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Arbeiten unter Hochdruck

Notaufnahme: Ein Blick hinter die Kulissen

Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten. Dazu gehört, Patienten nicht unnötig lange dazubehalten. Was aber, wenn der Verdacht besteht, Kranke würden aus Kostengründen zu früh entlassen? In einem Zweiteiler sehen wir uns die Situation in Notaufnahme und bei stationären Aufnahmen an. Konkret geht es um den Fall eines 80-jährigen Mannes, der nach der Behandlung seiner Sturz-Verletzung nach Hause geschickt worden ist.

veröffentlicht am 11.06.2018 um 12:20 Uhr
aktualisiert am 12.06.2018 um 15:24 Uhr

In die Notaufnahmen der Krankenhäuser strömen zu viele Menschen, die dort nicht hingehören. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Lesen Sie morgen: Wie bereiten Kliniken die Entlassung ihrer Patienten vor?Krankenhäuser müssen wirtschaftlich arbeiten. Dazu gehört, Patienten nicht unnötig lange dazubehalten. Was aber, wenn der Verdacht besteht, Kranke würden aus Kostengründen zu früh entlassen? In einem Zweiteiler sehen wir uns die Situation in Notaufnahme und bei stationären Aufnahmen an.

Ich bin erschüttert, wie schlecht man in deutschen Krankenhäusern versorgt wird“, das schreibt Thomas Hedwig aus Möllenbeck der Schaumburger Zeitung und schildert dann den Fall seines 80-jährigen Vaters, bei dem die Familie sich allein gelassen fühlte. Der alte Mann war gestürzt und wurde per Rettungsdienst ins Agaplesion-Klinikum Schaumburg gebracht. Dort behandelte man die Wunde und schickte ihn noch in der Nacht wieder nach Hause. Gleich am nächsten Morgen stützte er erneut, kam erneut ins Krankenhaus, diesmal nach Minden, und wurde ebenfalls sofort nach der Wundbehandlung entlassen. Dasselbe geschah noch einmal wenige Tage später. „Wir hatten erwartet, dass er stationär aufgenommen und in der Geriatrie untersucht wird, oder wenigstens über Nacht zur Beobachtung dableibt“, so Thomas Hedwig. „Ich frage mich was passieren muss, damit ein alter Mensch, der sein Leben lang gearbeitet und Versicherung und Steuern in diesem Land bezahlt hat, die Behandlung erfährt, die er braucht.“

Mit dieser Frage steht Hedwig nicht alleine da. Viele Patienten und Angehörige haben den Verdacht, dass der wirtschaftliche Druck in den Krankenhäusern dazu führt, Kranke zu früh aus einer ärztlichen Behandlung zu entlassen oder gar nicht erst in ihre Stationen aufzunehmen. Verursacht hat dieses Misstrauen eine Änderung im Abrechnungssystem mit den Krankenkassen aus dem Jahr 2003. Seitdem werden nicht mehr Tagespauschalen pro Patient bezahlt, sondern „Fallpauschalen“ pro Krankheitsbehandlung. Da für jede Art von Krankheit eine durchschnittliche Verweildauer festgelegt ist, verursachen Patienten, die länger bleiben, den Kliniken zusätzliche Kosten. „Ich glaube, man hält das Personal dazu an, möglichst schnell zu sagen: Ab nach Hause“, so Hedwig.

Warten auf den Arzt: Patienten müssen sehr oft lange Wartezeiten in der Notfallaufnahme in Kauf nehmen. Foto: dpa
  • Warten auf den Arzt: Patienten müssen sehr oft lange Wartezeiten in der Notfallaufnahme in Kauf nehmen. Foto: dpa

So einfach ist das allerdings nicht, weder bei stationären Aufenthalten noch in der ambulanten Notfallversorgung. Der Vater von Thomas Hedwig war zunächst Patient in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Schaumburg, wurde dort behandelt und dann wieder entlassen. Eine Alternative zur Entlassung hätte es kaum gegeben, so Kliniksprecherin Nina Bernard. Die eigentliche Wunde ließ sich schnell versorgen, von daher bestand kein Anlass und auch keine Möglichkeit, den alten Mann stationär aufzunehmen. Zudem habe der Patient den Wunsch geäußert, nach Hause zurückzukehren. „So lange ein Patient nicht desorientiert, verwirrt oder auf welche Art auch immer ‚auffällig‘ ist, wird – und muss – die Zentrale Notaufnahme die Wünsche des Patienten, keinesfalls die eines Angehörigen, berücksichtigen.“

Dass es in solchen Fällen oft Interessenskonflikte gäbe, ist ihr bewusst. „Selbstverständlich fragen wir nach den Sturzursachen“, sagt sie. Doch gerade ältere Patienten gestehen oft nicht ihre wirkliche Hilfsbedürftigkeit ein, nicht den Ärzten gegenüber und auch nicht gegenüber den eigenen Angehörigen. Also könnten Mitarbeiter einer Zentralen Notaufnahme oftmals nur davon ausgehen, dass es sich um einen Unfall handele; dass es ein einmaliges Geschehen sei, auch wenn es sich – wie wohl in diesem Fall – durch einen „dummen Zufall“ innerhalb weniger Tage wiederholen könne.

Was Thomas Hedwig hier und auch bei den Notfallbehandlungen im Mindener Klinikum kritisiert: „Gesetzlich mag ja alles richtig abgelaufen sein“, sagt er. „Aber selbst, als er sich die Nase gebrochen hatte, kam mein Vater wieder nach Hause.“ Der alte Mann habe bereits Schlaganfälle hinter sich gehabt, und werde seitdem von ihm, seiner Frau und teilweise auch durch einen Pflegedienst betreut. Jetzt aber fühlten sie sich angesichts der Situation, die eine Rund-um-die-Uhr-Beobachtung verlangt hätte, überfordert. Wieso konnte der alte Mann nicht in die Geriatrie eingewiesen werden?

Auch dazu gibt es eine Antwort. „Pflegebedürftigkeit ist aus Sicht der Krankenkassen kein Grund, um einen Aufenthalt im Krankenhaus länger zu genehmigen – sprich, eine solche Verlängerung würden die Krankenkassen nicht finanzieren“, so Nina Bernard. Und die Notaufnahme könne insgesamt nicht der Ort sein, wo es um tiefer gehende Diagnosen bei Sturzverletzungen gehe. „An diesem Punkt sind prinzipiell auch die Angehörigen in der Pflicht.“ Diese sollten gegebenenfalls gemeinsam mit den Eltern den Hausarzt aufsuchen, der normalerweise über den Aufenthalt in der Notaufnahme informiert werde. Auch sei die „Geriatrische Institutsambulanz“ zu empfehlen. Dorthin können niedergelassene Ärzte ihre Patienten schicken, wenn sie zum Beispiel abklären lassen möchten, weshalb ein Patient oftmals stürzt. Nun besteht ja bei Angehörigen eines alten, vielleicht schon leicht dementen, jedenfalls pflegebedürftigen Menschen durchaus die Hoffnung, dass so ein Notfall dafür genutzt werden könne, ihm eine Krankenhausbehandlung nahezulegen, gerade dann, wenn der Patient selbst dazu neigt, seine Schwäche zu bagatellisieren.

Tatsächlich aber kann diese Hoffnung von Zentralen Notaufnahmen nicht erfüllt werden, das sagt auch Natalie Arnold, Sprecherin des Sana-Klinikums Hameln. „In der Zentralen Notaufnahme des Sana Klinikum Hameln-Pyrmont werden jährlich rund 28 000 Patienten behandelt, davon werden im Schnitt über alle Fachabteilungen etwa 35 Prozent stationär aufgenommen“, so Arnold. Bei unfallchirurgischen Patienten liegt die Anzahl indes nur bei 14 Prozent, da viele Unfälle, wie ein Armbruch, auch ambulant nachbehandelt werden können.

Wie stressig es in Stoßzeiten in Zentralen Notaufnahmen oft zugeht, davon zeugt ein aktueller Brief an das „Kümmerer“-Portal der Dewezet. Eva-Maria Brakemeier beklagt, dass während sie im Urlaub war, ihre 93-jährige, schwer kranke und dazu fast blinde und taube Mutter vom Pflegeheim aus wegen einer Blasenblutung ins Sana-Klinikum gebracht und dort acht Stunden wartend und unversorgt im Rollstuhl verbracht habe, bevor sie stationär aufgenommen (und am nächsten Tag auf Wunsch der Angehörigen wieder entlassen) wurde. Zu so langen Wartezeiten kann es vor allem am Wochenende manchmal kommen, weil die Patienten nicht in der Reihenfolge ihrer Ankunft, sondern nach Dringlichkeits-Kategorien behandelt werden, so Natalie Arnold. An erster Stelle stehen Fälle wie Infarkt, Schlaganfall oder Krebserkrankung. Die Kategorien 4 und 5 bezeichnen aufschiebbare Behandlungen mit entsprechend verlängerter Wartezeit. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man mit weniger dringlichen Angelegenheiten zu Stoßzeiten in die zentrale Notaufnahme kommt.

„Immer öfter außerdem stellen sich Patienten in der Notaufnahme vor, die dort falsch sind und eigentlich einen Hausarzt oder den Kassenärztlichen Notdienst besuchen sollten, da kein Notfall im eigentlichen Sinne vorliegt.“ Das seien zusätzliche Herausforderungen für die sowieso schon unter Hochdruck arbeitenden Teams in den Notaufnahmen. Um die tiefere Ursache etwa von Sturzverletzungen und Ähnlichem abzuklären, sei die Notaufnahme nicht die richtige Anlaufstelle.

Sollte ein Patient das Gefühl haben, er käme nach der Entlassung aus der Notaufnahme doch nicht alleine klar, kann da sogar der Rettungsdienst eingreifen, der Patienten wie Thomas Hedwigs Vater transportiert. „Normalerweise sind wir nur für den sicheren Transport zuständig und nicht für weitere Behandlungspläne nach dem Krankenhausaufenthalt“, erklärt Rettungssanitäter Daniel Kirschner vom DRK Weserbergland. „Wenn aber auf dem Rückweg ein Patient zu uns sagt, er fühle sich nicht wohl und wisse nicht, wie er jetzt allein zu Hause klarkommen soll, dann rufen wir den Pflegedienst an.“ Er selbst habe das allerdings noch nie erlebt.

Im Fall von Thomas Hedwigs Vater ist dann schließlich alles doch noch einigermaßen gut ausgegangen. Der alte Mann konnte überzeugt werden, sich in die Betreuung eines Seniorenheimes in Rinteln zu begeben. Zu solchen einvernehmlichen Entscheidungen tragen unter anderem auch die Mitarbeiter der Senioren- und Pflegestützpunkte der Landkreise bei. „Die Einsicht, dass man institutionelle Hilfe annehmen sollte, ist oft kein leichter Schritt“, sagt Claudia Kuhlmann, verwaltungsrechtliche Leiterin im Landkreis Schaumburg. „Da kann es eine große Unterstützung sein, wenn jemand von außen dazukommt und gemeinsam mit allen Betroffenen die Situation bespricht.“




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