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Ein Hamelner Geschäftsmann hat mit seinen Kunden über das Ausscheiden aus der EU gesprochen

Ja oder Nein zum Brexit? - Sechs Antworten

Jedes Jahr, seit zehn Jahren, fährt Johannes Weege, Geschäftsführer der Goldschmiede Manu, durch England, Schottland und Irland, um den Kunden die neue Kollektion der Goldschmiede zu präsentieren. 50 Kunden hat er allein in Großbritannien. Für die Dewezet hat er während einer Geschäftsreise mit Menschen vor Ort über ihre Gefühle und Befürchtungen gesprochen.

veröffentlicht am 28.05.2019 um 12:20 Uhr

Foto: Pixabay
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Theresa May ist zurückgetreten, EU-Gegner Nigel Farage hat mit seiner Partei die Europawahl in Großbritannien gewonnen. Und das Land verharrt weiter in einer Art Starre. Großbritannien ist seit dem Brexit-Referendum tief gespalten. Die Gräben verlaufen zwischen den Landesteilen, zwischen Stadt und Land, zwischen Arm und Reich, Alt und Jung. Die Menschen fürchten negative Folgen für die britische Wirtschaft, aber auch für die EU. Ursprünglich wollte Großbritannien die EU am 29. März verlassen, doch die Entscheidung wurde auf den 31. Oktober verschoben. Noch immer ist die Gefahr groß, dass es zu einem harten Brexit kommt. Neben diesem No-Deal-Brexit ist weiterhin ein geordneter Austritt sowie ein Rücktritt vom Brexit möglich. Die Ungewissheit bedeutet für viele ein Vakuum.

Neben Deutschland, Österreich und den Beneluxländern ist das Vereinigte Königreich einer der wichtigsten Absatzmärkte für Johannes Weege, Geschäftsführer der Goldschmiede Manu. Den nahenden Brexit findet er persönlich schlimm, als Geschäftsmann dagegen eher hinderlich, aber machbar. Was passieren könnte? „Dass die Kunden Zoll müssen.“ Sowohl die Zölle als auch die Währung müsse man im Blick behalten. „Das steht alles in den Sternen.“ Darüber hinaus glaubt er nicht, dass seine Kunden weniger kaufen. Sein Produkt ist individuell, „etwas Vergleichbares gibt es in England nicht“. Die Ungewissheit stört auch ihn, „aber grundsätzlich verstehe ich die Panik nicht, die manche machen“. Andere sähen das anders, da werde vorproduziert, die Lager gefüllt. Doch das betreffe wohl eher größere Firmen. Johannes Weege jedenfalls wird seine Geschäfte führen wie bisher und alljährlich seinen Messestand in London aufbauen.

Während einer Geschäftsreise hat Johannes Weege mit Menschen in England, Schottland und Irland über ihre Gefühle und Befürchtungen gesprochen. Das sind ihre Antworten:

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Grafik: mib

1) Ken Ruddel, Galerie Artiqua in Holywood bei Belfast in Nordirland: sagt Ja! zum Brexit. Wir werden billigeren Wein kaufen können. Ich glaube, dass die Welt durch elektronische Kommunikation ein kleinerer Ort geworden ist und dass wir uns in einem größeren Markt als dem EU-Binnenmarkt wiederfinden werden. Und ich befürchte, dass die EU keinerlei Kontrolle über China hat .
Dass ihn der Brexit persönlich betrifft, glaubt Ken Ruddel nicht: „Es geht um unseren Handel. Als Großbritannien in die EU eintrat, war sie ein Handelsübereinkommen. Inzwischen sei die EU zu politisch. „Sie wollen jetzt sogar eine europäische Armee.“ Eine ernste Angelegenheit ist für Ken Ruddel der Grenzen-Backstop. (Anm. der Übersetzerin: Der Backstop ist eine Art Vertrag für ein Sicherheitsnetz im Falle eines harten Brexit. Es soll verhindern, dass zwischen den bis vor kurzem bürgerkriegsgeschüttelten Ländern Irland und Nordirland wieder eine harte Grenze entsteht. Das würde bedeuten, dass Nordirland in der europäischen Handelsunion bleibt und alle Waren, die aus anderen Teilen GBs kommen, vom Zoll kontrolliert werden müssten. Die Grenze würde dann praktisch im Meer zwischen GB und Nordirland verlaufen.) „Denn wir Nordiren verstehen uns als Briten. Und dieser Backstop würde bedeuten, dass wir immer noch Teil der EU sind. Wir würden dann hier innerhalb zweier verschiedener Systeme agieren: dem britischen und dem europäischen. Das wäre sehr schlecht für die Menschen in Nordirland. Wir würden sozusagen zu Ausgestoßenen werden. Für uns Protestanten in Nordirland ist das eine sehr ernste Angelegenheit.“

2) Linda Jackson, Saltbox Gallery, Helmsley, York, England, sagt Nein zum Brexit. Inzwischen. Sie hatte zunächst dafür gestimmt, nun aber ihre Meinung geändert. Sie denkt vor allem an ihre Kinder, die zum Beispiel zum Studieren nach Europa gehen wollen. Das wird jetzt schwerer. Auch sie hat das Gefühl, die EU habe Großbritannien nicht genug zugehört. „Das hat sich sehr eurozentristisch angefühlt und uns Briten das Gefühl gegeben, wir würden uns weit aus dem Fenster lehnen.“ Sie erzählt von ihren Kunden, von denen viele mit ihr über den Brexit sprechen. „Ich glaube, der Brexit hat die Menschen polarisiert. Sogar Menschen, denen es vorher egal war, sind jetzt dafür oder dagegen.“ Besonders viele alte Menschen haben klare Meinungen dazu. Sie wollen die EU meistens verlassen. Aber die jungen Leute wollen meistens bleiben. Meine Kinder wollen, dass wir in der EU bleiben.

3)Jasmin und Jonathan Lambert, Lambert Fine Jewellery, Lavenham, Suffolk, England: Beide sind gegen den Brexit. Allzu viele Sorgen machen sie sich dennoch nicht: „Ich glaube nicht, dass es uns krass beeinflussen wird. Jeder der mit uns Handel treiben will, wird einen Weg finden, weiter mit uns wirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Es wird ein paar Jahre dauern, bis wir uns zurechtfinden. Aber am Ende wird es gut ausgehen. Der EU geben sie keine Schuld: „Ich glaube immer noch, dass es besser ist, drinnen zu sein und rauszugucken, als draußen zu sein und reinzugucken. Aber jetzt ist die Entscheidung gefällt und wir müssen damit leben.“ Persönlich betrifft das Paar der Brexit, weil sie in Spanien lebt. Sie ist sehr besorgt, weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Für die Mutter seien das sehr unsichere Zeiten. „Viele Expats verlassen Spanien wieder und kommen zurück nach GB. Natürlich sieht Spanien das nicht gerne, weil die Expats dort die Wirtschaft ankurbeln.“

4) Claire Donald und Stuart Bruce, Number 5, Perth, Schottland, sagen Nein zum Brexit. Für sie hat er das Land in zwei Hälften geteilt. „Diese Teilung verläuft mitten durch Familien. Und es scheint, als gäbe es keinen Weg daraus. Das betrifft uns auch persönlich.“ Claire Donald verweist darauf, dass in Schottland 60 Prozent der Menschen für den Verbleib in der EU gestimmt haben. „In Nordirland war es ähnlich. Jetzt ist die Situation sehr schwierig. Der Brexit hat Probleme verursacht, nicht nur in Großbritannien, sondern überall: in Frankreich, in Schweden. Es scheint, als würde eine Welle durch Europa gehen, eine negative Welle. Keiner arbeitet mehr zusammen, es geht nur noch um Trennung, Teilung. Überall bilden sich einzelne Gruppen. Das macht mir Angst.“ Sie glaubt, dass der Brexit den europäischen Bürgern einen falschen Eindruck davon vermittelt, wie die Briten sind. „Eigentlich sind wir sehr inklusiv. Wenn man auf London guckt, sieht man viele verschiedene Kulturen. Die Menschen leben relativ glücklich zusammen. Brexit vermittelt vielen Menschen aus anderen Kulturen das Gefühl, im Vereinigten Königreich nicht willkommen zu sein. Das ist traurig.“

5) Nicole Fenwick, Fenwick Gallery, Warkworth, Northumberland, England, ist gegen den Brexit. „Wenn ich an den Tag denke, an dem wir die EU verlassen werden, werde ich sehr traurig.“ Sie kann sich nur schwer vorstellen, wie das Leben nach dem Brexit aussieht. „Wir Bürger bekommen so wenig Informationen. Ich glaube, wenn der Brexit tatsächlich passiert, wird es hier im Land Unruhen geben. Reisen und Studieren im Ausland werde schwieriger, Waren und Services knapper. „Der Brexit wird auf so viele Dinge Einfluss haben, von denen uns jetzt noch keiner was gesagt hat.“ Persönlich hat sich Nicole Fenwick wegen des Brexits mit ein paar Leuten verkracht. Außerdem gebe es Probleme mit Zulieferern für Geschäfte. „Wir haben eine dänische Firma verloren, die unser Geschäftspartner war.“ Sorgen macht sie sich auch um die Produzenten, die in Europa ihre Sachen verkaufen. „Sie werden das vielleicht nicht mehr tun können. Wir sind auf die Beziehungen zu unseren europäischen Partnern angewiesen. Die sind gut. Aber es fühlt sich an, als wären sie beschädigt worden.“ Dass die EU viel falsch gemacht hat, glaubt sie nicht. Allerdings sei sie früher bei Verträgen flexibler gewesen. Außerdem gebe es beim Thema Migration einige ungeklärte Fragen. „Vielleicht haben sie da nicht bei jedem Land die gleichen Regeln angewendet. In manchen Ländern sind auch die extremen Rechten in Bereiche vorgedrungen, wo sie nicht sein sollten. Aber ich glaube, das ist kein zentrales Problem, sondern das sind Probleme in jedem einzelnen Land. Und für uns besteht kein Zwang, uns damit zu beschäftigen.“

6) Kathleen Hogarth, Orkney-Inseln, ist auf jeden Fall gegen den Brexit. Ein ganz dickes Nein. „Wir erwarten das mit Schrecken“, sagt sie über den Tag der Entscheidung. Wir finden das ganz schlimm und schade. Wir haben das Glück gehabt, jahrelang in Deutschland zu leben und zu arbeiten, haben gewohnt, wo wir wollten, auch in Griechenland und der Türkei. Jetzt wird es schwierig. Mein Partner Philipp hat ein Stipendium für vier Monate in Bulgarien. Wenn der Brexit kommt, darf ich nur drei Monate bei ihm bleiben, dann brauche ich ein Visum. Die EU hat aus ihrer Sicht nicht viel falsch gemacht. „Auf den Orkney Inseln haben wir sehr viel Geld aus der EU bekommen, das wissen die meisten Leute.“ Der Großteil macht sich schon große Sorgen, was passieren wird. Vielleicht ist es in der Fischindustrie ein wenig anders.




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