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Zielscheibe und Bezugsperson – die Arbeit ist anspruchsvoll, erfüllend und hart

Leben als Vollzugsbeamter: „Umschalten ist nicht so einfach“

Sie müssen Nerven haben wie Drahtseile und immer ein offenes Ohr. Für die Gefangenen in der JA sind die Vollzugsbeamten der direkteste und wichtigste Kontakt. Sie sind erste Bezugsperson und Zielscheibe zugleich. Täglich und länger als jede andere Berufsgruppe im Knast. Mit dem Klischee des Schließers und Wärters hat der Job schon lange nichts mehr zu tun. Der Spagat an der Basis ist anspruchsvoll. Und zunehmend härter. Die Entscheidung für den Beruf bereut dennoch kaum einer.

veröffentlicht am 28.08.2018 um 14:23 Uhr
aktualisiert am 28.08.2018 um 15:50 Uhr

Wenn Dennis Jungk nach Feierabend durchs Tor geht, empfindet er es ein bisschen, als werde er „geblitzdingst“.. Foto: Doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Dennis Jungk ist einer von 350 Vollzugsbeamten in der JA. Korrekt heißt es eigentlich Justizvollzugsfachwirt und umfasst ein weites Aufgabenfeld. Seit 14 Jahren arbeitet Jungk dort, seine erste Ausbildung ist es aber nicht. Vor dem Knast hat er im Sozialamt gearbeitet, denn Menschen helfen wollte er immer. Doch der Frust war groß. Jungk konnte die Leute nicht mehr ertragen, die täglich mit Forderungen vor seinem Schreibtisch standen und die er am Ende doch nie erreicht habe. Und dann die Bürokratie. „Es ging nie um Perspektive“, sagt der heute 39-Jährige mit den strahlend blauen Augen, „ich konnte das nicht mehr mit mir vereinbaren.“ Im Knast funktioniert es besser. Dafür sorgt die Struktur. Der tägliche Kontakt und die Tatsache, dass sich die Jungs nicht entziehen können, eröffnen andere Möglichkeiten.

Dass Jungk bereits eine Ausbildung mitbringt, wird in der JA gern gesehen. Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, werden gesucht. Eine gefestigte Persönlichkeit ist Grundvoraussetzung für den Job. „Wir sind Problemlöser und Vorbild“, sagt Jungk. Das ist die Seite seines Jobs, die er besonders mag. Die Gefangenen wieder auf den Weg bringen, den Alltag mit ihnen üben. Gemeinsam Erfolge feiern, wie zum Beispiel das erste gute Zeugnis seit Ewigkeiten. Oder der Abschluss der Lehre. Der Stress mit den Eltern oder der Freundin, den Jungk zu bewältigen hilft. Bei alledem steht für ihn immer der Mensch im Vordergrund, nicht die Tat. Ganz im Sinne des idealistischen Gründers der Jugendanstalt, Dr. Gerhard Bulczak. Das macht auch Sinn für Dennis Jungk. Und es lässt ihn die stressige Seite des Jobs ertragen. Die Herausforderung liegt für ihn in der Konfrontation mit Extremsituationen, im emotionalen Umschalten, im Umgang mit Adrenalinstößen aus dem Nichts. „Das Funkgerät kann jede Sekunde losgehen“, sagt er. „Das ist nicht einfach.“

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Der Job

Wer sich innerhalb von zwei Jahren zum Justizvollzugsfachwirt ausbilden lassen will, muss mindestens 20 Jahre alt sein und neben gute Allgemeinbildung vor allem soziale Kompetenz mitbringen. Außerdemwerden Konzentrations-, Beobachtungs- und Belastungsfähigkeit gefordert. Gearbeitet wird im Schichtdienst, bezahlt werden Justizvollzugsfachwirte von A 7 bis A 9 NBesO. Auf die Frage, ob die Arbeit des AVD angemessen bezahlt wird, sagt der Vorsitzende des Personalrats der JA Hameln, Thorsten Weidemann, Thorsten Weidemann: „Wenn man die täglichen Anforderungen an Kolleginnen und Kollegen sieht, ist die Entlohnung nicht immer leistungsgerecht“. Er kritisiert, dass bei der Berechnung der Bezüge Beschäftigungszeiten in anderen Berufen nicht oder nicht mehr voll angerechnet werden. Als großen Vorteil sieht Weidemann die Verbeamtung: „Wenn man Mitte/Ende 20 durchstarten will mit Familie, und vielleicht irgendwann Wohneigentum, dann gibt dieser Status sehr viel Sicherheit.“

In Haus 6, in dem Jungk arbeitet, sind die harten Jungs untergebracht. Diejenigen, die aufgrund schwerer Gewalt- und Sexualdelikte gesetzlich verpflichtet sind, eine Sozialtherapie zu machen. Es gibt Wochen, da ist der 39-Jährige vier- bis fünfmal mit Gewaltausbrüchen konfrontiert. Mal ist es massive Gegenwehr, mal verletzen die Gefangenen sich selbst. Einmal war die Selbstverletzung eines Insassen so heftig, dass sie sich tief in Dennis Jungks Gedächtnis gebrannt hat. Die Bilder von dem jungen Mann, der es trotz enger Überwachung geschafft hatte, sich heftigste Schnittwunden beizubringen, und den sechs Beamte in seinem selbstzerstörerischen Wahn kaum bändigen konnten, hat er nicht so schnell vergessen. Obwohl Jungk Mitglied des EMS-Gruppe ist (Träger des Einsatzmehrzweckstocks) und für solche Situationen besonders trainiert ist, braucht er danach Zeit zum Runterkommen, zum Durchatmen. Die Kollegen kennen das. Sie stützen einander im Nachgang. Das ist sehr wichtig, sagt er. Wie notwendig es ist, lässt sich auch an der zunehmenden Akzeptanz des Kriseninterventionsteams (KIT) ablesen. Besser angenommen wird das Team, seit man in der JA entschieden hat, dass das KIT nach Krisen zu den Betroffenen kommt, und nicht andersherum. Und zwar immer.

Das Funkgerät begleitet die Vollzugsbeamten den ganzen Tag – es kann jederzeit losgehen, dann ist innerliches Umschalten angesagt. Foto: Dana
  • Das Funkgerät begleitet die Vollzugsbeamten den ganzen Tag – es kann jederzeit losgehen, dann ist innerliches Umschalten angesagt. Foto: Dana

Alleine mit dem Erlebten klarzukommen, die Frage: „Bin ich ein Harter oder nicht?“, werde zunehmend abgelöst von der Erkenntnis, dass es helfen kann, mit einem Außenstehenden über das Erlebte zu sprechen. Oder zu wissen, dass man es mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu tun hat, wenn der gesunde Schlaf sich vier Tage später immer noch nicht einstellen will, wenn bestimmte Gedanken immer wieder kommen. „Die Belastung spürt man im ersten Moment oft nicht“, sagt Jungk.

Selbstzerstörerisches Verhalten ist ein Phänomen, mit dem die Beamten in zunehmendem Maße konfrontiert sind. Insbesondere bei Flüchtlingen sei es eine gängige Methode, um etwas zu erpressen, wie zum Beispiel bestimmte Medikamente. Doch auch der Umgang untereinander und gegenüber den Beamten verrohe. Gegenüber dem weiblichen Personal fehle oft der Respekt.

Klar, das alles finde man auch draußen, aber im Mikrokosmos Knast sei diese Entwicklung potenziert wahrnehmbar, sagt Jungk, und seine Kollegen sehen es ähnlich. Die Folge: Sie müssen immer wieder Grenzen setzen, Meldung machen, sanktionieren. Schon lange darf kein Insasse mehr allein über den Innenhof gehen, um sich beispielsweise beim Friseur die Haare schneiden zu lassen. Früher habe ein Anruf gereicht, ob der derjenige angekommen sei. Auch in der Wohngruppe gilt: Länger als zehn Minuten darf kein Gefangener unbeaufsichtigt bleiben. Es ist die Konsequenz aus der zunehmenden Gewalt. Sie einzudämmen, ist inzwischen das Hauptziel im Jugendknast. Für Dennis Jungk ist es eine Begleiterscheinung. Bisher hat sie ihn zu keinem Zeitpunkt davon abgehalten, seinen Job mit Freude und Idealismus zu machen, sagt er.

Und wie schafft er es, die oft belastenden Ereignisse des Tages nicht mit nach Hause zu nehmen? Dennis Jungk zögert, lacht dann und meint: „Das ist ein bisschen wie bei Men in Black. Wenn ich ans Tor komme, ist das, als wenn ich ‚geblitzdingst‘ werde.“ Ganz wichtig außerdem: eine gute Anlage im Auto. Am liebsten US-Westküstensound, Sommer, Sonne, Beach Boys. Ganz laut.

Information

Frühschicht im Knast

  • 4.40 Uhr: Dennis Jungk steht auf.
  • 6 Uhr: Dienstantritt mit Wecken und Lebendkontrolle der Insassen in der JA
  • 6.50 Uhr: Ein Teil der Insassen wird in den Betrieb geschickt. Beginn: 7 Uhr.
  • 7.35 Uhr: Die nächste Gruppe wird in die Schule geschickt. Es folgen Haftraumkontrollen und Revisionen (Kontrollen mit Werkzeug)
  • 9.30 Uhr: Frühbesprechung, danach Schreibtischarbeit: Erstellen von Förderplänen, Fortschreibung von Erziehungsplänen durch die Betreuer, Angehörigenkontakt, Behördengänge.
  • 11.30 Uhr Verpflegung in den Wohngruppen. Die Gefangenen rücken durch zwei Sicherheitsschleusen ein.
  • 13 Uhr: Ende der Frühschicht.

Im Gegensatz zur Frühschicht haben die Beamten in der Spätschicht wesentlich mehr Gefangenenkontakt.




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