weather-image
Wie ein Reisender das Pyrmonter Badeleben im 18. Jahrhundert erlebte / „Spiel, Musik, Komödie, Ball“

Im bunten Wirrwarr der Welt

m Sommer 1796 unternimmt der herzoglich braunschweigische Kammersekretär Wilhelm Ferdinand Chassot de Florencourt eine Reise, die ihn über Bad Pyrmont nach Kassel führt. Der Braunschweiger veröffentlicht seine Erlebnisse unter dem Titel „Sittliche Schilderungen entworfen auf einer Reise von Braunschweig, über Pyrmont, Rinteln und nach Cassel“. Auf amüsant zu lesende Weise werden gesellschaftliche Zu- und Missstände unter die Lupe genommen, getragen von den Gedanken der Epoche der Aufklärung und Empfindsamkeit – darin dem großem Vorbild Jean-Jacques Rousseau nacheifernd.

veröffentlicht am 22.09.2018 um 10:33 Uhr

Sehen und gesehen werden – das war schon das Motto der Pyrmonter Kurgäste im 18. Jahrhundert. Unser Bild zeigt die Hauptallee in einer Ansicht von Marcard von 1784. Foto: pr

Autor:

Peter Weber
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das Badewesen Pyrmonts, in das der kritische Moralist bei seinem mehrwöchigen Aufenthalt Einblick nimmt, offenbart sehr schnell, dass es mit der angestrebten „sittlichen Vervollkommnung“ des Menschen beim dortigen Publikum noch ein gutes Stück Weges ist. Und es liegt nicht am wenig einladenden Wetter, dass sein Aufenthalt eher zu einem des Missvergnügens wird. „Ein Regenschauer folgt dem andern und kaum hat eine Gewitterwolke ausgeblitzt, so zieht eine neue wieder auf. Also scheint dieses Thal in mehr als einer Hinsicht der Aufenthalt der Wassergötter zu seyn.“ Doch das kann den Autor nicht schrecken.

„Trotz alles Regens habe ich keinen Tag vorbey gelassen an dem ich nicht die günstigen Augenblicke genutzt habe, um mir durch einen längeren Spaziergang, als die Brunnenanlagen verstatten, wenigstens Etwas von demjenigen zu verschaffen, was man hier anzutreffen wähnt, und nicht antrifft – eine geräuschlose Einsamkeit und den Genuß des Landlebens. Auf allen diesen Wanderungen habe ich kein einziges Mal Bekannte aus meinem glänzenden Cirkel gefunden. (…) Die vornehmen Herren und Damen sind zu träge und unentschlossen, um eine weitere Tour zu unternehmen, und dann – wozu würde diese Anstrengung auch helfen? Liegt doch der Talisman der anziehenden Kraft nicht auf jenen Bergen, sondern in der Mitte der Allee. Hier, nicht dort dürfen die Meisterstücke des Schneiders, der Modehändlerinn, und des Friseurs auf den verdienten Beyfall rechnen, hier, nicht dort, sieht man und wird gesehen; hier endlich und nicht dort, ist Spiel, Musik, Komödie, Ball.“

Von den landschaftlichen Reizen zeigt sich Chassot beeindruckt. Zwar neigt das Flüsschen Emmer dazu, sich in den Wiesen zu verbergen, doch teilt die Klarheit seines Wassers „allen Gegenständen umher Munterkeit und Freude mit. Beim Untergange der Sonne habe ich einige Male ein Paar süße Stunden an ihren Ufern verträumt; und das liebliche Bild der Landschaft, durch den Wiederschein auf ihre kristallene Wellen hingezaubert, zwiefach bewundert. Die Malerey der Farben und die Würkungen des Lichts und Schattens zwischen den Tiefen und an den Spitzen dieser kleinen Gebürge, machten den angenehmsten Eindruck.“

Blick auf die Pyrmonter „Gesundquelle“ am Brunnenplatz. Die Ansicht aus dem Jahr 1881 stammt von Hermann Carl Hempel. Foto: pr
  • Blick auf die Pyrmonter „Gesundquelle“ am Brunnenplatz. Die Ansicht aus dem Jahr 1881 stammt von Hermann Carl Hempel. Foto: pr

Durch solch ein Naturerlebnis seelisch gestärkt, vermag Chassot sich wieder dem wenig geliebten Treiben an der Pyrmonter „Gesundquelle“ zu widmen. Auch wenn der Tugendsame es vorzieht, angesichts der dort waltenden Weiblichkeit mit gesenktem Blick einher zu wandeln, so lässt sich doch seine Empfänglichkeit für das Schöne nicht hindern, ein Augenmerk auf deren Reize zu haben. Da wäre zuvörderst die schöne Frau von P., bei deren Gegenwart er nicht umhin kann, dem „gefährlichen Vergnügen“ zu erliegen, sich „durch einen verstohlenen Blick an der reinen Stirn, dem geraden Zuge der Nase, dem lieblichen Suadamunde und dem blühenden Ovale der Wangen zu weiden.“ Doch damit nicht genug. „Heller schien die Sonne zu strahlen, milder schienen die Lüfte zu wehen, so oft die beyden jüngsten Töchter der Frau von B. nymphenartig durch die Allee schwebten.“

Willst Du in Pyrmont vergnügte Tage genießen, so mußt Du dafür sorgen, daß Du einen kleinen Zirkel lieber Menschen um Dich versammelst.

Wilhelm Ferdinand Chassot de Florencourt, Kammersekretär

Da stellt sich allerdings die Frage, weshalb dieser Liebreiz sich gerade an einem der Genesung von Krankheit geweihten Ort in solchem Maß versammelt. Chassot kann sich des Eindrucks nicht erwehren, in Wahrheit auf einem großen Heiratsmarkt gelandet zu sein. „Hier hast Du also den Hauptgrund, der Pyrmont zum Sammelplatze so viel holdseliger Kinder macht, daß man sich eher im Harem des Großherrn, als im Bade des Fürsten von Waldeck zu finden glaubt.“

Es versteht sich von selbst, dass die unausbleiblichen Oberflächlichkeiten abendlicher Konversation sowie die hier zutage tretenden Standesdünkel für einen Mann von Geist ein Greuel sein müssen. Zumal, „wenn man Dich bey Tische auf ein Paar Stunden zu einer fremden Dame setzt, in deren leeren Kopfe nur einige wenige magre Ideen von Putz, Mode, Eitelkeit, Hochmuth und Liebeley langsam umher spuken. (…) In dieser Hinsicht ist es mir in Pyrmont sehr gut gegangen; mein glückliches Gestirn hat mich an der table d’hôte (der Tischgesellschaft) im Ballsaale fast immer zu recht gescheuten Weibern geführt.“ Wie etwa zu einer geistreichen Gräfin aus H., mit der er das Glück hat, französisch parlieren zu können, wo doch im Resteuropa seit der Revolution dies nicht mehr opportun ist. Diese Vertrautheit währt allerdings nur, bis ihre Entourage gewahr wird, dass er nicht „von Familie“, das heißt, ihres Standes ist. „So bringen Verhältnisse aus einander, was sonst für einander geschaffen war! (…) Alles geht hier den Gang, den man im bunten Wirrwar der Welt überall zu gehen pflegt; man sieht sich, ohne sich kennen zu lernen, man ißt, trinkt und spielt, und verläßt sich, ohne weiter einander zu verlangen.“

Insbesondere die abendlichen Bälle bereiten Pein. „Alles geht hier so rasch und munter durcheinander, als ob ans Krankseyn nicht einmal gedacht werden dürfte.“ Wenn dann „der Tänzer seine Tänzerin eng umschlungen hält, wenn er mit ihr Knie an Knie, Brust an Brust eine Gruppe bildet, – wird er nicht mit dem reizenden Mädchen, deren Athem ihn anwehet, von deren heißen Wangen er den Wiederschein fühlt, deren Herz dem seinigen entgegen klopft, in nähere Vertraulichkeit zu kommen suchen?“ Da ist denn „die Tugend für immer verspielt“.

Rückblickend vermerkt der Autor zu seinem Aufenthalt: „Willst Du in Pyrmont vergnügte Tage genießen, so mußt Du dafür sorgen, daß Du einen kleinen Zirkel lieber Menschen um Dich versammelst, in den Du Dich, wie in ein Heiligthum, zurückziehst, wenn du vom Rausche der Weltfreuden Eckel und Ermattung zu fühlen beginnst. (…) Bey allem dem bin ich nichts weniger als unzufrieden, dort gewesen zu seyn. Für den denkenden und vernünftigen Theil der zweybeinigen federlosen Geschöpfe, kann Pyr-mont (...) eine Schule werden, aus der man große Wahrheiten mit nach Hause nimmt.“

Der Autor setzt seine Reise fort und gelangt schließlich nach Rinteln, einer Stadt, der er allerdings nicht viel abgewinnen kann. Doch seine Stimmung hebt sich bei einem abendlichen Spaziergang an der Weser. Einmal mehr entfaltet die Natur ihren wohltuenden Reiz: „Die Wiesen am Ufer des Stroms, geschmückt mit frischem Grase und tausendfarbigen Blumen, waren entzückend schön, und balsamische Düfte durchwallten die stille Luft. Es war Heuernte und die Thätigkeit der Schnitter belebte das vor mir liegende Gemälde mit munteren Farben. Nach und nach verloren sie sich, wie das entfernte Rollen des Donners einen nahen Regenguss verkündigte. Die Landschaft ward nun einsam, eine liebliche Beleuchtung, schöner als der Tag sie giebt, floß über sie hin, und der Schimmer, der hin und wieder von den wachsenden Schatten der Berge und der Bäume begrenzt ward, sank immer mehr in die Dämmerung herab. (…) Tiefe Stille herrschte jetzt auf den Gefilden, und die heilige Feyer der Natur ward mit einem ehrerbietigen Schweigen begangen.“




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare