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Teil 2: Vor über 170 Jahren reiste Ludwig Boclo auf der Weser

Mit dem Dampfschiff vorbei am „grandiosen Hohenstein“

Mit dem 1844 erschienenen Buch „Begleiter auf dem Weser-Dampfschiffe von Münden nach Bremen“ hat der Rintelner Pädagoge Ludwig Boclo eine unterhaltsame und amüsant zu lesende Reisebeschreibung vorgelegt, die wir in zwei Teilen vorstellen. Im ersten Teil stand die „Wasser-Reise“ mit dem Dampfschiff von Hannoversch Münden nach Hameln im Mittelpunkt. Wir setzen die Reise fort, kommen vorbei an Fischbeck, Oldendorf, an der Paschenburg und erreichen schließlich Boclos Heimatstadt.

veröffentlicht am 29.12.2018 um 13:00 Uhr

Diese Postkarte erschien anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Oberweser-Passagier-Dampfschifffahrt und gibt einige Ansichten der malerischen Wasserroute durchs Weserbergland wieder. In der Mitte wird der Dampfer „Fürst Bismarck“ gezeigt, erbaut

Autor:

Peter Weber
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Dem heutigen Leser fällt auf, dass die stürmische technische Entwicklung mit Natur und Landschaft für Boclo noch im Einklang gesehen wird und dass die großen sozialen Spannungen dieser Zeit kaum spürbar werden.

Mit zahlreichen Ausflügen zu den an der Weser, aber auch in deren weiteren Umfeld sich reihenden Sehenswürdigkeiten geht es über Holzminden und Bodenwerder nach Hameln, einer Stadt, die Boclo offenbar nicht sonderlich imponiert, er hält sich lieber an die Geschichte ihrer ehrwürdigen Kirchen und an das sagenhafte Geschehen um den Rattenfänger.

Nun aber geht die Reise mit dem Dampfschiff munter entlang der Kette der Weserberge Boclos Heimatort Rinteln entgegen. Da ist der Lokalpatriot nicht mehr zu halten: „Laßt uns ein volles Glas dem lieblichen und reichen Landschaftsgemälde weihen. (…) Ist’s nicht gleichsam in Musik gesetzt, als sollte es gesungen werden?“

Als auf der Weser noch Raddampfer verkehrten: Hier legt ein Ausflugsschiff in Hameln an. Foto: Günther Meyer-Hermann/Zeitreise

Das Stift Fischbeck lädt zu historischer Betrachtung ein wie auch das Städtchen Oldendorf, wo der Autor wiederum mit einer besonderen Geschichte aufzuwarten weiß: Landdrost Jobst von Mengersen, genannt Jöstchen, hatte für sein Rittergut Stau einen alten Weserarm abgedämmt und so die Stadt um Hafen und Zolleinnahmen gebracht. Fürderhin muss er nach seinem Tode zur Strafe des Nachts an der Weser irregehn und mehr noch, in seinem Sarg in der Fischbecker Kirche zeigt der Ruhelose keine Verwesung und streckt immerfort ein Bein unter dem Sargdeckel hervor, da hilft kein noch so eifriges Zunageln.

Nach der Passage des „grandiosen“ Hohenstein und dem Nesselberg mit seiner „Schauenburg“ folgt das Plateau der Paschenburg, die der Förster Kaiser einem „tüchtigen Forstmanne und eifrigen Naturfreund“ eben erst zu einer großzügigen Restauration mit Festsaal und Logis ausgebaut hat. Hier rät der Reisebegleiter seinem Publikum, dringend Station zu machen, um sich „an einer Aussicht zu erquicken, die mit der von den gepriesenen Punkten des Rheintals und der sächsischen Schweiz zuversichtlich in die Schranken treten darf“. Dabei gedenkt er auch der großen Flut, die 1841 das Wesertal in ein wahres Nildelta verwandelte. Nach einem Glas Wein geht es hinauf auf den Altan. Ganze 47 Orte und Örtlichkeiten vermag der Autor aufzuzählen, die sich dem Blick des Betrachters eröffnen, ja, in weiter Ferne kann sich sogar der Brocken zeigen.

Für den erprobten Wandersmann ist es eine leichte Übung. Wem der Aufstieg zur Paschenburg allerdings zu beschwerlich ist, dem bietet die Stadt Rinteln einen besonderen Service. Man lässt sich mit dem „Omnibus“ eines Leiterwagens hinaufbefördern.

Rinteln, dessen von allen Seiten heranführende Pappelalleen dem Städtchen „ein vornehmes, ja residenzähnliches Ansehen“ geben, wird „von allen Fremden als eine helle, freundliche und ansprechende Stadt gerühmt“. Von Engern her flussabwärts sich nähernd, bietet sich auch heute noch die Seltenheit eines unverbauten Stadtbildes, wie es die biedermeierliche Reisegesellschaft vor Augen gehabt haben dürfte, vom noch fehlenden Turm der katholischen Kirche einmal abgesehen. Auch eine Brücke sucht man vergebens, während in Hameln eine moderne Kettenbrücke „leicht wie ein Gedanke“ die Weser überspannt, wird man hier noch einige Jahre mit dem Schiffsbrücken-Provisorium leben müssen. Außer einigen „Tabacksfabriken“ hat die Ackerbürgerstadt keine Industrie vorzuweisen, Allerdings hat sich der Orgelbauer Möling einen guten Namen erworben. Der Handelsumschlag an der Weser ist indes bedeutend, nicht selten liegen bis zu 20 Schiffe am Ufer.

Ist in einem der Wirtshäuser, etwa in der „Bünte“ mit seinem „mit Lauben und hübschen Plätzen versehenen Garten“ Quartier gefunden, so ermuntert der Autor zu einem Besuch des Blumenwalls, dem als Schutz gegen das immer drohende Weserhochwasser stehen gebliebene Rest der alten Stadtumwallung, wo man unter dem Blätterdach verschiedenster, auch seltener Laubbäume „weit und breit nicht leicht eine schönere oder gemütlichere Promenade finden möchte“. Für den Reisebegleiter „ein wahres, aber nicht von Allen gehörig gewürdigtes Kleinod Rintelns“, gleich gefolgt von einem genussreichen Gang um die Stadt. Dabei rät der Wanderexperte, darauf zu achten, die Sonne jeweils im Rücken zu haben, da sich nur so „das reiche Panorama der ganzen Umgegend“ im rechten Lichte präsentiere.

Es zeigt sich, dass sich die Stadt angesichts fortwährender Diskussionen um den Brückentorkomplex immer schon schwer tut mit einer Öffnung zur Weser hin. „So gut das neue Niederlagehaus (Lagerhaus) unterhalb der Schiffbrücke sich auch ausnimmt und wirklich imponiert, so wäre doch sehr zu wünschen, es stände auf einem andern Platz, als auf den ehemaligen, mit Bäumen bepflanzten, mit Bänken und steinernen Tischen versehenen sogenannten Ravelin, einem ehemaligen Brückenkopf der Festung. So wurde denn auch hier, wie fast überall, das Schöne dem Nützlichen geopfert. Dies Ravelin war nämlich das für Rinteln, was die Brühlsche Terrasse für Dresden. In kontemplativer Gemütlichkeit saß man besonders des Morgens und Abends darauf, verloren in Anschauung der Berge, des Thals, der Weiden und des Flusses.“

Nun aber über Steinbergen hinauf zu den berühmten, noch nicht vom Baumbestand verdeckten Luhdener Klippen, dem „Rigi Rintelns“ mit seiner unvergleichlichen Aussicht, wo „dicht bewaldete Berge, reiche Fruchtfelder, smaragdgrüne Wiesen, gras- und blumenreiche Triften mit zahlreichen Herden“ in ihrer Vielfalt selbst die gepriesenen Rheingegenden übertreffen.

Am nächsten Morgen führt der Weg hinaus zum Gut Exten, um die „freundlichsten Parthien“ des dortigen Gemüse-, Kunst- und Orangeriegartens zu besuchen, gefolgt von einem Frühstück im Schatten der Bäume auf den einladenden Rasen- und Moosbänken des „Kehls“. „Mit der Stille des Wäldchens bildet das Rauschen der Exter und das Hämmern und Pochen der Eisenwerke im Thale einen erfreulichen Contrast.“

Nach Erkundungen der weiteren Umgebung Rintelns – Bückeburg, das junge Bad Eilsen, das Kloster Möllenbeck und Schloss Varenholz stehen unter anderem auf dem Programm. Das Schiff dampft vorbei an Gut Dankersen mit seinem parkartigen „Dankerschen Wäldchen“ und dem Hof des Barons von Schellersheim in Eisbergen mit seinen aufwändig gestalteten Gärten, Treibhäusern und Aussichtsplätzen über der Weser.

Durch die westfälische Pforte geht es endlich dem „prosaischen“ norddeutschen Tiefland und Bremen entgegen. Gab es 1844 für Boclo „keine angenehmere, schnellere und wohlfeilere Art“ um zu den Seebädern Helgoland, Wangerooge und Norderney zu gelangen, so stellt sich wenige Jahre später eine ganz andere Klientel ein.

Getrieben von Missernten und Hungersnöten haben die Dampfschiffe auf ihren Talfahrten Hunderte von Passagieren an Bord, deren letzte Hoffnung in einer Auswanderung nach Amerika besteht. Sie verhelfen der durch den Eisenbahnbau schwächelnden Weserdampfschifffahrt ganz nebenbei zu ungeahnten neuen Einkünften.




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