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Für manche Schüler ein kleiner Schock, für andere ein ziemlich großer – der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium

Nur ein Halbjahr gilt der „Welpenschutz“

Ohne große Anstrengung war Mia durch ihre Rintelner Grundschule gegangen. Meistens schrieb sie Zweien, manchmal eine Drei, manchmal eine Eins, ohne je besonders viel für die Schule tun zu müssen. Klar, dass sie aufs Gymnasium Ernestinum wechseln würde. Und nun das: Die erste Vier, in Mathe. Und in Deutsch, ihrem besten Fach, nur eine Drei. Damit begann für ihre Mutter Susanne Berger (Namen von der Redaktion geändert) ein neuer, durchaus angstbesetzter Job.

veröffentlicht am 20.06.2018 um 17:47 Uhr

Fast alle Fünftklässler müssen erst noch lernen, selbständiger zu arbeiten als bisher. Auch die Schularbeiten regelmäßig und möglichst weitgehend allein zu machen, sei für viele eine echte Herausforderung. Foto: Jens Wolf/dpa-Zentralbild/dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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„Ich wurde die nächsten beiden Jahren zur Schulbegleiterin meines Kindes“, sagt sie. „Die Umstellung war fürchterlich. Ich hatte Angst, dass Mia auf der Strecke bleibt. Wenn sie schon in der fünften Klasse Dreien und Vieren schreibt, wie soll es später nur werden.“ Fast alle Eltern aus ihrem Bekanntenkreis hätten ähnliche Sorgen gehabt. „Irgendwie ist es am Gymnasium zu schwer und der Übergang viel zu hart“, so der allgemeine Tenor.

„Ja, es stimmt, der Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium ist für viele wirklich ein kleiner, manchmal auch ein großer Schock“, meint dazu Andrea Büssing, die am Rintelner Ernestinum seit zwölf Jahren mit fester Stelle dafür zuständig ist, diesen Übergang für alle leichter zu machen. Zum ersten Mal habe man das Problem bemerkt, nachdem die Orientierungsstufe abgeschafft worden war. Da kamen plötzlich nicht mehr Siebtklässler ans Gymnasium, sondern die viel jüngeren Fünftklässler. „Es war schnell klar. Die kann man nicht wie Siebtklässler behandeln, die sind einfach noch zu klein.“Längst haben Gymnasien spezielle Programme.

für ihre Neulinge entwickelt. Am Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium zum Beispiel gibt es neben Förder-AGs und speziellen Lerntagen rund um die neuen Arbeitsmethoden ein Patensystem, bei dem jeweils zwei Siebtklässler pro fünfter Klasse für alle Fragen ansprechbar sind. „Die Paten spielen eine zentrale Rolle bei der Eingewöhnung“, sagt Mittelstufen-Koordinator Dr. Carsten Sturm. „Sie zeigen den Kleinen die Schule aus Schülersicht, verraten dies und das Geheimnis und tragen sehr zu einem Gemeinschaftsgefühl an der Schule bei.“

„In Grundschul- Ganztagsschulen lässt man alle Schulsachen im Klassenzimmer, und jetzt muss man erstmal lernen, den Schulranzen richtig zu packen. Kirsten Sievers, Gymnasium Ernestinum Rinteln
  • „In Grundschul- Ganztagsschulen lässt man alle Schulsachen im Klassenzimmer, und jetzt muss man erstmal lernen, den Schulranzen richtig zu packen. Kirsten Sievers, Gymnasium Ernestinum Rinteln

Wie wichtig dieser erste Schritt ist, betont auch Andrea Büssings Kollegin Kirsten Sievers. „Plötzlich sind die Klassen so groß, und außerdem wandert man ständig von Fachraum zu Fachraum“, sagt sie. „In Grundschul-Ganztagsschulen lässt man alle Schulsachen im Klassenzimmer, und jetzt muss man erstmal lernen, den Schulranzen richtig zu packen.“

So manches Kind vermisse die enge Beziehung zur Grundschullehrerin, an deren Stelle die viel lockereren Beziehungen zu mehreren Fachlehrern treten. Dieser Verlust der Sicherheit soll in den ersten Monaten am Gymnasium möglichst gelassen aufgefangen werden.

Was nun die erhöhten Unterrichtsanforderungen betrifft, da geben die Lehrerinnen dem Elterneindruck, das alles ziemlich schwer sei, insgesamt Recht. „Der Unterrichtsstoff und die Arbeitsmethoden sind nun mal aufs Gymnasium ausgerichtet“, betont Andrea Büssing. Kinder, die an der Grundschule zu den guten Schülern gehörten, müssen es verkraften lernen, dass sie jetzt vielleicht nicht mehr so gut sind. Und nicht wenige andere seien tatsächlich richtig überfordert. „Anfangs setzen wir alles daran, die Kinder, die von ganz unterschiedlichen Schulen kommen und sehr unterschiedliche Leistungen zeigen, auf ein halbwegs gemeinsames Niveau zu bringen.“ Nicht jeder könne da mithalten.

Auch Carsten Sturm spricht die unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten der Fünftklässler an. „Seit die Eltern völlig frei sind in der Entscheidung, welche Art der weiterführenden Schule ihre Kinder besuchen sollen, kommen immer mehr Schüler ohne Empfehlung zu uns“, sagt er. „Es ist schon ein gewisses Problem, wenn Eltern sich der Beratung widersetzen.“ In der fünften Klasse könne man noch halbwegs sanft vorgehen, vor allem, seit man nicht mehr schon nach acht, sondern wieder erst nach neun Jahren das Abitur mache. In der sechsten Klasse aber käme ja bereits die zweite Fremdsprache dazu.

Bis sie von selbst ihre Hefte und Stifte rausholen, bis sie zügig Dinge von der Tafel abschreiben oder verstehen, dass man jetzt still was lesen soll, das dauert eine Weile.

Andrea Büssing, Gymnasium Ernestinum Rinteln

Haben Eltern also recht, wenn sie Panik vor dem Grundschul-Gymnasium-Wechsel empfinden? Sollen sie ihren Kindern einbläuen, dass sie sich ganz viel Mühe geben müssen, um nicht zu versagen? Und möglichst jeden ihrer Schritte begleiten, bei den Hausaufgaben dabei sein, bei schlechteren Noten Nachhilfe organisieren?

„Halb und halb“ meint dazu Gertraud Blaumann, stellvertretende Leiterin der Grundschule Nord in Rinteln. „Wir begrüßen es sehr, wenn Eltern versichern, dass sie ihren Kindern zur Seite stehen werden und ihnen eine gute Schulbildung ermöglichen wollen. Andererseits …“ Andererseits sieht auch sie während der beiden Vorbereitungs-Elternsprechtage in den vierten Klassen, dass nicht wenige Eltern ihren Kindern zu viel zumuten, indem sie diese aufs Gymnasium schicken. „Wir können da nicht mehr tun, als mit ihnen ausführlich über den schulischen Stand der Kinder zu sprechen. Doch am Ende zählt nur der Elternwille.“

Fast alle Fünftklässler müssen erst noch lernen, selbständiger zu arbeiten als bisher. „Bis sie von selbst ihre Hefte und Stifte rausholen, bis sie zügig Dinge von der Tafel abschreiben oder verstehen, dass man jetzt still was lesen soll, das dauert eine Weile“, erklärt Andrea Büssing. Auch die Schularbeiten regelmäßig und möglichst weitgehend allein zu machen, sei für viele eine echte Herausforderung. „Aber man muss weder die Kinder noch die Eltern verrückt machen. Im ersten Halbjahr der fünften Klasse gilt noch der ‚Welpenschutz‘.“ Doch sei es natürlich schon ein Anzeichen von grundsätzlicher Überforderung, wenn Kinder eine Fünf nach der anderen schreiben.

Aus ihren Worten und denen ihrer Kollegin Kirsten Sievers ist deutlich herauszuhören, immer wieder, für wie problematisch sie die Sache mit dem freien „Elternwillen“ halten. „Im Grunde ist es schrecklich, dass bei uns Kinder eingeschult werden, bei denen ziemlich klar ist: sie können es nicht schaffen“, so Kirsten Sievers. „Mir tun diese Kinder leid, und ich wünschte, Eltern würden auf die Worte der Grundschullehrer hören, die ihre Schüler doch meist sehr gut kennen.“ Kinder, die an der IGS oder an Real- oder Hauptschule Erfolgserlebnisse haben und sich unbefangen entwickeln könnten, müssen dann am Gymnasium verzweifeln.

Dabei sei es eigentlich gar kein Problem, in Zweifelsfällen nicht das Gymnasium zu wählen. Auch später noch sei es relativ problemlos möglich, die Schulform zu wechseln und einen höheren Abschluss zu machen. Besser, eine falsche Entscheidung schnell zu korrigieren, als die Kinder so leiden zu lassen, das meinen beide Lehrerinnen. Manche Schüler würden sich gerade eben durch die ersten beiden Schuljahre am Gymnasium quälen, um dann in der siebten Klasse, nachdem einige Mitschüler schon vorher gegangen sind, zu den ganz schlechten Schülern zu gehören und dann doch noch aufzugeben.

„Nicht nur die Eltern, auch viele Schüler wollen es unbedingt schaffen, aufs Gymnasium zu gehen und dort zu bleiben“, das weiß Gertraud Blaumann von der Rintelner Grundschule Nord aus unzähligen Beratungsgesprächen (an denen leider nicht alle Eltern teilnehmen würden). „Deshalb geben wir ihnen ein Protokoll mit differenzierten Rückmeldungen, wo die Kinder im Moment stehen, wo sie sich noch mehr Mühe geben müssen und auch darüber, wer es ziemlich schwer haben dürfte. Wir versuchen natürlich auch, ihnen die Angst davor zu nehmen, mal nur eine Drei oder Vier oder Fünf zu schreiben, weil das ganz normal ist.“

Mira Berger, die Fünftklässlerin, wegen deren Schullaufbahn ihre Mutter so viel Mühe und Sorgen hatte, geht jetzt übrigens in die achte Klasse und ist nach und nach zu einer doch ganz guten Schülerin geworden. Der Weg dahin war allerdings hart, sowohl für Mutter als auch für die Tochter. Noch weiß Mira nicht, ob sie das Abitur machen will. Ihr Traumberuf im Moment: Tierpflegerin in einem Zoo. Dafür würde ein mittlerer Schulabschluss locker reichen.




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