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Es findet sich im Müll, in der Landwirtschaft und in den Flüssen – doch so gut wie nichts wurde bisher dagegen unternommen

Mikroplastik ist fast überall

Die Verunsicherung ist groß, seit vor wenigen Wochen die Meldung die Runde machte, dass in Stuhlproben Mikroplastik festgestellt wurde. Wie gelangt das Mikroplastik in den menschlichen Körper? Gibt es Vorkehrungen, die das verhindern können? Um die Antwort auf letztere Frage gleich vorwegzunehmen: Nein, gibt es nicht.

veröffentlicht am 21.11.2018 um 14:01 Uhr
aktualisiert am 21.11.2018 um 21:30 Uhr

Zufluss am laufenden Band: Tag für Tag fließen zwischen Hameln und Wehrbergen Tausende mit Mikroplastik belastete Liter Wasser aus der Kläranlage in die Weser. Foto: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Plastik ist nützlich. Zum Beispiel als Müllsack. Aber auch ein Problem. Zum Beispiel, wenn der Müllsack hinterher nicht verwertet wird, in die Umwelt gerät und die Natur schädigt. In den Weltmeeren schwimmt ein Plastikstrudel, der die mehrfache Größe von Deutschland hat. Das ist gleichermaßen eindrucksvoll wie erschreckend. Aber auch weit weg. Nahezu unsichtbar, aber direkt vor der Haustür wimmelt es hingegen von Mikroplastik.

Als Mikroplastik werden Plastikpartikel bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Es entsteht etwa beim Waschen der – aus dem Polyester recycelter PET-Flaschen hergestellten – Fleecejacke, aus der sich Mikroplastikpartikel lösen und in das Abwasser fließen. Es ist in Shampoos, Zahnpasten und Hautcremes enthalten. Weiteres Mikroplastik entsteht etwa beim Abrieb von Autoreifen, das dann in die Kanalisation gelangt. Da liegt die Annahme nahe, dass das Mikroplastik in der Kläranlage wieder rausgefiltert wird. Doch dem ist nicht so.

Die meisten Kläranlagen sind darauf gar nicht ausgerichtet. Das gilt auch für die Kläranlage der Abwasserbetriebe Weserbergland in Hameln. Sie verfügt über drei Reinigungsstufen – eine mechanische, eine biologische und eine chemische –, nicht aber über die vierte Reinigungsstufe zur Beseitigung von Mikroverunreinigungen.

Hintergrundfoto: Pixabay
  • Hintergrundfoto: Pixabay

Die Gründe nennt Ralf Wilde, Vorstand der Abwasserbetriebe Weserbergland, im Gespräch mit der Dewezet. Zum einen gebe es bis heute keinerlei gesetzliche Vorgaben für die Klärung von mit Mikroplastik belastetem Abwasser – zum anderen sei das Verfahren sehr aufwendig und kostenintensiv. Folglich verzichtet auch die Hamelner Kläranlage auf besagte vierte Reinigungsstufe. Was bedeutet: Das Mikroplastik, das aus den Haushalten sowie aus den Gewerbe- und Industriebetrieben in Aerzen, Emmerthal, Coppenbrügge, Fischbeck und Hameln seinen Weg in das Abwasser findet, landet zwar durchaus in der Hamelner Kläranlage – läuft dort aber zum größten Teil einfach durch und schließlich in die Weser. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Mikroplastik, sondern auch für Medikamentenrückstände und multiresistente Keime. Auch dafür gebe es weder Gesetzesvorgaben noch sei die Kläranlage entsprechend ausgerüstet, so Wilde.

In den meisten Gemeinden und Hamelner Ortsteilen wird das Abwasser inzwischen in einem sogenannten Trennsystem gefiltert, das heißt, das Regenwasser wird direkt in die Weser geleitet, während das Schmutzwasser in die Kläranlage zur Reinigung geleitet wird. Nur noch in der Hamelner Innenstadt und in Tündern gebe es das sogenannte Mischsystem, in dem Regen- und Schmutzwasser in einem Kanalrohr in die Kläranlage geleitet werden.

Letzteres könnte sich auf längere Sicht doch noch als Vorteil erweisen. Denn da Mikroplastik auch beim Abrieb von Autoreifen entsteht, wird es im Rahmen des Trennsystems bei Regen direkt in die Flüsse geleitet. Dort wird es von Fischen und anderen Wassertieren aufgenommen und landet etwa durch Fischverzehr schließlich auch im menschlichen Körper. Heißt: Sollte die vierte Reinigungsstufe eines Tages verpflichtend werden, dann müssten alle Gemeinden und Ortsteile außer der Hamelner Stadtkern und Tündern womöglich wieder vom Trenn- auf das Mischsystem umgestellt werden.

Doch bis es so weit ist, wird es noch einige Jahre dauern. Gleichwohl hätten sich die Abwasserbetriebe Weserbergland damit bereits „gedanklich befasst“, so Ralf Wilde. Akut werde diese Frage seiner Auffassung nach aber „frühestens in vier, fünf Jahren“. Der nötige Platz für eine entsprechende Anlage wäre an der Fischbecker Landstraße 100 jedenfalls gegeben.

Weniger unauffällig als im Abwasser landet im Alltag jede Menge Plastik im Hausmüll. Der geht in erster Instanz an die Müllabfuhr beziehungsweise an die Kreisabfallwirtschaft (KAW) des Landkreises Hameln-Pyrmont. Im Idealfall wird der Müll bereits zuvor in den Haushalten getrennt, etwa in Bio-, Papier-, Kunststoff-, Verpackungs- und Restmüll. Die sogenannten Fehlwürfe halten sich laut Ulrich Kaufmann, dem stellvertretenden Betriebsleiter der KAW, aber in Grenzen. So liege der Plastikanteil im Bioabfall zwar bei weniger als zwei Prozent, vollständig rausgefiltert wird er aber nicht. Der Biomüll wird an ein Kompostwerk in Ostwestfalen verkauft, wo er zu Biodünger verarbeitet wird. Allerdings werden die noch vorhandenen Plastikanteile in diesem Prozess nicht gänzlich zersetzt. In der Folge landen sie mit dem Biodünger auf den Feldern der Landwirtschaft, geraten von dort in den Ernährungskreislauf der Tiere, in die Flüsse und irgendwann in den menschlichen Körper.

Der von der KAW eingesammelte Hausmüll geht als brennbarer Abfall an die Hamelner Müllverbrennungsanlage von Enertec. Müll, in dem sich auch Plastik befindet, das dort verbrannt wird. Mikroplastik trete in diesem Prozess nicht aus, heißt es bei Enertec auf Anfrage der Dewezet. „Die angelieferten Abfälle werden in den Müllbunker abgekippt, in dem ständig ein Unterdruck gehalten und die Luft aus dem Bunker der Verbrennung zugeführt wird, sodass bei der Zwischenlagerung des Abfalles kein Mikroplastik nach außen gelangen kann“, führt Sprecherin Birgit Jahnke aus. Aufgrund ihres hohen Energiegehalts würden die Kunststoffe „fast vollständig in den Müllkesseln“ verbrennen und nur „wenig Reststoffe“ verursachen, die dann in „Rauchgasreinigungsanlagen“ beseitigt würden.

Wie aber umgehen mit dem Plastik, das nicht völlig entsorgt oder verwertet wird und in die Umwelt gerät, so wie im Falle des Abwassers? Die Rufe nach einer gesetzlichen Regelung für den Umgang mit Plastik werden lauter. Das Umweltbundesamt empfiehlt ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetikartikeln. Die EU will über ein Verbot von ersetzbaren Einwegplastikprodukten, wie etwa Trinkhalmen oder Wattestäbchen, abstimmen. Überlegungen, die Ralf Wilde von den Abwasserbetrieben Weserbergland entgegenkommen dürften. Denn die kostspielige Installation einer vierten Reinigungsstufe an der Hamelner Kläranlage, die dann in einem aufwendigen Verfahren Mikroplastik oder auch Medikamentenrückstände aus dem Wasser filtert, sei „eigentlich der falsche Weg“, meint Wilde. „Vermeidung ist der Begriff, um den es gehen sollte“, findet er. Anstatt in teuren Verfahren umweltschädigende Stoffe mühsam aus dem Wasser zu holen, sollten sie besser gar nicht erst in Umlauf gebracht werden. Doch solange es keine entsprechenden Gesetze gibt, die der Industrie einen Riegel vorschieben und die Menschen weiterhin Plastikartikel kaufen, werden wir weiter mit dem Plastikmüll leben müssen.

Information

Auswirkung auf die Gesundheit

Unklar ist, ob und wie sich Mikroplastik im menschlichen Körper auswirkt. Der Landkreis Hameln-Pyrmont verweist auf Anfrage der Dewezet auf eine Mitteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Demnach sei „eine gesundheitliche Risikobewertung für den Verzehr von mit Mikroplastik verunreinigten Lebensmitteln derzeit nur eingeschränkt möglich“. Der Grund: Es lägen „keine gesicherten Daten zur chemischen Zusammensetzung, zur Partikelgröße und zum Gehalt von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln vor“. Auch keine Erkenntnisse liegen dem BfR darüber vor, ob sich Mikroplastik im Körper ablagert. Ablagerungen könnten sich als problematisch erweisen, da sich an Mikroplastikpartikeln andere unerwünschte Stoffe anlagern und mit dem Mikroplastik Wechselwirkungen eingehen könnten. Ein gesundheitliches Risiko durch die Aufnahme von Mikroplastik über kosmetische Produkte etwa über die Haut gilt laut BfR als unwahrscheinlich, da die Partikel dafür zu groß seien.




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