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Wie der Pyrmonter Carl Rumpff die industrielle Forschung und Entwicklung bei Bayer einführte

Mit den Farben lief es rosig

Carl Rumpff, 1839 in Bad Pyrmont geboren, feierte in den USA frühe Geschäftserfolge. Sein Eintritt in das Elberfelder Stammhaus von Friedr. Bayer & Co. machte ihn dann zu einem der bedeutendsten Unternehmer Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rumpff heiratete 1871 Clara Bayer, die älteste Tochter des Firmengründers Friedrich Bayer. Wenige Monate später wurde er Teilhaber der aufstrebenden Firma. Teil 2 unserer Darstellung zum Wirken von Carl Rumpff.

veröffentlicht am 23.03.2019 um 11:18 Uhr

Die Einrichtung der Alizarin-Farbstofffabrik setzte Carl Rumpff gegen den Willen der Firmengründer Bayer und Weskott durch. Foto: pr/Bayer AG Corporate History & Archives

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
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Bayers neue Alizarin-Farbstofffabrik entsprach so gar nicht dem modernen Bild einer industriellen Produktionsstätte. Ein Arbeiter berichtet: „In der Alizarinfabrik liefen Kaninchen, Hühner, Enten, Gänse und sonstiges Getier in aller Gemütsruhe und ohne Scheu herum. Die Tiere gehörten den in der Fabrik wohnenden Meistern. Der Fabrikhof war teilweise noch ohne Pflaster. Da aber Kohle und alles andere per Fuhre angerollt kam, sah es dort besonders bei Regenwetter böse aus. Sogar die Herren Weskott, Tust und Bayer jun. trugen Holzpantinen, Trippen genannt. Sie alle gingen auch so zum Frühstück in die in der Nähe gelegene Wirtschaft Stöcker.“ Rumpff holte den Chemiker Dr. Schaal zu einer kritischen Betriebsbesichtigung. Das Urteil des Experten hätte kaum negativer ausfallen können: „In dieser Fabrik verdienen Sie kein Geld!“ Rumpff veranlasste Änderungen an den Anlagen und motivierte die Arbeiter durch vergleichsweise hohe Löhne sowie eine Treueprämie, die bereits nach einem halben Jahr Betriebszugehörigkeit gezahlt wurde. Damit machte er die Fabrik konkurrenzfähig.

Eine weitere, dazu noch unerwartete Herausforderung brachte Bayer an den Rand des Ruins. Nach dem Wiener Bankenkrach im Mai 1873 begann für die deutsche Wirtschaft eine überraschende Talfahrt. Der Boom der Gründerjahre war zu Ende. Dieser hatte zu einem guten Teil auf Spekulationen beruht, angeheizt unter anderem durch die Milliarden französischer Reparationsgelder und durch frei werdende Kapazitäten einer zuvor jahrelang auf Krieg eingestellten Wirtschaft. Erst ab 1879 gab es wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum.

In Elberfeld rauchten die Schlote von sechs Alizarinfabriken. Hatte 1870 ein Kilogramm Alizarin noch 13 Mark eingebracht, waren es 1877 nur noch 3,50 Mark. Im Jahr des Bankenkrachs wies die Geschäftsbilanz von Bayer ein Defizit von 40 000 Talern aus. Dennoch setzte Rumpff weiter auf die Steigerung der Produktion. 1874 stieg bei Bayer der Verkauf von Alizarin innerhalb von drei Monaten von 300 auf 3000 Kilogramm pro Tag, 1877 waren es 6000 Kilo. Mit diesen Mengen setzte sich Bayer an die Spitze der in Deutschland verbliebenen Alizarinfabriken. War das ein Hasardspiel von Rumpff?

Carl Rumpff hat unter anderem als Aufsichtsratsvorsitzender die Entwicklung der Bayer AG entscheidend geprägt. Foto: pr/Bayer AG, Corporate History & Archives

Mit „Neugrün Nr. 1“ warf Bayer seinen Hut erfolgreich in den Ring der Farbenhersteller

1880 starb der Firmengründer Friedrich Bayer. Im darauffolgenden Jahr wurde die Aktiengesellschaft „Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co.“ gegründet – mit Carl Rumpff im Aufsichtsrat. Die neue AG wandte sich sehr bald einem unternehmerischen „Deal“ zu, der „Alizarin-Convention“ vom 5. September 1881. Sie war die Folge des ruinösen Konkurrenzkampfes. Als der Preis für Alizarin unter 2 Mark gefallen war, hatten sich neun deutsche und ein englisches Unternehmen zur „Convention“ zusammengeschlossen. Diese zehn teilten den Markt auf und legten Mindestpreise fest – nach heutiger Gesetzgebung wäre es ein verbotenes Kartell. Bedeutete die „Alizarin-Convention“ die Rettung für die Bayer AG, vielleicht auch für Rumpff? Er hatte die Produktion immer weiter erhöht und damit einen Beitrag zum Preisverfall in einer deflationären Wirtschaftslage geleistet. Die „Convention“ sah vor, dass die zehn beteiligten Unternehmen 52 Anteile unter sich aufteilten. Für die Berechnung dieser Anteile wurden die Produktionsmengen von 1881 veranschlagt, was zum Vorteil für Bayer ausschlug. Hoechst und die BASF, aber auch Bayer, erhielten je zehn Anteile, also den größten Teil vom „Kuchen“. Erstmals zeichneten sich die „großen Drei“ in Deutschland ab.

In der Firmengeschichte der Bayer AG wird die Weitsicht von Carl Rumpff auch in Bezug auf die Etablierung einer innovativen Forschung und eines funktionierenden Patentwesens hervorgehoben. Die Alizarinfarben stammten noch aus der Zeit, als die einfache Übernahme fremder Verfahren in Deutschland erlaubt und üblich war. Wissenschaftlich begründetes Know-how war dazu nicht erforderlich, eher Handwerks- beziehungsweise Manufakturwissen. Ausgerechnet aus der Modewelt, wo seit Ende der 1870er Jahre die Farbe Grün dominierte, kam ein Impuls zum Umdenken. Daraus entstand die für Deutschland so charakteristische Verbindung von Hochschulen und industrieller Forschung und Entwicklung. Das Unternehmen Agfa hatte mit dem begehrten Malachitgrün zunächst die Nase vorn. Erst mit „Neugrün Nr. 1“ warf Bayer seinen Hut erfolgreich in den Ring. Weitere Grüntöne – der Trend setzte sich fort – waren dann tatsächlich Ergebnisse eigener Forschung, die sich bald darauf auch auf die neuen vielversprechenden Azofarben bezog.

Carl Rumpff handelte wieder einmal auf eigene Faust, gegen die Meinungen von Direktorium und Aufsichtsrat, als er die „drei Berge“, nämlich Martin Herzberg, Oskar Hinsberg und Carl Duisberg, holte. Diese Chemiker sollten patentierfähige Erfindungen machen. Duisberg wurde zu einem der überragenden Köpfe der Bayer AG und der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Mit den neu entwickelten Farben und einer sich bessernden Wirtschaftslage in Deutschland kam die Bayer AG aus dem Tief. 1890 wurde eine Dividende von 18 Prozent ausgeschüttet.

Wenige Wochen nach seinem 50. Geburtstag im Jahr 1889 starb Carl Rumpff. Ohne ihn würde die Bayer AG heute völlig anders aussehen, vielleicht würde es sie gar nicht mehr geben. Bayer lobt: „Die Grundlage für die Entwicklung des Unternehmens Bayer zu einem diversifizierten Chemiekonzern hat in den 1880er Jahren der Kaufmann Carl Rumpff gelegt. Er hatte erkannt, dass Forschung für neue Produkte und Verfahren und die Erschließung neuer Märkte für die Zukunft des Unternehmens entscheidend waren.“




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