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Betreiber des „Kofi“ in der Mindener Hufschmiede

Kick in Schwarz: Für Waldemar Gamper dreht sich alles um Kaffee

Krk, krk, krrrrk! Sekundenschnell zerknuspelt der „Mahlkönig“ die 16 Gramm Kaffeebohnen, die Waldemar Gamper in den Schlund der Maschine geworfen hat, zu Kaffeemehl. Mit dem Zeigefinger tippt Gamper gegen die Rüttel-Taste, um der Mühle den letzten Rest zu entlocken, dann kippt er das Pulver in den Filter, der auf einer gläsernen Karaffe thront. Gamper betreibt das „Kofi“ in der Mindener Hufschmiede. Die Kaffeebar und ihr 34-jähriger Besitzer vereinen Zeitgeist und Tradition.

veröffentlicht am 09.12.2018 um 10:00 Uhr

Waldemar Gamper hat sich seinen Traum erfüllt: Er betreibt eine Kaffeebar in Minden. Foto: ab
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Autor

Arne Boecker Reporter
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Dem Zeitgeist entspricht die Idee, dass Kaffee mehr sein kann als braune Plörre, gerade mal gut genug, Menschen wachzuhalten; traditionell ist der Wille, sich als Unternehmer tief in ein Thema hineinzuwühlen. Lernen, lernen, lernen, manchmal scheitern, dann besser machen: Das ist die Geschichte des „Kofi“ – und von Waldemar Gamper. Zu Ende erzählt ist sie noch lange nicht.

Begonnen hat sie in Gagarin. Das ist eine 25 000-Einwohner-Stadt in Usbekistan. Östlich von Gagarin kommt nicht mehr viel, und dann kommt China. Als Waldemar Gamper sechs Jahre alt war, zog die Familie mehr als 5500 Kilometer westwärts, bis sie schließlich nach Minden übersiedelten. Die Eltern fanden gute Jobs im Wasser- und Schifffahrtsamt.

Nachdem Gamper sein Fachabitur gemacht hatte, arbeitete er als Industriekaufmann in einer Baufirma, studierte nebenbei Betriebswirtschaft. Gamper kam gut voran, seine Karriere schien vorgezeichnet. Dann trank er auf einem Ausflug nach Berlin einen Espresso, der alle Pläne üben den Haufen warf.

Die Bohnen liefern klassische Kaffeeländer wie Äthiopien und Burundi, Costa Rica und Brasilien. Foto: dpa
  • Die Bohnen liefern klassische Kaffeeländer wie Äthiopien und Burundi, Costa Rica und Brasilien. Foto: dpa

Jetzt füllt Gamper mit kreisenden Bewegungen 93 Grad heißes, entkalktes Wasser in den mit Kaffeemehl gefüllten Filter. Das Zusammenspiel von rechter Hand, linker Hand und Kopf ist so routiniert, dass er drei Tassen gleichzeitig zubereiten, mit dem Gast am Tresen schnacken und die Lage im „Kofi“ checken kann. Dauert schließlich, bis der Kaffee durchgetröpfelt ist. Hektik? Gibt’s im „Kofi“ nicht.

„Bis zu dem Espresso-Erlebnis in Berlin war ich ein normaler, gelegentlicher Kaffeetrinker“, sagt Gamper. „Aber der Espresso war eine Sensation! Ich konnte Frucht schmecken, ich konnte die Säure erahnen.“ Gamper fing an, zu recherchieren. Er lernte, was herkömmlichen von sehr gutem Kaffee unterscheidet, und schaute sich in der Szene der Röster, Produzenten und Verkäufer um.

Bis zu dem Espresso-Erlebnis in Berlin war ich ein normaler, gelegentlicher Kaffeetrinker.

Waldemar Gamper, Kaffeebar-Betreiber

Dass er mal mit Lebensmitteln zu tun haben würde, hätte schon früher klar sein können. „Ich kann mich an meine usbekische Heimatstadt Gagarin kaum erinnern“, sagt Gamper, „aber den Geruch von frischem Fladenbrot, den habe ich heute noch in der Nase.“ Nachdem er sich an der Berliner „School Of Coffee“ zum Barista weitergebildet hatte, stellte er sich mit einer mobilen Kaffeebar samstags auf den Markt an der Mindener St.-Martini-Kirche.

„Dort habe ich viel, sehr viel gelernt“, sagt Gamper. „Was mögen die Kunden, was ist ihnen zu exotisch? Wie funktionieren die Geräte?“ Das Flair, das der Markt verbreitet – „ob die Sonne in den Nacken scheint oder der Regen in die Jacke läuft“ –, vermisst er heute noch manchmal. Seinen sicheren, gut bezahlten Job in der Baufirma hatte er schon nach zwei Monaten auf dem Martinikirchhof aufgegeben.

Der Kaffee ist fertig – „Los Laureles“ heißt er. Gamper beugt sich zu der Karaffe hinunter und schnuppert: „Aromen von Apfel, Karamell und Haselnuss, Säure und Bitterstoffe ergänzen sich gut.“ Gamper drapiert die Karaffe auf einem Holzbrett. Daran lehnt er die Visitenkarte des Kaffees: Guatemaltekische Pflücker haben die Bohnen im März auf 1650 Metern geerntet, am 8. Oktober wurden sie in Dänemark geröstet.

Vor zwei Jahren wagte Gamper den Schritt von der mobilen Kaffeebar auf dem Martinikirchhof zum Laden an der Hufschmiede. Das „Kofi“ prägen Holz und Backstein, Licht und Glas. Angeboten werden Filterkaffees und Spielarten des Espressos wie Flat White, Americano und Cappuccino.

Die ,Dritte Welle‘ sieht Kaffee nicht als Gebrauchsprodukt, sondern als komplexes Genussmittel.

Waldemar Gamper, Kaffeebar-Betreiber

Die Bohnen liefern klassische Kaffeeländer wie Äthiopien und Burundi, Costa Rica und Brasilien. Geröstet werden sie im Fair-Trade-Haus „La Cabra“ im dänischen Aarhus. Zu essen gibt es im „Kofi“ Stullen und süßes Gebäck. Das „Kofi“ ist ein Familienprojekt, das Waldemar Gamper zusammen mit Schwester Julia und Ehefrau Valentina führt. Gamper hat sich für das „Kofi“ von dem weltweiten „Third-Wave-Coffee“-Netzwerk inspirieren lassen. „Die ,Dritte Welle‘ sieht Kaffee nicht als alltägliches Gebrauchsprodukt, sondern als komplexes Genussmittel“, sagt Gamper. „So gesehen gehört Kaffee auf eine Stufe mit Wein, Tee oder Schokolade.“ Mit der „ersten Welle“ war Kaffee im 19. Jahrhundert in die Haushalte und Büros eingezogen, die „zweite Welle“ schwemmte ab etwa 1960 Kaffee-Ketten wie „Starbucks“ in die Städte.

Apropos: Kabarettisten „beömmeln“ sich gern über espressoschlürfende Start-up-Jungs und Latte-Macciato-Mütter, wie sie manche Berliner Viertel bevölkern. Macht das „Kofi“ also die Hufschmiede zur Hipster-Meile? „Nein, Minden ist dafür zu erdverbunden“, sagt Waldemar Gamper lachend, „das ,Kofi‘ hat keinen missionarischen Ehrgeiz.“ Er selbst trinkt Kaffee immer schwarz, weil Milch und Zucker den Geschmack übertünchen und die Balance zwischen Säure, Bitterstoffen und Fruchtaroma verwirbeln. Im „Kofi“ wird aber niemand scheel angeguckt, der Milch eingießt und Zucker hinterherlöffelt. Wegen seiner Produktionsbedingungen muss Kaffee im „Kofi“ teurer sein als die Tasse, die es im Steh-Ausschank für 1,20 Euro gibt. „Immer mehr Menschen konsumieren Kaffee so, wie sie es mit Fleisch machen – weniger, aber dann von besserer Qualität“, meint Waldemar Gamper. So bleibt der Koffein-Kick bezahlbar.

Im nächsten Jahr wird der fast zwei Meter hohe „Loring-S7-Nighthawk“-Röster geliefert. „So kommen wir dem Ziel näher, unsere Lieferkette zu schließen“, sagt Gamper. Die sähe dann so aus: Das „Kofi“ verkauft Kaffee, dessen Bohnen im „Kofi“ geröstet und gemahlen wurden, nachdem sie der „Kofi“-Besitzer direkt bei Kaffeebauern in Afrika und Südamerika gekauft hat. „Wir wollen irgendwann in die Herstellerländer reisen“, sagt der Barista.




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