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Wertschätzung für Feiertage

Mehr freier Tag als Feiertag?

LANDKREIS. Der Mai ist in diesem Jahr der König unter den Monaten: Ein Feiertag scheint den nächsten zu jagen. Mit dem 1. Mai geht‘s los. Aber: Wie viel Wertschätzung bringen wir Feiertagen noch entgegen? Wir haben mit Kirchenvertretern, Professoren und Bürgern gesprochen.

veröffentlicht am 30.04.2018 um 14:42 Uhr
aktualisiert am 05.05.2018 um 13:32 Uhr

Hauptsache raus und mit Freunden chillen: Die Feiertage und besonders die Brückentage sind beliebt für Freizeitvergnügen. Foto: dpa

Autor:

Niklas Könner

LANDKREIS. Der Mai ist in diesem Jahr der König unter den Monaten – zumindest hinsichtlich der Anzahl gesetzlicher Feiertage. Ein regelrechter Feiertags-Marathon steht gar auf dem Programm der kommenden 31 Tage. Den Auftakt bildet direkt zum Monatsanfang der „Tag der Arbeit“ am 1. Mai. Schon zehn Tage später hält der Kalender mit Christi Himmelfahrt das nächste Fest parat, ehe das Pfingstwochenende am 20. und 21. Mai das Ende der Serie einläutet. In Nordrhein-Westfalen, Bayern und vier weiteren Bundesländern setzt gar Fronleichnam am 31. Mai erst den Schlussakkord.

Je nach Wohnort sind in Deutschland bis zu 14 gesetzliche Feiertage in diesem Kalenderjahr möglich. In Niedersachsen muss man sich mit der Mindestanzahl von neun Feiertagen begnügen, während im katholisch geprägten Bayern aus dem Vollen geschöpft wird. Doch selbst im norddeutschen Bundesgebiet springen mit geschickter Urlaubsplanung an den Brückentagen so einige verlängerte Wochenenden heraus.

Die meisten Arbeitnehmer werden daher die Vielzahl der Maifeiertage mit Kusshand begrüßen. Ausschlafen, durch die Stadt bummeln oder gemütlich auf dem Sofa ein Buch lesen – die Kurzurlaube sind für viele ein gern genommenes Geschenk. Oftmals werden auch kleinere Arbeiten im und am Eigenheim vorgenommen oder der Garten wieder auf Vordermann gebracht.

Alexander Ehlers (19) aus Exten: „Ich kenne zwar die Hintergründe der Feiertage wie Pfingsten, zelebriere sie aber nicht in dem Sinn. Für mich sind es einfach freie Tage.“ Foto: nk
  • Alexander Ehlers (19) aus Exten: „Ich kenne zwar die Hintergründe der Feiertage wie Pfingsten, zelebriere sie aber nicht in dem Sinn. Für mich sind es einfach freie Tage.“ Foto: nk
Britta Hothan (40) aus Auetal: „Wir unterhalten uns in der Familie jedes Jahr über die Hintergründe der kleinen Feiertage. Ein Kirchgang steht aber nicht auf dem Programm.“ Foto: nk
  • Britta Hothan (40) aus Auetal: „Wir unterhalten uns in der Familie jedes Jahr über die Hintergründe der kleinen Feiertage. Ein Kirchgang steht aber nicht auf dem Programm.“ Foto: nk
Gerhard Christoph (64) aus Uchtdorf: „Ich freue mich über jeden freien Tag. Ambitionen, dann etwas Spezielles deswegen zu zelebrieren, habe ich nicht.“ Foto: nk
  • Gerhard Christoph (64) aus Uchtdorf: „Ich freue mich über jeden freien Tag. Ambitionen, dann etwas Spezielles deswegen zu zelebrieren, habe ich nicht.“ Foto: nk
Daniel Gutzmer (39) aus Wennenkamp: „Ob der Tag einen besonderen Namen trägt, ist mir eigentlich egal. Es ist einfach schön, nicht zur Arbeit gehen zu müssen.“ Foto: nk
  • Daniel Gutzmer (39) aus Wennenkamp: „Ob der Tag einen besonderen Namen trägt, ist mir eigentlich egal. Es ist einfach schön, nicht zur Arbeit gehen zu müssen.“ Foto: nk
Ingrid Schulz (69) aus Möllenbeck: „Feiertage unterscheiden sich auf gewisse Weise schon vom Alltag. Trotzdem verbinde ich damit nicht unbedingt den Weg in die Kirche.“ Foto: nk
  • Ingrid Schulz (69) aus Möllenbeck: „Feiertage unterscheiden sich auf gewisse Weise schon vom Alltag. Trotzdem verbinde ich damit nicht unbedingt den Weg in die Kirche.“ Foto: nk
Alexander Ehlers (19) aus Exten: „Ich kenne zwar die Hintergründe der Feiertage wie Pfingsten, zelebriere sie aber nicht in dem Sinn. Für mich sind es einfach freie Tage.“ Foto: nk
Britta Hothan (40) aus Auetal: „Wir unterhalten uns in der Familie jedes Jahr über die Hintergründe der kleinen Feiertage. Ein Kirchgang steht aber nicht auf dem Programm.“ Foto: nk
Gerhard Christoph (64) aus Uchtdorf: „Ich freue mich über jeden freien Tag. Ambitionen, dann etwas Spezielles deswegen zu zelebrieren, habe ich nicht.“ Foto: nk
Daniel Gutzmer (39) aus Wennenkamp: „Ob der Tag einen besonderen Namen trägt, ist mir eigentlich egal. Es ist einfach schön, nicht zur Arbeit gehen zu müssen.“ Foto: nk
Ingrid Schulz (69) aus Möllenbeck: „Feiertage unterscheiden sich auf gewisse Weise schon vom Alltag. Trotzdem verbinde ich damit nicht unbedingt den Weg in die Kirche.“ Foto: nk

Der Feiertag als solcher wird dabei oft gänzlich außer Acht gelassen. Im Vordergrund steht vielmehr die Tatsache, dass ein Feiertag gleichbedeutend mit einem arbeitsfreien Tag ist. „Kirchliche Feste und Traditionen werden nicht mehr in gleicher Weise beachtet und gefeiert, wie das zu früheren Zeiten üblich war“, behauptet Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover. Verschwinden Feiertage also immer mehr vom Radar der gesellschaftlichen Wahrnehmung?

Pastor Heiko Buitkamp von der evangelisch-reformierten Gemeinde Rinteln kann diesen Trend in gewisser Weise bestätigen: „An kleineren Feiertagen wie Himmelfahrt oder Pfingsten wird es schwieriger, einen Gottesdienst zu veranstalten, da an diesen Tagen immer weniger Leute die Kirche aufsuchen.“ Das hänge sicherlich auch mit der frühen Uhrzeit zusammen. Viele würden eben den Feiertag zum Ausschlafen nutzen. Kernfeiertage wie Ostern und Weihnachten seien dagegen „Familientage, denen noch eine stärkere Wertschätzung entgegengebracht wird“, so Buitkamp. Dies zeige sich in der größeren Besuchermenge.

Der Grund dafür, dass Pfingsten oder Himmelfahrt den Stempel als Randfeiertage aufgedrückt bekommen, ist so einfach wie problematisch. Es falle vielen Menschen schlichtweg schwer, diesen Tagen einen tiefgründigeren Sinn zu verleihen, analysiert Buitkamp. Dass eine intensive Auseinandersetzung mit der Herkunft und Sinnhaftigkeit des Ehrentages fehle, bemängelt auch Professor Dr. Gunther Hirschfelder, Professor für vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg: „Der Pfingstmontag ist kaum mehr im Bewusstsein und die Sache mit den Feuerzungen ist der Mehrheit sowieso suspekt“, schreibt er in „Beste Grüße aus dem Kirchenjahr 2017“, einem Themenheft der „Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) in Hannover.

Vielen Menschen scheinen also die Hintergründe für den Anlass des Feiertages gar nicht mehr bekannt zu sein. Erzählungen wie die Weihnachtsgeschichte bieten dagegen einen Ansatz, sich über die Herkunft und Bedeutung des heiligen Tages Gedanken machen zu können. Entsprechend steigt auch die Wertschätzung dem Tag gegenüber.

Dieses Phänomen kann Buitkamp auch bei dem Kar- respektive Osterwochenende beobachten. Wenngleich in vielen Familien weltliche Sinngeber wie der Osterhase das Fest begleiten würden, habe die Einhaltung von Traditionen am Osterwochenende „immer noch einen sehr hohen Stellenwert“, so der Pastor aus Rinteln. Der Karfreitag als höchster kirchlicher Feiertag werde „als ruhiger und stiller Feiertag nach wie vor hoch angesehen“. Verhaltensweisen wie Tanzverbote oder der Verzicht auf Fleisch seien am Karfreitag „ein unverändert wichtiges Ritual für viele Leute“, erklärt Buitkamp.

Den Kontrast dazu bilden die als „bedeutungsloser“ angesehenen kleinen Feiertage. Als optimales Anschauungsbeispiel dient dabei das Himmelfahrtswochenende. Eigentlich als kirchlicher Feiertag in die Liste der Ehrentage aufgenommen, wurde er im Volksmund Anfang des 20. Jahrhunderts zum sogenannten „Vatertag“ umgemünzt. Ursprünglich stammt dieser Brauch aus den USA, wo er 1910 als Pendant zum Muttertag eingeführt wurde. In Deutschland sieht der Ablauf heutzutage oft eine gemeinsame Wanderung zu Ausflugspunkten oder Gaststätten vor. Der übermäßige Alkoholkonsum hat sich dabei zu einem festen rituellen Bestandteil der Fußmärsche entwickelt. Statt Kirche und Andacht also Bollerwagen und Bier.

Buitkamp sieht die Wandlung vom kirchlichen Ehren- zum allgemeinen Partytag indes aber gelassen: „Viele Kirchengemeinden nutzen den Tag doch auch für Outdoor-events, wie beispielsweise Waldgottesdienste“, wendet er ein. Allerdings verweist er darauf, dass eine sinnbildliche Übertragung von Himmelfahrt zum „Vatertag“ in Form der Auffahrt Jesu Christi zum Vater in den Himmel dann doch „sehr weit hergeholt“ sei.

Doch selbst wer keine Ahnung vom Sinn der Feiertage habe, weiß, „dass es eben nicht ganz normale Werktage sind“, sagt EKD-Vizepräsident Gundlach. Auch wenn sich der Umgang mit Feiertagen gewandelt habe, seien sie fortwährend „kultureller Reichtum, die auch im weltlichen Gewand prägende Kräfte besitzen“, führt Gundlach aus. Heißt: Wer Himmelfahrt gemeinsam mit Freunden bei einer Wandertour zelebriert, bringt dem Feiertag genauso Wertschätzung entgegen – eben mehr in weltlicher und weniger in kirchlicher Form.

Ungeachtet dessen dürfe der kirchliche Ursprung von Feiertagen nicht aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Insofern müsse man „Strategien entwickeln, die das aktive Bewusstsein für den Feiertag stärken“, schlägt Buitkamp zur Lösungsfindung vor. Seine Idee: „Grundsätzlich könnten alle kleineren Feiertage als reine arbeitsfreie Wochentage anerkannt werden.“ Die kirchlichen Feierlichkeiten würden dann einfach am darauffolgenden Sonntag im wöchentlichen Gottesdienst nachgeholt werden. Diesen Vorschlag habe immerhin schon der Reformator Johannes Calvin im Spätmittelalter unterbreitet. Der ersichtliche Vorteil sei, „dass jeder den Tag guten Gewissens zu eigenen Zwecken nutzen könnte“, ist Buitkamp überzeugt. Denn über einen arbeitsfreien Tag freue sich doch schließlich jeder. „Auch ein Pastor genießt freie Tage“, gibt er schmunzelnd zu.




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