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Auch dank Phoenix Contact

In der E-Auto-Branche steigt die Spannung

BLOMBERG/BAD PYRMONT. Mit dem Elektroauto auf Fernreise gehen und es an der Raststätte in der Zeit einer Kaffeepause aufladen? Nachdem andere aufs Fahrpedal gedrückt haben, scheint es jetzt in Deutschland umso schneller zu gehen. Wichtiger Akteur bei der Ladetechnologie: Phoenix Contact aus Blomberg und Bad Pyrmont.

veröffentlicht am 13.12.2018 um 18:36 Uhr

Mehr als nur eine Stromzapfsäule mit Kabel: Das Konsortium „Fast Charge“ hat das Laden der E-Auto-Batterien schnell und sicher gemacht. Foto: pr/ Phoenix Contact

Autor:

Marc Fisser, Klaus Klemens und Birgit Reichert
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Im Frühsommer dieses Jahres wurde an der Raststätte Brohltal-Ost in der Eifel eine erste Schnellladestation mit einer Leistung von 350 Kilowatt installiert. Nur ein halbes Jahr später steht nun im bayerischen Jettingen-Scheppach der Prototyp einer Ultraschnellladestation mit bis zu 450 kW. Vertreter der an dem Forschungsprojekt „Fast Charge“ („Schnelles Laden“) beteiligten Industrieunternehmen demonstrieren, was nun möglich ist: Ladezeiten von weniger als drei Minuten für die ersten 100 Kilometer Reichweite beziehungsweise 15 Minuten für einen vollen Ladevorgang. Das kommt den bisher bei Benzin- und Dieselfahrern gewohnten Tankstellenbesuchen schon sehr nahe.

Die neue Ladestation ist für Elektromodelle aller Marken mit der in Europa üblichen Typ-2-Variante des weltweit verbreiteten Combined Charging System (CCS) geeignet. Die Nutzung ist kostenlos. Um die beim schnellen Aufladen mit hoher Leistung auftretenden Anforderungen zu erfüllen, kommen gekühlte Spezialkabel von Phoenix Contact zum Einsatz.

Das 2016 gestartete Projekt „Fast Charge“ wird von einem Konsortium unter der Führung der BMW Group betrieben. Ihm gehören neben der Phoenix Contact E-Mobility GmbH auch Porsche, Siemens und der Ladeinfrastrukturbetreiber Allego an. „Fast Charge“ wird durch das Bundesverkehrsministerium mit 7,8 Millionen Euro gefördert. Die Initiatoren wissen: Das schnelle und komfortable Aufladen ist einer der Hebel, um die Elektromobilität so attraktiv zu machen, dass sie quasi zum Selbstläufer wird. Die Steigerung auf bis zu 450 kW verdrei- bis verneunfacht die an DC-Schnellladestationen bisher maximal verfügbare Leistung. Das im Projekt eingesetzte Energieversorgungssystem von Siemens ermöglicht es, die Grenzen der Schnellladefähigkeit der Fahrzeugbatterien zu erproben. Es kann schon heute mit Spannungen von bis zu 920 Volt arbeiten, wie sie bei künftigen Elektrofahrzeugen erwartet werden. In das System wurden sowohl die Hochleistungselektronik für die Ladeanschlüsse als auch die Kommunikationsschnittstelle zu den Elektrofahrzeugen integriert. Dieser Lade-Controller sorgt für eine automatische Anpassung der abzugebenden Leistung, sodass verschiedene Elektroautos mit dieser Infrastruktur geladen werden können. Es ist auch möglich, mehrere Wagen simultan zu versorgen.

Laden Elektroautos binnen weniger Minuten (v. li.): Markus Göhring (Porsche), Frank Bauer und Stephan Elflein (BMW), Bernhard Pufal (Allego), Gerhard Oberpertinger (Siemens) und Robert Ewendt (Phoenix Contact E-Mobility). Foto: pr/Phoenix Contact
  • Laden Elektroautos binnen weniger Minuten (v. li.): Markus Göhring (Porsche), Frank Bauer und Stephan Elflein (BMW), Bernhard Pufal (Allego), Gerhard Oberpertinger (Siemens) und Robert Ewendt (Phoenix Contact E-Mobility). Foto: pr/Phoenix Contact

Als Kühlflüssigkeit für die Kabel setzt Phoenix Contact ein umweltfreundliches Wasser-Glykol-Gemisch ein; das erleichtere die Wartung im Gegensatz zu geschlossenen Systemen, die mit Öl arbeiten. Eine Herausforderung bestand darin, die Kühlschläuche beim Anschließen an die Ladesäule nicht zu quetschen. Phoenix entwickelte eine Wanddurchführung mit definierten Schnittstellen für die Leistungsübertragung, die Kommunikation und die Kühlung sowie eine Zugentlastung.

Allego arbeitet daran, ein Netzwerk von Schnellladestationen in Belgien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg und Großbritannien zu schaffen. Das Unternehmen betreibt bereits mehr als 10 000 Ladepunkte in städtischen Gebieten und entlang der Hauptverkehrswege. Es unterstützt Unternehmen und Fahrer von Elektrofahrzeugen über eine Serviceplattform im Internet.

Auch das Münchner Unternehmen Ionity, das von den Autobauern Daimler, BMW, Audi, Porsche und Ford getragen wird, will ein europaweites Ladenetz knüpfen. Die Beteiligten planen, dass in zwei Jahren alle 120 Kilometer eine Ladesäule steht, um den Kunden die Reichweiten-Angst zu nehmen. Bisher gibt es an deutschen Autobahnen beim Betreiber Tank & Rast mehr als 300 Stationen, die für Leistungen von 50 bis 150 kW ausgelegt sind. Wer heute dort tankt, hat drei Stecker: zwei für Gleichstrom, einen für Wechselstrom. Einer davon ist der CCS-Stecker, der von nahezu allen gängigen und zukünftigen E-Fahrzeugen genutzt werden kann.

Viele Autobauer bringen in den nächsten Jahren neue E-Modelle heraus. Audi etwa will 14 Milliarden Euro für die Entwicklung von Elektroautos, Digitalisierung und autonomem Fahren ausgeben. Bis 2025 wird die VW-Tochter etwa zehn vollelektrische und weitere zehn Hybrid-Fahrzeuge anbieten. Porsche, ebenfalls Teil des VW-Konzerns, bringt 2019 den ersten rein elektrobetriebenen Seriensportwagen Taycan auf die Straße. Die deutsche Premiummarke bietet dann dem US- Innovationsunternehmen Tesla Paroli. Der Volkswagen-Konzern hat bis 2023 insgesamt 44 Milliarden Euro für Zukunftstechnologien eingeplant. BMW investiert für den Bau seines vollelektrischen Tesla-Konkurrenten BMW i4 rund 200 Millionen Euro in sein Stammwerk in München. In 74 Staaten ist BMW mit den Modellen i3 als Elektrofahrzeug für Metropol-Regionen, dem Plug-in-Hybrid-Sportwagen i8 sowie weiteren Autos mit Kombination von Verbrennungsmotor und Elektroantrieb vertreten. Hinzu kommen Geschäftsfelder wie Carsharing, Ladepunkte, Parken, Energiedienstleistungen und Beratung für Urbane Mobilität.

Elektropionier Siemens ist ein führender Anbieter effizienter Lösungen für die Stromerzeugung- und -übertragung. Auch der hannoversche Autozulieferer Continental profitiert vom E-Auto-Geschäft. So ist vor kurzem ein Großauftrag von Sono Motors eingegangen, wo der „Sion“ 2019 in Serie gehen wird. Dieser Wagen wird eine Reichweite von rund 250 Kilometern haben. Im Frühjahr hatte Sono Motors eine Partnerschaft mit dem Autozulieferer Elring Klinger bei der Batterieentwicklung und -produktion bekanntgegeben. Sono Motors ist ein 2016 gegründetes Start-up. Die Batterie des Sion soll sowohl über das Stromnetz wie auch über Solarzellen an der Karosserie aufgeladen werden können. Bei der Elektromobilität sei „der Durchbruch schon gelungen“, ist Manager Thomas Hausch überzeugt. „Die Wachstumszahlen haben stark zugelegt, die deutsche Automobilindustrie hat ein eindeutiges Bekenntnis zur Elektromobilität abgegeben, und junge Unternehmen wie Sono Motors leisten einen ganz besonderen Beitrag zur Belebung des Marktes. In einigen Jahren werden klimafreundliche Mobilitätskonzepte unser Straßenbild bestimmen.“

Information

Phoenix Contact E-Mobility GmbH

Die 2013 gegründete Phoenix Contact E-Mobility GmbH ist mit über 200 Mitarbeitern innerhalb der Phoenix-Contact-Gruppe das Kompetenzzentrum für Ladetechnik im Bereich der Elektromobilität. Sie liefert Komponenten und Lösungen für Ladeinfrastruktur und Elektrofahrzeuge. Zum Produktportfolio zählen Ladekabel, Ladesteuerungen und Fahrzeug-Inlets für das Gleich- und Wechselstromladen. Mit der passenden Software sowie weiteren Komponenten der Phoenix-Contact-Gruppe werden darüber hinaus Lösungen für eine leistungsfähige Ladeinfrastruktur bis hin zum intelligenten Ladeparkmanagement entwickelt. „Als Innovationsträger setzt das Unternehmen Maßstäbe bei der Weiterentwicklung und der weltweiten Standardisierung einer modernen und alltagstauglichen Ladeinfrastruktur“, heißt es in einer Selbstdarstellung. Ziel der Entwicklung zukunftsweisender Schnellladetechnologien sei es, „zur Akzeptanz und zum Durchbruch der Elektromobilität in der heutigen Gesellschaft beizutragen“.


Im Internet:www.phoenixcontact.com/hpc

red




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