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„Kleine Giganten – Insekten, Spinnen & Co.“: Sonderausstellung lockt viele Besucher ins Universitäts- und Stadtmuseum

Im Kabinett der Schrecken

„Es ist sehr spannend, aber auch furchterregend! Ich kann es weiterempfehlen“, hat Maxi in gut leserlicher Kinderschrift ins Gästebuch geschrieben. Ein Jurassic Park für Krabbeltiere lockt derzeit viel Publikum ins Universitäts- und Stadtmuseum Rinteln. Gezeigt werden dort Insekten, Spinnen & Co. in mehr als 30 Terrarien. Fasziniert vom Grusel, einfach aus Neugier auf die Welt exotischer Kleinlebewesen oder interessiert am Biologie-Anschauungsunterricht aus nächster Nähe – Jung und Alt lassen sich von der Sonderausstellung „Kleine Giganten“ in den Bann ziehen. Wir haben mit den Machern der Ausstellung gesprochen und durften zwei Besucherinnen mal kurz über die Schulter gucken.

veröffentlicht am 26.11.2018 um 12:32 Uhr

Drachenkopfschrecken fressen Pflanzen und Insekten. Diese hier lebt im Museum in einer Männer-WG. Foto: jan
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Jan Oldehus Reporter zur Autorenseite
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Uuhh, wie sehen die denn aus!“ Ihre gemeinsam gepflegte Abscheu gegen „Ungeziefer“ haben Mutter und Tochter nicht an der Museumsgarderobe abgegeben. Ungeachtet dessen lugen sie jetzt mit einer Mischung aus Bewunderung und Respekt in den Liliput-Urwald hinter Glas. Es ist ungewöhnlich warm in diesem Raum des Museums – die Tiere brauchen Wärme.

Am beleuchteten Deckel des Terrariums hängen – wie die Fledermäuse – zwei Drachenkopfschrecken, lang wie ein Finger. Zugegeben, freilaufend im Wohnzimmer möchte diese Krabbler wohl niemand haben, und zart besaiteten Gemütern mag die Schrecke sogar einen Schrecken einjagen, doch unsere beiden Besucherinnen bleiben gefasst. „Da, auf dem Baumstumpf sitzt noch eine, die guckt uns direkt an“, flüstert die Mutter. „Ja“, flüstert die Tochter zurück.

Das gräulichgrüne Insekt hockt da, als setze es zum Sprung an, reglos. Es scheint die etwas ratlosen Gesichter mit seinen außen am Kopf angesetzten Augen zu fixieren. Die sechs kräftigen Beine sind mit Stacheln besetzt, aus der Stirn ragen zwei lange Antennen. „Na, ist dir langweilig?“, zeigt das Mädchen plötzlich einen Anflug von Empathie. „Meinst du?“, murmelt die Mutter, deren leichtes Grausen noch anzuhalten scheint.

Die Malaiische Riesengespenstschrecke hat sich gehäutet. Foto: jan
  • Die Malaiische Riesengespenstschrecke hat sich gehäutet. Foto: jan
Die Präparate im Museum stammen ausschließlich von Tieren, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Foto: Museum Rinteln
  • Die Präparate im Museum stammen ausschließlich von Tieren, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Foto: Museum Rinteln
Die Vogelspinne verlässt am liebsten abends ihre Höhle. Foto: jan
  • Die Vogelspinne verlässt am liebsten abends ihre Höhle. Foto: jan

Nein, Langeweile kommt in der Ausstellung nicht auf, weder bei Mensch noch bei Tier. Insektenkenner Martin Höhle, Chef der in Hülsede ansässigen Firma „The Pet Factory“, die die Terrarien im Museum mitsamt ihren kleinen Bewohnern als Auftragsarbeit ausgestattet und gestaltet hat, weiß, warum. „Langeweile“, sagt Höhle, „können nur Lebewesen mit einem differenzierenden Gehirn empfinden. Das haben Insekten aber nicht. Sie empfinden daher auch keinen Schmerz.“

Dass eine Australische Gespenstschrecke zum Beispiel mit lediglich vier statt sechs Beinen an einem Ast in ihrem Terrarium hängt, bringt weder ihn noch Museumsleiter Stefan Meyer aus der Fassung – und die Schrecke schon gleich gar nicht. „Ob das beim Häuten passiert ist oder ob sie mit den Beinen irgendwo hängengeblieben ist, ich weiß es nicht.“

Spinnen und Insekten im Museum? Meyer will mit der außergewöhnlichen Ausstellung an das für viele Menschen besorgniserregende Thema Insektensterben anknüpfen und hat damit offenbar ins Schwarze getroffen. „Es läuft sehr gut“, sagt er.

„Die Abscheu verwandelt sich bei vielen Besuchern schnell in Mitgefühl“, erzählt Karl-Heinz Stahlhut, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Museum. „Wenn sie beispielsweise sehen, dass ein Käfer auf dem Rücken liegt und nicht mehr auf die Beine kommt, sagen sie Bescheid.“ Andere sind ein bisschen empört, wenn sie miterleben, wie lebende Heimchen an fleischfressende Insekten verfüttert werden.

Als ein Besucher zwei scheinbar leblos am Boden liegende Dschungelnymphen mit noch dazu einem abgetrennten Bein entdeckt, meldet er das „Drama“ sofort beim ehrenamtlichen Museumsmitarbeiter. „Nein, nein“, kann Stahlhut den Mann beruhigen, „das Tier hat sich gehäutet und ist jetzt vollkommen erschöpft.“ Die vermeintlich zweite „tote“ Malaiische Riesengespenstschrecke ist bloß die abgestreifte Haut nebst abgefallenem Bein.

Die Spinne verkriecht sich nicht aus Angst, denn sie kann ja gar keine Angst empfinden, ebenso wenig wie die Schrecke Langeweile empfinden kann.

Martin Höhle, Experte für wirbellose Tiere

Das Museums-Team musste lernen, sich als „Tierpfleger“ zu bewähren. „Wir haben einen festen Pflegeplan“, sagt Meyer. Das Füttern geht recht einfach von der Hand: In kleinen Gelee-Töpfen, die in die Terrarien gestellt werden, finden die meisten Krabbler, die keine Heimchen mögen, alles vor, was sie benötigen. Zwar müssen die Terrarien nicht „ausgemistet“ werden (das Reinigen erledigt die Mikrofauna im Boden), doch das regelmäßige Befeuchten zur Erhaltung des optimalen Klimas zum Beispiel ist unumgänglich. „Auch müssen hier und da schon mal frische Blätter oder Brombeerranken nachgelegt werden“, sagt der Experte für Wirbellose, Martin Höhle, der zufrieden damit ist, wie die „kleinen Giganten“ sich im Museum eingelebt haben. „Die Tiere fühlen sich offenbar wohl. Das erkennt man auch daran, dass sich einige von ihnen vermehren. In manchen Terrarien liegen schon erste Eier.“ Beim Rosenkäfer hat Meyer Larven im Boden entdeckt, die Raubwanzen bekommen Nachwuchs, und auch die Vampirkrabbe hat Winzlinge zur Welt gebracht.

Gerade diese biologischen Aspekte sind es, die Meyer und Höhle für pädagogisch wertvoll erachten. Um Museumspädagogik machbar zu gestalten, hat Stefan Meyer 30 angehende Erzieherinnen und Erzieher der Berufsbildenden Schulen in die Eulenburg eingeladen. Diese „Multiplikatoren“ werden in den kommenden drei Wochen rund 20 Gruppen mit Kindern aus Grundschulen und Kitas durch die Ausstellung führen. Die Mädchen und Jungen sollen dabei ihr Wissen über Spinnen, Insekten & Co. vermehren – etwa darüber, wie die Tiere ihre Brut pflegen.

Vermehren können sich die eingangs erwähnten Drachenkopfschrecken nicht, zumindest nicht die drei Exemplare im Museum. Alle drei aus dem tropischen Regenwald stammenden Tiere sind männlich. Eine Männer-WG – warum das? Martin Höhle weiß es: „Ein Weibchen würde irgendwann ein bestimmtes Verhaltensmuster bei den Männchen auslösen“, erläutert er. „Trigger nennen wir diese Außenreize. In diesem Fall verteidigen die Männchen nach der Paarung in freier Natur ,ihre’ Palmen, in denen die Weibchen die Eier ablegen. Hier im Terrarium haben die Tiere stattdessen ihre Pseudoreviere und verteilen sich, ohne Kämpfe ausfechten zu müssen.“ Kein Trigger – kein Stress. Aber sie versuchen es doch: „Vorzugsweise in den Abend- und Nachtstunden“, so erzählt Höhle, „kann man das Zirpen der Drachenkopfschrecken hören.“ Und das diene bekanntlich der Partnersuche. „Ja“, bestätigt Meyer, „abends kommt Leben in die Terrarien. Da hört man auch die Heimchen zirpen, und Tiere, die sich am Tage lieber verstecken, werden aktiv.“

Wo gelebt wird, wird auch gestorben. Was, wenn ein Insekt, eine Spinne tatsächlich eines schönen Tages tot im Terrarium liegt? Bei den Springschwänzen etwa, einem Gliederfüßer, der nur rund acht Wochen alt wird, kein Problem. „Die Springschwänze fressen ihre Toten auf“, erklärt Höhle. Der Rosenkäfer dagegen wird bis zu einem halben Jahr alt und ist nach seinem Ableben eher ein Fall für den Präparator. Für Besucher, die keine Berührungsängste haben, stehen Mikroskopiertische und vorbereitete Präparate bereit. Wer also einmal Insektenforscher spielen möchte, hat dazu im Museum Gelegenheit.

Der wahre „Gigant“ der Ausstellung ist die Theraphosa cf. blondi, eine riesige braune Vogelspinne. Deren bevorzugter Aufenthaltsort ist ihr Versteck. „Sie verkriecht sich, wenn Besucher in ihr Terrarium gucken“, weiß Museumshelfer Stahlhut. Die gläserne Behausung steht nicht ohne Grund im Obergeschoss der Eulenburg. „Die Vogelspinne reagiert empfindlich auf Erschütterungen“, erklärt Meyer. „Im Obergeschoss haben wir Betonfußboden.“ Und Martin Höhle erläutert noch: „Die Spinne verkriecht sich nicht aus Angst, denn sie kann ja gar keine Angst empfinden, ebenso wenig wie die Schrecke Langeweile empfinden kann. Das Verkriechen entspringt einem Reflex. Die Höhle ist der Lebensmittelpunkt dieser Tiere. Sie verlassen ihn nur zur Jagd oder zur Paarung.“

Das Museum verlassen die meisten Besucher mit vielen neuen Erkenntnissen – auch der, dass nicht allein der Mensch, sondern ebenso die „dicke“ Spinne recht froh ist über die sicher trennende Glasscheibe. Und wenn es doch mal vorkommt, dass sich – wie im Jurassic Park – ein Tier den Weg ins Freie bahnt (erst kürzlich konnte der Orchideen-Mantis ungesehen entfleuchen), dann wird einfach nachbestellt fürs „Kabinett der Schrecken“.




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