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Familie von Plettenberg

Immer eng mit Bückeburg verbunden

BÜCKEBURG. In hohem Ansehen steht die Familie von Plettenberg nicht nur in Bückeburg. Besonders Karl von Plettenberg und sein Sohn Kurt haben die Geschichte des Deutschen Reichs während der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nicht nur miterlebt, sondern auch mitgeprägt.

veröffentlicht am 09.05.2018 um 15:51 Uhr
aktualisiert am 10.05.2018 um 15:50 Uhr

Generaladjutant Karl Freiherr von Plettenberg (v.r.) mit seinem unmittelbaren Chef Kaiser Wilhelm II. und General Friedrich von Friedeburg. Repro: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Er war einer von jenen Menschen, die ins Große wirken durften, dabei aber doch nichts von ihrer Einfachheit und Bescheidenheit preisgaben“, heißt es in einem Nachruf zu Ehren des Anfang 1938, also vor ziemlich genau 80 Jahren, in Bückeburg verstorbenen Karl Freiherr von Plettenberg. Ähnliches war und ist auch über dessen sieben Jahre später auf tragische Weise zu Tode gekommenen Sohn Kurt zu lesen. Beide haben die von Krieg und Gewalt bestimmte Geschichte des Deutschen Reichs während der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts miterlebt und – auf sehr unterschiedliche Weise – beeinflusst und mitgestaltet. Darüber hinaus war ihr Leben und Wirken eng mit Bückeburg verknüpft.

Kein Wunder, dass das Andenken an Karl (1852 –1938) und Kurt (1892–1945) von Plettenberg bis heute in der Einwohnerschaft weiterlebt. Der Name des Seniors ist auf einem Straßenschild verewigt. Und des Sohnes wird jedes Jahr im Rahmen einer Gedenkveranstaltung wegen seiner Rolle als Widerstandskämpfer im Dritten Reich gedacht.

Die Plettenbergs haben nicht nur hierzulande Spuren hinterlassen. Die Familie gehört zu den ältesten und bekanntesten deutschen Adelsdynastien. Ihr Herkunftsgebiet ist Westfalen. In den dortigen Archivakten taucht der Name erstmals im 11. Jahrhundert auf. Stammsitz war die nach ihnen benannte, im Sauerland gelegene 26 000-Einwohner-Stadt Plettenberg. Unter den Nachfahren finden sich zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten, darunter Herzöge, Fürst- und Erzbischöfe, Generäle, Künstler, Regierungschefs, Kammerherren sowie Ritterguts- und Weingutsbesitzer.

Karl-Wilhelm von Plettenberg, der sich von seinem heutigen Wohnsitz Essen aus mit viel Engagement um die Wahrung des Andenkens seiner populären Vorfahren bemüht. Repro: gp
  • Karl-Wilhelm von Plettenberg, der sich von seinem heutigen Wohnsitz Essen aus mit viel Engagement um die Wahrung des Andenkens seiner populären Vorfahren bemüht. Repro: gp
Kurt Freiherr von Plettenberg (Foto um 1930). Repro: gp
  • Kurt Freiherr von Plettenberg (Foto um 1930). Repro: gp
Kurt und Arianne von Plettenberg, 1934. Repro: gp
  • Kurt und Arianne von Plettenberg, 1934. Repro: gp
Karl von Plettenberg. Repro: gp
  • Karl von Plettenberg. Repro: gp
So soll er ausgesehen haben, der wohl berühmteste Plettenberg-Nachfahre Wolter, seines Zeichens Reichsfürst und Chef des Deutschritterordens. Repro: gp
  • So soll er ausgesehen haben, der wohl berühmteste Plettenberg-Nachfahre Wolter, seines Zeichens Reichsfürst und Chef des Deutschritterordens. Repro: gp
Karls Ehefrau Klara von Plettenberg im Jahre 1916. Repro: gp
  • Karls Ehefrau Klara von Plettenberg im Jahre 1916. Repro: gp
Karl-Wilhelm von Plettenberg, der sich von seinem heutigen Wohnsitz Essen aus mit viel Engagement um die Wahrung des Andenkens seiner populären Vorfahren bemüht. Repro: gp
Kurt Freiherr von Plettenberg (Foto um 1930). Repro: gp
Kurt und Arianne von Plettenberg, 1934. Repro: gp
Karl von Plettenberg. Repro: gp
So soll er ausgesehen haben, der wohl berühmteste Plettenberg-Nachfahre Wolter, seines Zeichens Reichsfürst und Chef des Deutschritterordens. Repro: gp
Karls Ehefrau Klara von Plettenberg im Jahre 1916. Repro: gp

Ordensmeister

wird Reichsfürst

Zu den bemerkenswertesten Namensträgern gehören auch eine Äbtissin und ein Gouverneur der südafrikanischen Kap-Provinz. Als bedeutendster gilt Wolter von Plettenberg (1450 –1535), Chef und Oberbefehlshaber des Deutschritterordens, der das christliche, im Bereich der heutigen baltischen Staaten Lettland und Estland gelegene „Livland“ erfolgreich gegen die Eroberungsversuche östlicher Nachbarn verteidigte. Dabei schlug der von Kaiser Karl V. zum Reichsfürsten ernannte Ordensmeister unter anderem zwei Angriffe der zahlenmäßig weit überlegenen Truppen des Moskauer Großfürsten Iwan III. zurück.

Die Verbindung der westfälischen Adelsdynastie zu Bückeburg kam durch einen Berufsoffizier namens Karl von Plettenberg zustande. Der damals 38-Jährige war 1890 zum in der schaumburg-lippischen Landeshauptstadt stationierten Westfälischen Jäger-Bataillon Nr. 7 versetzt worden. Bis dato war er in Potsdam stationiert gewesen. Seine ersten Sporen als Soldat hatte er sich als junger Leutnant im Krieg 1870/71 gegen Frankreich verdient.

Der Versetzungsbefehl in die schaumburg-lippische Provinz habe ihn und seine Frau Klara wie ein Schock getroffen, heißt es in Plettenbergs Lebenserinnerungen. „Einziger Trost waren die Aussicht auf Beförderung und die Hoffnung auf Jagdausflüge in den fürstlichen Wäldern“. Das Einzige, was davon klappte, war die Ernennung zum Major und Regimentskommandeur. „Der fast 80-jährige Fürst (gemeint war der damalige Schlossherr Adolf Georg) empfing mich mit größter Herzlichkeit, diese reichte aber nicht so weit, meine Jagdpassion zu befriedigen“, notierte er nach den ersten Begegnungen enttäuscht. Dafür wurde dem Neuen ein anderer, in der Residenz als Zeichen besonderer Wertschätzung geltender Gunstbeweis zuteil: Er wurde bei den an jedem Monatsersten bei Hofe fälligen Rapports im sogenannten „Krönungsmantel“ empfangen.

Laut Plettenberg verlief die Prozedur so: „Als offizieller Termin war 12 Uhr mittags befohlen. Da aber, wie jedermann wusste, der Fürst nie vor ein Uhr mittags aufstand, so hatte man sich auf einige Zeit des Antichambrierens einzurichten. Dann erschien seine Hoheit so, wie er aus dem Bette gekommen war – in Schlafrock und Pantoffeln, darunter nur Unterhosen und Strümpfe und fesselte mich oft stundenlang durch Besprechung meist höchst gleichgültiger Dinge.“

Nach dem Tode Adolfs im Jahre 1893 begannen sich die Verhältnisse nach Darstellung Plettenbergs komplett zu verändern. Unter dessen Sohn und Nachfolger Georg sei es in der Stadt zu einer „lebhaften Geselligkeit“ gekommen. Großen Anteil habe daran die jugendliche und lebenslustige Gattin des neuen Schlossherrn gehabt. „Wir haben uns schließlich in dem kleinen Bückeburg wohlgefühlt und erkannt, welch eine Bedeutung doch ein kleiner Hof für Stadt und Land hat.“

Die Sympathie beruhte offenbar auf Gegenseitigkeit. Jedenfalls löste die Versetzung Plettenbergs 1894 nach Berlin einen bürgerschaftlichen Abschiedsschmerz aus. Am Vorabend seiner Abreise zog ein Fackelzug durch Bückeburg. Besonders häufig hochleben ließ den scheidenden Standortkommandeur die Feuerwehr. Sie war bei ihren Einsätzen während der zurückliegenden Jahre von den Jäger-Einheiten – nicht zuletzt auf ausdrückliche Weisung Plettenbergs – in großzügiger Weise unterstützt worden.

Den Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 machte der mittlerweile zum Generalsadjutanten des Kaisers beförderte Vorzeige-Offizier an der Spitze seines Gardekorps mit. Seine Einheit gehörte zum Verband der 2. Armee. Deren Oberbefehlshaber war der altgediente preußische Heerführer Karl Wilhelm von Bülow, der allerdings schon nach relativ kurzer Zeit wegen des ins Stocken geratenen Vormarschs in die Kritik geriet.

Wie von Bülow hielt man auch dessen Stabsoffizieren taktisches Fehlverhalten vor. Auch von Plettenberg soll an Rückhalt verloren haben. Die Einzelheiten über das, was sich dabei hinter den Kulissen abspielte, liegen im Dunkeln. Aus späteren Berichten von Teilnehmern kann man herauslesen, dass insbesondere Plettenbergs undiplomatisch-kompromissloses Auftreten nicht bei allen gut ankam. Angeblich hatte er auch bei Äußerungen über Qualität und Befähigung der Obersten Heeresleitung kein Blatt vor den Mund genommen. Da half es auch nicht, dass er nach seiner Versetzung an die Ostfront durch herausragende militärische Erfolge auffiel und mit Orden überhäuft wurde. Anfang 1917 wurde Kurt von Plettenberg „zur Disposition gestellt“ – was eine Entlassung in den vorläufigen Ruhestand bedeutete.

Einen viel härteren Schlag als die unfreiwillige Pensionierung des Familienoberhaupts hatten die Plettenbergs schon kurz nach Kriegsbeginn hinnehmen müssen. Zusammen mit dem Vater waren auch die beiden Söhne Karl-Wilhelm, damals 25, und Kurt, 23, an die Front gezogen. Bereits im August 1914 kam der ältere im gegnerischen Kugelhagel um. Vater und Bruder erlebten das Geschehen aus nächster Nähe mit und waren bei der Bergung des Leichnams dabei.

Das Erlebnis hinterließ tiefe Spuren. Die Eltern zogen sich aus der großen Gesellschaft zurück und ließen sich im beschaulich-vertrauten Bückeburg nieder. Und der inzwischen 27-jährige Sohn Kurt nahm mit großer Energie sein vor Kriegsausbruch begonnenes Studium der Rechts- und Forstwissenschaften wieder auf. „Was ist dieser Krieg für eine sonderbare Raserei und was mag wohl der wirklich ursprüngliche Grund dafür sein, daß der Weltenlenker so etwas zulässt?“, vertraute er seinem Tagebuch an.

Im Dienst der Hohenzollern

und der Schaumburg-Lipper

Der weitere Fortgang der Geschichte ist bekannt. 1937 holte der damalige Chef des Hauses Schaumburg Lippe, Prinz Wolrad, den inzwischen in leitender Stellung im Reichsforstamt beschäftigten Kurt von Plettenberg nach Bückeburg. Dessen Hauptaufgabe waren Wiederaufbau und Neuorganisation der völlig darniederliegenden Verwaltung der nach dem Krieg verbliebenen Besitztümer. Dazu gehörten neben einem stattlichen Schloss- und Hausbesitz und etwa 26 000 Morgen landwirtschaftlicher Betriebsfläche auch ein ausgedehnter Waldbestand, von dem rund 5000 Hektar in Schaumburg-Lippe, 2500 in Mecklenburg und rund 10 000 in Österreich lagen.

Die Bedingungen seien extrem schwierig gewesen, gab später Wolrad Schwertfeger, Syndikus des Fürstenhauses und engster Mitarbeiter Plettenbergs, zu Protokoll. „Drückende Lasten ruhten auf dem Vermögen, die Zinsen zehrten das Jahresaufkommen zum größten Teil auf.“ Insbesondere der große österreichische Besitz in Steyrling sei durch miserable Pachtverträge außer Kontrolle geraten und habe erst in mühseligen Verhandlungen wieder unter die Verfügung der Hofkammer gebracht werden können. Darüber hinaus hätten „unerfreuliche Personalverhältnisse“ geklärt werden müssen. Auch Grundbesitz in Mecklenburg, die Verwaltung der Häuser in Berlin, München und Bonn, zu denen auch das Palais Schaumburg gehörte, „machten eine sofortige durchgreifende Sanierung notwendig“. Dazu kamen „die gerichtlichen Auseinandersetzungen um Abfindungen, die der Chef des Hauses nach dem Ende des Fideikommisses an seine Brüder zu leisten hat“.

Im Gestapo-Gefängnis

aus dem Fenster gestürzt

Mit Kurt von Plettenberg kam auch seine Familie mit Ehefrau Arianne und der einjährigen Tochter Christa Erika von Berlin nach Bückeburg. Im März 1938 wurde in dem angemieteten Haus Sohn Karl-Wilhelm geboren. Fast gleichzeitig sterben kurz nacheinander die seit Langem in der Ex-Residenz lebenden (Schwieger-)Eltern. Und einige Jahre später, 1943, kam hier die jüngste Tochter Dorothea-Marion zur Welt.

Nicht nur deshalb wurde es bei den Plettenbergs immer voller und enger. Bis Kriegsende fanden neun, vor den vordringenden Russen geflohene Frauen und Kinder in deren Haus Zuflucht. Fünf weitere nahm auf Bitten Plettenbergs der bekannte Augenarzt Friedrich von Tippelskirch im benachbarten Bad Eisen auf.

Der Hausherr selber machte sich Ende Februar 1945 nach Berlin und Potsdam auf den Weg, um vor dem Einmarsch der Sowjets letzte dringliche Angelegenheiten für das Haus Hohenzollern zu regeln, dessen Generalbevollmächtigter er war. Mittlerweile hatte die Gestapo von seiner Mitwirkung an den Vorbereitungen für einen Staatsstreich erfahren. Von Plettenberg gehörte zum Kreis der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944.

Anfang März wurde er auf seinem Dienstsitz Cecilienhof verhaftet und ins Berliner Hausgefängnis der Gestapo in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Dort schlug er am 10. März 1945 auf dem Weg zum Verhör seine Bewacher nieder und stürzte sich aus dem Fenster in den Tod, um einem durch Folter erzwungenen Verrat an den noch lebenden anderen Beteiligten des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 zu entgehen.




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