weather-image
23°

Wie ein bekannter Astronom und ein literarisches „Wunderkind“ sich in Bad Pyrmont ineinander verliebten

Kalte Gestirne, heiße Liebe

Nicht nur heilkräftiges Wasser, auch Lieben und Lachen können zu einem Besuch Bad Pyrmonts gehören. Dass ein Mann, dem Zeitgenossen nachsagten, er lebe „eigentlich immer unter den Sternen“, sich in ein ehemaliges literarisches Wunderkind aus Hannover verliebte – die „hannöversche Sappho“, wie jemand ironisch über sie bemerkte – , sorgte für Klatsch und Tratsch auch unter Wissenschaftlern jener Zeit. Ort der Handlung war eine Naturforschertagung im Jahr 1839 in der Kurstadt. Dabei wurde auch der erste Reliefmondglobus der Wissenschaftsgeschichte gezeigt.

veröffentlicht am 01.06.2019 um 11:13 Uhr

Ein Reliefmondglobus wurde in Bad Pyrmont 1839 als wissenschaftliche Neuheit präsentiert – das Historische Museum Hannover besitzt das einzige noch erhaltene Exemplar von ursprünglich drei Reliefmondgloben. Foto: E.-Michael Stiegler

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Einer der bekanntesten Astronomen des 19. Jahrhunderts war Johann Heinrich Mädler, später „von Mädler“. Geboren in Berlin am 29. Mai 1794, jährt sich sein Geburtstag in diesen Tagen zum 225. Mal. Seine Mars- und Mondbeobachtungen brachten ihm 1837 den Titel „Professor“ ein, obwohl er erst im Jahr 1840 professioneller Astronom wurde: als Direktor der Sternwarte in Dorpat (heute Tartu) im damals russischen Estland.

„Mein Mann wandelt beständig unter den Sternen; einstmals fiel sein Blick auf die Erde – und da stand ich.“ Also, Glück gehabt – so humorvoll blickte Minna, geborene von Witte, auf die erste Begegnung in Pyrmont mit ihrem späteren Ehemann Johann Heinrich Mädler zurück. In Pyrmont war die fast 35-jährige Minna, nach damaliger Sichtweise nicht mehr im allerbesten Brautalter, lediglich Begleiterin ihrer Mutter, der Hofrätin Wilhelmine von Witte. Diese hatte den historisch wohl ersten Reliefmondglobus geschaffen und ihn mit zur Naturforschertagung genommen. Das plastische Relief dieses Mondglobus‘ zeigte bei entsprechender, auch wechselnder Beleuchtung naturnahe Schattenwürfe von Kratern und Bergen (den ersten „flachen“ Mondglobus stellte der englische Maler John Russel 1797 in London her).

Mädler wurde als Sohn eines wohlhabenden Berliner Schneidermeisters geboren. Nach seiner Ausbildung am „Königlichen Seminar für Volksschulen“ war er lange Zeit schlecht bezahlter Hilfslehrer und darauf angewiesen, Privatunterricht zu erteilen. Immerhin konnte sich Mädler ab 1818 an der erst 1810 gegründeten „Berliner Universität“ als Gasthörer in Mathematik und Astronomie einschreiben. Über seinen Privatunterricht entstand der folgenreiche Kontakt mit dem Berliner Bankier Wilhelm Beer (1797–1850). Beer war im Zuckerhandel wohlhabend geworden und ein Vertreter der großbürgerlichen jüdischen Gemeinde Berlins, wo Geld und Geist zusammentrafen. Sein Bruder war der noch heute bekannte Komponist Giacomo Meyerbeer.

Johann Heinrich Mädler war einer der populärsten Astronomen des 19. Jahrhunderts und Teilnehmer der Pyrmonter Naturforschertagung 1839. Repro: E.-Michael Stiegler

Mädlers Privatunterricht in Astronomie und höherer Mathematik für Wilhelm Beer begann 1824. Bald darauf ließ sich Beer eine Privatsternwarte im Berliner Tiergarten bauen. Beide, Beer und auch Mädler, fanden sich dort zu gemeinsamen astronomischen Beobachtungen ein. Schon längst war eine Freundschaft zwischen den beiden Männern entstanden. Als der Mars 1830 der Erde besonders nahe stand, begann ihre wissenschaftlich ernsthafte Zusammenarbeit in der Astronomie. Ihre Erkenntnisse – beispielsweise maßen sie die Rotationszeit des Mars auf 14 Sekunden genau – wurden international anerkannt. So verzeichneten Marskarten des 19. Jahrhunderts ihnen zu Ehren einen „Continent Maedler“ und einen „Continent Beer“. Seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung lieferte Mädler aber nicht beim Mars, sondern beim Mond. Seine „Mappa Selenographica“ mit neuen Erkenntnissen zum Mond war 1836 erschienen. Ein großes Werk, ein Meilenstein seiner Zeit, mit einer mehr als ein Meter messenden Mondkarte, die aus 104 Einzelblättern bestand.

Es versetzt heute noch in Erstaunen, dass Mädler offenbar keinen Moment daran zweifelte, die Mondforschung seiner Zeit übertreffen zu können – nachdem klar wurde, dass der Astronom Wilhelm Gotthelf Lohrmann mit seinem Projekt einer neuen Mondkarte nicht über die Anfänge hinauskommen würde: „Als jedoch auch im Jahre 1830 noch immer nichts von Lohrmann zu hören war, machte ich mich selbst an die Arbeit und begann im März 1830 mit einer Abzeichnung und vorläufigen Messung des Mare Crisium.“ Was er im Frühjahr 1830 begonnen hatte, endete im August 1836 und „im September 1836 konnte ich der Jenaer Naturforscher-Versammlung das erste aus der lithografischen Presse hervorgegangene Exemplar vorzeigen“. Ein atemberaubendes Tempo in der Biedermeierzeit!

Mädler publizierte bis an sein Lebensende populärwissenschaftliche Schriften. Äußerst erfolgreich war „Der Wunderbau des Weltalls, oder Populäre Astronomie“. Erstmals 1841 erschienen, kam 1884 die achte Auflage heraus. Die für die Fachwelt bestimmte „Mappa Selenographica“ erhielt 1839 eine für ein breiteres Publikum bestimmte Fassung: kürzer und allgemein verständlicher. Zu seinen begeisterten Leserinnen gehörte auch Wilhelmine von Witte. Die ja selbst am Fernrohr saß und von Hannover aus den Mond beobachtete. Dass sie gleichzeitig Mutter von 14 Kindern war, erscheint heute fast unglaublich. Hannover ehrt diese außergewöhnliche Frau mit der „Wilhelmine-Witte-Straße“ in Kirchrode. Bei Wikipedia gibt es eine originelle Darstellung auf Plattdeutsch: Wilhelmine von Witte „weer en düütsche Astronomin (..) un hett sik 1815 en egen Teleskoop (en Fraunhofer-Refrakter) köfft. Stahn dee datin de Friedrichstrate in Hannover. Op de Basis von dat, watse sülvs beobacht hett und de Maandkoorten von Johann Heinrich von Mädler hett Witte en Maandglobus ut Wass boot. Düssen Globus hett se 1839 in Purmunt vörstellt.“

Diese selbstbewusste, „mondsüchtige“ Frau traf in der Tat in Pyrmont „ihren“ Johann Heinrich Mädler während der 17. Jahrestagung der „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“(GDNÄ). Diese Gesellschaft besteht heute noch. Als sie 1822 gegründet wurde, wendete sie sich der empirischen Wissenschaft zu und von der romantisch inspirierten spekulativen Naturphilosophie ab. Pyrmont war sich der Ehre bewusst, nach Städten wie Wien und Prag Ziel einer Jahresversammlung dieser Gesellschaft zu sein. Im „Tageblatt“ vom 16. September 1839 war zu lesen: „An Vorbereitungen, den Fremden den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen, hat es nicht gefehlt. Seine Durchlaucht, der Fürst von Waldeck, hat Mittel und Locale zum Nutzen der Gesellschaft eingeräumt, und die Einwohnerschaft von Pyrmont bereitwillig einen großen Theil ihrer Wohnungen zur unentgeltlichen Aufnahme derselben angeboten.“ Immerhin galt es ja, deutlich mehr als hundert Tagungsgäste, Wissenschaftler nebst Begleitung, aufzunehmen.

Lesen Sie nächsten Samstag den zweiten Teil über die Pyrmonter Naturforschertagung und ihre Folgen.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare