weather-image
Mehrere tausend Kriegsgefangene wurden in Hameln interniert und mussten Zwangsarbeit leisten

Leben hinter Stacheldraht

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, in dem über 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Rund 60 Kilometer nordöstlich von Paris, im Wald von Compiègne, wurde das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet. In einer siebenteiligen Serie sollen unterschiedliche Aspekte dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) beleuchtet werden. In unserer heutigen Folge stehen die Kriegsgefangenenlager im Mittelpunkt.

veröffentlicht am 06.11.2018 um 16:55 Uhr
aktualisiert am 06.11.2018 um 19:20 Uhr

Oberhalb des Reimerdeskamp wurde 1914 ein riesiges Gefangenenlager errichtet. Foto: stadtarchiv Hameln

Autor:

Wilfried Altkrüger und Bernhard Gelderblom
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Noch ehe der Magistrat der Stadt Hameln eine Anfrage des Kriegsministeriums wegen der Bereitstellung von wetterfesten Unterkünften für Kriegsgefangene auf dem Stadtgebiet (zum Beispiel große Zelte und Schuppen) beantwortet hatte, begann das königliche Bauamt Ende August 1914 mit den Vorarbeiten zur Errichtung eines riesigen Lagers auf militäreigenem Gelände oberhalb des Reimerdeskamp.

Erst sechs Wochen nach Kriegsbeginn erfuhr die Öffentlichkeit durch eine kurze Notiz der Dewezet vom 11. September von den Plänen: „Kriegsgefangene in Hameln. Es ist hier die amtliche Bestätigung eingetroffen, daß für Hameln die Unterbringung von zehntausend Kriegsgefangenen in Aussicht genommen ist. Für die Unterbringung ist der große Exerzierplatz vorgesehen.“ Als am Abend des 23. September 1914 der erste Transport mit 189 belgischen Gefangenen in Hameln eintraf, standen noch keine Baracken. Die Belgier mussten selbst Hand anlegen und provisorische „Erdhütten“ anlegen, in denen sie unterkamen.

Mitte Oktober kamen weitere Transporte mit Franzosen, Belgiern und Briten, sodass sich im Lager bereits 2000 Gefangene aufhielten. Wenige Tage später war ihre Zahl auf etwa 7000 hochgeschnellt. Neben Kriegsgefangenen wurden auch 1700 Zivilgefangene, „17-jährige bis 45-jährige Leute aller Stände und Berufsarten, vom Künstler bis zum Stallknecht“, im Lager untergebracht, wie der Junglehrer und Vizefeldwebel der Wachmannschaft Adolf Brennecke berichtete.

Ankunft russischer Kriegsgefangener am Lagerbahnhof an der Pumpstation: Sie wurden in Wohnbaracken am Reimerdeskamp untergebracht. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Ankunft russischer Kriegsgefangener am Lagerbahnhof an der Pumpstation: Sie wurden in Wohnbaracken am Reimerdeskamp untergebracht. Foto: Stadtarchiv Hameln

Im November 1914, kurz vor dem Einbruch des Winters, konnten die Gefangenen in die fertiggestellten 84 Wohnbaracken einziehen. Das Lager umfasste außerdem 20 Funktionsbaracken, allein vier für die Küche, weitere dienten als Wäscherei, für die Desinfektion, Post, als Lazarett und für Gefangenenarbeit. Die Gebäude standen längs einer breiten Lagerstraße, auf der die Gefangenen auch zum Appell antreten mussten. Das Bauamt gab die Kosten für die Bauten mit 1,45 Millionen Mark an. Hameln profitierte davon, weil 90 Prozent der Lieferungen und Leistungen auf das Stadtgebiet entfielen.

4900 russische und serbische Kriegsgefangene kamen 1914 in einem körperlich grauenhaften Zustand in Hameln an

Im Spätherbst 1914 kamen 4900 russische und serbische Kriegsgefangene. Ihr körperlicher Zustand war wegen mangelhafter Ernährung nach neun Tagen Fußmarsch grauenhaft. Russen und Serben wurden in den leer stehenden „Erdhütten“ untergebracht, die mit bis zu 120 Personen pro Hütte „großen Ameisenhaufen“ glichen. Bald brachen Cholera und Typhus aus. Die Lagerleitung trennte diesen nördlichen Lagerteil ab, sodass der Kontakt zu den Gefangenen westeuropäischer Herkunft eingeschränkt war. Ob und wie weit die Erdhütten bis Kriegsende durch Baracken ersetzt wurden, ist nicht bekannt.

Von Gleichbehandlung der Gefangenen konnte keine Rede sein. Während die Westeuropäer in den Genuss der Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung kamen, die vorsah, die Gefangenen wie Angehörige des eigenen Heeres zu betrachten und „mit Menschlichkeit“ zu behandeln, galten die Gefangenen slawischer Herkunft als auf einer ‚niedrigen Kulturstufe‘ stehend, die mit primitiven Unterkünften zufrieden sein mussten.

Auf den in Stadtarchiv und Museum erhaltenen Fotos sind die „Erdhütten“ der Russen und Serben nicht zu sehen. Sie zeigen die Lagerwelt der westeuropäischen Nationen mit ihrer guten Unterbringung und den zahlreichen Freizeitaktivitäten, ein Hinweis darauf, dass die Fotos Propagandazwecken dienten.

Beim Hamelner Kriegsgefangenenlager handelte es sich um ein Lager für Mannschaften und Unteroffiziere. Offiziere wurden grundsätzlich getrennt untergebracht und mussten auch nicht arbeiten. Die Wachleute waren Landsturmmänner, Wehrpflichtige im Alter von 17 bis 42 Jahren.

Das Lager wurde bald zur Attraktion Neugieriger aus Stadt und Land. Ein Wanderführer beschrieb den Weg zum Lager, Familien spazierten sonntags dorthin. Gastronomen bewarben sich um Imbiss- oder Getränkestände in der Nähe. Die Militärverwaltung gab daraufhin bekannt, das „schaulustige Publikum“ sollte dem Lager gefälligst fernbleiben.

Die Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung sahen vor, dass kriegsgefangene Mannschaften zur Arbeit eingesetzt werden durften. Die Arbeiten sollten allerdings nicht „übermäßig sein und in keiner Beziehung zu den Kriegsunternehmungen stehen“. Zunächst arbeiteten die Gefangenen zu „landes- und volkswirtschaftlichen“ Zwecken, also auf Truppenübungsplätzen, im Straßenbau und der Moorkultivierung. Erst ab Frühjahr 1915, als sich Arbeitskräftemangel bemerkbar machte, stellte das Militär die Gefangenen auch privaten Unternehmen zur Verfügung. Russen schickte man bevorzugt in die Landwirtschaft.

Im Hamelner Lager kamen rund 1000 Menschen ums Leben, die auf dem Gefangenfriedhof am Wehl bestattet wurden

Neben den Kriegsgefangenen gab es auch Zivilgefangene. Wir hören von ihnen zum ersten Mal im Dezember 1914. Nach einer Anfrage aus Hameln teilte die Stadt Holzminden mit, dass dort ein „Konzentrationslager“ für „verdächtige Zivilpersonen männlichen und weiblichen Geschlechts eingerichtet worden sei, welche die ausländische Staatsangehörigkeit besitzen“. Eine Heranziehung zur Arbeit finde nicht statt.

Bald wurden auch die Zivilgefangenen zur Arbeit angeboten. Die Arbeitgeber konnten sich die Internierten selbst aussuchen. Sobald ein Arbeitsvertrag abgeschlossen war, der den internierten Zivilgefangenen „vor Mittellosigkeit und Obdachlosigkeit für die Dauer des Krieges schützte“, wurde er aus dem Lager entlassen.

Im Spätsommer 1916 war der Mangel an Arbeitskräften so stark gewachsen, dass die Inspektion der Kriegsgefangenenlager im X. Armeekorps die Landräte aufforderte, nur noch den dringendsten Bedarf zu melden. Von den Zuckerfabriken seien bereits für die Dauer der Kampagne 6000 Gefangene angefordert worden. Von Firmen der Rüstungsindustrie häuften sich dringende Anträge, sodass sich die Frage nach einem Zurückziehen von Gefangenen aus der Landwirtschaft stelle.

Weil der Zustrom von Kriegsgefangenen mit Fortschreiten des Krieges geringer wurde, versuchte man verstärkt zivile Arbeitskräfte anzuwerben. Die Anwerbung im besetzten Belgien zu Beginn des Jahres 1915 hatte magere 21 000 Freiwillige erbracht. Auch die ab Mai 1915 für die industrielle Beschäftigung zugelassenen „zivilen“ Polen reichten nicht aus, den Mangel zu beheben.

Daraufhin hoben die Deutschen von Ostern 1916 bis Februar 1917 etwa 61 000 Belgier und 20 000 Franzosen zwangsweise aus. Wegen scharfer Kritik aus dem Ausland ging man danach wieder zur Anwerbung Freiwilliger über. Insgesamt wurden von 1915 bis 1918 rund 500 000 ausländische Zivilarbeiter aus Russisch-Polen und Belgien zum Teil unter Androhung von „Schutzhaft“ rekrutiert – ein Vorspiel zum Zweiten Weltkriegs, in dem millionenfach Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern nach Deutschland deportiert wurden. Im Hamelner Lager kamen von 1914 bis 1921 rund 1000 Insassen ums Leben, die fast alle auf dem Gefangenenfriedhof am Wehl bestattet wurden. Die Mehrzahl starb in den Jahren 1917 bis 1919, als der Arbeitseinsatz expandierte und die Versorgungslage deutlich schlechter wurde. Während nach Kriegsende die britischen, französischen und belgischen Soldaten in ihre Heimatländer überführt wurden, liegen noch heute auf dem Friedhof Wehl 759 russische und serbische Soldaten begraben sowie ein Belgier, dessen Leiche versehentlich nicht exhumiert wurde.

Den Gefallenen des Weltkriegs ist die nächste Folge unserer Weltkriegsserie gewidmet.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare