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Aber Frauenpower verhalf der Grafschaft nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Wiederaufstieg

O Schaumburg, wie stehest tu so bleich

Oh Schaumburg, wie stehest tu so bleich und wahrest vor so schön?“ So formulierte es 1642 Andreas Heinrich Bucholtz. Er war Professor für Theologie und Dichtkunst an der Universität Rinteln und als Autor deutschlandweit angesehen. Anlass für seine mit „Schaumburgische Trawerklage“ (Trauerklage) überschriebenen Zeilen war der dramatische Niedergang des einst blühenden gräflichen Territoriums.

veröffentlicht am 02.03.2019 um 11:59 Uhr

Unvorstellbar grausam ging es im Dreißigjährigen Krieg zu, wie es diese zeitgenössische Darstellung von „zwei Landsknechten im eroberten Dorf“ des deutschen Malers und Zeichners Hans Ulrich Franck aus den 1640er Jahren zeigt. Repro: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Der seit 1618 tobende Dreißigjährige Krieg hatte die Region noch schlimmer als andere Teile des Reichs heimgesucht. Bereits am 21. März 1622, als der legendäre Fürst Ernst beigesetzt wurde, war das erste katholische Söldnerheer raubend und plündernd in Rinteln eingedrungen. Es folgte eine Kette von Überfällen, Massakern und Brandschatzungen. Die Gewalt und verheerende Pestwellen führten zur Verödung ganzer Landstriche. „Nur Wölffe siehet man / Auff freyer Strasse gehen, / So daß kein Ochse kann / Und Schaf mehr sicher seyn“, beschrieb Bucholtz die Situation.

Zusätzlich zu Seuchen, Söldnern und Wölfen sah sich die Grafschaft plötzlich von unkalkulierbaren machtpolitischen Verwerfungen bedroht. Im November 1640 starb völlig überraschend der gerade einmal 26-jährige Landesherr Otto V. Bis heute hält sich das Gerücht, dass der Junggeselle, der außer seiner Mutter keine direkten Erben hatte, vergiftet worden sei. Mögliche Profiteure gab es viele. So meldeten nach Ottos Tod die Landesherren Dänemarks, Hessen-Kassels, Braunschweig-Lüneburgs sowie der Bischof von Minden und dessen Domherren Besitzansprüche an. Dokumente und Urkunden konnten die wenigsten vorweisen. Einigen Machthabern war die Rechtslage ohnehin egal. Der dänische König riss sich – ohne jeden Berechtigungsnachweis – die schaumburgischen Besitzungen in Holstein und Hamburg unter den Nagel, die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg verleibten sich, ohne lange zu fackeln, die Ämter Lauenau, Bokeloh und Mesmerode ein.

Ottos verwitwete Mutter, Gräfin Elisabeth, stammte aus dem Hause Lippe (Detmold). Tatsächlich machte sich die 48-Jährige mit viel Energie daran, von Schloss Bückeburg aus die Zügel in die Hand zu nehmen. Beraten und in wichtigen Punkten unterstützt wurde sie bis zu ihrem Tode sechs Jahre später von zwei ebenfalls verwitweten Damen aus dem Hause Hessen-Kassel. Die eine war Hedwig, im Schloss Stadthagen lebende Ex-Ehefrau des Fürsten Ernst (1561 bis 1622).

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Andreas Heinrich Bucholtz (1607-1671), Professor für Theologie und Dichtkunst an der Universität Rinteln. Repro: gp

Und als dritte und mächtigste Verbündete gehörte Amalie Elisabeth, Landgräfin von Hessen-Kassel, zur Frauenpower-Runde. Man könne das Engagement getrost der Rubrik „Frauen in der Geschichte Schaumburgs“ zuordnen, meint der Historiker Gerd Steinwascher. Der unter anderem an den niedersächsischen Staatsarchiv-Standorten Bückeburg und Osnabrück tätige Geschichtsprofessor hat sich wie kaum ein anderer mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt und die Vorgänge während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden aufgezeigt. Sein Fazit: Ohne das beherzte und geschickte Eingreifen der drei Frauen und ohne ihren Einfluss auf die schwedischen Besatzer wäre es nicht zu der späteren Teilungslösung und zur Entstehung eines eigenständigen Staatsgebildes Schaumburg-Lippe gekommen.

Allerdings liegt laut Steinwascher noch vieles von dem, was während des rund fünf Jahre andauernden Gezerres in Münster und Osnabrück bis zur Vertragsunterzeichnung 1648 ausgekungelt wurde, im Dunkeln. „Die genauen Umstände der Teilung, die Verhandlungen, die zu ihr führten und die politischen Konstellationen, die sie erlaubten“, seien „bisher noch nicht ausführlich gewürdigt“. Die verwaiste Grafschaft sei jahrelang als „materia delicata“, also eine empfindliche und komplizierte Angelegenheit, zwischen den verschiedenen weltlichen und kirchlichen Machthabern herumgereicht worden.

So wurden Anfang 1647 als neue Landesherren unter anderem das Domkapitel Minden, das Fürstentum Brandenburg und ein gewisser Graf Gustavson – unehelicher Sohn des schwedischen Königs Gustav Adolf – gehandelt. Die besten Karten schienen lange Zeit aufgrund einer Entscheidung des Wiener Reichshofrats die Mindener zu haben. Mehrmals tauchten Abgesandte aus der Weserstadt in Bückeburg auf, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen.

Trotz der total verfahrenen und/oder vermeintlich unlösbaren Ausgangslage kam schließlich ein Abkommen zustande: Hessen-Kassel erhielt die Ämter Rodenberg, Schaumburg und einen Teil des Amtes Sachsenhagen, Graf Philipp die Ämter Hagenburg, Bückeburg, Arensburg, Stadthagen und den Rest des Amtes Sachsenhagen. Andere Einkünfte wie die aus den Bergwerken sollten geteilt werden. Der Text dieser Vereinbarung wurde Bestandteil des am 6. August 1648 unterzeichneten Friedensabkommens des Kaisers mit Frankreich und Schweden. Noch am selben Tage wurde das in lateinische Sprache abgefasste Papier im Quartier der schwedischen Gesandtschaft in Osnabrück feierlich verlesen.

Nicht wenige der damals Anwesenden und Beteiligten sollen erhebliche Zweifel geäußert haben, ob der neue Mini-Staat Schaumburg-Lippe überhaupt lebensfähig sein und im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eine Rolle spielen könne. Sie wurden, wie man heute weiß, eines Besseren belehrt. Das kleine Land blieb bis Ende des Zweiten Weltkrieges souverän, und das Grafen- und spätere Fürstenhaus gehörte zeitweise zu den angesehensten und wohlhabendsten deutschen Adelsdynastien.

Oh Schaumburg, Wie stehest tu so bleich Und wahrest vor so schön? Wo ist dein Prangen blieben? Wo dein berühmter Schein? Wer darff dich so betrüben? Wer hat dich so erschreckt? Wo ist der Menschen Schar, Mit welcher dein Bezirk So wol besetzet wahr?“

Andreas Heinrich Bucholtz (1607-1671), Professor für Theologie und Dichtkunst an der Universität Rinteln



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