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Nie ohne das zweite Ich

Kampfmittelbeseitiger arbeiten, wo sich die anderen aus dem Staub machen

Die Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr arbeiten dort, wo sich alle anderen Soldaten möglichst schnell aus dem Staub machen. Auch auf dem Truppenübungsplatz in Lerbeck wird dieses Szenario nachgestellt:

veröffentlicht am 04.06.2019 um 17:02 Uhr
aktualisiert am 06.06.2019 um 15:58 Uhr

Teamarbeit: Kurz bevor es losgeht, wird auch viel gelacht. Ohne Humor geht es nicht, er vertreibt die Anspannung. foto: Alex Lehn/mt

Autor:

Henning Wandel
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Kurz bevor es losgeht, hat Matthias D. noch Zeit für eine Zigarette. Ganz in Ruhe. Für einen Moment scheint die Zeit für den Hauptfeldwebel stillzustehen, während drei Soldaten seine Tasche packen, den schweren Anzug vorbereiten und sich auch sonst um alles kümmern. Ein Moment der Stille mitten im Einsatzgewusel. Den Sanitäter, der noch einmal für letzte Absprachen um die Ecke schaut, schickt er gleich weiter. „Frag’ den Oberfeld, der ist heute mein zweites Ich“, sagt er und raucht weiter.

In ein paar Minuten wird sich Matthias D. – die Nachnamen der Soldaten werden aus Sicherheitsgründen abgekürzt – auf den Weg machen, eine versteckte Sprengladung zu finden und unschädlich zu machen. Und obwohl es heute nur eine Übung ist, tauchen die Soldaten tief in das Szenario ein. Der Hauptfeldwebel muss sich allein vorwagen, trotzdem ist sein zweites Ich, Oberfeldwebel Kevin Z., immer mit dabei, über Funk und mit einer Kamera. Gemeinsam haben sie den verdächtigen Sandhaufen schon aus der Ferne untersucht. Ein kleiner, ferngesteuerter Roboter, der Pacbot, schickt Videobilder und gibt den beiden so einen ersten Eindruck. Kein Zweifel: Hier hat jemand gebuddelt. Im Gebüsch ist auch ein Kabel zu erkennen – man muss dafür aber schon sehr genau hinsehen.

Eine fiktive Kampftruppe hat die verdächtige Stelle entdeckt und Unterstützung angefordert. Dann wird der Platz geräumt. Als Matthias D. mit seinem Team ankommt, ist von der Truppe niemand mehr zu sehen. In der Übung existiert sie nur auf dem Papier, aber auch in einem echten Einsatz wären die vier Pioniere jetzt allein.

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Mission erfüllt: Die Falle ist unschädlich gemacht und kann aus der Entfernung kontrolliert gesprengt werden. foto: Alex Lehn/mt

Es ist noch frisch an diesem Morgen im Wald und die Stille verstärkt das Gefühl, allein zu sein. Ob irgendwo hinter dem nächsten Hügel tatsächlich Kameraden warten oder nicht, macht für Matthias D. und Kevin Z. keinen Unterschied. Für sie ist die Übung wie ein Ernstfall, sie sind schnell in ihrem Tunnel, auch wenn vereinzelte Reporterfragen sie immer wieder kurzfristig zurückholen. Die Sprache untereinander ist offen und direkt, wie man es von Soldaten erwarten würde, flapsige Sprüche vertreiben die Nervosität. Einen echten Einsatz hatten sie noch nicht. Aber sie wissen aus Erzählungen von Kameraden, wie es ist, vor einer echten Bombe zu hocken.

Die letzten Meter vor der Fundstelle geht Matthias D. zu Fuß. Der dicke Schutzanzug liegt noch im Panzer, der mit etwa 50 Metern Abstand langsam hinterherfährt. Rucksack, Metallsuchgerät und ein kleiner Kasten, der bei Bedarf das Funksignal verstärkt – mehr hat er nicht dabei. Wäre da nicht die Uniform, könnte man ihn auch für einen Wanderer auf Schatzsuche halten. Über den kleinen Kopfhörer hat Matthias D. sein zweites Ich immer mit dabei. Kevin Z. ist mehr als nur eine Kontaktperson, er ist praktisch im Kopf seines Partners. Aus sicherer Entfernung kann er leichter auch an die Kleinigkeiten denken, zum Beispiel hinter die Leitplanken zu schauen. Die Wölbungen auf der Rückseite sind beliebte Verstecke für Sprengfallen. Als Auslöser dafür würde ein dünner, fast unsichtbarer Draht quer über die Straße ausreichen. Auch darauf muss Matthias D. achten.

Etwa 200 Meter vor der frischen Buddelstelle lässt er den Panzer anhalten, stellt den Funkverstärker ab und sieht sich genauer um. Auf der Straße ist es noch relativ sicher. Gleichzeitig beginnen weiter hinten die Vorbereitungen. Der Schützenpanzer wird abgesichert, vor den Scheiben liegen dicke Stahlplatten.

Wenn mir etwas passiert, kümmert sich Kevin um meine Familie – und umgekehrt.

Matthias D.

Hinter dem Fahrzeug wird das Material ausgebreitet. Was genau der Hauptfeldwebel für die Entschärfung benötigt, weiß noch niemand. Als Matthias D. zurückkommt, ist alles bereit. Auch der „Pecki“, wie die Männer den Mini-Roboter nennen. Die Kamerabilder werten Matthias D. und Kevin Z. noch einmal gemeinsam aus.

Beide haben dieselbe Ausbildung durchlaufen, ergänzen sich aber auch mit Spezialwissen: „Kevin hat viel Ahnung von Chemie“, sagt Matthias D., „dafür kenne ich mich besser mit Elektronik aus.“ Beide können sich also problemlos abwechseln. Während eines echten Einsatzes wäre der Rollentausch allerdings ein schlimmes Zeichen: Der zweite Mann ist nicht nur der akustische Begleiter und Ratgeber. Er ist auch der Ersatz, falls vorne etwas schiefgeht. Dafür ist auch ein zweiter Schutzanzug mit an Bord – der bleibt allerdings erstmal verstaut.

Der Gedanke daran, dass ein einziger Fehler das Leben kosten könnte, ist wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Alle wissen es, aber jetzt – kurz bevor es losgeht – spricht es niemand aus. Stattdessen wird Matthias D. von allen Seiten umsorgt. Da wird noch eine wirklich allerletzte Zigarette für ihn angezündet, eine Flasche Wasser gereicht. Ein wenig erinnert die Szene an einen Boxer in der Ringecke.

Fast 40 Kilogramm wiegt die Ausrüstung, die zumindest gegen

umherfliegende Splitter schützen soll

Als die Zeit gekommen ist, den Schutzanzug anzulegen, ist das ganze Team gefordert. Fast 40 Kilogramm wiegt die Ausrüstung, die zumindest gegen umherfliegende Splitter schützen soll. Der Stoff ist nicht nur schwer, sondern auch fest und kaum beweglich. Matthias D. muss sich langsam hinknien, wenn er am Boden nach Stolperdrähten suchen oder Ladungen begutachten will. Dabei würde der Anzug in dem Moment gar nicht mehr helfen.

Sollte die Bombe während der Entschärfung explodieren, hätte der Soldat kaum eine Chance. Beiden ist das bewusst, sie sprechen darüber auch, wenn sie nicht gerade im Einsatz sind. „Es ist toll, mit seinem besten Freund zusammenzuarbeiten“, sagt Matthias D. Mit ihren dichten Bärten ähneln sie sich sogar ein wenig. „Wenn mir etwas passiert, kümmert sich Kevin um meine Familie – und umgekehrt.“

Schließlich ist alles vorbereitet, Matthias D. marschiert los. Es geht leicht bergan, der Weg ist beschwerlich. In dem Anzug wird es schnell warm, unter der Jacke trägt der Hauptfeldwebel nur ein T-Shirt. In der Hand hält er eine Sporttasche mit seinen Werkzeugen. Was genau er dabei hat, soll nicht in der Zeitung stehen. Mit ihren Eigenbauten sind die Terroristen den EOD-Trupps, wie die Kampfmittelbeseitiger im Bundeswehr-Jargon heißen (EOD steht für Explosive Ordnance Disposal) ohnehin meist einen Schritt voraus. Deshalb wollen sie nicht verraten, welche Hilfsmittel sie bei der Abwehr nutzen.

Matthias D. untersucht das Areal um die Fundstelle noch einmal neu, obwohl er doch schon alles genau gesehen hat. Und doch findet er im letzten Moment noch einen versteckten Draht, nur wenige Zentimeter über dem vom Herbst übrig gebliebenen Laub. Ein Kniff mit der Zange und der Weg ist frei.

Aber ist vielleicht noch etwas versteckt? „Hier ist gewachsener Boden, ganz sicher“, gibt er über Funk durch. Für Kevin Z. sind die Beschreibungen wichtig, damit er jederzeit übernehmen kann. Matthias D. redet viel, nicht alles davon ist druckreif. Er schimpft sogar über die Terror-Amateure, obwohl er doch weiß, dass sein Ausbilder das Szenario angelegt hat. Zwischendurch vergisst er auch, was genau er jetzt eigentlich in der Tasche dabei hat. Drei, vier Mal kommt die Information über Funk.

Am Ende verbirgt sich in dem Loch ein Kanister mit Fernzündung, im Ernstfall eine tödliche Falle. Für das Team um Matthias D. und Kevin Z. Heute ist es zum Glück nur eine erfolgreiche Übung.




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