeiger“, einer wöchentlich erscheinenden Heimatzeitung, absolvierte; dies war der Auftakt einer jahrelangen Laufbahn als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. In Stadthagen schrieb Kater jedoch vor allem für das Szene-Blatt „Schaumburger News“, das im selben Verlag wie der „General-Anzeiger“ erschien.

Er grub sich immer tiefer in das Thema Soul ein. „Zum einen haben uns die Plattenfirmen ordentlich bemustert, zum anderen habe ich über die ‚News‘ den Soul-Experten Jörg-Michael Schmitt kennengelernt“, sagt Markus Kater. Schmidt versorgte ihn mit Schätzen und Raritäten, die er aus den USA importiert hatte. „Das war damals das Nonplusultra“, schwärmt Markus Kater.

Über die „News“ bekam er Zugang zu den vielen, kleinen Clubs in Ostwestfalen, in denen US-Soldaten über Jahrzehnte ein Stück Heimat lebten, wie das „Rodeo“ in Bad Oeynhausen und das „Subito“ in Bielefeld.

„Außerdem war der Soldatensender BFBS eine wichtige Quelle“, sagt Markus Kater. Als sehr stolzer Besitzer einer Kenwood-Anlage mit zwei Tapedecks schnitt er Soultracks mit, überspielte sie auf andere Kassetten, die er dann verschenkte.

In den folgenden Jahren standen Familie und Beruf für Markus Kater im Vordergrund. Soul spielte in seinem Leben zwar weiter eine Rolle, lief aber eher im Hintergrund vor sich hin.

Als Facebook bekannt wurde, begriff ich, dass sich jetzt vieles um 180 Grad drehen würde.

Markus Kater, Soulfreak aus Schaumburg

Das änderte sich 2008, als er eine Stelle als Lokalchef der „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven antrat. Bremerhaven hatte nach dem 2. Weltkrieg – wieder über US-Soldaten – immer ein Techtelmechtel mit Rock und Soul, man denke nur an Elvis Presleys großen Auftritt, der hier als GI 1958 erstmals deutschen Boden betrat.

„Zur Hoch-Zeit der US-Truppen wurde in Bremerhaven für das Wochenende eine Hauptstraße gesperrt, damit alle paar Meter Clubs und Bars aufmachen konnten.“

Markus Kater lernte in Bremerhaven Rob Hardt kennen. Der hatte als Produzent für eher soulferne Künstler wie „Pur“ gearbeitet, gründete dann aber das Band-Projekt „Cool Million“, das Soul-Sänger und Instrumentalisten auf die Bühne bringt. „‚Cool Million‘ präsentiert eigene Tracks im Soul-&-Funk-Stil der 1980er Jahre“, erklärt Markus Kater. Menschen wie Rob Hardt und Projekte wie „Cool Million“ zogen ihn „wieder so richtig in den Soul hinein“.

Und dann, ja dann kam das Internet, das Musik-Spezialisten ein Universum an Möglichkeiten aufschloss. „Als Facebook bekannt wurde und das iPhone 1 auf den Markt kam, begriff ich nach einer gewissen Anlaufzeit, dass sich jetzt vieles um 180 Grad drehen würde“, sagt Markus Kater. „Nie war es leichter, unglaublich viele Menschen kennenzulernen, die unglaublich viel Musik kennen.“ Die Musik wird geteilt, und sie wird kommentiert.

Heute ist Markus Kater Gastgeber für wöchentliche Soul-Shows, die Internet-Radios in England, Australien und Deutschland verbreiten. Für die Sets produziert er gelegentlich eigene Tracks, von denen einige von Labels veröffentlicht werden.

Markus Kater hört und produziert Soul vor allem auf seinem Apple-Laptop, dazu kommt ein handelsübliches Mischpult; mehr braucht es heute nicht. Zusammen mit einer Freundin, die in Hamburg lebt, betreibt er „Groovefinder’s World“, eine Art Plattform mit Nachrichten aus allen Spielweisen des Soul.

Nach mehreren Herzinfarkten, die ihn vor vier Jahren niederstreckten, ist Markus Kater heute Frührentner. An die Welt des Souls dockt er über den Laptop von dem Küchentisch seiner Wohnung in Rinteln-Schaumburg an, mit Blick auf einen wunderbar wilden Garten. Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen schafft er es, drei-, viermal pro Jahr auf großen Soul-Events als DJ aufzulegen, unter anderem in Kiel, Hamburg und Margate/Südengland.




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