weather-image
23°

Wehrbeauftragte übt heftige Kritik

Mangelware Hubschrauber

Baustelle Bundeswehr: Der Wehrbeauftragte übt heftige Kritik an der Verfügbarkeit und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr-Hubschrauber.
Mittendrin ist auch das Hubschrauber-Ausbildungszentrum in Bückeburg.

veröffentlicht am 09.02.2019 um 12:00 Uhr

Helikopter, die nicht fliegen: Die Bundeswehr-Hubschrauber des Typs NH90 – hier im Bild die Marine-Variante „NH90 Sea Lion“ – sind in den allermeisten Fällen nicht einsatzbereit. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
4299_1_orggross_r-cremers

Autor

Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, hat einen ausufernden Transport deutscher Soldaten mit zivilen Hubschraubern in Afghanistan kritisiert. „Das ist nicht ideal. Deutschland sollte in der Lage sein, seine Soldatinnen und Soldaten sowohl selbst in die Einsätze zu fliegen als auch in den Einsätzen zu transportieren – am Boden wie in der Luft“, sagte Bartels.

Auch vom Bundeswehrverband gibt es Kritik: Das Verteidigungsministerium solle beim Umbau der Truppe schneller machen. Die Opposition stellt bereits weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr infrage.

Bartels sagte mit Blick auf den Einsatz ziviler Hubschrauber, Deutschland sei das größte Land Europas, die zweitgrößte Nato-Nation, die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt: „Das kann und darf also keine Ressourcenfrage sein.“ Tatsächlich finde ein Großteil der Flüge für die deutschen Soldaten innerhalb Afghanistans mit zivilen angemieteten Hubschraubern statt, sagte der SPD-Politiker.

Hubschrauber sind wie im vergangenen Jahr immer noch Mangelware.

Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter Bundestag

„Hubschrauber sind wie im vergangenen Jahr immer noch Mangelware. Die Anzahl der tatsächlich einsatzbereiten Hubschrauber NH90, Tiger und CH-53 bewegt sich seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau. Hinweise auf wesentliche Verbesserungen sind nicht erkennbar. Nach den Ausführungen des Verteidigungsministeriums bestehe zwar ein positiver Trend, dieser werde sich aber erst mittelfristig auswirken.“ So beschreibt der Wehrbeauftragte in seinem Jahresbericht einmal mehr auch die Situation bei den Heeresfliegern und beim Hubschrauber-Ausbildungszentrum Bückeburg.

Bereits im Jahr 2015 sei bei einem Truppenbesuch beim Internationalen Hubschrauber-Ausbildungszentrum darauf hingewiesen worden, dass durch die Reduzierung von 14 auf 8 Hubschrauber des Typs NH90 der bestehende Bedarf an Flugstunden in der Ausbildung nicht vollständig gedeckt werden könne. Aber: Bis heute stehen nicht genügend NH90 zur Verfügung, um die für die Bundeswehr mittel- und langfristig nötige Zahl an Piloten auszubilden, sagt der Wehrbeauftragte. Um genügend einsatzfähige NH90-Besatzungen zu haben, müsste die Bundeswehr jährlich 17 NH90-Piloten ausbilden. Im vergangenen Jahr waren es nur neun, 2017 sogar nur sieben.

Der Wehrbeauftragte macht dennoch Hoffnung: „Licht am Ende des Tunnels scheint aber in Sicht.“ Bereits im Berichtsjahr 2018 wurde durch eine verbesserte Nutzungsrate des vorhandenen Hubschrauberbestandes zumindest die Anzahl der Flugstunden deutlich erhöht. Zudem habe das Verteidigungsministerium mitgeteilt, an der Erhöhung der Anzahl von NH90 für die Ausbildung zu arbeiten und Maßnahmen zur Steigerung der verfügbaren Trainingsplätze zu schaffen. Kurzfristig aber, so habe das Ministerium aber auch mitgeteilt, werde sich an der Lage nichts ändern lassen.

Im Hinblick auf die Einsatzbereitschaft der CH-53-Hubschrauber-Geschwader, einst Prunkstück der Heeresflieger und heute bei der Luftwaffe angesiedelt, stellt der Wehrbeauftragte ebenfalls fest, dass die notwendigen Flugstunden für die Piloten nicht gesichert seien: „Diese Situation ist unbefriedigend und kann gefährlich werden, wenn Piloten Fehler machen, weil sie aus der Übung sind.“ Außerdem hätten die Piloten den Anspruch an sich selbst, aber auch an den Arbeitgeber, nicht „nur gerade eben so“ den Lizenzerhalt zu schaffen, sondern Expertise in ihrem Beruf zu entwickeln.

Information

Nur 25 von 110 Hubschraubern einsatzbereit

Der Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme für 2018 steht erst in einigen Wochen zur Verfügung, schreibt der Wehrbeauftragte. Neue Zahlen zum Gesamt- und Verfügungsbestand und zu tatsächlich einsatzbereiten Systemen gebe es somit für das Berichtsjahr noch nicht: „Dies war früher anders.“ Ein paar Zahlen bezogen auf die Hubschrauber nennt Bartels aber schon vorab: Ende 2017 gab es 58. Hubschrauber des Typs NH90 – davon waren aber durchschnittlich nur 13 einsatzbereit. Ende 2018 ist der 68. Hubschrauber NH90 übergeben worden. Der Bestand an Kampfhubschraubern „Tiger“ lag Ende 2017 bei 52 – davon waren durchschnittlich aber nur 12 einsatzbereit. Der Bestand beim „Tiger“ erhöhte sich Mitte des Berichtsjahres ebenfalls auf 68. rc

Die geplante Anschaffung einer größeren Anzahl eines zusätzlichen, auf dem Markt verfügbaren, bereits in die Bundeswehr eingeführten, handelsüblichen, preisgünstigen und leichten Verbindungs- und Unterstützungshubschraubers für alle Hubschrauberverbände von Heer, Luftwaffe und Marine könnte helfen, die Flugstundenmisere zu beseitigen. „Dazu braucht es schnelle, konsequente Entscheidungen, keine Zehn-Jahre-Standard-Auswahlprozedur“, so Bartels.

Die Anmietung von Flugstunden beim ADAC (Heer), bei der Motorflug Baden-Baden GmbH (Internationales Hubschrauberausbildungszentrum), bei DL Helicopter Technik GmbH (Marine) und bei HTM Helicopter Travel Munich GmbH (Luftwaffe) könne kurzfristig helfen, „ist aber keine Dauerlösung für die Bundeswehr“, sagt der Wehrbeautragte.

Außer dem Mangel an Ersatzteilen bezeichnet Bartels die Instandsetzungskapazitäten als „ein Nadelöhr“. Hinzu kämen Nachrüstungsvorhaben. Die Bundeswehr müsse bei den Hubschraubern dringend nachsteuern, damit sie die Einsatzherausforderungen, die Aufgaben im Normalbetrieb und insbesondere die Ausbildung der Besatzungen sowie des übrigen technischen Personals angemessen wahrnehmen könne. „Ein ständiges Agieren am Belastungslimit schadet den Soldaten und dem noch vorhandenen Material“, sagt der Wehrbeauftragte.

Wer will überhaupt noch Soldat werden?

Warum entscheiden sich immer weniger für den Dienst in der Bundeswehr, für den Beruf Soldat?

Hier die Zwickmühle, die der Wehrbeauftragte beschreibt: „Das berufliche Fortkommen in der Bundeswehr setzt regelmäßig die Teilnahme an Lehrgängen voraus. Lehrgangsverzögerungen sind deshalb sehr ärgerlich. Im Berichtsjahr gab es Verzögerungen bei den Ausbildungsgängen der Logistik, Führungsunterstützung, Kampfmittelabwehr, Schießsicherheit, Feuerwerker und des allgemeinen Stabsdienstes. Daneben verzögerte sich zum Teil die Werdegangsausbildung ebenso wie die Waffensystemausbildung im Bereich NH90, Tiger, Tornado, Eurofighter und CH-53. Eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten ist nicht von heute auf morgen zu realisieren und mit Aufwand verbunden. Dennoch muss die Bundeswehr mehr als bisher ihre Bemühungen auf die Beseitigung von Ausbildungsstaus bei Lehrgängen ausrichten. Schließlich haben die betroffenen Soldaten keinen Anspruch auf Schadlosstellung, wenn sich ihre Laufbahnausbildung und die anschließende Beförderung verzögern. Die effiziente Nutzung der Ausbildungskapazitäten muss dabei stets das Maß der Dinge sein. Wenn Soldaten bei Truppenbesuchen berichten, dass gerade einmal ein Drittel der ausgebildeten Soldatinnen und Soldaten auch in der für sie geplanten Verwendung Dienst leisten, so scheint die Bundeswehr nicht selten am Bedarf vorbei auszubilden und damit Ausbildungskapazitäten zu verschwenden.“rc




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare