weather-image
16°

Lügde ist kein Einzelfall – so fahnden speziell geschulte Ermittler nach den Tätern / Teil 1

Missbraucht, malträtiert, gefilmt

Hinter jedem Foto, hinter jedem Video steckt ein Missbrauch. Millionenfach sind kinderpornografische Bilder und Videos im Internet zu finden. Die Täter malträtieren ihre Opfer, filmen und fotografieren sie. Doch wenn es darum geht, die Täter zu jagen, scheint die Zahl der Ermittler grotesk klein.

veröffentlicht am 21.02.2019 um 10:56 Uhr
aktualisiert am 21.02.2019 um 11:29 Uhr

Kriminalhauptkommissar Matthias Ritter arbeitet in der Abteilung der Kriminalpolizeiinspektion, die gegen Kinderpornografie kämpft. Vier Ermittler sind dort auf der Jagd nach kinderpornografischem Material und den Personen, die solches Material herst

Autor:

Joachim Mangler
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Gerade erst ist der Fall des massenweisen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz im Lügder Ortsteil Elbrinxen bekannt geworden. Auch dort wurden die Opfer missbraucht, fotografiert und gefilmt. Die Sonderkommission „Eichwald“ ermittelt in mehr als 1000 Taten an bislang 31 identifizierten Mädchen und Jungen. 51 Ermittler sind beteiligt. Doch wenn es sonst darum geht, die Täter zu jagen, scheint die Zahl der Ermittler grotesk klein.

Schmal ist der Raum, nüchtern, an der Wand prangt eine rote Alarmleuchte – die allerdings keine Funktion hat. Die vier Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Rostock schauen sich auf den drei Monitoren pro Schreibtisch oft unerträgliche Bilder an. Ihre Abteilung ist klein, ihr Aufgabengebiet, die Kinderpornografie, unermesslich groß. „Wir stehen einem riesigen Berg gegenüber“, sagt Matthias Ritter (40). Der Kriminalhauptkommissar denkt bei diesen Worten an die weltweit wohl in die Millionen gehende Zahl der Täter.

Jeder Beamte in der Ostseestadt, ausgestattet mit Expertenwissen im IT-Bereich und einer ordentlichen Portion psychischer Stabilität, kann auf einem Monitor die Arbeit der anderen verfolgen. Die vier haben acht eigene Kinder, das älteste ist elf. Viele Opfer auf den Bildern sind genauso alt.

3 Bilder
Assistenzärztin Verena Blaas steht im Untersuchungsraum der Opferambulanz am Institut für Rechtsmedizin. Dort untersucht sie auch Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Foto: dpa

Hunderttausende Kinder jeden Alters, auch Babys, werden oft mit unglaublicher Brutalität missbraucht – meist von Männern. Es sind aber auch Frauen dabei. Oft tauchen Fotos und Filme davon später im Internet auf. Die Betrachter der Aufnahmen sitzen zu Zehntausenden vor ihren Monitoren daheim, in Büros und Hotelzimmern – auch in Deutschland. Und auch die Betrachter sind Täter, sie erzeugen eine Nachfrage. Und sorgen mit dafür, dass viele Opfer lebenslang zumindest bildlich in der Opferrolle bleiben, denn das Internet vergisst nichts. Jeder Klick auf ein Foto oder einen Film kann als neuer Missbrauch gewertet werden.

Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnete 2017 in Deutschland rund 12 850 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch. In 6512 Fällen ging es um Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material. Die Deutsche Kinderhilfe schätzt die tatsächliche Zahl auf ein Vielfaches. „Kinder sind unsere Gegenwart und Zukunft, sie bedürfen unseres besonderen Schutzes. Doch dafür wird nicht genügend getan“, kritisiert Kinderhilfe-Chef Rainer Becker.


Die Ermittler: Enge Zusammenarbeit ist Pflicht

Im Büro der Ermittler ertönt ein Ruf: „Schaut mal, was haltet ihr denn davon?“ Auf Ritters Monitor taucht ein Foto auf. „Die Kollegin wertet einen Stick von jemandem aus, der ein sehr breit gefächertes Interesse hat – nicht nur Porno mit Kindern, sondern auch Kot, Tiere und extreme Gewalt“, versucht er das Unbeschreibliche zu erklären. Fast cool wirkt er dabei, seine Kollegin auch. „Man gewöhnt sich daran. Anfangs habe ich ein wenig länger hingeschaut, weil ich es gar nicht fassen konnte“, sagt sie. Sie lernte die schnelle Einordnung. Aber längere Pausen sind notwendig. Sie dürfe sich nie vorstellen, in diesen Fotos die eigenen Kinder zu sehen, „sonst geht der Job nicht“.

Die meisten Aufnahmen kennen die Kommissare schon. Sie kursieren seit Jahren im Netz. „Und dann kommt der Moment, in dem man etwas Neues sieht. Ein Möbelstück oder eine Blümchentapete.“ Es folgt mühevolle Polizeiarbeit, die irgendwo auf der Welt möglicherweise in eine Verhaftung münden kann. Die Arbeit schweißt zusammen, sie ist mit teils heftigen Gefühlen verbunden. Das hält nicht jeder aus. Ein halbes Jahr Probezeit in der Gruppe ist obligatorisch. Ritter nennt einen Teil des Anforderungsprofils: „Man muss zusammen Pornos gucken können.“ Jüngst wurde eine Supervision eingeführt, die den Ermittlern helfen soll, das Gesehene zu verdauen. „Das hat nach erster Skepsis positiv eingeschlagen.“


Die Gutachterin und die lebenslangen Probleme der Opfer

„Es gibt kein Syndrom, mit dem Missbrauchsfolgen beschrieben werden“, sagt Evelin Werner, forensische Gutachterin in Rostock, über das Krankheitsbild als Folge von Missbrauch. Die Kombination der Symptome hängt vom Alter ab, in dem ein Kind missbraucht wird, von der Gewalt, die es erlebt oder von der Frage, wie lange es den Handlungen ausgesetzt ist. Wenn etwa ein zweijähriges Kind anfangs ohne Schmerz erzeugende körperliche Gewalt missbraucht werde, könne dies für das Opfer zur Normalität werden – wie frühstücken, meint die 60-jährige Expertin. Klarheit über das Geschehen sowie über die mitunter brutalen Auswirkungen auf die soziale und emotionale Entwicklung träten oft erst im späteren Leben zutage.

Trotz der Vielfalt der Symptome gilt, dass die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit der Betroffenen häufig gestört sei, erläutert Werner. Möglicherweise wüssten die Opfer ihr Leben lang nicht, wie man sich anderen Menschen angemessen nähert. Ihr soziales Weltbild sei verschoben. In der Pubertät könne es in der Schule zu scheinbar unerklärlichen Leistungseinbrüchen kommen. „Viele Betroffene werden kein normales Leben führen, sondern ein Leben mit Haltlosigkeit und ohne Grundvertrauen zu anderen.“


Die Opferambulanz – erste Anlaufstelle für Opfer

In der Opferambulanz der Universitätsmedizin Rostock untersucht die Rechtsmedizinerin Verena Blaas Kinder, die die Polizisten in der Regel nur auf dem Monitor sehen. Stofftiere wie Teddybären und ein Storch warten am Rand des Wickelbretts, um die Kleinen abzulenken. „Die Diagnostik ist extrem schwierig“, sagt Blaas. „Sicher bewiesen ist ein Sexualkontakt nur bei einer Schwangerschaft oder bei Sperma am oder im Körper.“ In über 90 Prozent der Fälle gebe es körperlich unauffällige Befunde, doch das schließe die Taten nicht aus. Viele Formen des sexuellen Kindesmissbrauchs führen nicht zwangsläufig zu Verletzungen. Zudem hätten viele Täter kein Interesse, die Kinder zu verletzen. „Sie wollen ja ihre Handlungen fortsetzen.“

Einmal musste ein dreijähriges Mädchen unter Vollnarkose untersucht werden. Der Verdacht war groß. „Wir konnten genitale Verletzungen feststellen. Der Täter wurde verurteilt.“

Wie die Polizei, so arbeitet auch die 32-jährige Blaas oft im Team. Wenn es mal nicht klappt, die Probleme im Institut zu lassen, etwa bei Fällen mit roher Gewalt, sei neben der internen Besprechung der Partner da. Oder auch der Hund, mit dem sie spazieren gehen kann. Gewalt gegen Kinder und Missbrauch seien Phänomene, die durch die ganze Gesellschaft gingen, weiß sie. Die Taten kämen auch in gut situierten Familien vor. Überhaupt: Sie geschähen meist im familiären Umfeld. „Kleine Kinder haben häufig noch kein Unrechtsbewusstsein und sind im tiefen Loyalitätskonflikt.“ Das heißt: viel Arbeit für Psychologen und Ärzte bis ins Erwachsenenalter.

Gleichzeitig stelle die Familie eine Barriere dar, die für Helfer schwer zu überwinden sei. „Und später, wenn die Kinder wissen, was passiert ist, ist das Thema so schambesetzt und die Angst, die Familie zu zerstören, immens groß.“ Ganz schlimm sei es, wenn die Kinder denken, selbst schuld zu sein, sagt Blaas.


Der Polizeichef – hat manchmal Zweifel an der Gesellschaft

„Augenschließen im Glauben, dass die Verbrechen Tausende Kilometer entfernt stattfinden, bringt nichts. Sie geschehen auch hier“, bestätigt der Chef der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Rogan Liebmann. Die Kinderpornografie sei zu einem Massenphänomen im Verborgenen des Internets geworden. „Aber die Gesellschaft will davon nichts wissen.“

Der 53 Jahre alte Liebmann sagt, er könnte die mehr als 100 Polizisten seiner Dienststelle mit den Ermittlungen zur Kinderpornografie beschäftigen – und doch würde es nicht reichen. Besonders viele Hinweise erhalten die Ermittler aus den USA, wo die Provider verpflichtet sind, kinderpornografische Dateien zu löschen und den Behörden zu melden. Wenn aber die Infos von dort einliefen, seien in Deutschland die IP-Adressen meist schon gelöscht. Ein Ausweg sei die Vorratsdatenspeicherung, die Dauer-Speicherung des digitalen Fingerabdrucks, sagt Liebmann. Derzeit wird auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur umstrittenen Speicherung gewartet. „Das beste Handwerkszeug ist uns verboten“, bedauert er. Er steht dabei im Konflikt mit Menschen, die im Speichern einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Grundrechte sehen.


Im zweiten Teil am Samstag geht es um Strafverfolgung und Strafrahmen, um Täter, die sich unschuldig fühlen und um Sexting, einen Trend, der Ermittlern große Sorgen bereitet.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare