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„Das klang nach einer spannenden Aufgabe“

Mindener berät Team hinter Neuauflage von „Das Boot“

Vom Holzschiffchen am Mittellandkanal zum 27-Millionen-Euro-Filmprojekt: Der Mindener Jürgen Weber hat die Macher von „Das Boot“ beraten. Er weiß, dass an Bord niemand „Herr Fregattenkapitän“ sagt. Unser Autor hat sich mit dem Experten getroffen und erfahren: Unter der Meeresoberfläche kommt es auf jede Silbe an.

veröffentlicht am 14.11.2018 um 08:52 Uhr

Dreharbeiten zu „Das Boot“, einer Serienfortsetzung des berühmten Kriegsfilmklassikers mit demselben Namen. Foto: dpa
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Autor

Arne Boecker Reporter
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Fangen wir mit den einfachen Fragen an: Wie taucht ein U-Boot? „Oh, das ist schnell erklärt“, sagt Jürgen Weber. „Mit dem Befehl ‚Fluten!‘ lässt der Kommandant die Tauchzellen öffnen. Die Luft entweicht, Seewasser strömt hinein. Wenn er auftauchen will, drückt Pressluft das Wasser aus den Tauchzellen heraus.“ Das Auftauchen leitet der Kommandant mit dem Befehl „Anblasen“ ein.

Sofort hat man Jürgen Prochnow im Ohr, wie er Klaus Wennemann mit zusammengepressten Lippen anweist: „Anblasen, LI!“ In dem Kino- und TV-Klassiker „Das Boot“ aus dem Jahr 1981 gibt Prochnow den Kommandanten, Wennemann den LI, seinen Leitenden Ingenieur. Jetzt versucht Sky Deutschland, die nervenzerfetzende Geschichte weiterzuspinnen.

Was das Fachliche angeht, wurden die Filmemacher von einem Mindener beraten. Jürgen Weber, 64, ist Fregattenkapitän im Ruhestand, außerdem Geschäftsführer im „Verband Deutscher Ubootfahrer“. Und ja, die Schreibweise ist Absicht: Beim Militär spart man sich die komplizierten Bindestriche.

Den Weg zu dem Filmprojekt „Das Boot“ fand Jürgen Weber, weil sich die Produzenten mit der Bitte um Hilfe an den Verband wandten. „Lange musste ich nicht überlegen“, sagt der Mindener. „Das klang nach einer spannenden und interessanten Aufgabe.“ Sie sollte ihn unter anderem in die tschechische Hauptstadt Prag, in die französische Hafenstadt La Rochelle und nach Valletta auf Malta bringen. Unter anderem musste Weber Schauspieler beraten und anleiten, von denen die meisten nicht einmal mehr Wehrdienst leisten mussten.

Zunächst beugte sich Jürgen Weber jedoch über die Drehbücher. „Fehler finden!“, hieß die Aufgabe. „Es gab einige Dialoge, in denen der Flottillenkommandeur mit ‚Herr Fregattenkapitän‘ angeredet wurde“, erzählt Jürgen Weber. „Das macht an Bord aber niemand. Da heißt es kurz und knapp: ‚Herr Kaptän!‘“ An dieser Stelle fing es schon an mit den Feinheiten, heißt es doch keineswegs „Kapitän“, sondern tatsächlich „Kaptän“. Spart eine Silbe, und in einer engen Blechbüchse, tief im Meer, kann sowas wichtig werden.

Jürgen Weber hat genau hingehört und hingeschaut. Nun will Sky mit „Das Boot“ allerdings möglichst viele Zuschauer fesseln, die den Sender hinterher abonnieren. Also musste der U-Boot-Experte gelegentlich Konzessionen machen. Allzu viele können das allerdings nicht gewesen sein. Er muss ein bisschen nachdenken, bis ihm ein Beispiel einfällt. „Die Offiziere tragen sehr oft ihre Mützen, was unter Deck nicht sinnvoll ist“, sagt Jürgen Weber. Regisseur Andreas Prochaska bestand jedoch auf die Mützen, weil sie beim Zuschauer die Wiedererkennung fördern: Weiße Mütze? Ja, richtig, das ist der Kommandant!

Information

Vom Film zur Serie

Die Serie „Das Boot“ feiert am 6. November in München Weltpremiere, ab 23. November läuft sie auf Sky Deutschland. Inspiriert ist der Achtteiler von dem Kino- und TV-Film „Das Boot“ (Regie: Wolfgang Petersen) von 1981, der wiederum auf dem Buch von Lothar-Günter Buchheim aus dem Jahr 1973 basierte.

Es gibt zwei Handlungsstränge, die Regisseur Andreas Prochaska miteinander verflochten hat. Der eine spielt an Bord des U-Boots, der andere in Frankreich, wo die Resistance gegen die deutsche Besatzung kämpft.

Die Dreharbeiten in Prag, La Rochelle, München und auf Malta, wo ein spezielles Wasserbassin steht, dauerten 105 Tage, die Produktionskosten liegen bei 27 Millionen Euro.

„Das Boot“ ist eine Gemeinschaftsproduktion von Bavaria Fiction, Sky Deutschland und Sonar Entertainment. Zu den Hauptdarstellern zählen Vicky Krieps („Der seidene Faden“), Rick Okon („Tatort“) und Robert Stadlober („Sonnenallee“, „Crazy“).

Berater Jürgen Weber musste in seiner Schreibstube jedoch nicht nur die Drehbücher im Blick behalten, sondern auch die Schauspieler am Set. „Bis auf einen Österreicher alles Ungediente“, lacht Weber. Rick Okon, der als Kommandant des Boots zu den Hauptdarstellern zählt, hatte in seiner Jugend Ersatzdienst geleistet. „Viel konnte ich bei den Schauspielern also nicht voraussetzen, als wir das militärische Grüßen geübt haben“, sagt er. „Aber alle waren sehr lernbegierig.“ Diese Aufgeschlossenheit dem militärischen Hintergrund des Films gegenüber habe die gesamte Crew geprägt, sagt Weber: „War ein tolles Arbeiten mit denen, Regisseur Prochaska vorneweg.“

In die Aufgabe investierte der Mindener aber auch so viel Mühe, dass keiner der Schauspieler jemals wieder Bug und Heck, Steuerbord und Backbord oder Anblasen und Ausblasen verwechseln wird. Auf einem Server richtetet Jürgen Weber eine Art Datenbank ein. Dass die kaiserliche Marine am 14. Dezember 1906 das allererste deutsche Militär-U-Boot in Dienst stellte, findet sich dort genau so wie Dokumente aus der U-Boot-Geschichte und alte Wochenschau-Filme. Die Fülle von Fakten sortierte Weber in verschiedene Ordner. Der Film-Smut – gespielt von Robert Stadlober – bekam also andere passgenaue Informationen als der Film-Rudergänger.

Im französischen La Rochelle erklärt Jürgen Weber der Crew, wie das Boot mit Torpedos beladen wird. „Das heißt bei der Marine dann eben nicht „‘Hau-ruck!‘, sondern ‚Fier-weg!‘“ Das erste Wort ist das Ankündigungs-, das zweite das Ausführungskommando.

Ziel konnte ich bei den Schauspielern nicht voraussetzen, als wir das militärische Grüßen geübt haben.Aber alle waren sehr lernbegierig.

Jürgen Weber, Fregattenkapitän a.D.

Die Sky-Serie ist als Fortsetzung des Klassikers „Das Boot“ aus dem Jahr 1981 gedacht. Der hatte damit geendet, dass U-96 von Fliegerbomben zerstört wurde, während es an der Pier in La Rochelle lag. Viele der Filmfiguren, mit denen die Kino- und TV-Zuschauer stundenlang in ihrem Kampf gegen den nassen Tod gefiebert hatten, kamen auf vermeintlich sicherem Erdboden ums Leben.

Das U-Boot für die Sky-Serie erhielt den Namen U-612. Den zu finden, war nicht einfach. „Wir wollten keinen Namen, der an militärische Erfolge erinnert“, erklärt Weber, „aber auch keinen, der mit Kommandanten mit zweifelhafter Reputation in Verbindung gebracht wird.“ Schließlich: Es durfte aus Pietät kein Name eines U-Bootes verwendet werden, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. „U-612 war weder ein ‚Heldenboot‘ noch ein ‚Verbrecherboot‘“ – so Jürgen Weber.

Wie wird ein Mindener zum U-Boot-Experten? Deutschlands wichtigster Stützpunkt, Eckernförde, ist 350 Kilometer entfernt. Aufgewachsen in Hahlen, war Jürgen Weber schon als Junge vom Mittellandkanal fasziniert. „Wir haben als Kinder Holzschiffchen gebastelt und ausgesetzt.“ Immer wollte der Junge Jürgen wissen, wo die Schiffe hin wollen.

Jürgen Weber besuchte das Besselgymnasium – „Wir waren der letzte Jahrgang, der in der Immanuelstraße Abitur gemacht hat.“ – und begann sich als Jugendlicher für die Marine-Vergangenheit seines Vaters zu interessieren. Der hatte während des Zweiten Weltkriegs in Rom dem deutschen Kommando angehört, das die Verbindung zur italienischen Kriegsmarine hielt.

Wilhelm Weber lebt heute hochbetagt in Hahlen. Nachdem sein Sohn Jürgen 1974 das Abitur bestanden hatte, ging er zur Marine, die ihn bis 1979 zum Offizier ausbildete, unter anderem auf den Schulschiffen „Gorch Fock“ und „Deutschland“.

An der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg studierte er Pädagogik. Von 1980 bis 1992 fuhr er auf verschiedenen U-Booten. Dann wechselte er an Land und arbeitete im Amt für Militärkunde in München und Berlin, bevor er vor 14 Jahren als Fregattenkapitän die Marine verließ. Später übernahm er das Amt des Geschäftsführers im „Verband Deutscher Ubootfahrer“.

Jürgen Weber lebt mittlerweile in Weilheim, südwestlich des Starnberger Sees. Bernried ist nicht weit, wo Lothar-Günter Buchheim, der Autor des Buches „Das Boot“, ein Kunstmuseum aufgebaut hat. Auch so schließen sich Kreise.

Zur Person Jürgen Weber

Jürgen Weber, geboren 1954 in Minden/Westfalen, Fregattenkapitän a.D., Geschäftsführer Verband Deutscher Ubootfahrer e.V.

Nach dem Abitur am Besselgymnasium trat Weber am 1. Juli 1974 in die Bundesmarine ein, absolvierte seine Offiziersausbildung unter anderem auf dem Segelschulschiff Gorch Fork und dem Schulschiff Deutschland.

  • 1975 – 1978 Studium an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg (Pädagogik)
  • 1979 Marinelehrgänge und Ubootgrundlehrgang 1980 – 1984 Zweiter, dann Erster Wachoffizier auf Ubooten Klasse 206, Kommandantenlehrgang
  • 1984/1985 Ujagd-Lehrgang
  • 1985 – 1987 Kommandant U 23 (Klasse 206)
  • 1987 – 1989 Ausbildungsoffizier im Waffensystemsimulator Klasse 206
  • 1989 – 1992 Kommandant U 10 (Klasse 205)
  • 1992 – 2004 Amt für Militärkunde München, dann Berlin bis zum Ende der Dienstzeit.



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