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Kinderintensiv in Not

„In Niedersachsen sterben Kinder, weil es keine Pflegekraft gibt“

Grete ist ein glückliches Kind. Nur der Schlauch, der in die Nase führt, weist darauf hin, dass etwas anders ist. Das 13 Monate alte Mädchen hat einen schweren Herzfehler, sie ist Dauerpatientin auf der Station 67 der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dass Gretes Lebensretter dort Eltern mit ihren kranken Kindern abweisen müssen, weil das Pflegepersonal fehlt, macht Björn Friedrich und Janina Menze ungeheuer wütend und betroffen. „Es kann einfach nicht sein, dass Ärzte sich entscheiden müssen, welches Kind sie sterben lassen“, sagen sie.

veröffentlicht am 01.11.2018 um 16:27 Uhr

Hat auch eine Sonde: Die Puppe von Grete, die Björn Friedrich und Janina Menze ihrer Tochter geschenkt haben. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Als Björn Friedrich die NDR-Reportage über die Kinderintensivstation der MHH sah, berührte ihn das tief: „Das ging mir sehr nahe“, sagt der 36-Jährige. Es sind Sätze wie: „Wir haben Intensiv-Patienten abgelehnt, die gibt es jetzt nicht mehr – Kinder“, die sich einbrennen. Dabei hätten die Mediziner die kleinen Intensiv-Patienten durchaus behandeln können. „Platz haben wir ja“, heißt es. Aber es gibt kein Pflegepersonal, das die Kinder anschließend betreuen kann. Die Ärzte in der Reportage machen die Politik für den Missstand verantwortlich. „Da gehen 20 Milliarden in den Dieselskandal, irgendwie subventioniert, aber in Niedersachsen sterben Kinder, weil es keine Pflegekraft gibt“, sagt ein Arzt.

Björn Friedrich und Janina Menze schmerzt es, die Ärzte, die Grete bis heute betreuen, in dieser Bredouille zu sehen. „Das ist so ein großer Leidensdruck, dem dürfte niemand ausgesetzt sein“, sagt die 37-Jährige. Das Gesundheitssystem sei an dieser Stelle ein Glücksspiel, sagt Björn. Beide wollen sprechen über diesen verheerenden Zustand, wollen den Medizinern helfen, die ihnen geholfen haben. Und Bewusstsein schaffen. „Das geht auch die Menschen in unserem Landkreis etwas an“, sagen sie. Immer wieder muss das Sana-Klinikum Schwerkranke in die MHH verlegen.

„Ich finde es gut, dass die Ärzte der MHH-Kinderintensivmedizin mit diesem Problem an die Öffentlichkeit gegangen sind“, sagt Dr. Philipp von Blanckenburg, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Sana. „Der Pflegeberuf gehört dringend aufgewertet, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung müssen sich verbessern, damit dieses Arbeitsfeld wieder an Attraktivität gewinnt. Leidtragende sind sonst die schwerstkranken Kinder, die unversorgt bleiben.“ In der Kinderklinik des Sana-Klinikums, zu der auch die Neonatologie mit sechs Intensivbetten für Kinder bis zum 6. Lebensmonat gehört, bestehe das Problem nicht in der Dramatik wie in der MHH, führt er aus. Die Kinderintensivstation gehört zum Level 2, die MHH zum hochspezialisierten Level 1. Engpässe durch Pflegepersonal gebe es aber auch in Hameln, sagt von Blanckenburg. Pro Schicht müsse eine Schwester am Bett sein. Kann das nicht gewährleistet werden, muss das Kind verlegt werden. „Wir können uns gut abstimmen. Im Gegensatz zu den Kollegen in Hannover ist die Hamelner Abteilung nicht das Ende der Fahnenstange“, so von Blanckenburg.

Medikamente bekommt Grete über die Sonde. Den Alltag haben die Eltern gut im Griff, Angst begleitet sie bei jeder neuen OP. Foto: doro
  • Medikamente bekommt Grete über die Sonde. Den Alltag haben die Eltern gut im Griff, Angst begleitet sie bei jeder neuen OP. Foto: doro

Aus Sicht von Dr. Michael Sasse, Leitender Oberarzt der Pädiatrischen Intensivmedizin der MHH, gehören die vielen Verlegungen aus der Region aber zu den Hauptschwierigkeiten. „Die regionalen Kliniken haben selber ein Riesenproblem in der Pflege und wir sind Anlaufpunkt für 50 Kliniken – die Anfrageflut überrollt uns.“ Das von Sasse gegründete pädiatrische Intensivnetzwerk für Norddeutschland betreut durchschnittlich 400 Patienten pro Jahr, vor ein paar Jahren seien es 100 gewesen. „Wir haben aber nur 18 Intensivbetten und nicht 30, irgendwann fliegt uns das System um die Ohren“, sagt Sasse.

Dass in der MHH großer Andrang herrscht, haben Gretes Eltern schon vor über einem Jahr hautnah erlebt, als die Geburt ihrer Tochter nach Plan eingeleitet werden sollte. Dann habe es plötzlich geheißen: „Noch nicht, wir haben keinen Platz auf der Kinderintensiv.“ Damals war ich schon ein wenig pikiert, sagt Janina Menze, „heute verstehe ich den Hintergrund“.Es war die erste Begegnung mit dem Thema. Inzwischen hat Grete drei Herzoperationen hinter sich, die erste führte das Ärzte-Team drei Tage nach der Geburt durch. Jede Operation ist für die Eltern wie ein Marathonlauf. „Ich bin so angespannt, der ganze Körper tut danach weh“, sagt Janina Menze.

Grete hat ein hypoplastisches Rechtsherz, das bedeutet vereinfacht gesagt, die rechte Herzkammer ist quasi nicht vorhanden. In der Folge wird der Körper unzureichend mit Sauerstoff versorgt.„Was auf uns zukommt, haben wir gewusst“, sagt das Paar. Die Ärzte in der MHH haben die Eltern gut vorbereitet. „Sonst wäre es noch härter gewesen“, sagen sie. Doch die Aussicht, dass ihr Kind nach den Operationen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein fast normales Leben führen kann, stärkte beide in ihrer Entscheidung. Wir haben uns gesagt: Wir bekommen das hin. Hart ist es auch so. Auch wenn Grete ein fröhliches, aufgewecktes Kind ist, das trotz seiner Erkrankung einen unbändigen Drang hat, laufen zu lernen.

Irgendwann ist man vielleicht einer der beiden größten Notfälle, und dann muss der Arzt entscheiden: der oder der.

Björn Friedrich, Vater von Grete

Die Krankheit hat das Leben von Janina und Björn komplett verändert. Derzeit sind beide voll für das Kind da. Vor der Geburt hat Björn Friedrich, der als Lkw-Fahrer arbeitet, viele Überstunden gemacht, um von dem finanziellen Polster zehren zu können. Janina ist Ergotherapeutin, sie hat den Alltag mit Grete gut im Griff, doch wie es weitergehen soll, wenn das Geld aufgebraucht ist, wissen beide noch nicht. „Einer alleine schafft das nicht, aber ohne Geld geht es auch nicht“, sagt Björn.

Während er spricht, löst das Pulsoxymeter, das er über der Schulter trägt, Alarm aus. Es ist mit Grete verbunden, die er auf seinem Arm trägt. Das Mädchen schaut ihn freudestrahlend an, obwohl ihre Sauerstoffsättigung im roten Bereich ist. Wenn Notärzte zu ihnen nach Hause kommen, geraten die schon mal in Panik, erzählt der Vater, einer wollte sogar einen Rettungshubschrauber bestellen, doch die Eltern kennen das inzwischen. „Grete ist an die niedrige Sättigung gewöhnt“, sagen sie.

Wenn es kritisch wird, rufen sie als Erstes in der kinderkardiologischen Station der MHH an. Jeder dort kennt Grete. Die Familie sowie Ärzte und Schwestern der Kinderintensivstation sind ein eingespieltes Team. Kritisch wurde es allerdings bisher öfter als erwartet, weil bei Grete Komplikationen auftraten. Wie oft ein Katheter geschoben werden musste, damit ein Gefäß geweitet wird und das Blut wieder durch ihre Adern fließen kann, zählen die Eltern nicht mehr mit.

Wenn eine OP ansteht, hoffen Björn und Janina jedes Mal, dass sie nicht verschoben wird. Einmal hat das Paar mit seiner Tochter bereits in der Schleuse zum OP gestanden, als ein anderer, dringenderer Notfall hereinkam. „Wenn eine OP verschoben wird, hat das einen guten Grund, dann ist man gerade nicht der größte Notfall“, sagt Janina. Dennoch: Manchmal ertappe sie sich bei Gedanken, die sie eigentlich nicht haben möchte. So wie neulich, als es im Radio hieß, ein Junge sei in einem Teich nahe Hannover fast ertrunken und in die MHH geliefert worden. „Da habe ich gedacht, hoffentlich wird Gretes OP nicht verschoben.“

Für Björn Friedrich ist die Unsicherheit noch größer geworden, seit er weiß, auf welch schmalem Grat die Ärzte in der MHH balancieren müssen. „Irgendwann ist man vielleicht einer der beiden größten Notfälle, und dann muss der Arzt entscheiden: der oder der.“




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