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Hinter Gittern

$ick über Freiheitsdrang und Drogen in der Hamelner JA

Vom 7. November 1991 bis zum 21. Dezember 1993 saß Ex-Junkie $ick in der Jugendanstalt Tündern ein. An die Daten erinnert er sich noch ganz genau. Aus der erhofften Bewährungsstrafe wurden damals fast drei Jahre – weitere Gefängnisaufenthalte in anderen Städten folgten. Heute lebt der YouTubestar, Grimmepreisträger und Buchautor in Berlin und ist seit sechs Jahren clean. Noch immer ist die Aufarbeitung seiner Geschichte das zentrale Thema seines Lebens. Jüngst war er bei Schülern der Handelslehranstalt zu Gast. Auch in der JA würde er gern eine Lesung abhalten. Wir haben ihn nach seiner Zeit dort gefragt.

veröffentlicht am 26.04.2018 um 15:19 Uhr
aktualisiert am 27.04.2018 um 13:43 Uhr

Von Hameln kannte $ick damals nur den Bahnhof und die Jugendanstalt. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Wie ist es, wieder in Hameln zu sein?
$ick: Das hat emotional nichts mit mir gemacht. Das Einzige, was ich eigentlich kenne, ist die Anstalt. Ich bin hier nur einmal mit dem Zug weggefahren.

Ein paarmal hast Du auch versucht, zu fliehen …
Zwei Versuche missglückten, einer ist gelungen.

Was ging bei den beiden ersten schief?
Ich habe einen Anker gebaut, der viel zu schwer war, um ihn über die Mauer zu kriegen. Der erste Versuch (lacht) ist einfach am Gewicht des Werkzeugs gescheitert. Der zweite, weil wir einfach zu voll waren. Auf Rohypnol und selbstgemachtem Alkohol. Das konnte gar nichts werden, wir waren voll wie die Eimer. Um zwei kam die Idee, um fünf nach zwei waren wir schon am Arbeiten und um fünf haben wir festgestellt, okay, das wird nix.

Die Jugendanstalt Tündern von oben: Hier hat $ick eingesessen. Foto: Dana
  • Die Jugendanstalt Tündern von oben: Hier hat $ick eingesessen. Foto: Dana

Und der dritte hat dann funktioniert?
Ja, der war länger vorbereitet von einem Kollegen auf meiner Gruppe. Der hat einen Alu-Anker gebaut. So ist damals tatsächlich die ganze Gruppe abgehauen.

Wieviel Zeit hattest Du da noch vor Dir?
Noch 10 Monate.

Hattest Du keine Angst, dass sich die Strafe durch den Fluchtversuch verlängert?
Der Drang nach Freiheit darf nicht bestraft werden, das wusste ich schon. Wenn man mit mehr als zwei Mann ausbricht, könnte es als Meuterei gewertet werden. Ansonsten bekommst du ne Strafanzeige oder ne Geldstrafe, ne kleine Strafe für die Sachbeschädigung, denn ohne kannst Du nicht ausbrechen. Normalerweise erwarten einen 14 Tage interner Einschluss in der Anstalt, auf der Absonderung. Mehr gibt es nicht. In den USA ist das anders.

Als Du aus der JVA Hannover nach Hameln kamst, sei das wie ein Schullandheim gewesen, sagst Du in deinem Buch. Kannst Du dich noch an den ersten Tag erinnern?
Ja, obwohl damals noch alles grau war, konnte man schon sehen, dass das eigentlich ne recht schöne, grüne, bepflanzte Anstalt ist, der Innenhof mit kleinem Teich, rotem Fußballplatz. Im Gegensatz zur JVA Hannover, das war ein richtiges Drecksloch, kam mir Hameln vor wie eine Jugendherberge. Ist eben ne Jugendanstalt. Von der Einrichtung der Zelle her, alles aus Holz, Einbauschrank, abgetrennte Toilette, mit Warmwasser...

Als man die JA in der 70ern baute, wollte eine engagierte Generation vieles besser machen, resozialisieren statt wegsperren. Doch das Konzept konnte in seiner Ursprungsform nicht durchgehalten werden. Können weniger strikte Konzepte aus Deiner Sicht funktionieren?
Die JA war mal Europas modernste Jugendanstalt, wenn ich mich recht erinnere. Als ich da war, gab es Antagonisten-Training. Das hat Herr Dr. Weidner, ein Hausleiter, gemacht. Das weiß ich noch genau, das war damals ein junger Hausleiter, der hatte ein Buch geschrieben darüber. Kurz nachdem ich in die Anstalt kam, habe ich einen Fernsehbericht gesehen, wo der mit Schweizer Hooligans im Fernsehstudio sitzt. Die waren so 2.10 Meter groß, bis ins Gesicht zutätowiert. Er hat mit denen vor der Kamera Antagonistentraining gemacht und war dann ganz kurz davor, den Arsch voll zu kriegen – live im Studio (lacht). Die kamen da nicht drauf klar, wie er mit denen geredet hat. Der hat das bei uns auch gemacht, das war im Grunde ein ganz toller Hausleiter. Ich hatte kein Stress mit dem, als klar war, ich gehöre nicht in die Antagonistengruppe.

Wie bist Du dort reingeraten?
Ich war halt frustriert und sauer und habe mich danebenbenommen, als ich nach der Gerichtsverhandlung in Hannover wieder nach Hameln kam und für ne Eimerflasche direkt 14 Tage in den Einschluss gegangen bin. Statt Bewährung hatte ich zwei Jahre und zehn Monate bekommen. Vor dem Termin habe ich mit den Jungs auf der Gruppe nen Eimer geraucht. Die Flasche ist dageblieben und die Frage war: „Was machen wir damit? Ich meinte, ich kriege morgen sowieso Bewährung, sag‘ einfach ist meine. Haben sie dann auch gesagt.

Glaubst Du denn, dass sozialere Konzepte grundsätzlich funktionieren können? Ist man offen dafür, wenn man einsitzt?
Aus der Not heraus, der eine oder andere. Viele Jugendliche muss man erst mal überzeugen, dass es so besser ist. Viele sind in ihren Strukturen festgefahren und feiern das noch, von Reue gar keine Spur, so: Hat doch Spaß gemacht, zwei Jahre sitz ich jetzt eben ab, egal, was ihr jetzt hier labert. So gehen halt viele Jugendliche schon in den Knast.

Du damals auch?
Ja. Für mich war in der JA Hameln schon klar, dass die nächste Anstalt schon auf mich wartet. Und die nächste und die nächste...

Was mich wundert: Du beschreibst in deinem Buch, Du hast in der JA nur gekifft, Du hättest dir ja auch Shore (Heroin) besorgen können.
Das habe ich in allen Anstalten so gemacht. Ich habe in Hameln tatsächlich auch mal ein Blech geraucht, zu Weihnachten habe ich mir das geholt. Aber im Grunde habe ich jedesmal, wenn ich in die JVA kam, alles schnellstmöglich abgesetzt, wovon ich körperlich abhängig war. Weil ich dem Stoff die Schuld dafür gab, dass ich da war. Unterbewusst. Ich wollte nicht drauf sein im Knast, dann ist man Opfer.

Aber es ist doch komisch, dass Du es da so einfach konntest.
Ohne Problem, das war einfach selbstverständlich für mich. Das funktionierte dann einfach so, ich hab die Tür hinter mir zugemacht und aufgehört.

War es denn in Hameln leicht, an Drogen zu kommen?
Ziemlich leicht. Ich habe einen guten Jungen auf der Gruppe gehabt, der alle 14 Tage 50 oder 100 Gramm gekriegt hat. Auf den anderen Gruppen waren auch Leute und ich hab auch meinen eigenen Stoff organisiert. Ich habe fast jeden Tag in Hameln gekifft.


Einmal hat es in Deiner Nachbarzelle gebrannt, was war da los?
Der hat sich angezündet. Als ich wiederkam von der Absonderung, saß der neben mir, ein Kurde, glaube ich. Der hatte schon mit Selbstmord gedroht, hatte Verbände, weil er sich wohl schon geritzt hatte. Er hatte alles angezündet und vor die Tür geschoben. Die Stahltür hatte sich so verzogen, dass sie sich nicht mehr öffnen ließ, er musste aus dem Fenster gerettet werden.

Und ihr musstet auch raus?
Ja, wegen der Rauchbildung bin ich dann auf die Gruppe verlegt worden.

In Deinem Buch sagst Du, dass vielleicht früher ne Type wie Du jetzt Dir hätte helfen können...
Vielleicht, ja.

Hast Du mal überlegt, die Insassen der JA zu besuchen?
Ich habe gestern mit einem guten Freund in der JVA Meppen gesprochen, der sich nen Zehner gefangen hat, der sitzt das siebte Mal. Er macht jetzt ne Sozialtherapie und seine Sozialarbeiterin hat sich mein Buch gekauft. Sie spielt schwer mit dem Gedanken, mich einzuladen. Da sitzen aktuell zwei Freunde von mir.

Und hier in Hameln?
Da kenne ich keinen mehr, das ist ja Jugendanstalt.

Aber würdest Du hingehen?
Ich würde hingehen, ich wollte auch, aber auf die Anfrage zu einer Weihnachtslesung, die ich auch umsonst gemacht hätte, kam keine Antwort. Obwohl wir dort auch von einem Sozialarbeiter angeschrieben worden sind, aber wahrscheinlich hat es die Anstaltsleitung gecancelt. Vermutlich, weil ich abgehauen bin.

Hast Du mitbekommen, dass auch andere abgehauen sind?
Ständig. Haus eins war ohne Gitter, da ist alle drei Tage einer über die Mauer gesprungen. Es war das Freigängerhaus damals, heute ist es das am schwersten bewachte, mit Kameras auf den Fluren und von außen. Das sind heute die schlimmsten Jungs, in Haus eins.

Dir haben die Videos und das Buch Halt gegeben. Hast Du Angst, dass Du wieder schwach werden könntest, wenn kein großes Projekt ansteht?
Es steht ja noch ein Projekt an, ich habe noch nicht alle Geschichten erzählt. Bei bestimmten Straftaten ist die Verjährungsfrist 25 Jahre und die ersten Geschichten davon darf ich frühestens nächstes Jahr erzählen.


Es geht also weiter?
Ja, es gibt noch ein Buch.




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